„Überzeugen durch Qualität“
Kammerkommentar: Gebautes prägt für Jahrzehnte, politische Entscheidungen folgen kurzen Zyklen. Wie sich Politik für Baukultur sensibilisieren lässt.
Ein großes Infrastrukturprojekt braucht 20 bis 30 Jahre von der Planung bis zur Fertigstellung. Seine Wirkung auf Zusammenleben, Klima und Umwelt entfaltet sich über Jahrzehnte. Eine Legislaturperiode in der Politik dauert dagegen nur vier bis sechs Jahre. Unseren Berufsstand stellt dies vor eine grundlegende Frage: Wie lässt sich die Bedeutung qualitätvollen Bauens vermitteln, wenn politische Entscheidungen vor allem kurzfristigen Zyklen folgen?
Zwar ist bekannt, dass im Planen und Bauen Antworten auf die drängendsten Fragen der Zeit liegen: Einsparpotenziale bei Ressourcen und Emissionen, Strategien für den demografischen Wandel und Lösungen für den Wohnraummangel. Trotzdem orientiert sich Politik oft an schnellen Prestigeerfolgen statt an langfristiger Wirkung. Im Ergebnis wird durch hilflosen Aktionismus ein Bau-Turbo statt eines Gebäudetyp-e-Gesetzes auf den Weg gebracht.
Was können wir dagegen tun? Zunächst müssen wir verdeutlichen, dass qualitätvolles Bauen nicht teuer und komplex ist. Unser Vorstoß zum Gebäudetyp-e ist in der Politik eingeschlagen, weil er zeigt, dass schnelles und einfaches Bauen mit Qualität vereinbar sein kann. Ein echter Systemwandel. Ein weiteres Missverständnis: Bauqualität wird oft als verzichtbarer ästhetischer Luxus wahrgenommen. Tatsächlich ergibt sie sich aus der Kombination von funktionalem, ökologischem, gestalterischem und sozialem Mehrwert.
Um das zu vermitteln, braucht es eine klare Sprache mit nachvollziehbaren Argumenten für qualitätvolle Architektur. Das gilt insbesondere, wenn es ums Geld geht: Hier greift oft der „Fluch der ersten Zahl“. Es wird scheinbar günstig gebaut, ohne die Lebenszykluskosten zu berücksichtigen, bei denen Nutzung, Instandhaltung, Modernisierung und Rückbau 80 bis 90 % ausmachen.
In gute Baukultur zu investieren, ist auf lange Sicht wirtschaftlicher: Sie schafft langlebige, anpassungsfähige Gebäude, die kostengünstigen Um- und Rückbau erlauben und Lebensräume, die sozialen Zusammenhalt stärken. Auch die 40 % der Gesamtemissionen, die im Gebäudesektor entstehen, liefern ein Argument für den Wert des qualitätvollen Bauens, durch das Klimafolgekosten reduziert werden können.
Entscheidend ist, die richtigen Ansatzpunkte im politischen System zu nutzen. Der Wert planerischer Kompetenz lässt sich am unmittelbarsten auf kommunaler Ebene vermitteln. Dies haben die bayerischen Kommunalwahlen verdeutlicht, die vielerorts auch durch Baufragen entschieden wurden. Institutionelle Instrumente wie Gestaltungsbeiräte können hier Qualität sichern, wenn sie ernsthaft in Entscheidungen eingebunden werden. Auch braucht es mehr Wettbewerbe, um Qualität sichtbar und öffentlich verhandelbar zu machen. 2025 haben öffentliche Bauherren in Bayern nur noch 26 Wettbewerbe ausgeschrieben.
Wenn Politik kurzfristig denkt, dann müssen wir vermitteln, was Qualität langfristig ausmacht. Baukultur muss als selbstverständlicher Bestandteil politischer Entscheidungen begriffen werden. Denn was heute gebaut wird, wirkt weit über jede Legislaturperiode hinaus.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026 für Bayern.
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