Gründen als Entwurf: Ein Konzept mit nachhaltiger Struktur
Katja Erke hat die Landschaftsmanufaktur 2024 gegründet, um ein Büro aufzubauen, das auf Nachhaltigkeit auch in den Strukturen setzt, Hierarchie abbaut, kollektive Arbeit sichtbar macht und eines Tages auch ohne sie selbst auskommt. Ein Porträt über eine Gründung, die bei der Struktur anfängt.
Irgendwann stellt sich eine Frage, über die man vorher nie nachgedacht hat: Wessen Werk ist eigentlich eine preisgekrönte Gartenschau? Die des Inhabers, dessen Name auf dem Briefkopf steht? Wirklich? Haben nicht viel mehr Menschen einen wichtigen Beitrag geleistet? Katja Erke hat diese Frage nicht losgelassen. 2024 wurde sie zur Realität: die Landschaftsmanufaktur. Kein Büro, das ihren Namen trägt und mit ihr steht oder fällt, sondern eines, das kollektive Arbeit auch kollektiv benennt. Ein Büro, das Nachhaltigkeit nicht nur in den Entwürfen, sondern auch in der Struktur zum Leitfaden macht.
Zuvor war sie über elf Jahre bei Planorama Landschaftsarchitektur in Berlin tätig, die letzten fünf Jahre als assoziierte Partnerin. Sie hat große Gartenschauen geleitet, Personal geführt, Verträge verhandelt und ein Büro beim Wachstum von zehn auf über dreißig Mitarbeitende begleitet. „Als ich anfing, waren wir weniger als zehn“, sagt sie. „Das Wachstum mitzuerleben, hat mir sehr viel beigebracht. Auch darüber, was mir in der Organisation und der Bürokultur wichtig ist.“
Laloux als organisatorische Blaupause
Was sie umsetzen will, hat einen Namen: Frederic Laloux. Der belgische Unternehmensberater beschreibt in seinem Buch „Reinventing Organizations“, wie Organisationen funktionieren können, die nicht auf Hierarchie, sondern auf Selbstorganisation und gemeinsamer Verantwortung beruhen. Erke hat das Konzept für sich entdeckt und andere Landschaftsarchitekturbüros beobachtet, die in diese Richtung arbeiten, wie zum Beispiel in Berlin Gruppe F, ein Büro, das sich in Kreisen organisiert, und hochC (jetzt Uniola), die sich im Podcast „Let’s Talk Landscape“ viel mit diesen Themen beschäftigen und selbst Cluster gebildet haben, sowie in Leipzig GFSL gruen fuer stadt + leben landschaftsarchitektur eG, das sich als Genossenschaft neu formiert hat.
„Ich möchte ein Büro gründen, das nachhaltig unabhängig von mir funktioniert“, sagt Erke. „Als eigenes Wesen, als eigenes Ökosystem. Meine Idee steht am Anfang und heute leite ich das Büro alleine. Perspektivisch betrachtet möchte ich eine Struktur aufbauen, in der alles immer unabhängiger von mir funktioniert.“
Konkret bedeutet das die Auflösung von Hierarchien und das Einführen von klaren Rollen, die sich an Aufgaben im Büro orientieren mit gemeinsam definierten Entscheidungsbefugnissen. Das funktioniert über Prozesse, wie zum Beispiel den Beratungsprozess: Bevor ich eine Entscheidung treffe, muss ich die Meinung aller Betroffenen eingeholt haben. Daraus ergeben sich weitreichende Entscheidungsbefugnisse, die nicht an Hierarchie gebunden sind.
Weiterhin geht es um vollständige Transparenz im Unternehmen bis hin zu einer im Team ausgehandelten Vergütungsstruktur. Die Gehälter werden offen besprochen und gemeinsam miteinander vereinbart. Nach Laloux bleibt die Rolle der Gründerin dauerhaft wichtig: als öffentliches Gesicht der Organisation, als Vorbild, als jemand der die Strukturen weiterentwickelt, im Alltag berät und den Raum offen hält für die neuen Strukturen und Praktiken, die sich auch weiter anpassen und verändern dürfen. Diese Aufgaben werden aber nicht über andere in ihrer Bedeutung gestellt und die Verantwortung und Eigenständigkeit wird unabhängig verteilt.
Die Idee steht am Anfang und ist offen für Veränderung, die mit einem wachsenden Team beginnt. „Ich suche Leute, die Lust haben, gemeinsam etwas aufzubauen. Leute, die neugierig auf ein anderes Arbeiten sind. Wenn ich jetzt jemanden einstelle, dann ist es mir wichtig, dass das von Anfang mit dazugehört, neben klassischen Kriterien wie der beruflichen Qualifikation und einem intrinsischen Interesse an Nachhaltigkeit“, sagt sie. Wer in die Landschaftsmanufaktur kommt, soll sich einbringen. Es gibt keine klassische Büro-Struktur mit Weisungshierarchie und Inhaberpersönlichkeit, sondern eine Organisationsform, in der alle Verantwortung tragen und mit ihren Aufgaben wichtige Rollen in einem Gesamtbild übernehmen.
Was noch festzulegen bleibt, ist die Rechtsform. Die Genossenschaft reizt Erke wegen ihrer Grundidee und des eingeschriebenen gemeinnützigen kooperativen Ansatzes, die GmbH wegen der klareren Handhabung bei Anteilen und Haftung.
Sieben Stunden als Strukturentscheidung
Damit Arbeit nachhaltig Spaß macht und Kreativität funktioniert, gehört auch ein Zeitmodell zur Arbeitskultur, das Erke bewusst seit Beginn für sich selbst eingeführt hat. „Ich versuche, mich bewusst an ein Sieben-Stunden-Modell zu halten, das ich bereits aus meiner vorherigen Position kannte. Wer sich früh an realistische Arbeitszeiten gewöhnt, baut langfristig nachhaltiger auf.“ Aufbauend auf dem Modell der Drittelung der aktiven Zeit, das bei einer durchschnittlichen Arbeitswoche mit je einem Drittel für Arbeit, Regeneration und sonstige Aufgaben wie Ehrenamt oder Freizeit rechnet, hat Erke dies für die gesamte Woche umgelegt: „Ziehe ich neun Stunden für Regeneration ab, bleiben sieben Stunden für Arbeit, also 35 Stunden Arbeitszeit pro Woche.“
Im ersten Jahr 2024 lag ihr Durchschnitt bei 6,5 Stunden pro Arbeitstag und 2025, trotz intensiver Wettbewerbsphasen, bei 7,4 Stunden. „Das hat mich selbst überrascht“, sagt sie. Seit Anfang 2026 sind es regelmäßig mehr, wegen der neuen Projekte und weil es nicht einfach ist, die richtigen Mitarbeitenden für die Landschaftsmanufaktur zu finden. „Hier ist es mir wichtig, auf mich selbst zu achten, und gleichzeitig muss ich in der Anfangsphase auch mal mehr investieren. Die Balance zu finden, ist schwer“, räumt Erke ein.
Auch in Abgabephasen können es mal mehr Stunden werden, aber danach kommen wieder freie und kürzere Tage zum Ausgleich. In der Startphase des Büros arbeitete als erfahrene Wettbewerbsleiterin eine junge Mutter mit maximal 20 Stunden pro Woche mit Erke zusammen. „Dank klarer Kommunikation und gemeinsamer Prioritätensetzung haben wir das als Team auch geschafft“, sagt Erke, „selbst bei großen Wettbewerben wie einer Gartenschau. Die Entscheidungen, welche Projekte wir annehmen, welche Wettbewerbe und wie wir Akquise machen, möchte ich im Team treffen. Auch wie viele Stunden wir in welche Leistungen investieren wollen, was uns im Ergebnis wichtig ist und was vielleicht weggelassen wird oder noch warten kann, ist Teil der Planung. Dies kann später das Projektteam weitgehend eigenständig entscheiden – es werden im Beratungsprozess diejenigen im Büro einbezogen, die es betrifft.“ Dabei hilft dem Büro eine klare Zielsetzung, an der sich alle Entscheidungen ausrichten.
Nachhaltigkeit jenseits der grünen Setzung
Das Leitthema der Landschaftsmanufaktur ist die Nachhaltigkeit. Landschaftsarchitektur gilt vielen automatisch als grün und damit nachhaltig, da sie mit Pflanzen und Freiflächen assoziiert wird. Dabei geht Nachhaltigkeit per Definition und Rechtsgrundlage tiefer und hat drei Dimensionen: Ökologie, Ökonomie und Sozio-Kultur.
Eine allgemein anwendbare, messbare, nachvollziehbare Grundlage, wie sie im Hochbau seit Jahrzehnten existiert, ist für Freianlagen ohne Gebäudebezug jedoch bis heute nicht etabliert und wird eher im Ausnahmefall angewandt. „Die Potenziale einer transparenten Vergleichbarkeit von Nachhaltigkeit nach umfassenden Kriterien sind vielen nicht bekannt und das möchte ich ändern. Landschaftsarchitektur hat eine Schlüsselrolle in der Nachhaltigkeit, im Klimaschutz und bei der Klimaanpassung, weil sie die wesentlichen Klimafaktoren in der Planung thematisiert. Wir können uns als Expert:innen in der gesellschaftlichen Debatte etablieren“, sagt Erke, die seit 2021 zertifizierte Nachhaltigkeitskoordinatorin nach BNB_AA (Bewertungssystem nachhaltiges Bauen Außenanlagen) ist und sich mit Vorträgen, Gremienarbeit und in der Lehre für das Thema engagiert.
Das Bewertungssystem für gebäudebezogene Außenanlagen des Bundes, kurz BNB_AA, ist seit 2012 eingeführt; am neuen Bewertungssystem für Nachhaltige Freianlagen (BNF) der Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e.V. (FLL), seit Frühjahr 2026 erhältlich, hat Erke seit 2022 im Arbeitskreis Nachhaltige Freianlagen mitgewirkt.
Vom Großwettbewerb zur tragfähigen Auftragsgröße
Nachhaltig schöne Freianlagen gestalten, die besondere Wertschätzung des Bestandes, das ist ihre Nische und die größte Motivation ihrer Tätigkeit. Gleich ihr erstes Projekt trifft mit Konzept und Maßnahmen zur Klimaanpassung im ländlichen Raum den Kern des Themas. Gemeinsam mit JUCA architektur + landschaftsarchitektur aus Berlin bearbeitet sie den Realisierungswettbewerb und sie gewinnen ihn. Es geht um ein landschaftsplanerisches Konzept für die Kulturlandschaft zwischen Schloss Dyck, Jüchen und der Tagebaufolgelandschaft Garzweiler.
Es folgen weitere Wettbewerbe für öffentliche Großprojekte wie für die Landesgartenschau Nürnberg und die Mühlenpromenade in Berlin, verbunden mit sehr viel Aufwand und meist ohne weiteren Auftrag. „Im ersten Jahr habe ich versucht, große Projekte wie Gartenschauen zu akquirieren, bei denen ich meine Berufserfahrung in diesem Bereich einbringen kann. Diese Wettbewerbe sind wichtige Chancen auch für junge Büros, die nachhaltigste Form der Vergabe und sichern Gestaltungsqualität. Die hohen Anforderungen und umfangreichen Abgabeleistungen haben mich jedoch finanziell und zeitlich an meine Grenzen gebracht. Und die Wahrscheinlichkeit für einen Auftrag ist gering“, sagt Erke.
Der Strategiewechsel folgt: weg von den großen Verfahren, hin zu kleineren Maßstäben und überschaubaren Projekten, weiter je nach Thema allein oder in Kooperation mit anderen Landschaftsarchitekt:innen oder Architekturbüros – eine bewusste Entscheidung, die erfolgreich ist: „Ich habe schöne Projekte, die wir im bestehenden Team gut umsetzen können. Man wächst langsam, und man wächst so, dass man es auch wirklich tragen und formen kann.“
Die Gründung als offener Entwurf
Was in fünf Jahren ist, so Erke, werde sich zeigen. „Ich möchte aufmerksam bleiben und horchen: Was braucht die Landschaftsmanufaktur? Was fühlt sich richtig an? Was macht uns Spaß? Was können wir gut? Was möchten wir lernen? Und ich stelle mir Fragen, die die Entwürfe betreffen: Was ist schon da? Ist für alle gesorgt? Was ist schön? Was ist das richtige Maß? Was können wir gesellschaftlich beitragen?“
Diese Fragen selbst beantworten zu können, in eigener Verantwortung – das hat sich Erke mit der Gründung ihres Büros gegönnt und das möchte sie für das ganze Team der Landschaftsmanufaktur verwirklichen.
Das alle Teil des Ganzen sind, soll von Anfang an in die Strukturen eingewebt sein: „In meinem Büro entscheide ich das ja gar nicht alleine“, sagt Erke. „Das finde ich eigentlich ganz beruhigend.“
Im Moment ist alles ein Entwurf, ein abstraktes Konzept. Aber die Struktur sollte jetzt angelegt werden, nicht erst, wenn das Büro schon gewachsen ist. Damit ist auch die Frage vom Anfang beantwortet: Wessen Werk ist eine preisgekrönte Gartenschau? In der Landschaftsmanufaktur wäre sie ein Werk aller: des Teams, das daran gearbeitet hat, von der Projektleiterin bis zum Praktikanten, des Teams, das den Wettbewerb gewonnen hat, und der Personen, die die gesamte Akquise machen, ohne die die Teilnahme am Wettbewerb nicht möglich wäre. Das Werk der Verwaltung, die den Büroalltag sichert, und das der anderen Projektteams, die ihren Beitrag leisten, damit das Büro als Gesamtes funktioniert. Und auch das Werk der Gründerin, deren Entwurf für eine Bürostruktur das gerade noch ist.
DAB Redaktion
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