La deutsche vita, oder: Zukurzspringen für Anfänger
Landauf, landab wird über die Umstrukturierung und die Schließung von Lehrstühlen diskutiert, die mit der Architekturausbildung eng verflochten sind. Die Diskussion mag nachvollziehbar sein, wird aber oft auf reine Quantitäten reduziert.
Der Architekturfakultät der Bergischen Universität Wuppertal drohte wegen einschneidender Kürzungen der Landesmittel ab 2026 die Schließung. In Hessen sieht der im Entwurf vorliegende Hessische Hochschulpakt für die Jahre 2026 bis 2031 finanzielle Rahmenbedingungen vor, die nichts anderes sind als strategische Nicht-Wiederbesetzungen altersbedingt frei werdender Stellen – unter dem Deckmantel weitreichender Haushaltskonsolidierungen. Auch aus der Bundeshauptstadt sind bemerkenswerte Nachrichten zu vernehmen.
An der Technischen Universität Berlin (TU) wird aktuell das prestigeträchtige Architekturgebäude, zwischen 1966 und 1968 nach Plänen des Architekten Bernhard Hermkes realisiert, zum Ausdruck einer Haltung von Zerstörung durch Unterlassung. Wasserschäden in der Notstromanlage, defekte Brandschutzsysteme und Fluchtwegleuchten, nicht ausreichende Löschwasserversorgung: Das ganze Gebäude ist hochgradig sanierungsbedürftig. Der Bereich Landschaftsarchitektur an der TU Berlin wird konsequent klein- bis kaputtgespart: Bis zu 30 % der gesamten Lehrkapazitäten in der Landschaftsarchitektur sollen gestrichen werden, unter anderem durch die Herabstufung von frei werdenden Professuren zu einfachen Hochschuldozenturen, wie Norbert Kühn, Leiter des Fachgebiets Vegetationstechnik und Pflanzenverwendung, in einem Interview mit „Stadt + Grün“ im August 2025 deutlich machte.
Viele Planende, wenig Bauvolumen
Gut so. In Deutschland gibt es ohnehin zu viele Architekt:innen. Laut der Sector Study 2024 des Architects’ Council of Europe (ACE) gab es 2024 in Europa insgesamt rund 580.000 Architekt:innen. Die meisten davon arbeiten in Italien und Deutschland. Hierzulande kamen demnach 120.200 Architekt:innen auf 83.445.000 Einwohnende, im Schnitt also 1,4 Architekt:innen pro 1.000 Menschen im Land. Folgt man der Bundeskammerstatistik vom 1. Januar 2026, sind zwei Jahre nach der letzten Sector Study bundesweit 114.285 Hochbauarchitekt:innen, 6.685 Stadtplaner:innen, 7.814 Landschaftsarchitekt:innen und 6.079 Innenarchitekt:innen gemeldet.
Insgesamt gibt die Bundesarchitektenkammer an, 142.347 Mitglieder zu verzeichnen. Dazu kommen jene, die in Architekturbüros arbeiten, also das tun, was Architekt:innen eben so tun, aber nicht in den Kammern eingetragen sind. Fachleute schätzen, dass das deutschlandweit 60.000 bis 80.000 weitere Personen sind. Dies ergäbe insgesamt einen Kreis von 200.000 bis 220.000 Menschen, die sich um das zur Verfügung stehende Bauvolumen balgen.
63
Standorte in Deutschland bieten einen Studienplatz in Architektur, Innenarchitektur, Landschaftsarchitektur und Stadtplanung an.
1,4
Hochbauarchitekten pro 1.000 Einwohnern gibt es in Deutschland. Zum Vergleich: 0,87 Zahnärzte und 18 Betriebswirte.
Gesundschrumpfen als Lösung?
Zu viele, meinen nicht wenige. Die Entwicklungen sind schließlich evident: immer weniger Wettbewerbe, immer weniger davon offen, dafür drastische Zulassungsbeschränkungen der Verfahren, die es selbst etablierten Büros mitunter nicht erlauben, an ihnen teilzunehmen oder wenigstens einmal wieder etwas anderes als eine Kindertagesstätte mit drei Gruppen zu bauen. Helfen, so die These, könnte ein Gesundschrumpfen. Zumal das System aktuell Hochschulen für Quantitäten belohnt: Kurz, wer möglichst viele junge Leute ausbildet, bekommt das meiste Geld.
Schließungen von Ausbildungsstätten könnten also ein Schlüssel sein, das ausgemachte Problem in den Griff zu bekommen. Die einfache Formel: Wenn es weniger Orte gibt, an denen ausgebildet wird, gibt es irgendwann weniger Architekt:innen – und damit schrumpft sich der Berufsstand mittelfristig gesund, es müssen nicht immer wieder zu viele Büros um zu wenige Aufträge konkurrieren und sich in einem vermeintlichen Leistungs- und tatsächlichen Preiskampf gegenseitig ausstechen. Über die Art der Verfahren, Chancengleichheit und Marktzugänglichkeit haben wir dabei noch gar nicht gesprochen. Sparauflagen vor Augen und derlei Gedankenspiele im Hinterkopf, wird also in Deutschland der Rotstift an der architektonischen Ausbildung angesetzt.
Welche Kompetenzen benötigen Architekt:innen und Stadtplaner:innen im Anthropozän?
Davis Kasparek
Sparen mit Folgen
Gehen Professor:innen in den Ruhestand, werden ihre Lehrstühle nicht nachbesetzt, wie Beispiele aus unterschiedlichen Städten des Landes zeigen. Grundlagenfächer wie Architekturgeschichte oder -theorie werden ganz grundlegend infrage gestellt, anderswo wird gleich die Schließung ganzer Fakultäten in Betracht gezogen. Was auf den ersten Blick ebenso nachvollziehbar wie sinnfällig erscheint, erweist sich bei genauer Betrachtung als fatal kurzsichtig.
Zwar haben im Fall der Architekturausbildung in Wuppertal Proteste vonseiten des BDA, des BDB, der Architects for Future und der Kammer inzwischen dafür gesorgt, dass der Studiengang erhalten bleibt, mindestens fraglich bleibt dennoch einiges. Im März 2026 beschloss der zuständige Fakultätsrat einstimmig eine Neuausrichtung der Architektur-Studiengänge, die eine vollständige Schließung formal abwendet, allerdings mit merklichen strukturellen Einschnitten in das Lehrprofil einhergeht. Die Reduzierung auf lediglich sechs genuin der Architektur zugehörige Professuren soll durch eine Erhöhung der fakultätsübergreifenden Interdisziplinarität aufgefangen werden. Ab dem Wintersemester 2028/29 sollen jeweils ein entsprechend neu strukturierter Bachelor- und Masterstudiengang Architektur angeboten werden.
Völlig unberührt bleiben in diesem konkreten Fall, aber mehr noch bei allen anderen mehr oder minder subtilen Sparmaßnahmen, jedoch die Fragen nach Qualitäten. Bevor also wahllos hier ein bisschen und dort ein wenig rationiert wird, sollten sich alle Verantwortlichen fragen, was genau eigentlich gelehrt wird. Welche Kompetenzen benötigen Architekt:innen und Stadtplaner:innen im Anthropozän? Mit welchen Anpassungsmaßnahmen des Stadt- und Hausbaus lassen sich die Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels antizipieren?
2.864.122
Studierende gab es in Deutschland zum Wintersemester 2024/25 – in 300 Studienfächern von A wie Abfallwirtschaft bis Z wie Zahnmedizin. Spitzenreiter sind Betriebswirtschaftslehre (229.753), Informatik (152.472), Allgemeinmedizin (117.916), Psychologie (116.474) und Rechtswissenschaft (115.272).
57.301
in Architekturfächern laut Statistik zum Wintersemester 2024/25 in Deutschland.
Qualität vor Quantität
Muss die Lehre im Anthropozän überhaupt eine andere sein oder sind mehr denn je die generalistischen Grundtugenden des vitruvianischen Baumeistertums gefragt?
Qualitäten müssten benannt statt Quantitäten angenommen werden. Es müsste nachvollziehbar gemacht werden, warum Lehrstühle oder ganze Fachbereiche inhaltlich, und damit fachlich, nicht mehr vonnöten sind. Vielleicht wäre dann ein Schrumpfen des Berufsstands tatsächlich möglich und eventuell sogar heilsam. Doch ach, Ausbildung ist Ländersache, die Länder stehen miteinander im Wettbewerb um die besten Köpfe und schließlich lässt sich Förderung am leichtesten durch reine Mengenlehre bemessen, sodass sich die Katze spätestens hier wieder in den eigenen Schwanz beißt. Da stimmt es dann auch nicht tröstlich, wenn es sich beim angesetzten Sparstift um einen roten Penxacta handeln sollte.
Wie der Nachwuchs selbst auf Ausbildung, Beruf und Kammern blickt, zeigen die Nachwuchskolumnen auf dabonline.de/nachwuchs
Quellen
Quellen
FACTS & FIGURES, Die Vermessung der Branche Architektur, BAK 2026; Statistisches Bundesamt (Destatis), 2026 (SF013 Architektur, SF242 Innenarchitektur, SF093 Landschaftsgestaltung, SF134 Raumplanung)
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Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026.
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