Bauen, neu gedacht an Alster und Elbe – und zwar KOSMOlogisch
Studiobesuch: Das Büro KOSMO in Hamburg sieht sich eher als Architekturboutique denn als -supermarkt, in dem es alles gibt. So entstehen schöne Räume, die Menschen berühren.
Hannes Hilpold muss lachen: Wie es für ihn als gebürtigen Südtiroler ist, in Hamburg zu leben? Seit 2021 arbeitet er mit Joscha Treeck als KOSMO zusammen, kennengelernt haben sie sich an der TU Wien, wo beide gemeinsam Architektur studiert haben. „Als ich in Hamburg angekommen bin, habe ich mich gefragt, warum die Leute hier so freundlich sind. Nach zehn Jahren Wien und dem ortstypischen Grant habe ich die ersten Tage gedacht, die Hamburger führen irgendwas im Schilde – weil sogar die Verkäuferin an der Kasse freundlich war.“ Entsprechend leicht hat es die Stadt dem 1989 geborenen Architekten gemacht anzukommen.
Nach Ende des Studiums in Wien zieht es zunächst Treeck zurück an Alster und Elbe. Bekannte eines Freundes wollen ein Haus bauen, die Großeltern außerdem einen Dachstuhl zu einer Wohnung umbauen. Wenig später stößt Hannes Hilpold, der Weggefährte aus Studientagen, wieder dazu. Er war in einem großen Projekt in Wien eingebunden, erinnert Hilpold sich, „aber als das abgeschlossen war, stand einem gemeinsamen Start in Hamburg nichts mehr im Wege“.
Das Studio
Das Studio
KOSMO wurde 2021 von Hannes Hilpold und Joscha Treeck in Hamburg gegründet und arbeitet heute mit fünf Mitarbeitenden. Die Schwerpunkte liegen auf Nachhaltigkeit, Sanierung und Transformation – vom Innenausbau für Gastronomie über Aufstockungen in Holzbauweise bis zum Weiterbauen an Nachkriegsbeständen. Am Anfang jedes Projekts stehen drei Fragen: Was wird wirklich gebraucht? Was kann bleiben? Und wie entsteht der Wunsch, etwas zu erhalten, statt zu ersetzen?
kosmo-architektur.de
Hilpold erinnert sich an die Anfänge: „Zuerst wurde kosmo noch kleingeschrieben, dann sind wir gewachsen und heißen jetzt KOSMO – alles großgeschrieben.“ Und Treeck fügt an: „Es war uns beiden wichtig, dass wir das Büro nicht personenspezifisch benennen. Wir haben immer gemeinschaftlich arbeiten wollen und die Menschen, die mit uns arbeiten, sollen dieses Gefühl auch haben. Wir sind alle Teil eines Büros, da können nicht einfach unsere beiden Namen ganz vorne stehen.“
Achtsame Analysen
Mit fünf Mitarbeitenden agiert KOSMO momentan; Wettbewerbe sind aufgrund der Zulassungsbeschränkungen und Qualifizierungshürden keine echte Option für das junge Büro. Dennoch wurde jüngst ein Dachausbau mit Umbau zum Energieeffizienzhaus in Berlin fertiggestellt; ein Parkhaus in Holzbauweise befindet sich aktuell ebenso im Bau wie die Erweiterung einer Schulmensa.
Drei Fragen stellt das Team an den Anfang der Projekte, sagt Treeck: „Was wird wirklich gebraucht? Was kann bleiben? Und wie entsteht der Wunsch, etwas zu erhalten, statt zu ersetzen?“ Daraus entwickelten sich Konzept, Konstruktion und Materialwahl, im Neubau wie im Weiterbauen, so der Architekt weiter. Er führt aus: „Einfachheit ist für uns kein Verzicht, sondern ein gestalterisches Prinzip, verbunden mit der Suche nach Schönheit.“
Räume, die sich herumsprechen
Und wie kommt es zu den Projekten? „Eine Wettbewerbsabteilung haben wir nicht, aber ein gewachsenes Netzwerk“, erklärt Hilpold. Die meisten Projekte werden durch Empfehlungen an das Team herangetragen. So konnte KOSMO infolge eines Umbaus im Restaurant Tigre auch andere Innenräume grundlegend sanieren und umgestalten. Der Intervention unweit des Bahnhofs Altona sind mehrere Sanierungs- und Ausbauprojekte gefolgt: die Nudelbar Cyn Cyn in der Karolinenstraße, das Bistro Ivy und die Smykbar auf der Ottenser Hauptstraße, das Restaurant Juan sin Miedo in den Zeisehallen und die Filiale der Kaffeerösterei Elbgold, ebenfalls auf der Ottenser Hauptstraße.
2023
Preis beim IdeenPreis Wohnbau des Architektur Centrums Hamburg für das Projekt HOKA
2024
Anerkennung beim Preis „NEU geDACHt“
Man sieht diesen Entwürfen an, welch Feingefühl das Team von KOSMO beim intendierten Schaffen von Atmosphären hat. Hier sind individuelle Innenräume entstanden, die sich, obschon bis ins Detail gestaltet und präzise gefügt, ganz dem funktionalen Erfüllen ihres jeweiligen Zwecks widmen. Nicht die Handschrift des Büros steht im Vordergrund, sondern die formalästhetische individuelle Antwort auf die Fragen der jeweiligen Betreibenden.
Im Fall von Elbgold beginnt das bei einer Kernsanierung in einem alten Bestandsgebäude, bei der Fußböden und Decken grundlegend erneuert werden mussten. Ein schräg in den Raum gestellter Tresen aus Recyclingbeton ergänzt mit seinen radial runden Enden kongenial den Boden aus eingeschmolzenen Fischernetzen und das übrige Shop-Design. Die wiederverwendeten Materialien aus dem Reservoir der urbanen Mine wirken dabei wie eine räumliche Entsprechung der Neugestaltung von Verpackungen der Röstereiprodukte.
Es sind solche Ähnlichkeiten, die von Kundinnen und Kunden gelesen und erkannt werden können, aber nicht müssen, die im besten Fall das auslösen, was der Soziologe Hartmut Rosa mit „Resonanzen“ umschrieben hat: Mehr oder minder bewusst Wahrgenommenes bringt im Inneren der Menschen etwas zum Klingen.
Einfachheit ist für uns kein Verzicht.
Joscha Treeck
ArchitektIm Schanzenviertel erproben KOSMO derzeit den Umgang mit prototypischen Bauten der Nachkriegszeit. Der Entwurf in der Bartelsstraße lotet aus, wie die vielfach in der Stadt zu findenden, soliden Stadtbausteine der Nachkriegsmoderne als Grundlage für einen angemessenen Weiterbau dienen können. Treeck und Hilpold schlagen hier vor, einen viergeschossigen Rotklinkerbau um zwei Stockwerke in Holzbauweise zu erweitern.
Eigentum als Mietpreisgarant
Dieses Vorhaben könnte als Prototyp auf andere Orte in Hamburg übertragen werden. So entsteht dringend benötigter Wohnraum, während das Baumaterial als Kohlenstoffspeicher dient und begrünte Fassaden einen Beitrag zur „Bauwende“ leisten. Die neuen, hochpreisigen Maisonettewohnungen sind dabei Gegenstück eines Finanzierungsmodells: Sie ermöglichen den Erhalt der bestehenden Bewohnendenstruktur ohne Mieterhöhungen und fördern so eine Durchmischung von Miet- und Eigentumswohnungen. Aus vorgefertigten Holzteilen gefügt, ließe sich die Aufstockung zudem schnell und relativ geräuscharm errichten.
Auch ein Entwurf in Barmbek verdeutlicht, wie konsequent KOSMO bestehende Gebäudestrukturen der Stadt weiterdenken. Im heterogenen Umfeld sattelt das Team hier einen Holzbau auf Teilen einer bestehenden Gewerbehalle auf. Mit Sheddächern und blauen Metallteilen überträgt der Entwurf vertraute Elemente des tradierten Industriebaus in unsere Zeit und wirkt zwischen den zweigeschossigen Nachbarn überraschend selbstverständlich.
Mehrwert für die Stadtgesellschaft
Auf der bestehenden Halle ordnen KOSMO die neuen Baukörper so an, dass ein kleiner begrünter Hof entsteht. Dieser Schwellenraum dient als gemeinschaftliche Erweiterung der Wohnungen. Holz und städtisches Grün sind hier nicht bloßes Symbol einer vermeintlichen „Zeitenwende im Bauen“, sondern selbstverständlicher Teil einer Architektur, die sich in den Ort mit all seinen Brüchen einschreibt und der Stadtgesellschaft räumlichen Mehrwert bietet.
Es ist diese Haltung, das Richtige wie selbstverständlich zu tun, ohne es überkandidelt zum Aushängeschild eines neo-neuen Bauens zu machen, die der Architektur auch im Anthropozän Berechtigung gibt. KOSMO schafft Räume für alle Mitglieder der Stadtgesellschaft, schreibt bestehende Strukturen umstandslos fort und beantwortet die Fragen zur notwendigen Klimaanpassung vor allem durch konkrete architektonisch-entwerferische Lösungen.
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