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„Verantwortung braucht Raum“

Eine Frage – mehrere Meinungen: Wo ist Platz für junge Ideen? Erik Hupke, Architekt aus Thüringen: Nachfolge ist die letzte große Aufgabe einer Generation. Wer mitgestalten will, trägt die Folgen mit.

Ein Mann steht vor einer beigen Wand.
© Erik Hupke

Erik Hupke

Vorsitzender der AG Junge Planende der Architektenkammer Thüringen

Erik Hupke ist Architekt und Inhaber von architektur.plus aus Ilmenau sowie Vorsitzender der AG Junge Planende der Architektenkammer Thüringen.

13.10.2026 2min
Nachfolge Beruf Baukultur Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen

Wo ist Platz für junge Ideen? Frische Impulse der „Jungen“ sind gefragt. Doch wie viel Einfluss wird ihnen tatsächlich eingeräumt?


Vielleicht nicht zuerst in einem neuen Format, einem Förderprogramm oder einer weiteren Arbeitsgruppe. Sondern zwischen Menschen, die etwas vorhaben.

In Thüringen gibt es viele engagierte Persönlichkeiten: Planende, Unternehmerinnen und Unternehmer, Handwerker, Kommunale, Kreative, Projektentwickler, Menschen aus Hochschulen und Vereinen. Leute, die nicht nur über Themen sprechen, sondern etwas anstoßen wollen. Viele würden sich gern stärker einbringen. Man merkt das in Gesprächen immer wieder. Es fehlt nur oft der Punkt, an dem aus einer guten Unterhaltung tatsächlich ein gemeinsames Vorhaben wird. Dabei sind die Aufgaben bekannt. Leer stehende Gebäude in kleinen Orten, ungeklärte Nachfolgen in Büros und Betrieben, fehlende Fachkräfte, hohe Baukosten, neue technische Möglichkeiten und Klimaanpassung. Die Themen hängen zusammen, werden aber häufig getrennt behandelt. Die Kommune schaut auf ihre Zuständigkeit, das Büro auf den nächsten Auftrag, der Betrieb auf Auslastung und Personal. Das ist verständlich, führt aber dazu, dass viele gute Ansätze nicht weit kommen.

Auch unsere Branche hat sich daran gewöhnt, vorsichtig zu werden. Haftung, Normen, Kosten und Genehmigungen bestimmen einen großen Teil des Alltags. Das gehört dazu. Es darf aber nicht dazu führen, dass Architektur nur noch verwaltet, absichert und auf Vorgaben reagiert. Dann verlieren wir einen Teil dessen, was unseren Beruf eigentlich ausmacht. Wir sprechen gern davon, dass junge Menschen Verantwortung übernehmen sollen. In der Praxis kommen sie jedoch oft in Büros und Strukturen, in denen wenig Zeit bleibt, eigene Gedanken auszuprobieren oder Entscheidungen mitzutragen. Termine drängen, Budgets sind knapp, Fehler sollen möglichst gar nicht passieren. Wer über Jahre nur zuarbeitet, lernt nicht automatisch, Verantwortung zu übernehmen.

In Thüringen kommt noch etwas hinzu: Viele Büros, Betriebe und Netzwerke stehen erstmals wirklich vor einer Nachfolge. Die Generation, die nach der Wende aufgebaut, Risiken getragen und sich ihre Existenz erarbeitet hat, kommt in eine Phase, in der Wissen, Verantwortung und Beziehungen weitergegeben werden müssen. Dafür gibt es hier noch wenig Übung. Viele haben sich lange über das tägliche Funktionieren definiert und den richtigen Zeitpunkt für Übergabe, Beteiligung oder Neuaufstellung immer wieder verschoben. Das ist menschlich und verständlich. Aber irgendwann reicht es nicht mehr, nur auf den eigenen Betrieb zu schauen. Wer über Jahrzehnte etwas aufgebaut hat, sollte die nächste Generation nicht mit offenen Problemen, ungeklärten Strukturen und aufgeschobenen Entscheidungen allein lassen. Nachfolge ist keine Abgabe von Verantwortung. Sie ist die letzte große Verantwortung einer Generation, die etwas geschaffen hat. Dafür braucht es Offenheit, Beratung und auch die Bereitschaft, Wissen früher weiterzugeben, statt erst dann, wenn der Druck zu groß geworden ist. 

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Dabei gehört zur Ehrlichkeit auch die andere Seite: Verantwortung kann man nicht nur einfordern. Sie zeigt sich nicht darin, bei jeder Entscheidung mitreden zu wollen, sondern darin, Aufgaben wirklich zu tragen, auch wenn sie unbequem werden. Dazu gehören Verlässlichkeit, Vorbereitung, der Wille, sich in schwierige Themen einzuarbeiten und notfalls auch mehr zu tun, als der eigene Aufgabenbereich zunächst verlangt. Nicht jeder junge Planende muss sofort unternehmerisch denken oder eine Kommune verändern wollen. Aber wer Gestaltungsspielraum fordert, sollte auch bereit sein, die Folgen von Entscheidungen mitzutragen. Genau daran entscheidet sich, ob aus einer guten Idee nur ein Impuls wird oder ein Projekt, das Bestand hat.

Architektinnen und Architekten sind für diese Aufgabe gut aufgestellt. Wir arbeiten zwischen Gestaltung, Technik, Wirtschaftlichkeit, Genehmigung, sozialen Fragen und Umsetzung. Wir kennen die Reibung zwischen Idee, Budget, Bauherrschaft und Realität. Diese Fähigkeit, unterschiedliche Interessen und Anforderungen zusammenzuführen, wird eher wichtiger als unwichtiger. Deshalb geht es mir nicht allein um junge Planende. Es geht um die Vernetzung der Willigen: Menschen, die bei einem leer stehenden Haus nicht nur den Leerstand sehen, sondern die Frage stellen, was daraus werden kann. Menschen, die digitale Werkzeuge nicht als Selbstzweck behandeln, sondern prüfen, ob sie Planung, Kommunikation oder Zusammenarbeit tatsächlich besser machen. Menschen, die bei Nachfolge nicht nur an die Übergabe eines Büros denken, sondern daran, wie Wissen, Haltung und Verantwortung weitergegeben werden.

Thüringen hat dabei einen Vorteil: Die Wege sind kurz. Man kennt sich, trifft sich wieder und kann schnell miteinander sprechen. Daraus entsteht aber noch nichts. Nähe hilft nur, wenn sie genutzt wird und wenn jemand bereit ist, den ersten Schritt zu machen.

Architektur sollte sich in dieser Situation stärker einmischen. Nicht mit dem Anspruch, alles besser zu wissen. Aber mit dem Selbstbewusstsein, dass wir komplexe Aufgaben verstehen und strukturieren können. Das gilt im Architekturbüro, in einer Kommune, in der Projektentwicklung, bei der Arbeit an Leerstand oder bei der Frage, wie eine neue Produktionslinie für den Massivholzbau entstehen kann. Architektur endet nicht mit der Planung eines Gebäudes. Sie kann Menschen, Interessen und Möglichkeiten so zusammenbringen, dass daraus etwas Tragfähiges wird. Veränderung entsteht nicht, wenn jeder nur genau das erledigt, was in seiner Stellenbeschreibung, seinem Vertrag oder seiner Zuständigkeit steht. Sie beginnt dort, wo jemand mehr übernimmt, weil er erkennt, dass es sonst niemand tut. Die Zukunft Thüringens wird nicht irgendwo entschieden. Sie entsteht dort, wo Menschen anfangen, Verantwortung zu übernehmen. 

Fazit

Es geht nicht allein um junge Planende. Es geht um die Vernetzung der Willigen – Menschen, die bei Leerstand nicht nur den Leerstand sehen, bei Nachfolge nicht nur die Übergabe, bei digitalen Werkzeugen nicht den Selbstzweck sehen. Veränderung beginnt dort, wo Beteiligte nicht nur ihre eigene Aufgabe erfüllen, sondern bereit sind, über ihren Zuständigkeitsbereich hinaus mitzudenken, mitzuarbeiten und Verantwortung für das Ganze zu tragen. Erst dann kann aus einzelnen Interessen ein gemeinsames Projekt mit größerer Wirkung werden. Die Zukunft Thüringens entsteht dort, wo Menschen anfangen, Verantwortung zu übernehmen.


Zuerst in der Kurzfassung erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für die Region Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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