Immer einen Schritt vor dem Architekturdiskurs
Katharina Benjamin und Angelika Hinterbrandner haben mit Kontextur ein Architekturmedium aufgebaut, das Themen setzt, lange bevor die klassischen Medien sie aufgreifen. Ein Gespräch über Formate mit eigenen Spielregeln, investigativen Recherchen und die Freiheit, einfach zu machen.
Kontextur – oder kntxtr, wie die Plattform seit ihren Anfängen abgekürzt wird – wurde 2017 gegründet und seit 2019 von Katharina Benjamin und Angelika Hinterbrandner gemeinsam geführt: als Website mit Interviews, als Instagram-Kanal mit tagesaktuellem Diskursbeitrag, als Podcast mit inzwischen über 45 Folgen. Beide arbeiten hauptberuflich anderswo – Benjamin als wissenschaftliche Mitarbeiterin, Hinterbrandner als Policy Lead Bauen und Wohnen bei der Bauwende Allianz von ProjectTogether. Kontextur ist, wie sie selbst sagen, ein Nebenprojekt. Aber eines, das die Architekturkommunikation im deutschsprachigen Raum nachhaltig verändert hat.
DAB: Kontextur gibt es bald zehn Jahre – nach welchen Prinzipien arbeitet ihr und was hat sich bewährt?
Katharina Benjamin: Bei der Gründung 2017 war der Architekturdiskurs noch ein ganz anderer. Es war die Zeit der Anything-Goes-Star-Architecture. Wir hatten das Gefühl, dass eine Diskussion auf einem größeren Level dringend nötig wäre – aber für uns nicht sichtbar stattfindet. Also haben wir beschlossen, sie selbst zu führen. Das Grundprinzip dabei war von Anfang an, dass wir uns nicht auf ein Themenfeld begrenzen wollen und oft über das eigene Feld hinausblicken. Wir machen die Dinge in der Art und Weise, wie wir denken, dass sie in den jeweiligen Formaten gut funktionieren – und das heißt, man muss sich explizit für diese Formate aufstellen. Jedes Format hat seine eigenen Spielregeln.
Angelika Hinterbrandner: Das Projekt wird von den Dingen angetrieben, die uns wirklich interessieren. Wir haben beide unterschiedliche Schwerpunkte – der Signal-Chat ist unsere ständige Redaktionssitzung. Wir lesen aktiv andere Medien und bewusst nicht nur die, die in der Architektur kursieren – die sind erfahrungsgemäß fünf Jahre hinter dem Diskurs.
Wenn jedes Format seine eigenen Spielregeln hat: Wie denkt ihr Website, Social Media und Podcast?
Benjamin: Die Website ist eine Langzeitdokumentation. Wir bilden dort ab, wie sich Architekturgenerationen herausgebildet haben – über Jahre, bald ein ganzes Jahrzehnt. Es gibt an dieser Stelle keine Möglichkeit zu kommentieren, sodass die Interviews für sich stehen können. Das ist ein klassisches Outlet, wo man sich als junges Büro oder als jemand, der vielleicht sein erstes Interview gibt, ganz ruhig äußern kann: Was habe ich eigentlich für eine Position, was habe ich für eine Haltung? Und das schreiben uns die Leute auch zurück: „Das war herausfordernd – aber danke für diese Fragen. Wir haben die Zeit genutzt, als Personen konkret über unsere Haltung zu reflektieren.“ Jetzt fängt es an, dass wir eine neue Schicht auf diese Interviews legen. Büros, die uns vor Jahren schon gesprochen haben, bekommen dieselben Fragen noch einmal. Was haben wir eigentlich für eine Projektbiografie aufgebaut? Welche Haltungen haben sich verändert?
Hinterbrandner: Instagram ist dagegen tagesaktuell. Je nachdem, was in den Medien passiert oder was uns die Leute zusenden, entscheiden wir, was wir relevant finden. Das ist echtes Pingpong mit ganz vielen Leuten – wir geben viel Input, aber wir kriegen auch ganz viel zurück. Beim Podcast gibt es weniger Stringenz im Format. Es gibt Interviewfolgen, erzählende Specials, Live-Aufnahmen. Was alle verbindet, ist der Anspruch an Tiefe.
Gibt es Themen, die sich durch eure gesamte Arbeit ziehen?
Benjamin: Uns interessieren seit Anfang an Schwellensituationen – vielleicht auch, weil Kontextur selbst aus einer entstanden ist: dem Übergang vom Studium in das Berufsleben. Was passiert bei diesen Übergängen? Von angestellt zu selbstständig, von der Gründung bis zur Frage der Nachfolge, da verändern sich die Glaubenssätze. Ich kenne Leute, die mir vor fünf Jahren geschrieben haben, dass sie schlecht verdienen. Heute haben sie selbst junge Büros und schreiben mir, wie schwer es ist, wenn man plötzlich Arbeitgeberbrutto zahlen muss.
Der Weg aus dem Berufsleben wieder heraus ist genauso eine Schwellensituation wie der Einstieg. Deswegen haben wir auch Gespräche mit Annette Spiro und Miroslav Šik im Podcast geführt – wir wollten mit einer Generation sprechen, die etwas über Brüche in ihrem Berufsleben erzählen kann. Genau das interessiert uns: die Verschiebung in der Perspektive.
Wer bekommt bei euch ein Interview und wie findet ihr die Stimmen?
Benjamin: Wir interviewen Studierende genauso wie Personen, die gerade emeritiert wurden. Wir machen da keinen Unterschied im Framing. Die Vorstellung ist: ein offenes Gespräch auf Augenhöhe. Studierende bekommen im Wesentlichen dieselben Fragen wie eine Architektin mit zwanzig, dreißig Jahren Berufserfahrung. Weil es darum geht: Was ist deine Erfahrung, was ist deine Haltung zur Architektur aus der Perspektive, aus der du gerade sprichst?
Hinterbrandner: Wir haben ein großes Interesse daran, nicht nur mit Personen zu sprechen, die sowieso überall zu hören und sehen sind. Manchmal werden wir auch konkret angesprochen, wenn Büros ein erstes Projekt fertiggestellt haben oder wenn es ein Thema gibt, bei dem es den Wunsch nach „unserem Blick auf die Dinge“ gibt. Wir wählen dann nach Interesse an den Themen und Machbarkeit aus. Wenn man Augen und Ohren offen hält, ohne sich zu sehr daran zu orientieren, wer gerade für wichtig gehalten wird, findet man die interessantesten Stimmen und Themen.
Wir widersprechen auch heute bewusst der Logik, die soziale Medien inzwischen fordern: höher, schneller, weiter, immer mehr liefern.
Angelika Hinterbrandner
Wir beobachten Formate, die gehypt werden und wieder gehen. Was macht bei euch den Unterschied?
Hinterbrandner: Man muss dabeibleiben und ein System finden, das es einem ermöglicht, konsistent zu arbeiten. Beim Podcast hat das erst funktioniert, als wir jemanden für den Schnitt dazugeholt haben. Und man muss ehrlich sagen: Wir machen Kontextur „nebenbei“ und haben gleichzeitig einen hohen Anspruch – wir machen beide hauptberuflich etwas anderes. Entsprechend sind unsere Prozesse optimiert, klar abgegrenzt, asynchron. Wir können nicht jedes Projekt machen und entscheiden uns bewusst gegen Dinge, wenn wir wissen, das ist in unserem Rahmen nicht machbar. Das ist anders als der klassische redaktionelle Betrieb.
Benjamin: Wir haben viele tolle Projekte kommen und gehen gesehen. Und oft kann man es schon früh sehen: Das Format ist zu komplex, zu aufwendig angelegt. Etwas einmal oder zweimal zu machen, schafft man vielleicht noch – aber es wirklich im wöchentlichen oder monatlichen Rhythmus zu verstetigen, braucht eine andere Struktur, viel Energie und andere Qualitäten.
Kontextur finanziert sich frei und ohne institutionelle Förderung. Wie wirkt sich das auf eure Arbeit aus?
Benjamin: Wenn wir jetzt wirklich eine Vollredaktion werden wollten, müssten wir im großen Stil Werbeanzeigen platzieren und würden sehr schnell in Abhängigkeiten schlittern. Diese etwas randständige Position, die wir momentan einnehmen, gibt uns eine Freiheit, die wir nicht missen wollen.
Hinterbrandner: Wir stehen nicht in klassischen Abhängigkeiten wie andere Akteure im Feld und können so manches auch mutiger angehen. Wir agieren mit einem kleinen Budget, aber mit maximaler Freiheit: Katharina und ich sind die Chefredaktion, wir entscheiden, welche Projekte wir uns leisten wollen. Das kann man mutig nennen, weil wir zu den wenigen gehören, die lange genug durchgehalten haben. Struktureller Mut fehlt in Deutschland an vielen Stellen; so auch in unserem Feld.
Die Freiheit kann man im Podcast über die „Culture of Cracks“ sehen, der fast ein Jahr Produktionszeit gebraucht hat. Wie entsteht so eine Recherche?
Benjamin: Der Ausgangspunkt war eine Nachricht, die wir auf Instagram @kntxtr zur Diskussion gestellt hatten: Ein junges Büro hatte Post von einem Softwareunternehmen bekommen – Lizenzforderungen, die es sich nicht leisten konnte. Die Reaktionen waren gespalten. Die einen meinten: „Uns ist das auch passiert, wir haben einen Privatkredit laufen, um die Lizenzen abzubezahlen.“ Die anderen: „Typisch Architekt:innen – gründen ein Büro und nutzen Software ohne Lizenz.“ Darin steckte offensichtlich mehr. Von da an wurde die Recherche kleinteilig. Wir mussten beide Seiten hören: die Büros, die Software ohne Lizenz nutzten, und die Softwareunternehmen. Manche Gesprächspartner waren bereit, offen on tape mit uns zu sprechen – andere wurden auf ihren Wunsch anonymisiert und nachsynchronisiert. In der Architektur ist es leider verbreitet, dass man gerne Projekte und Bilder zeigt, sich zu kritischen Fragen aber lieber nicht offen äußert.
Hinterbrandner: Was diese Recherche exemplarisch zeigt, ist, dass auch in der Architektur der systemische Kontext mehr auf den Tisch muss. Man schaut auf eine scheinbar spezifische Frage und hat plötzlich viele gesellschaftliche Themen, die damit zu tun haben. Software, Lizenzpolitik, eine monopolisierte Industrie, die statt ihrer Nutzer:innen die Shareholder im Blick hat. Hinzu kommen Datensouveränität und KI – das lässt sich nur mehrstimmig erzählen. Ähnlich war das beim Grenfell-Tower-Podcast oder bei #MeToo: Das sind immer Koppelthemen, die keine „reinen“ Architekturthemen sind, sondern natürlich im sozioökonomischen Kontext unserer Zeit gelesen werden müssen.
Stichwort Koppelthemen. Was fehlt im Architekturjournalismus – jenseits von Kontextur?
Benjamin: Mich verwundert, dass die klassischen journalistischen Formate in der Architektur das Medium Podcast nicht wirklich für sich entdeckt haben, außerhalb des reinen Interviewpodcasts. Dabei wäre viel möglich – hinter jedem Gebäude stecken vielschichtige Geschichten, die sich mehrstimmig erzählen lassen. In der Tagespresse wird Architektur zerrieben zwischen dem Immobilien- und Wirtschaftsteil und dem Feuilleton. Dabei müsste es eigentlich ein Ressort geben, das man „Raumfragen“ nennen könnte – wo Wohnungspolitik, Stadtentwicklung, Zusammenleben, Klima und Baukultur zusammen behandelt werden. Das gehört zusammen, findet aber nirgends einen gemeinsamen Ort.
Was kommt als Nächstes?
Benjamin: Hochschulfinanzen sind unsere nächste investigative Geschichte. Und generell: Wenn wir merken, dass unsere Themen von anderen aufgegriffen werden, räumen wir nicht das Feld – aber wir fangen an, andere Felder aufzumachen und unseren Blick zu weiten. Das war von Anfang an so.
Hinterbrandner: Katharina und ich sind Teil einer Generation, die die vorherrschenden Gatekeeper unserer Zeit überschritten hat, weil wir unser eigenes Netzwerk aufgebaut haben. Wir haben gewissen Logiken widersprochen und widersprechen auch heute bewusst der Logik, die soziale Medien inzwischen fordern: höher, schneller, weiter, immer mehr liefern. Wir machen die Dinge, die sich für uns richtig anfühlen. Vielleicht hören wir aber auch einfach irgendwann auf. Und pirouettieren zu etwas anderem …
DAB Redaktion
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