„Wir werden gehört“
Was den Berufsalltag prägt, wird oft zuerst in Brüssel vorbereitet. Evelin Lux und Ruth Schagemann erklären, wie die BAK dort Gehör findet – und was das für die Praxis bedeutet.
DAB: Brüssel wirkt für viele Architektinnen und Architekten weit weg. Warum lohnt es sich überhaupt, dort präsent zu sein?
Evelin Lux: Weil viele Themen, die unseren Berufsstand betreffen, heute auf europäischer Ebene vorbereitet werden. Vergaberecht, Digitalisierung und künstliche Intelligenz, Berufsanerkennung oder bezahlbares Wohnen – all das entsteht nicht erst in Berlin. Das Brüsseler Büro ist unser verlängerter Arm vor Ort. Wir wollen Entwicklungen früh erkennen, aber vor allem auch unsere Positionen einbringen.
Ruth Schagemann: Dafür haben wir unsere Arbeit in den vergangenen Jahren stärker fokussiert. Wir konzentrieren uns auf einige zentrale Themen: Vergaberecht, Digitalisierung und Datensouveränität, Berufsanerkennung sowie Housing / bezahlbares Wohnen. Dadurch können wir gezielt und strukturiert arbeiten, gemeinsam mit den Fachgremien in Berlin.
Europa hat manchmal eine Art Geheimsprache, die nicht für jeden zugänglich ist.
Ruth Schagemann
Sie sprechen beide davon, Positionen einzubringen. Hat sich denn die Rolle der BAK in Brüssel verändert?
Lux: Ja, deutlich. Wir sind nicht mehr nur Empfänger von Informationen, sondern treten viel aktiver auf. Über unsere Kontakte und Kanäle erfahren wir früh, welche Themen in Brüssel aufgerufen werden. Und dann versuchen wir, unsere Ideen einzuspeisen: Was sind die Belange unseres Berufsstands? Wie wird unsere Leistung verstanden? Und wie können wir auf europäischer Ebene mitgestalten, statt später nur auf Regulierung zu reagieren? Wir haben dafür eine Systematik entwickelt, wie ich sie aus der ministeriellen Zusammenarbeit kenne. Was in Brüssel passiert, wird nach Berlin gespiegelt – und umgekehrt. Das ist kein One-Way-Ticket, sondern ein ständiger Verkehrsfluss. Dadurch können wir schneller reagieren und besser vorbereitet in Gespräche gehen.
Es reicht nicht, fachlich richtig zu liegen. Man muss Anliegen so formulieren, dass sie auf politischer und europäischer Ebene verstanden werden.
Evelin Lux
Schagemann: Und genau das ist entscheidend, weil Kommunikation in beide Richtungen funktioniert. Wir müssen unsere Anliegen so übersetzen, dass Brüssel sie versteht. Gleichzeitig müssen wir Europa so übersetzen, dass es auch im Vorstand, in der Geschäftsstelle oder im einzelnen Architekturbüro verständlich wird. Europa hat manchmal eine Art Geheimsprache, die nicht für jeden zugänglich ist.
Lux: Das ist ein wesentlicher Punkt. Ich habe in meiner beruflichen Laufbahn viel Erfahrung im Umgang mit Politik gesammelt. Dabei habe ich gelernt, wie wichtig es ist, die Sprache der Architektinnen und Architekten für die Politik zu übersetzen. Es reicht nicht, fachlich richtig zu liegen. Man muss Anliegen so formulieren, dass sie auf politischer und europäischer Ebene verstanden werden.
Schagemann: Das funktioniert aber in beide Richtungen. Wir übersetzen unsere Themen nach Brüssel – und Europa zurück in den Berufsstand. Viele europäische Prozesse wirken kompliziert oder technokratisch. Unsere Aufgabe ist es, verständlich zu machen, warum bestimmte Entwicklungen relevant sind und welche Auswirkungen sie später auf die Praxis haben.
Europäische Gesetzgebungsverfahren sind keine Sprints, sondern Marathons.
Ruth Schagemann
Wie funktioniert politische Einflussnahme in Brüssel konkret?
Schagemann: Vor allem braucht man Geduld. Europäische Gesetzgebungsverfahren sind keine Sprints, sondern Marathons. Bei der Vergaberechtsreform begleiten wir die Diskussion beispielsweise seit Jahren. Viele unserer Positionen finden sich inzwischen in Berichten des Europäischen Parlaments wieder. Bis daraus aber eine Richtlinie und später nationales Recht wird, vergeht viel Zeit. Rechnet man eine Legislaturperiode in Brüssel und die anschließende nationale Umsetzung zusammen, können schnell sieben Jahre vergehen. Deshalb ist es so wichtig, Themen frühzeitig einzubringen.
Gleichzeitig entstehen solche Prozesse nicht entlang eines fertigen Plans. Die Kommission formuliert Ziele, aber der Weg dorthin entwickelt sich erst im Verfahren. Genau dort können wir unsere Expertise einbringen.
Lux: Und dafür muss man die richtigen Zeitfenster erkennen. Die öffnen sich oft nur kurz. Dann müssen Argumente, Beispiele und Ansprechpartner bereits bereitstehen. Unsere Aufgabe ist es, diese Momente zu erkennen und vorbereitet zu sein. Dabei hilft der europäische Austausch. Wir sehen, welche Lösungen anderswo bereits funktionieren. In Dänemark sind Lebenszyklusanalysen deutlich stärker in die Planungspraxis integriert, in Spanien gibt es in vielen Regionen detaillierte Erhebungen zum Gebäudebestand. Solche Beispiele helfen, Entwicklungen besser einzuordnen und politische Entscheidungen mit konkreten Erfahrungen zu unterlegen.
Schagemann: Umgekehrt werden auch deutsche Ansätze wahrgenommen. Der Hamburg-Standard etwa wird in europäischen Dokumenten bereits als Best-Practice-Beispiel genannt.
Lux: Oder der Gebäudetyp E. Solche Ansätze stoßen in Brüssel auf Interesse, weil dort nach Wegen gesucht wird, einfacher, schneller und kostengünstiger zu bauen, ohne Qualität aus dem Blick zu verlieren. Und das ist vielleicht die wichtigste Veränderung: Die Türen öffnen sich. Wir werden gehört – und inzwischen auch aktiv nach unserer Einschätzung gefragt.
Wohnen ist derzeit eines der großen europäischen Themen. Was bedeutet das für die Planungsberufe – auch im europäischen Vergleich?
Lux: Dass die Europäische Kommission erstmals einen eigenen Housing-Kommissar eingesetzt hat, ist ein starkes Signal. Wohnraummangel ist längst kein nationales Problem mehr. Mit dem European Affordable Housing Plan hat die EU deutlich gemacht, dass sie die Mitgliedstaaten bei der Schaffung bezahlbaren Wohnraums stärker unterstützen will.
Dabei geht es nicht nur um fehlende Wohnungen. Es geht um Baukosten, Finanzierung, Fachkräftemangel, Energiepreise und soziale Fragen. All diese Themen müssen zusammengedacht werden. Genau hier können Planerinnen und Planer ihre Stärke einbringen, weil sie gewohnt sind, komplexe Anforderungen zusammenzuführen und daraus tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Schagemann: Gleichzeitig wird an diesem Beispiel sichtbar, wie europäische Politik wirkt. Viele Entscheidungen erscheinen zunächst abstrakt, beeinflussen aber später Förderprogramme, gesetzliche Rahmenbedingungen und letztlich auch den Büroalltag. Was heute auf europäischer Ebene diskutiert wird, landet oft erst Jahre später in der Planungspraxis.
Lux: Und genau deshalb ist es wichtig, früh dabei zu sein. Wenn die Weichen gestellt werden, geht es nicht nur um einzelne Regelungen, sondern um die Frage, welche Rolle Planungsqualität, Baukultur und langfristige Perspektiven bei der Lösung dieser Herausforderungen spielen.
Europa ist mehr als Regulierung. Wer die Prozesse versteht, erkennt auch die Gestaltungsspielräume.
Evelin Lux
Gleichzeitig stehen Vereinfachung und Beschleunigung hoch auf der politischen Agenda. Wie verhindert man, dass dabei Qualität verloren geht?
Lux: Qualität ist kein abstrakter Begriff. Man kann Qualitätskriterien formulieren und beschreiben. Gleichzeitig helfen gute Beispiele. Menschen verstehen räumliche Qualität oft leichter, wenn sie sie sehen können. Genau darin liegt auch eine Stärke unseres Berufsstands: Wir können komplexe Zusammenhänge sichtbar und nachvollziehbar machen.
Schagemann: Und genau darüber wird inzwischen auch auf europäischer Ebene gesprochen. Das Neue Europäische Bauhaus und die Davos-Initiative haben dazu beigetragen, Fragen der Baukultur stärker im politischen Diskurs zu verankern. Es geht dabei nicht nur um Neubau oder technische Anforderungen, sondern auch um die Frage, wie wir künftig in Europa leben wollen und welche Qualität unsere gebaute Umwelt haben soll.
Lux: Gute Beispiele spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie machen sichtbar, warum Qualität kein Luxus ist, sondern eine Voraussetzung für dauerhaft funktionierende und akzeptierte Lösungen.
Schagemann: Das ist tatsächlich eine Veränderung der vergangenen Jahre. Vor 2019 waren solche Fragen in Brüssel kaum präsent. Heute gibt es dafür einen politischen Rahmen und eine gemeinsame europäische Diskussion.
Zum Schluss: Was würden Sie Architektinnen und Architekten in Deutschland gerne mitgeben?
Lux: Europa ist mehr als Regulierung. Wer die Prozesse versteht, erkennt auch die Gestaltungsspielräume. Deshalb wünsche ich mir, dass sich mehr Kolleginnen und Kollegen mit europäischen Themen beschäftigen und ihre Perspektiven einbringen.
Schagemann: Europa lebt davon, dass Menschen mitmachen. Gute Ideen entstehen überall – in den Büros, den Kammern und den Kommunen. Wir können sie weitertragen. Und gerade in einer Zeit großer Herausforderungen ist dieser gemeinsame europäische Diskurs wichtiger denn je.
Lux: Besonders die jüngere Generation bringt heute ganz selbstverständlich internationale Erfahrungen mit. Dieses Potenzial sollten wir nutzen.
Schagemann: Europa ist immer ein Kompromiss. Aber genau darin liegt auch seine Stärke.
DAB Redaktion
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