Baukultur regional gedacht: die Treffpunkte Architektur
Baukultur wird nicht nur in Metropolen verhandelt, sondern auch in kleineren Städten sowie in und um Gemeinden
Damit zukunftsfähige Baukultur entsteht, braucht es innovative Ideen, vorausschauende Planung und überzeugende Projekte von Architektinnen und Architekten aller Fachrichtungen. Aber nicht nur. Voraussetzung ist auch eine qualitätsorientierte Planungspraxis und ein gestärktes öffentliches Bewusstsein für Baukultur oder genauer: ein Verständnis, dass durchdachte Architektur eine zentrale Bedeutung für die Lebensqualität heutiger und künftiger Generationen hat. Seit den 1990er-Jahren ist deshalb im Zusammenhang mit der Entstehung lokaler Baukulturinitiativen zunächst vor allem in Österreich, dann auch andernorts, die Frage ins Zentrum gerückt, was getan werden kann, um Baukulturbewusstsein in die Breite zu tragen.
Genau vor dieser Frage stand auch die Vertreterversammlung der Bayerischen Architektenkammer, als sie im Juni 2003 beschloss, den unterfränkischen Architektinnen und Architekten eine Plattform zur Verfügung zu stellen, um den „Architektenverbänden und Gruppierungen“ ein konzentriertes Auftreten in Sachen „Architektur“ zu ermöglichen. Mit diesem Beschluss war der erste von insgesamt fünf Treffpunkten Architektur geschaffen, die seither auf Basis einer entsprechenden Ziffer in der Kammersatzung und einer Geschäftsordnung als regionale Baukulturvermittlungsinstitutionen der Bayerischen Architektenkammer fungieren.
Die Treffpunkte, die jeweils ein fünf- bis neunköpfiger Beirat betreut, werden seitens des Kammervorstands von Doris Lackerbauer und Michael Fäustlin begleitet. Für die Koordination ist Sandra Bartholomäus zuständig, hauptamtliche Referentin für Regionalisierung. Ihre Stelle ist bewusst nicht am Sitz der Kammer in München, sondern in der Dependance Auf AEG in Nürnberg angesiedelt: „Das ist der ideale Standort. Von Nürnberg aus bin ich in nur einer Stunde in Würzburg, in Regensburg oder in München, alles mit dem Zug.“
Dezentrale Arbeit, regionale Formate
Die Treffpunkte Architektur arbeiten dezentral, initiieren und organisieren Veranstaltungen in den Regionen, für die sie zuständig sind, und berufen ihre Beiratssitzungen örtlich flexibel ein. Nur der Treffpunkt Ober- und Mittelfranken nutzt feste Räumlichkeiten Auf AEG und nur dieser Treffpunkt hat mit den Architektur-Treffs in Bamberg, Bayreuth, Coburg und Hochfranken weitere Untergliederungen, die helfen, Baukultur regional sichtbar und diskutierbar zu machen.
Die Wirkung zeigt sich besonders in konkreten Projekten: Der Treffpunkt Architektur Oberbayern (TAO) brachte 2024 die Ausstellung „Schön hier“ des Deutschen Architekturmuseums DAM nach Burghausen, präsentierte mit großem Erfolg qualitätvolle Bauten aus dem ländlichen Raum und konzipierte für das „Women in Architecture“- Festival die Ausstellung „Frau baut“, die in Kottgeisering und München zu sehen war. In Penzberg vermittelt die Vortragsreihe „Drei nach fünf“ baukulturelles Wissen, während in Kraiburg am Inn ein Feinschmecker-Menü mit Architekturvorträgen garniert wird, um für anspruchsvolle, ortsgerechte Baukultur zu werben.
Der Treffpunkt Ober- und Mittelfranken erzielte mit seiner Ausstellung zur Transformation des ehemaligen Quelle-Versandareals in Nürnberg ebenfalls eine hohe Resonanz, die Eröffnung und auch das Kolloquium waren vor allem wegen des identifikatorischen Wertes des Areals für die Region sehr gut besucht.
Außerdem sind etablierte Formate wichtig: Während in Nürnberg jedes Jahr ein Architekturclub zu brisanten Themen des Planens und Bauens organisiert wird, verbindet der Treffpunkt Architektur Unterfranken sein Sommerfest mit Führungen durch aktuelle Bauprojekte und erreicht damit gezielt ein breites Publikum. Ebenfalls etabliert sind die Architektourbusse, die in Schwaben, Mittel- und Hochfranken jedes Jahr ausgebucht zu ausgewählten Architektouren- Projekten in der Region reisen.
Oder die Architektouren-Ausstellungen: Im Hardenberg-Gymnasium Fürth wird die Ausstellung von Schülerinnen und Schülern der Oberstufe aufbereitet und kommentiert. In Rosenheim wird sie mit Projektvorstellungen und einer Podiumsdiskussion zu aktuellen Planungs- und Baukulturfragen eröffnet, die 70 bis 80 Gäste ins Staatliche Bauamt lockt.
Zunehmend im Fokus stehen kommunale Akteure. Formate wie die „Kommunaltage“ fördern den Austausch zu Themen wie Vergabeverfahren, Wettbewerbskultur oder barrierefreies Bauen. „Dort wird deutlich, welche Fragen tatsächlich vor Ort ankommen und wie wichtig es ist, diese Themen frühzeitig gemeinsam zu besprechen“, so Regionalisierungsreferentin Bartholomäus.
Regionale Baukulturvermittlung ist keine Einbahnstraße.
Sandra Bartholomäus
Referentin für Regionalisierung, ByAKSynergien nutzen, Nachwuchs gewinnen
Die Beiräte aller fünf Treffpunkte organisieren jährlich fast 100 Veranstaltungen und agieren dabei inhaltlich eigenständig: „Die Ideen kommen aus dem Ehrenamt, meine Aufgabe ist eher, zu fördern und zu ermöglichen“, beschreibt Bartholomäus ihre Rolle. Perspektivisch verspricht sie sich viel davon, die Arbeit der jeweiligen Treffpunkte noch mehr zu verknüpfen, etwa durch Wanderausstellungen: „Ich sehe großes Potenzial, wenn wir es schaffen, Synergien in Zukunft noch besser zu nutzen als bisher.“
Eine Herausforderung ist sowohl die Ansprache neuer Zielgruppen als auch die Integration von Juniormitgliedern und angehenden Architektinnen und Architekten in die ehrenamtliche Baukulturarbeit. Es gilt deshalb, die Sichtbarkeit der Treffpunkte noch weiter zu erhöhen. Sie sind inzwischen nicht nur mit eigenen Websites präsent, die ersten Treffpunkte haben auch eigene Instagram-Auftritte.
Rückkanal zwischen Region und Kammer
Für die Bayerische Architektenkammer sind die Treffpunkte Architektur die zentralen Schnittstellen in die Region: „Sie tragen nicht nur Themen in die Regionen, sie bringen auch die Perspektiven von dort in die Kammer zurück“, sagt Sandra Bartholomäus, denn „regionale Baukulturvermittlung ist keine Einbahnstraße.“ Entscheidend bleibt ein kontinuierlicher Austausch: Aktuelle Themen werden nicht zentral verordnet, sondern im Dialog entwickelt – zwischen Stadt und Land, Fachwelt und Öffentlichkeit, Planung und Politik. Genau darin liegt die besondere Qualität der regionalen Baukulturarbeit.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für Bayern
Hanna Altermann, Eric-Oliver Mader
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