Form folgt Verfügbarkeit
Im Aarhus hat das dänische Architekturbüro Lendager ein Hochhausensemble aus Holz nach den Prinzipien des kreislaufgerechten Bauens umgesetzt. Für die einzelnen Gebäude kamen unter anderem alte Windturbinenblätter als Sonnenschutz und wiederverwendete Fenster zum Einsatz.
Zirkuläres Planen und Bauen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Als Folge entstehen immer mehr Gebäude, die mit wieder- oder weiterverwendeten Materialien errichtet werden. Zu den Pionieren dieser Bauweise zählt das Architekturbüro Lendager aus Kopenhagen, das sich der Maxime „Form folgt Verfügbarkeit“ verschrieben hat. Ein Beispiel sind die Upcycle Studios, eine Reihenhaussiedlung in Kopenhagen. Deren großzügige Glasfassaden wurden aus doppeltverglasten Altbaufenstern gefertigt, was der Architektur einen collagenhaften Charakter verleiht. Ein weiteres Projekt sind die Ressource Rows, eine Blockrandbebauung, die sich ebenfalls in Kopenhagen befindet. Hier entwarf das Büro eine Patchworkfassade aus recycelten Ziegeln. Der neueste Bau des Architekturbüros, ein Bürogebäude mit dem Namen TRÆ, stellt einen Maßstabssprung dar: Das bis zu 78 m hohe Ensemble umfasst laut Büro „Dänemarks höchsten Holzturm, der gleichzeitig das weltweit erste Upcycling-Hochhaus aus Holz ist“.
Der Bau befindet sich am Hafen von Aarhus in einem ehemaligen Industrieareal, das sich gerade zum Stadtviertel Sydhavnen wandelt. Die Umgebung spiegelt sich im Gebäudekonzept wider: So bildet das Projekt einerseits den rohen Charakter des Orts in seiner Materialwahl ab, greift andererseits aber auch den Gedanken der Transformation in der Konstruktion auf. „Bei der Umsetzung gab es eine Reihe von Herausforderungen, da es vor Ort keine vergleichbaren Hochhäuser aus Holz gab“, sagt Bürogründer Anders Lendager. „Die Tatsache, dass wir so viele wiederverwendete Materialien wie möglich in den Bauprozess integrieren wollten, erhöhte die Komplexität und erforderte neue technische Standards und Vorschriften.“
Der Bau setzt sich aus drei Türmen unterschiedlicher Höhe zusammen, deren Geschosse über verglaste Stege verbunden sind. Am Boden windet sich eine skulpturale Brücke zwischen den Baukörpern hindurch und vernetzt die gestapelten und begrünten Holzterrassen der Erdgeschosszone mit dem Straßenraum. Die drei Türme beruhen auf einer Kreisgeometrie, die von den Grundstücksgrenzen durchschnitten wird. Die Dreiteilung schafft eine skulpturale Präsenz, optimiert aber auch die Tageslichtversorgung. Lendager vergleicht die Struktur mit Baumstämmen, was sich am Namen ablesen lässt: TRÆ bedeutet im Dänischen Baum oder Holz und erinnert an die Zahl Drei. Die fließenden runden Formen sollen als Landmarke in den Stadtraum hineinwirken und ihn mit der gemischt genutzten Sockelzone des Gebäudeensembles verbinden. Trotz ihrer Kreisgeometrie sind die Gebäudegrundrisse recht konventionell gehalten: Ein zentraler Kern mit Fahrstuhl, Fluchttreppenhaus und WCs, um die sich die Büros als offene Flächen oder Zellen legen.
Dabei räumt das Büro durchaus ein, dass die prägnante Dreiteilung des Ensembles nicht in allen Punkten nachhaltig ist: So erzeugt sie mehr Fassadenfläche mit entsprechendem Wärmeverlust und einem höheren CO2-Fußabdruck als eine rechteckige symmetrische Gebäudestruktur. Zudem musste man aus statischen Gründen Stahlträger verwenden, was bei einem orthogonalen Gebäude vermeidbar gewesen wäre. Stattdessen kombiniert der Bau Brettschichtholzstützen und Brettsperrholzdecken mit Kernen aus CO2-reduziertem Beton. Dementsprechend changiert das statische System zwischen Effizienz und Berücksichtigung der speziellen Geometrie. Ziel war es, den Einsatz von Stahl und Beton, trotz der Gebäudeform, zu minimieren. So wurde etwa im Vorfeld untersucht, ob die aussteifenden Kerne aus Holz gebaut werden können. Aufgrund der Brandschutzanforderungen hätte das aber zu einer verringerten Nutzfläche geführt. Zudem wären größere Diagonalstreben in der Fassade nötig gewesen mit entsprechendem Tageslichtverlust.
In puncto Nachhaltigkeit überzeugt TRÆ vor allem durch seine Oberflächenmaterialien, die wiederverwendet, upgecycelt oder biobasiert sind. Bei der Fassadenverkleidung entschied man sich für Aluminiumbleche. Sie sind auf einer Holzunterkonstruktion angebracht und stammen von Industrie- und Landwirtschaftsgebäuden oder entsorgten Briefkästen. Ehemalige Windturbinenblätter dienen als Sonnenschutz. Teilweise kamen wiederverwendete Fenster zum Einsatz. Die Fassade reagiert mit ihrer rohen Anmutung auf das industrielle Umfeld des Hafens. Gleichzeitig soll das fleckige Erscheinungsbild, das sich je nach Tageslicht und Wetterbedingungen verändert, an Birkenrinde erinnern.
Im Innern werden Alttextilien und PET-Filz als akustische Oberflächen eingesetzt. Hinzu kommen wiederverwertete Holzböden und -paneele. Die Materialien sollen nicht nur nachhaltig sein, sondern auch eine haptische und natürlich anmutende Arbeitsumgebung erzeugen. Damit ist das Projekt ein Experiment, das auslotet, wie eine ökologisch sinnvolle Architektur aussehen kann. Das zeigt sich nicht zuletzt an den drei sogenannten „Living Lab“-Etagen: Hier werden weitere biogene und upgecycelte Materialien in der konkreten Anwendung erforscht. Damit soll ein Dialog zwischen Gebäudenutzerinnen und -nutzern, Planenden und Forschenden entstehen, der als Grundlage für zukünftige zirkuläre Projekte dienen kann.
Projektdaten:
Projektdaten:
Ort: Aarhus, Dänemark
Bauherr: PFA Ejendomme und Kilden & Hindby
Architektur: Lendager
Projektpartner: Artelia, Kaj Ove Madsen A/S, Aarhus Municipality, Realdania
Fertigstellung: 2025
Nutzfläche: 14.850 qm
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