„Illusion einer globalisierten Welt“
Wie viel Gesellschaft steckt im Großevent und seinen Stadien? Die Soziologin Silke Steets hat 2010 ein Buch über die kulturellen Mechaniken von Stadien herausgegeben. Der Literaturwissenschaftler Bruno Arich-Gerz schrieb dafür einen Beitrag. Alexander Gutzmer sprach mit beiden über die Fußball-WM, Stadionarchitektur und die Politisierung des Sports.
Alexander Gutzmer: Wir erleben gerade das ultimative Großevent, eine Fußball-WM mit 48 Mannschaften. Wie beurteilen Sie das Fußball-Megahappening in Amerika aus soziologischer Sicht?
Silke Steets: Auch wenn man die Motive der FIFA natürlich kritisieren muss, die massive Kommerzialisierung, den Versuch, aus dem Produkt Fußball immer mehr Profit herauszupressen: Ich finde die schiere Größe der WM mit 48 Mannschaften interessant. Hier trifft schon sehr viel „Welt“ aufeinander und steht im Fokus einer globalen Öffentlichkeit. Auffällig sind auch die Stadien selbst, gerade in Nordamerika: Wir sehen riesige Ränge, meist keine Dächer, ein völlig anderer architektonischer Typus als in Europa.
Für unser Stadionbuch war der europäische Bautypus Stadion ein zentrales Thema. Die europäischen Arenen koppeln sich mit ihren wuchtigen Dächern nach außen ab und erzeugen eine sehr intensive Innenatmosphäre. Die nordamerikanischen Stadien dagegen wirken oft landschaftlich eingebettet, was medial – etwa durch Drohnenaufnahmen – noch einmal zusätzlich inszeniert wird.
Bruno Arich-Gerz: Diese mediale Einbettung der Stadien in ihre Umgebung war vor 20 Jahren technisch auch noch gar nicht möglich. Wirklich einzigartig finde ich nach wie vor das Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Dieser Lichteinfall, fast wie in einer Kathedrale, das hat für mich schon seit meiner Kindheit in den 1980er-Jahren eine ganz eigene, fast nostalgische Faszination.
Ist das dann eine bewusste architektonische Öffnung zur Stadt hin – ein Trend, dass Stadien sich weniger abkapseln als früher?
Steets: Ganz so weit würde ich nicht gehen, gerade was die US-amerikanischen Stadien anbelangt. Die meisten liegen in Vororten, sind schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Ich habe selbst in Dallas und Boston gelebt und wäre nie auf die Idee gekommen, zu den Cowboys oder den Patriots zu fahren, so abgelegen sind die Standorte. Das ist kein planerisches Öffnen zur Stadt, sondern eher ein medialer Effekt: Die Kamera zeigt etwa hinter dem Stadion in New Jersey die Skyline von Manhattan oder den Ozean im Hintergrund. Das Umfeld der Stadien besteht in Wirklichkeit aus Parkplätzen.
Sind solche Mega-Events überhaupt noch zeitgemäß? Es macht sich ja schon ein wenig Unlust breit, auch angesichts des jüngsten Skandals, bei dem Donald Trump durch einen Anruf bei FIFA-Chef Infantino einen gesperrten US-Spieler begnadigen ließ. Für viele Fans war das ein unfassbarer Vorgang.
Arich-Gerz: Ich glaube nicht, dass das Format WM als solches unzeitgemäß oder veraltet ist. Im Gegenteil, es lässt sich offenbar immer weiter aufblasen und kommerzialisieren. Und wer sportliches Interesse mitbringt, erlebt trotzdem auch spannende Überraschungen: Kap Verde etwa war für mich ein echter Höhepunkt.
Steets: Mich irritiert fast schon, wie gut das Format weiterhin funktioniert – und wie wenig Protest es gibt, etwa gegen die Ticketpreise. Die Stadien, die ich bisher gesehen habe, waren trotz der hohen Preise voll.
Der Ansatz des Buches war ja, Gesellschaft anhand solcher Großereignisse zu lesen. Geht das heute noch?
Steets: Ich glaube schon. Und zwar mit der ganzen Welt im Blick. Man fiebert plötzlich mit Curaçao oder Kap Verde mit, man sieht, wie in Ghana oder im Kongo gefeiert wird. Das funktioniert eben. Obwohl, vergessen wir nicht, dass große Teile der Weltbevölkerung – China, Indien, Russland – gar nicht dabei sind. Vielleicht wird da auch die Illusion einer globalisierten Welt aufgeführt.
Arich-Gerz: Da würde ich auch ansetzen: Diese Art Globalisierung geht natürlich an den wirklich pressierenden globalen Themen komplett vorbei – man denke nur an Gianni Infantinos CO₂-Fußabdruck als Jetsetter während der vier Wochen FIFA WM, die wir gerade erleben. Und was die Lesbarkeit von Gesellschaft anbelangt, interessiert mich genauso sehr die Mikro-Perspektive. Ich gehe gerne in kleine Stadien, zur Regionalliga nach Offenbach oder Krefeld-Uerdingen. Dort lernt man, glaube ich, mindestens genauso viel über Gesellschaft wie beim Mega-Event.
Wirken Länderspiele auf Sie auch künstlicher als Liga-Fußball? Als HSV-Fan würde ich sagen: Die schiere Emotionalität, die im Volksparkstadion herrscht, sehen wir bei der WM nicht.
Steets: Ich glaube, das sind zwei ganz unterschiedliche Dinge. Die WM hat mit dem Liga-Erlebnis wenig zu tun. Da gehen auch andere Leute hin.
Was bedeutet so ein Stadionbesuch den Menschen eigentlich? Warum ist er ihnen so wichtig?
Arich-Gerz: Für mich persönlich ist er spannend, weil ich an den vertrauten Ort Stadion sehr viel Erinnerung mitnehme. Ich sehe, wie das Stadion sich verändert, wie die Menschen um mich herum älter werden, wie manche irgendwann fehlen. Das ist fast eine Art Kirchenersatz, ein Ritualort. Bei Auswärtsspielen fehlen mir diese Wurzeln natürlich, aber da erkenne ich, dass der Heimfan das genauso empfindet.
Bei einem Mega-Event wie der WM würde mir dieses Persönliche fehlen. Da wäre ich eher kritisch als Fan, denn das ist eine in nationale Anhängerschaft aufgeteilte Sache, da verschwindet der lokale Fan. Er oder sie glokalisiert sich nicht wirklich, verortet sich nicht mehr an seinem Ort als Teil eines globalen Geschehens, sondern ist vier Wochen lang nur noch Teilnehmender an einem internationalen Wettbewerb, an dem ein Land am Ende gewinnt – ein Land, soll das heißen, irgendeine Nation und kein kleiner Mikro-Ort, kein Offenbach oder Rothenbaum in Hamburg oder Fortuna Köln.
2006 bei der Heim-WM hatte man den Eindruck, das Turnier habe die Stimmung in der ganzen Nation verändert. Funktioniert diese Parallelität von Fußball und Landesstimmung heute noch? Kann eine WM die kollektive Psyche eines Landes transformieren?
Steets: 2006 ist tatsächlich das beste Beispiel dafür, dass das gehen kann. Das Wetter war gut, die Situation der Heim-WM eine besondere. Auch das jüngste Scheitern der deutschen Mannschaft lässt sich ja wieder auf die allgemeine Stimmung im Land projizieren. Die Wirtschaft darbt, die Bahn funktioniert nicht, und jetzt können wir nicht mal mehr Elfmeterschießen. Fußball im WM-Format ist eben eine Projektionsfläche, in die man sehr viel hineininterpretieren kann.
Arich-Gerz: 2006 ist das Paradebeispiel für positive Integration durch ein Sportereignis. Mindestens genauso interessant finde ich aber die Fälle des stadtplanerischen Scheiterns. Etwa Südafrika 2010: Dort wurden Stadien gebaut, die danach kaum genutzt wurden, beispielsweise in Kapstadt, wo eigentlich dringend Wohnraum hätte entstehen können. Sportlich blieb der Erfolg aus, und auch bei der Nachnutzung der Stadien ist nichts hängengeblieben.
Brasilien 2014 hat sprachlich immerhin die Redewendung „sete a um“ hinterlassen, übersetzt „7:1“ in Erinnerung an die Pleite der Heimelf gegen Deutschland, die man dort heute noch für jedes Missgeschick benutzt. Katar 2022 war aus ökokritischer Perspektive ein Wahnsinn, diese auf gefühlte fünf Grad heruntergekühlten Stadien bei über 40 Grad Außentemperatur. Von der Leichtigkeit von 2006 ist nichts mehr übrig, sie ist auch mit der Gigantomanie vieler Neubauten verflogen.
Wenn Sie „Stadium Worlds“ heute noch einmal schreiben würden – welches Kapitel würden Sie ergänzen?
Steets: Wir haben damals ein Kapitel über antike Stadionpolitik integriert. Das ließe sich gut in Richtung Gegenwart aktualisieren – das Stadion als politische Bühne heute. Zeitgenössische Stadien hatten wir damals eher als Bühne für postmoderne Stars wie David Beckham beschrieben. Diese WM ist auch politische Inszenierung. Beim WM-Finale wird ja auch Trump anwesend sein und den Pokal überreichen. Ich hoffe, dass er dabei ausgebuht wird – das Publikum ist ja durchaus kritisch, die „Hydration Breaks“ als Werbeslots werden schon jetzt ausgepfiffen.
Arich-Gerz: Politisierung des Sportlichen – da würde ich mich glatt als Autor anbieten. Das Thema lässt sich historisch weit zurückverfolgen, etwa bis zur Diktatur in Argentinien 1978. Und ich würde noch einen zweiten Aspekt hinzufügen: die politische Einflussnahme in kleineren Stadien, die oft extremer ist als in großen.
Ein Beispiel ist Cottbus, wo der AfD-Politiker Tino Chrupalla im Energiestadion lange Hof gehalten hat, weil er wusste, dass er dort auf Gleichgesinnte trifft. Das macht mir auch bei meinem eigenen Verein, Fortuna Köln, zunehmend Sorgen. Die Fanszene ist nicht mehr so klar erkennbar auf der richtigen linken Seite unterwegs wie früher.
Noch mal zum kollektiven Mindset in Deutschland: Würde eine erfolgreiche deutsche Olympiabewerbung dem Land einen ähnlichen Ruck geben wie 2006?
Arich-Gerz: Ich kann mir das vorstellen. Das kollektive Selbstverständnis in Deutschland wird ja derzeit von vielen Seiten unterminiert. Meine Hoffnung zu Olympia wäre dann nur, dass es nicht zu einer negativen Fortschreibung von 2006 kommt, bei der irgendwann das Schwarz-Rot-Gold in die Farben der Reichskriegsflagge übergegangen ist, natürlich nicht überall und bei jedem. Aber leider war das ein nachhaltiger Impuls.
Und welcher Standort wäre Ihnen der Liebste?
Arich-Gerz: Auch ohne Lokalpatriotismus fände ich Olympische Spiele, die über die Rhein-Ruhr-Region verteilt wären, spannend. Aber international dürfte man damit gegen Budapest oder die anderen Wettbewerber kaum eine Chance haben.
Steets: Ich denke, München wird der deutsche Kandidat. Berlin braucht zwar auch eine neue Erzählung, aber Olympia würde die Probleme der Stadt – vor allem den ohnehin angespannten Wohnungsmarkt – eher verschärfen. München hat einen anderen Hintergrund, man weiß dort noch aus den 1970er-Jahren, wie man schöne Spiele ausrichtet. Grundsätzlich gilt: Olympia kann Infrastrukturprojekte anstoßen, die sonst nicht umgesetzt würden. Nur muss man das klug und nachhaltig planen.
Und man kann ja schon auch deutliche Unterschiede zwischen den letzten Ausrichtern erkennen. Peking lässt sich kaum mit London oder Paris vergleichen – dort gab es deutlich nachhaltigere Konzepte, Stadien, die transformierbar und verkleinerbar gebaut wurden. Beispiel London: Der Fußballclub West Ham United wurde Nachnutzer des Olympiastadions. Man hat nicht einfach Olympiazentren auf die grüne Wiese gesetzt.
Steets: Das sind schon intelligentere Lösungen als das, was man in Südafrika oder Katar gesehen hat.
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