„Jung ist man im Kopf“
Kammerkommentar: Wer in der Kammer Positionen vertritt, ist Teil einer diskursiven Kultur: gerne leidenschaftlich, aber begründungspflichtig.
Nach bald zwölf Jahren als Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg ist eine Bilanz naheliegend. Zwölf Jahre sind eine Zeitspanne, die es gestattet, einen resümierenden Blick zurückzuwerfen und – im besten Falle – visionäre Ratschläge zu geben. Wie haben sich die Bedingungen für die Architekt:innen und Stadtplaner:innen verändert? Konnte man etwas bewirken? „Junge Köpfe, junge Ideen“, das Thema dieses DAB-Magazins, ist ein guter Anlass für eine solche Rückschau.
„Jung ist man im Kopf.“ Das könnte eine gute Überschrift für mein Fazit sein. Bei allen Anstrengungen und Pflichten, die mit so einem Amt verbunden sind, überwiegt die Faszination für einen Beruf, der unfassbar viele „junge Köpfe“ hervorbringt: Sie alle haben neue, manchmal brillante Ideen – in Bezug auf Gestaltung und Materialität, auf Prozesse, ethische Grundsätze und fachliche Schlussfolgerungen. Es geht ihnen um eine gute Zukunft. Zu Recht reiben sich die jungen, kreativen Köpfe an sinnfreien Strukturen und starren Regeln. Das war vor zwölf Jahren nicht anders als heute.
Architektenkammern sind kraft Gesetzes an den staatlichen Auftrag, Strukturen und jede Menge Regularien gebunden. Sie sind keine Pop-ups, an die man für die Dauer einer spektakulären Aktion andockt, zugleich weder monothematisch noch erstarrte Konstrukte. Kammern sind veränderbar, von innen heraus. Meine Idee als Präsident war von Anfang an die einer pluralistischen Kammer in einer pluralistischen Gesellschaft. Der Diskurs ist das Ideal der Repräsentation der unterschiedlichen architektonischen Strömungen, der verschiedenen regionalen Prägungen und beruflichen Umfelder. Wer in der Kammer Positionen vertritt, ist Teil dieser diskursiven Kultur: gerne leidenschaftlich, aber begründungspflichtig. So kann man sich ganz gut ins System einfädeln und es verändern – oder besser: weiterentwickeln.
Wenn also die jungen Kolleg:innen den Schritt wagen, erleben sie nicht nur eine anregende, bereichernde Gemeinschaft. Sie können auch Teil einer „Kämpfer-Kammer“ werden, die auch ungewohnte Bündnisse und Koalitionen eingeht und die Realisierbarkeit im Blick hat. Schließlich auch einer Kammer, die die Interessen des Berufsstandes gegenüber einer Politik vertritt, die dem Planen und Bauen oft genug ihren jeweiligen Stempel aufdrücken will, oder gegenüber Bürokratien, die bisweilen zähe Beharrungskräfte zeigen. Der Gebäudetyp E, die Holzbauoffensive, Nachhaltigkeitszertifizierungen, bauwerkintegrierte Photovoltaik – all dies sind auch Ergebnisse hartnäckiger, konstruktiver Kammerarbeit. Nach zwölf Jahren als Präsident der AKBW gilt mein Werben deshalb vor allem einer Eigenschaft, die einem im Zusammenhang mit Architektur und Baukultur vielleicht nicht zuerst einfällt, ohne die die besten Ideen aber verpuffen: der Beharrlichkeit. Sie wird belohnt.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für die Region Baden-Württemberg.
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