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Den Status quo hinterfragen

In der Igewo-Siedlung in Haunstetten werden gerade sechs Mehrfamilienhäuser als Gebäudetyp E umgesetzt. Das Konzept dient als Grundlage, um kostengünstigeren Wohnraum zu schaffen. Gleichzeitig lotet es aus, welche baulichen Standards überhaupt notwendig sind.

Alexander Russ
10.03.2026 11min
Die sechs Häuser befinden sich gerade im Bau und sollen im Herbst 2026 bezogen werden. © bildstaerke

Momentan werden in Bayern 19 Pilotprojekte als Gebäudetyp E umgesetzt. Eines davon ist die Nachverdichtung der Igewo-Siedlung in Haunstetten, einem Stadtteil von Augsburg. Das Projekt befindet sich gerade im Bau. Es umfasst sechs dreigeschossige Mehrfamilienhäuser mit jeweils neun Einheiten, die von Ein- bis Vierzimmerwohnungen reichen. Die Entscheidung, den Gebäudetyp E umzusetzen, ist laut Igewo-Geschäftsführerin Birgit Eckert-Gmell vor allem dem hohen Kostendruck geschuldet: „In den letzten zehn Jahren sind die Baukosten unglaublich gestiegen. Das hat viele Gründe, hängt aber auch mit den DIN-Normen zusammen, durch die sich der Aufwand immer weiter erhöht. Irgendwann war uns klar, dass wir überhaupt keinen neuen Wohnraum mehr umsetzen können, wenn das so weitergeht. Das Projekt lotet deshalb aus, welche baulichen Standards überhaupt notwendig sind und welche sinnvollen kostengünstigeren Alternativen es gibt.“ 

Die sechs Mehrfamilienhäuser sitzen am westlichen Rand des Quartiers und greifen die städtebauliche Setzung der alten Siedlungshäuser auf. © hey! architektur

Die sechs Häuser sind Teil der ehemaligen Messerschmidt-Siedlung, die zwischen 1939 und 1940 als deutsche Arbeitersiedlung während des Nationalsozialismus errichtet wurde. Entsprechend prägen kleine Häuschen mit Satteldach das Areal. Die großen Freiflächen wurden über die Jahrzehnte nachverdichtet, zuerst zwischen 1968 und 1972 mit drei viergeschossigen Zeilen. Als die Igewo das Quartier in den 2000er-Jahren übernahm, folgten weitere Wohnhäuser und zwei Studentenwohnheime, die sich in ihrer Maßstäblichkeit stärker am Bestand orientieren. Das trifft auch auf die sechs neuen Wohnhäuser zu. Sie befinden sich am westlichen Rand des Quartiers auf einer schmalen Parzelle und greifen mit ihrer Anordnung die städtebauliche Setzung der alten Siedlungshäuser auf.  

Erschlossen werden die neuen Wohnhäuser in den oberen Geschossen über offene Treppen, die Teil einer vorgehängten Balkonspange sind. Sie führen zu einem Eingangsbereich, an den links und rechts die Balkone der einzelnen Wohnungen andocken. Die Grundrisse werden über einen vorgefertigten Sanitärkern zoniert. Konstruktiv handelt es sich um ein serielles Bausystem, bei dem man Brettsperrholzwände als tragenden Außenwände mit Spannbetonhohldielen für die Decken kombiniert. Dabei werden die Außenwände inklusive Holzfassade, Dämmung und Fenster vorgefertigt auf die Baustelle geliefert. Durch die Konstruktion lassen sich die Wohnungen flexibel einteilen. Die einzig festen Elemente sind der Sanitärkern und zwei Betonscheiben als Aussteifung. Im Innern bleiben die Holzoberflächen sichtbar, genauso wie die Spannbetonhohldielen, die lediglich gespachtelt und weiß gestrichen werden. Hinzu kommen Terrakottafliesen als Fußbodenbelag.

Die Planung für das Projekt übernahmen Hey! Architektur aus München, ein Büro mit dem die Igewo schon zusammengearbeitet hatte. „Wir haben ein Vertrauensverhältnis. Das ist wichtig, weil der Gebäudetyp E keine genauen Vorgaben macht“, erzählt Eckert-Gmell. Bei der Planung gab es deshalb lange Zeit keinen Architektenvertrag, da man zunächst gar nicht wusste, welche Leistungen von den Architektinnen und Architekten genau erbracht werden. „Der Planungsprozess war zu Beginn sehr offen. Zudem sind viele der erbrachten Architektenleistungen gar nicht in der HOAI aufgeführt. Wir haben das Ganze dann unter anderem so gelöst, dass wir die Honorarzone im Vertrag eine Stufe höher angesetzt haben.“  

Dementsprechend beschreitet das Projekt neue Wege, vor allem in der Haustechnik. Zum Einsatz kommt hier eine Kombination aus Direktstromheizung und einfacher Abluftanlage. Trotz Photovoltaikanlage wäre hier laut Gebäudeenergiegesetz (GEG) eine stärkere Dämmung der Gebäude notwendig. Das hätte nicht nur höhere Kosten, sondern auch den Verlust von 130 qm Wohnfläche mit sich gebracht. „Unsere Kombination aus Elektrofußbodenheizung und EH55-Hülle mussten wir uns in einem Befreiungsgutachten von einem Energieberater zertifizieren lassen“, sagt Eckert-Gmell. „Das ist aufwendig, aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass die vom GEG geforderte EH40-Hülle keine großartigen Einsparungen bringt. Die Bewohnerinnen und Bewohner verhalten sich einfach nicht so, wie es das Energiekonzept vorgibt. Außerdem haben wir deutlich geringere Investitionskosten in die Haustechnik. Es gibt nur eine Kaltwasserleitung, eine Abwasserleitung und einen Durchlauferhitzer. Dadurch sinken auch für die Mieterinnen und Mieter die Betriebskosten.“ Beim Schallschutz wurde durch das Weglassen einer Schicht im Fußbodenaufbau ebenfalls gespart. Laut Eckert-Gmell entspricht das den Schallschutzvorgaben von 2016.

Die einzelnen Gebäude werden mithilfe eines seriellen Bausystems errichtet. © David Schreyer
Dazu werden als tragende Außenwände mit Spannbetonhohldielen für die Decken kombiniert. © David Schreyer
Die Außenwände werden inklusive Holzfassade, Dämmung und Fenster vorgefertigt geliefert. © David Schreyer

Die einzelnen Wohnhäuser werden in den oberen Geschossen über offene Treppen erschlossen, die Teil der vorgehängten Balkonspange sind. © hey! architektur

Die schwierigste Einsparungsmaßnahme betrifft die Barrierefreiheit der Häuser, weil hier auf sechs Lifte verzichtet wurde. „Das ist ein sehr heikles Thema, weil es Auswirkungen auf die Teilhabe von Menschen hat. Wir haben dazu viele Gespräche mit dem Behindertenbeirat der Stadt Augsburg geführt. Leider ist es so, dass der Einbau der sechs Aufzüge etwa eine Million Euro gekostet hätte. Das war für uns finanziell nicht machbar.“ Trotzdem werden die Wohnungen barrierefrei nach DIN ausgeführt. Auch eine zukünftige Nachrüstung mit Aufzügen ist möglich, erfordert allerdings eine Befreiung vom Bebauungsplan. Zudem will die Igewo perspektivisch ein barrierefreies Quartierswohnzimmer als Teil eines neuen Quartierplatzes bauen, das als sozialer Treffpunkt dienen soll. Außerdem besteht prinzipiell die Möglichkeit, dass Bewohnerinnen und Bewohner bei Bedarf in eine barrierefreie Wohnung innerhalb der Siedlung umziehen.

Ende 2026 sollen die Häuser fertig werden. Auf die Frage, ob sich der zusätzliche Aufwand bislang gelohnt hat, antwortet Eckert-Gmell: „In dem Projekt steckt viel Entwicklungsarbeit, die wir bezahlen mussten. Gleichzeitig war der Gebäudetyp E die einzige Möglichkeit, das Projekt finanziell auf die Beine zu stellen. Wir hatten aber auch einfach Lust, den Status quo und das in meinen Augen überhöhte Sicherheitsbedürfnis beim Bauen in Deutschland zu hinterfragen. Die Mieterinnen und Mieter interessiert am Ende nicht, ob eine DIN-Norm eingehalten wird, sondern ob die Wohnungen attraktiv und bezahlbar sind.“ 

Projektdaten

Projekt: Sechs Wohngebäude in Haunstetten 
Standort: Augsburg-Haunstetten 
Bauherr: Igewo GmbH & Co Wohnungsunternehmen KG 
Architektur: Hey! Architektur Bumeder Wehmann Architekten PartG mbB 

Alexander Russ

Freier Journalist München

Alexander Russ ist freier Journalist und lebt in München. Er hat in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und war Redakteur bei Baumeister und Topos. Neben Architekturkritiken schreibt er unter anderem über Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Mobilitätsthemen.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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