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„Fassadenkonsum statt Baukultur“ Identitätspolitik in Stein

Rekonstruktion ist selten nur Nostalgie: Philipp Oswalt beschreibt, wie rechtspopulistische Akteure mit historisierender Architektur den Bruch mit der liberalen Demokratie vorbereiten.

Philipp Oswalt
15.06.2026 2min
Nahaufnahme einer Person in einem dunklen Anzug und einer roten Krawatte. Die Person hält zwei kleine, weiße Architekturmodelle eines Triumphbogens in den Händen. Ein größeres, gleichartiges Modell mit einer goldenen, geflügelten Figur an der Spitze steht im Vordergrund auf einer Oberfläche. Im Hintergrund hängt ein goldfarbener Vorhang mit Muster.
© AFP/Getty Images

Make XY great again“ – der omnipräsente Slogan des globalen Rechtspopulismus idealisiert einen früheren Zustand, den man wiedergewinnen will, und diskreditiert die Gegenwart. Am Pranger stehen Liberalismus und Wokeness, glorifiziert wird Nation, Tradition, Familie und weiße Männlichkeit. In Architektur übersetzt heißt dies Moderne-Bashing und die Nachbildung historischer Symbolbauten, klassizistischer Monumente und Wohnviertel in neotraditionellen Stilen des New Urbanism oder Heimatschutzes. 

In Washington will ­Donald Trump einen klassizistischen Triumphbogen und einen eben klassizistischen Ballroom als neuen East Wing des Weißen Hauses errichten, in Budapest hat ­Victor ­Orban in den letzten 15 Jahren den Burgdistrikt in Buda historistisch rekonstruieren lassen, in Indien wurde unter ­Narendra ­Modi die Babri-­Moschee abgerissen und durch die Rekonstruktion des einstigen hinduistischen Ayodhya-Tempels ersetzt.

Kein Deutscher Sonderweg 

In Moskau war man etwas schneller und hat bereits vor mehr als 20 Jahren die Christ-Erlöser-Kathedrale als symbolisches Zentrum der mit ­Putin eng verbundenen Russisch-­Orthodoxen Kirche originalgetreu wiederaufgebaut. Wenn man sich diese internationale Entwicklung vor Augen führt, wird deutlich, dass es sich beim ­Humboldt Forum / ­Berliner Schloss und der Garnison­kirche ­Potsdam nicht um einen deutschen Sonderweg handelt. 

Sie sind Teil eines globalen Trends, mit staatlichen Symbolbauten eine identitätspolitische Agenda zu verfolgen und durchzusetzen. Dies als Neokonservatismus zu verstehen, wäre eine Verharmlosung. Die rechtspopulistischen und rechtsautoritären Promotoren verfolgen mit ihren politischen Programmen einen Systembruch, der die liberalen, pluralen Demokratien der Gegenwart durch einen neuen Autoritarismus ablösen soll. Und auch sonst sind sie keineswegs so traditionsverhaftet, wie es den Anschein haben mag.

Rekonstruktion als technisches Bild 

Die AfD verbreitet ihr Bauhaus-­Bashing und ihre Reko-Propaganda bevorzugt auf Social-­Media-­Plattformen von YouTube bis TikTok. Die Verbindung reaktionärer Ideologie mit digitaler Technologie ist symptomatisch. Auch die Rekonstruktionsarchitekturen selbst entstehen aus der Prozessierung technischer Bilder: Historische Fotografien werden in digitale 3D-Modelle verwandelt, die dann quasi als Plots auf herkömmliche zeitgenössische Bauten appliziert werden, um als Motive für die Erzeugung neuer technischer Bilder zu dienen. 

Architektur wird Teil der immer stärker dominierenden digitalen Bilder­zirkulation. Damit wird sie weitgehend auf das reine äußere Abbild reduziert. Künstliche Intelligenz wird dabei helfen, sich dabei zukünftig nicht auf den originalgetreuen Nachbau verloren gegangener Bauten beschränken zu müssen, sondern auch fiktive „historische“ Bauten errichten zu können, wie dies auch bereits ohne KI in Ungarns und Polen geschehen ist.

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Fassadenkonsum statt Baukultur 

Symptomatisch für die Bildfixiertheit dieser Trends sind die Social-Media-Plattformen von Architectural Uprising oder Architectural Rebellion, die einen extrem verflachten, polarisierenden Kulturkampf führen. Sie verstehen sich als Retter der westlich-abendländischen Kultur, in dem sie alles Moderne verteufeln und alles Neotraditionelle zelebrieren. 

Der ganze „Diskurs“ besteht dabei lediglich aus einer endlosen Folge von Fassadenfotos, die entweder gelikt oder gebasht werden. Es ist ein touristischer Blick des schnellen Bilderkonsums – ohne Substanz, aber mit Effekt.


Zuletzt erschienen unter dem Titel „Great again“ im Magazin des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026

Ein Mann mit kurzen, grauen Haaren steht lächelnd im Freien auf einer Steintreppe. Er trägt einen dunkelgrünen Strickpullover und dunkle Hosen, wobei er die Hände in den Taschen hält. Der Hintergrund zeigt ein Backsteingebäude mit großen Fenstern und einer Glastür.
Zur Person

Philipp Oswalt

Architekt und Publizist 

Philipp Oswalt ist Architekt und Publizist und seit 2006 Professor für Architekturtheorie und Entwurf an der Uni Kassel.1988-1994 Redakteur der Architekturzeitschrift Arch+, 1996/97 Mitarbeiter im Büro OMA/ Rem Koolhaas, 2009 - 2014 Direktor der Stiftung Bauhaus Dessau. Leiter bzw. Co-Leiter der Forschungs- und Kulturprojekte Urban Catalyst 2001 – 2003, ZwischenPalastNutzung/ Volkspalast 2004, Schrumpfende Städte (Kulturstiftung des Bundes 2002-2008), Projekt Bauhaus (2015-2019), Forschungsstelle Geschichte der Ökologischen Bauens (seit 2024). Co-Initiator von lokalen zivilgesellschaftlichen Initiativen zu Architektur und Stadt in Berlin, Potsdam, Kassel und Frankfurt am Main.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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