Der ehemalige Berliner Flughafen Tempelhof bleibt Experimentierfeld für alle
Das Tempelhofer Feld war – wieder einmal – Gegenstand eines Wettbewerbs. Aus 164 Vorschlägen kürte die Jury sechs Konzepte, die der Landschaft mehr Nuancen geben, aber kaum etwas abzwacken. Sie bleibt ein weites Feld inmitten der Stadt, eine Spielwiese für alle, auch für die Planenden.
Fast 400 ha in Landesbesitz wecken Begehrlichkeiten. Nicht erst seit 2008 der Flugbetrieb eingestellt wurde, beschäftigt das Tempelhofer Feld denn auch wiederholt Politik und Planende. Doch allen IBA-, IGA- und sonstigen Ideen schob Volkes Wille 2014 einen Riegel vor. Das Feld mit seinen 2 km langen Landebahnen, dem geschwungenen Terminal der NS-Moderne und ein paar Pioniernutzungen soll bleiben, wie es ist.
Zu groß ist die Skepsis in der Bevölkerung, dass aus einer „behutsamen Randbebauung“, wie sie zuletzt im schwarz-roten Koalitionsvertrag ins Auge gefasst wurde, immer größere Arrondierungen in fragwürdiger Qualität werden könnten.
Und so werden wohl auch die Resultate des von diesem Senat in der vagen Hoffnung ausgelobten städtebaulich-landschaftsplanerischen Ideenwettbewerbs, daraus Argumente für eine Bebauung zu gewinnen, vorerst folgenlos bleiben. Im September 2026 wird in Berlin gewählt. Wohnungsnot hin oder her, Pendlerströme, die sich an dieser riesigen Barriere im südlichen Stadtgebiet vorbeiquälen – an das Feld traut sich niemand so richtig ran. Die im vergangenen September abgehaltenen, nach dem Zufallsprinzip besetzten Dialogwerkstätten – Basis des Ideenwettbewerbs – sprachen sich einhellig gegen jedwede Bebauung aus.
Auch aus den Berufsverbänden kommen nur berechtigte Forderungen, doch lieber den in Berlin noch reichlich vorhandenen Bestand an Brachen abzuarbeiten, ehe man sich an diesem einzigartigen Riesenfreiraum vergeht. „Diese einmalige Art von Stadtaneignung und Stadtbespielung, die wir mit dem Tempelhofer Feld in Berlin haben – die ist ein Riesenerfolg. Es wäre fatal, wenn wir das nun anknabbern würden“, meinte etwa Theresa Keilhacker 2024, als sie noch Präsidentin der Architektenkammer Berlin war. Im Übrigen hält man es langsam für müßig, die kreativen Kräfte in schlecht entlohnten und wohl ziemlich folgenlosen Konkurrenzen zu verschleißen. Nur neun der 164 Büros erhielten dieses Mal ein Preisgeld.
Gleichwohl lohnt ein Blick auf diese Ideenproduktion. Was schlagen die von der Jury unter Vorsitz der Bremer Senatsbaudirektorin Iris Reuther prämierten sechs Konzepte vor?
Die sechs ersten Preise
Ernüchternd für den Senat: Nur in zweien taucht tatsächlich eine „behutsame Randbebauung“ auf. De Zwarte Hond, mit Grieger Harzer Dvorak Landschaftsarchitekten, beide Berlin, wie auch das Team Schønherr aus Kopenhagen schlagen vor, die Randbebauung an den Tempelhofer Damm anzufügen, was naheliegt, da hier bereits viel Infrastruktur vorhanden ist. Im erstgenannten Projekt finden dort 5.000 Wohnungen Platz.
Beim dänischen Vorschlag zieht sich die teils auch in moderate Höhe strebende Arrondierung aber fast halbkreisförmig bis in den Süden des Feldes, was dieses fast zum altbekannten „Wiesenei“ der bauwilligen 1990er zurückstutzt. Damit die Geometrie stimmt, forsten sie weitere Randbereiche mit Bäumen auf. Tatsächlich fehlt auf dem Feld vor allem bei Sommerhitze der Schatten.
Auch bbz landschaftsarchitekten, Berlin, schlagen eine solche Waldzone vor und setzen ansonsten auf eine prozesshafte Entwicklung des Feldes als Gemeingut. Anders als bei Schønherr gibt das keine prägnante Großform her, aber das muss ja nicht schlecht sein.
Franz Reschke Landschaftsarchitektur, auch aus Berlin, gruppiert den neuen Wald mehr in Hainen unterschiedlichen Charakters, wodurch die namengebende „Stadtlichtung“ entstehen soll, ohne die wichtigen Kaltluftströme zu stören.
Some Place Studio, Berlin, mit FWD Landscape Architecture aus Kalifornien setzen hingegen ganz auf die Weiterentwicklung des Bestandes und das Vernetzen des Parks mit seinem Umfeld, was die Jury als engagiert und realistisch lobt.
Das Team raumlabor, das bereits auf einem Regenrückhaltebecken des Flugfeldes die bei der Biennale von Venedig ausgezeichnete Floating University betreibt, schlägt mit Urban Catalyst, Berlin, in gewohnter Wusel-Optik eine bunte partizipative Nutzung für das Feld vor. Vor allem der Außenbereich soll zu einem Thinkbelt, also einer kreativen Zone, werden.
Und der bisherige, 6 km lange Zaun um das Gelände soll entfernt werden, damit eine ganztägige Nutzung möglich wird. Bislang schließt der Park nämlich abends seine Tore. Klar, dass alle Beiträge sich mit Stichworten wie urbane Ökologie, grüne Infrastruktur, Schwammstadt und dergleichen schmücken.
Vielleicht mit Ausnahme von Schønherr, dem einzigen Nicht-Berliner Team in der Preisgruppe, gibt es keine grafisch aufgemotzte Super-Idee für den „Park des 21. Jahrhunderts“, keine strukturalistische Überformung nach Art eines Parc de la Villette, keinen Masterplan (wozu braucht man denn sonst Stadtplanung?), stattdessen viele einzelne, von Ortskunde zeugende Verbesserungsvorschläge.
Schon gar nicht gibt es die prächtigen Visionen von Hochhaus-Ringen à la Central Park oder dicht gewebter Teppich-Urbanisierung, wie sie früher schon von einzelnen Architekten für das Feld vorgelegt wurden. Der Grund ist klar: Das macht Berlin nicht mit. Es bleibt lieber anarchisch-rau, bunt und kleinteilig – die große Leere sieht man hier nicht als Problem, sondern als Chance. Viele nutzen sie, auf vielfältigste Weise. So kamen zum Festival der Riesendrachen unlängst 100.000 Menschen, und schon an einem normalen Sommertag sind es locker 20.000, die hier skaten, grillen, gärtnern, abhängen oder einfach nur den weiten Horizont bewundern. Was will man mehr?