Institutionelle Dehnübung
Die Neue Architekturschule Siegen erprobt nicht nur ein anderes Curriculum. Auch Rollen, Räume und institutionelle Routinen geraten in Bewegung.
Eine Woche lang wurde im September 2026 an der Universität Siegen trainiert – allerdings weder Tragwerksplanung noch Entwerfen oder Modellbau. „Future Curricula Circuit Training“ hieß die vierte Summer School der Neuen Architekturschule Siegen, die von Jan Kampshoff, seit 2026 Professor für Raumkonzeption und Entwerfen und Studiengangsleiter des Bachelorstudiengangs Architektur, und der Referentin Dr. Hannah Schiefer von der Universität Siegen geleitet wurde. An verschiedenen Stationen ging es um Berufsbilder, Macht und Hierarchien, Kompetenzen und Didaktik, Selbstorganisation und institutionelle Veränderung. Workshops wechselten sich mit Gesprächen, Podcasts und gemeinsamen Essen ab.
Im Vorfeld war die Summer School als „institutionelle Dehnübung“ bezeichnet worden. Dieser Begriff trifft den Versuch ziemlich gut. Denn in Siegen wird weniger für ein bestimmtes Ergebnis trainiert als die Beweglichkeit der Institution. Ausgangspunkt ist die Frage, was Architekturstudierende künftig lernen sollen. Diese Frage führt allerdings zu einer zweiten: Wie muss eine Schule beschaffen sein, die anders lehren will?
Was und wie?
Neue Anforderungen an den Beruf lassen sich nicht allein dadurch beantworten, dass zusätzliche Inhalte in ein bestehendes Curriculum aufgenommen werden. Für Jan Kampshoff beginnt die Debatte deshalb nicht beim Lehrplan. Ihn beschäftigt die Frage, worauf eine Architekturausbildung vorbereiten soll, wenn sich die Bedingungen des Bauens und damit auch das Berufsbild verändern. Damit geht es nicht nur darum, welche Inhalte künftig vermittelt werden sollen, sondern auch darum, wie gelernt wird und welches Verständnis von Architektur der Ausbildung zugrunde liegt.
Auch die Rolle der Lehrenden steht damit zur Debatte. Muss die Lehre für jede neue Frage bereits eine Antwort bereithalten? Kampshoff beschreibt Lehre eher als gemeinsamen Erkenntnisprozess. In einem seiner Lehrformate arbeiten die Studierenden mit ihm und untereinander. Projekte überschneiden sich zeitlich und Wissen entsteht im Austausch. Er bezeichnet das als offenen „Verhandlungsraum“. Hier setzt auch der Gedanke des Unlearnings an: Dabei soll Wissen nicht vergessen werden, sondern eingeübte Selbstverständlichkeiten sollen wieder bewusst verlernt werden, um Raum für neue Herangehensweisen zu schaffen. Wer vermittelt Wissen an wen? Wie viel Kontrolle braucht ein Lernprozess?
Vom Curriculum zum Raum
„Räume sind gebaute Curricula“, zitiert Kampshoff einen Satz aus einer Diskussion unter Hochschullehrenden. In Siegen lässt sich dieser Zusammenhang derzeit unmittelbar beobachten. Das Department soll vom Campus am Stadtrand in die Innenstadt ziehen. Sein neues Zuhause wird kein Neubau, sondern das ehemalige Druckhaus der Siegener Zeitung: ein zweigeschossiger Betonskelettbau aus den 1970er-Jahren. Schon vor dem Umbau dient es als Lern- und Verhandlungsraum, in dem Studierende, Lehrende und Gäste neue Formen des Lehrens und Zusammenarbeitens erproben.
Der Planungsprozess für den Umbau begann 2023 ebenfalls mit einer Summer School. Sechs Architekturbüros entwickelten gemeinsam mit Studierenden und Lehrenden Konzepte für die Neue Architekturschule; drei Teams wurden anschließend für eine Mehrfachbeauftragung ausgewählt. Den ersten Platz erhielt der Entwurf von FAKT und Gustav Düsing. Auch die Aufgabenstellung hielt vieles offen: Statt eines detaillierten Raumprogramms war lediglich eine maximale Nutzfläche vorgegeben. Der erstplatzierte Entwurf erhält den Bestand, ergänzt ihn um einen leichten Aufbau und hält die Raumaufteilung flexibel.
Für Kampshoff liegt darin eine grundsätzliche Verbindung zur Lehre. Beim Umgang mit Bestand müsse man zunächst lernen, den vorhandenen Raum zu „lesen und verstehen“. Das „Arbeiten mit dem, was da ist“ überträgt er ausdrücklich auch auf personelle und institutionelle Strukturen. Weder das Druckhaus noch die Institution werden auf leerem Grund entworfen. Mit dem Umzug in die Innenstadt erweitert sich zugleich der Lernraum: Bestand, Leerstand, Nachbarschaft und Stadtöffentlichkeit rücken näher an die Schule.
Die Summer School hat gezeigt, dass Transformation dort beginnt, wo Menschen Räume und Strukturen gemeinsam in Gebrauch nehmen und neu denken. Was sich bewährt, muss nun in den Alltag der Hochschule übergehen.
Jan Kampshoff
Vom Versuch zum Alltag
Beim „Future Curricula Circuit Training“ wurden aus Fähigkeiten wie Reparieren, Bricolage, kritischem Denken oder dem Arbeiten mit dem kleinstmöglichen Eingriff mögliche Lehrformate entwickelt. Andere Stationen beschäftigten sich mit Berufsbildern, Hierarchien oder Selbstorganisation. Die Summer School kann solche Veränderungen zunächst auf Zeit erproben. Die eigentliche institutionelle Dehnübung beginnt dort, wo sich entscheidet, was davon Bestand haben kann. Dann treffen neue Arbeitsweisen auf bestehende Abläufe, Zuständigkeiten und Regeln. Dazu gehört für Kampshoff auch, Verantwortung zu übertragen. Mit Bezug auf Hartmut Rosas „Hermeneutik des Zutrauens“ geht es ihm darum, Situationen zu schaffen, in denen Studierende Verantwortung übernehmen können.
Was davon dauerhaft Teil der Neuen Architekturschule wird, ist noch offen. Insofern ähnelt die institutionelle Dehnübung dem Umbau des Druckhauses: Aus dem Vorhandenen soll etwas anderes entstehen.
DAB Redaktion
Das könnte Sie auch interessieren
Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen
Entdecken Sie die Welt der Architektur –
jetzt im exklusiven DAB Update!