„Fassadenkonsum statt Baukultur“ Identitätspolitik in Stein
Rekonstruktion ist selten nur Nostalgie: Philipp Oswalt beschreibt, wie rechtspopulistische Akteure mit historisierender Architektur den Bruch mit der liberalen Demokratie vorbereiten.
Make XY great again“ – der omnipräsente Slogan des globalen Rechtspopulismus idealisiert einen früheren Zustand, den man wiedergewinnen will, und diskreditiert die Gegenwart. Am Pranger stehen Liberalismus und Wokeness, glorifiziert wird Nation, Tradition, Familie und weiße Männlichkeit. In Architektur übersetzt heißt dies Moderne-Bashing und die Nachbildung historischer Symbolbauten, klassizistischer Monumente und Wohnviertel in neotraditionellen Stilen des New Urbanism oder Heimatschutzes.
In Washington will Donald Trump einen klassizistischen Triumphbogen und einen eben klassizistischen Ballroom als neuen East Wing des Weißen Hauses errichten, in Budapest hat Victor Orban in den letzten 15 Jahren den Burgdistrikt in Buda historistisch rekonstruieren lassen, in Indien wurde unter Narendra Modi die Babri-Moschee abgerissen und durch die Rekonstruktion des einstigen hinduistischen Ayodhya-Tempels ersetzt.
Kein Deutscher Sonderweg
In Moskau war man etwas schneller und hat bereits vor mehr als 20 Jahren die Christ-Erlöser-Kathedrale als symbolisches Zentrum der mit Putin eng verbundenen Russisch-Orthodoxen Kirche originalgetreu wiederaufgebaut. Wenn man sich diese internationale Entwicklung vor Augen führt, wird deutlich, dass es sich beim Humboldt Forum / Berliner Schloss und der Garnisonkirche Potsdam nicht um einen deutschen Sonderweg handelt.
Sie sind Teil eines globalen Trends, mit staatlichen Symbolbauten eine identitätspolitische Agenda zu verfolgen und durchzusetzen. Dies als Neokonservatismus zu verstehen, wäre eine Verharmlosung. Die rechtspopulistischen und rechtsautoritären Promotoren verfolgen mit ihren politischen Programmen einen Systembruch, der die liberalen, pluralen Demokratien der Gegenwart durch einen neuen Autoritarismus ablösen soll. Und auch sonst sind sie keineswegs so traditionsverhaftet, wie es den Anschein haben mag.
Rekonstruktion als technisches Bild
Die AfD verbreitet ihr Bauhaus-Bashing und ihre Reko-Propaganda bevorzugt auf Social-Media-Plattformen von YouTube bis TikTok. Die Verbindung reaktionärer Ideologie mit digitaler Technologie ist symptomatisch. Auch die Rekonstruktionsarchitekturen selbst entstehen aus der Prozessierung technischer Bilder: Historische Fotografien werden in digitale 3D-Modelle verwandelt, die dann quasi als Plots auf herkömmliche zeitgenössische Bauten appliziert werden, um als Motive für die Erzeugung neuer technischer Bilder zu dienen.
Architektur wird Teil der immer stärker dominierenden digitalen Bilderzirkulation. Damit wird sie weitgehend auf das reine äußere Abbild reduziert. Künstliche Intelligenz wird dabei helfen, sich dabei zukünftig nicht auf den originalgetreuen Nachbau verloren gegangener Bauten beschränken zu müssen, sondern auch fiktive „historische“ Bauten errichten zu können, wie dies auch bereits ohne KI in Ungarns und Polen geschehen ist.
Fassadenkonsum statt Baukultur
Symptomatisch für die Bildfixiertheit dieser Trends sind die Social-Media-Plattformen von Architectural Uprising oder Architectural Rebellion, die einen extrem verflachten, polarisierenden Kulturkampf führen. Sie verstehen sich als Retter der westlich-abendländischen Kultur, in dem sie alles Moderne verteufeln und alles Neotraditionelle zelebrieren.
Der ganze „Diskurs“ besteht dabei lediglich aus einer endlosen Folge von Fassadenfotos, die entweder gelikt oder gebasht werden. Es ist ein touristischer Blick des schnellen Bilderkonsums – ohne Substanz, aber mit Effekt.
Zuletzt erschienen unter dem Titel „Great again“ im Magazin des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026
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