Alles anders auf dem Land
Studiobesuch: Das Architekturbüro exnovum hat sich 2023 in Dornburg gegründet. In der dortigen Domäne gehen die beiden Gründer neue Wege der Leerstandsentwicklung.
Wie bitte kommt man denn darauf? Im thüringischen Nirgendwo, zwischen Jena und Naumburg, ein Büro zu gründen? Zwei Absolventen der Bauhaus-Uni Weimar haben genau das gemacht – und berichten im Interview mit der Architektenkammer Thüringen davon, wie es ist, direkt nach dem Studium in die Selbstständigkeit zu gehen, und das an einem Ort, wo es gleichzeitig um sehr viel mehr und sehr viel weniger geht als darum, Architektur zu gestalten.
Was hat euch den Mut gegeben, den Schritt in die eigene Praxis zu wagen?
Marco Luca Reusch: Gegen Ende unseres Studiums in Weimar haben wir uns bei der Bearbeitung unserer jeweiligen Abschlussarbeiten im Arbeitsraum wiedergetroffen. Trotz unterschiedlicher Studienverläufe haben wir festgestellt, dass sich uns beiden dieselben Fragen aufdrängten: Wie können wir als Planende im ländlichen Raum Thüringens unsere Fähigkeiten einsetzen, wenn die eigentlichen Aufgaben hier oft abseits des klassischen Planungsauftrages liegen? Und welche Konsequenzen hat das für unser Rollenverständnis als angehende Architekt:innen? Den Schritt zur Gründung sind wir dann praktisch noch im Arbeitsraum gegangen – aus der Lust heraus, mit den komplexen Aufgaben eines konkreten Projektes auch unsere Praxis zu entwickeln und zu erproben.
Das Studio
Das Studio
Robert Anton und Marco Luca Reusch arbeiten zusammen im Büro für Architektur- und Raumgestaltung exnovum. Gestartet sind sie mit einem mobilen Büro in Dornburg/Saale. Schon vor Beginn ihrer gemeinsamen Tätigkeit widmeten sich die Gründer in ihrer Ausbildung an der Bauhaus-Universität Weimar der Gestaltung, dem Um- und Weiterbau und der Reparatur vom Verfall bedrohter Gebäude. Architektur und Raumgestaltung zusammenzudenken, ist eines ihrer zentralen Anliegen. In ihren Projekten äußert sich dieser Anspruch in ihrer Suche nach Wegen, Baukultur als Prozesskultur in den Fokus zu rücken, um Prozesse bewusst neu zu denken und zu gestalten.
Wie habt ihr Zugang zu ersten Projekten gefunden?
Robert Anton: Nach der Schlusspräsentation meiner Arbeit zur Domäne in Dornburg, die damals recht neu im Eigentum der Landesentwicklungsgesellschaft Thüringen mbH (LEG) war, gab es positive Signale für weitere Schritte. Im Austausch mit der Abteilung Immobilien der LEG entschlossen wir kurzerhand, selbst nach Dornburg zu gehen, um dort vor Ort als „Hofwart“ die Entwicklung zu unterstützen.
Reusch: Wir wollten nicht vom Schreibtisch aus der Ferne planen, sondern mit einem mobilen Büro vor Ort aktiv werden – zu Beginn ohne weitere Infrastruktur. Rund um das Kernprojekt in Dornburg, aber auch abseits davon, haben sich dann schnell Bekanntschaften und auch kleinere Aufträge ergeben. Eine wichtige Rolle spielt auch unser über die Studienjahre in Thüringen gewachsenes Netzwerk – und ein wachsames Auge auf Ausschreibungen, die keine zehn Jahre Erfahrung und fünf Referenzen benötigen. Im Markt angekommen fühlen wir uns aber noch nicht. Aktuell versuchen wir, uns über Weiterbildungen breiter aufzustellen – wie mit meiner Fortbildung zum Fachplaner für vorbeugenden Brandschutz oder in Roberts Fall zum Fachplaner für Bauen im Bestand.
Mit dem Projekt Versuchsgut Dornburg beteiligt ihr euch am Tag der Architektur 2026. Was hat euch an diesem Ort besonders gereizt?
Anton: Das hat seinen Ursprung in meinem persönlichen Bezug. Ich komme aus dem Nachbarort und habe das Areal während der Thesis ausgiebig studiert. Die Domäne ist baulich ein besonderes Ensemble und nicht ohne Grund ein Denkmal. Besonders spannend ist für uns, dass sie exemplarisch die Herausforderungen kleiner Gemeinden verdeutlicht, die sich mit dem Erbe großer Institutionen konfrontiert sehen – hier ein staatlich und universitär organisierter Landwirtschafts- und Forschungsbetrieb, der ganze Familienbiografien geprägt hat. Es geht in Dornburg also nicht nur um das Füllen von baulichen Leerstellen, sondern auch um das Weiterschreiben von Ortsidentität.
Die Domäne ist ein historisches Ensemble. Wie nähert man sich einem Ort, der zugleich Geschichte trägt und neue Nutzungen braucht?
Reusch: Die Antwort lag für uns zu Beginn und auch jetzt noch im Zuhören. Gerade die jüngere Geschichte und die länger andauernden Versuche, die Domäne mit großen Plänen wiederzubeleben, haben die Erwartungen und Hoffnungen im Ort stark geprägt. Das galt es für uns zunächst zu verstehen. Im ersten Jahr haben wir einige Protagonist:innen der letzten Jahrzehnte zu ihrer Verbindung zum Gut befragt und die Antworten mit dem Weimarer Filmkollektiv Klak Blue filmisch festgehalten. Dazu entstand zum ersten Hoffest eine Ausstellung im Kuhstall, die versuchte, die erzählerische Brücke ins Heute und Morgen zu schlagen.
Anton: Inzwischen haben wir unser Wissen auch in zahlreichen Führungen über das Gelände weitergegeben und versucht, die Bedeutung des Ortes auch für andere greifbar zu machen. Dennoch: Es ist und bleibt auch für uns ein Lernprozess.
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Gebäude der Domäne – meist ehemals landwirtschaftlich genutzt – bleiben entgegen früheren Masterplänen bestehen und werden gesichert. Das ehemalige Heizhaus dient als Bürostandort – zusätzlich zu seinem mobilen Pendant.
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Pizzen aus dem vor dem Abriss geretteten und ertüchtigten Holzbackofen wurden beim 2. Hoffest im September 2025 serviert. Save the date: 3. Hoffest am 12.09.2026
Welche Rolle spielen Studierende und Öffentlichkeit in diesem Projekt?
Anton: Wir selbst sind ja im Prinzip noch als Studierende in dieses Projekt gestartet. Seit dem Wintersemester 2024/25 arbeiten wir gemeinsam mit der LEG und dem Lehrstuhl für Konstruktives Entwerfen und Erproben der Bauhaus-Universität und seinen Studierenden im Rahmen eines kooperativen Design-Build-Projektes am Großen Kuhstall, der ein zentraler Gemeinschaftsort in der Domäne werden soll. Hier in den nächsten Jahren an einem realen Objekt neue Wege für das Bauen im Bestand zu erproben, birgt für die Studierenden, aber auch die LEG als Eigentümerin und Entwicklerin und uns enormes Lernpotenzial. Neben der konkreten Architektur entsteht dabei nicht zuletzt auch Öffentlichkeit für die Entwicklung der Domäne und von Dornburg als Gemeinde, der natürlich daran liegt, Menschen für den Ort zu begeistern und die Vision nachhaltig mit Leben zu füllen.
In eurer Arbeit spielt auch Architekturvermittlung eine Rolle. Warum ist es wichtig, über Architektur zu sprechen – und sie öffentlich sichtbar zu machen?
Anton: sehen Architektur nicht als exklusive Gestaltung, sondern als Teil einer möglichst breit begriffenen Baukultur, die immer auch vom Austausch und von Verständigung lebt. Das Bauen findet tagtäglich statt, ob im privaten Garten, im Eigenheimprojekt oder im öffentlichen Bauvorhaben. Wir sehen unsere Aufgabe darin, an all diesen Orten für ein insgesamt hohes Niveau von räumlicher Gestaltung mitzuwirken, gute Beispiele bekannter zu machen und sie bestenfalls auch selbst zu schaffen.
Was würdet ihr sagen: Wofür steht eure Architektur?
Anton: Die Frage nach unserer Haltung haben wir uns tatsächlich sehr früh gestellt; eigentlich schon, als wir unsere Abschlussarbeiten zur summaery 2023 – der Jahresschau der Bauhaus-Universität Weimar – ausgestellt haben. Abschließende Antworten haben wir weder damals noch heute gefunden; sehr spannend war es für uns aber, einige zentrale Leitfragen aufzustellen, die uns seitdem in unserem Handeln leiten. Sie berühren Themen, die den Kontext unserer Arbeit prägen. Eine dieser Fragen – vielleicht die wichtigste – heißt: „Einfach da hinten anfangen?“ Eine andere: „Wie wenig ist genug?“ Oder auch: „Wie wird die Zeit unser Freund?“ Diese und die übrigen haben für uns nach wie vor Gültigkeit und stehen deswegen auch unverändert auf unserer Website. Generell glauben wir stark daran, dass es bei unserer Arbeit vielmehr darum geht, gute und ehrliche Fragen zu stellen, als schnelle, aber wenig nachhaltige Antworten zu geben.
Wie arbeitet ihr im Büro zusammen – und wie sieht ein typischer Arbeitstag bei euch aus?
Reusch: Da wir beide parallel an verschiedenen Universitäten lehren und forschen, ist unser Alltag im Moment stark durchs Unterwegssein und abwechslungsreiche Tage geprägt. Das Kernteam besteht nach wie vor aus uns beiden. Mit der wachsenden Zahl an Projekten gehen wir dazu über, die Projektverantwortung stärker aufzuteilen. Dazu kommt auch die Einbindung von Werkstudierenden. Gut vorbereitete Projektmeetings und Strukturen werden wichtiger. Ob wir das allerdings bei Sonnenschein im mobilen Freiluftanhänger auf dem Hof der Domäne in Dornburg, im dortigen Kuhstall am großen Tisch oder aus dem Home- oder Zug-Office tun, hängt stark von der Aufgabe und den Beteiligten ab. Wenn es etwa um den konkreten Austausch mit anderen Projektbeteiligten geht, setzen wir sehr auf den persönlichen Kontakt – bestenfalls direkt vor Ort.
Ihr engagiert euch bei den „LeerGut-Agent*innen“. Was ist das genau?
Reusch: Die „LeerGut-Agent*innen“ verstehen sich als Thüringer Netzwerk für die Belebung von Leerstand. Es leistet Unterstützung für Menschen, Initiativen oder Kommunen, die sich für die Revitalisierung von Leerständen engagieren. Das Thema ist sehr eng mit strukturellen Transformationsprozessen verbunden, gerade in ländlichen Gemeinden. Wenn wir Leerstände als Ressource wertschätzen und nutzen wollen, müssen wir als Planer:innen diese Prozesse verstehen. Die Lösungen gehen meist über das Bauliche hinaus und erfordern deswegen auch breitere Expertisen. Das schlägt sich auch in der Architekturlehre nieder – in unserer Studienzeit wurde der Wandel vom „Neubauentwurf“ zur „Bestandsgestaltung“ bereits intensiv debattiert und parallel durch die IBA Thüringen vorangetrieben. In Roberts Abschlussarbeit zur Domäne und meiner Thesis zur Wasserstation am Bahnhof in Apolda sind wir der Frage intensiv nachgegangen, wie wir als Architekt:innen mit Leerstand umgehen können.
Anton: Uns wird über die Arbeit in Thüringen immer bewusster, welchen Grad an Komplexität und Abhängigkeiten raumgestalterische Fragestellungen in der Praxis haben – und dass es für nachhaltige Lösungen immer vielfältige Expertisen braucht. Insofern suchen wir immer die Kooperation. Uns geht es darum, an jedes planerische Problem möglichst ganzheitlich heranzugehen und es aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten.
Wenn ihr einen Blick nach vorn werft: Welche Themen oder Projekte möchtet ihr mit exnovum in den kommenden Jahren weiter verfolgen?
Reusch: Das Kooperationsprojekt in Dornburg wird uns auch in den kommenden Jahren weiter begleiten und unsere Arbeit prägen. Aktuell ist geplant, noch weitere Disziplinen neben der Architektur mit in das Projekt einzubeziehen. Das Thema der Beteiligung und Ortsentwicklung wollen wir parallel weiterentwickeln. Aktuell haben wir mit der LEG und der Gemeinde ein neues zweijähriges Veranstaltungsprogramm aufgesetzt, das noch mehr bürgerschaftliche Beteiligung in die Entwicklung der Domäne einbringen soll – wir sind gespannt, welche Ideen hier entstehen. Die Themen sind gesetzt, Leerstand ist vorhanden. Wir wollen vor allem einfach anfangen – nicht nur in Dornburg.
Architektenkammer Thüringen
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