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Zu Gast in Hannover: Weltausstellung in Deutschland, 26 Jahre später

Im Jahr nach der Expo 2025 in Osaka lohnt sich ein Blick nach Hannover. Kaum ein anderer Ort in Deutschland eignet sich besser, um zu beobachten, was von einer Großveranstaltung nach ihrem Ende bleibt.

Nils Marius Kirschstein
06.07.2026 8min
Aus dem holländischen Pavillon, zu Zeiten der Weltausstellung eine Ikone einer vertikal geschichteten Landschaft, wird ein Arbeits- und Begegnungsort. Architektur: MVRDV, Rotterdam © Olaf Mahlstedt

18 Millionen Menschen lockte die Expo 2000, die erste offizielle Weltausstellung auf deutschem Boden, auf das 160 ha große Gelände in Hannover. 155 Staaten und 27 internationale Organisationen beteiligten sich an einer Weltausstellung, die später sehr unterschiedlich bewertet werden sollte. Das Bureau International des Expositions, die Organisation, die bei der Vergabe der Weltausstellungsorte den Hut aufhat, verlangte von den Gastgebern, die spätere Nutzung von Gelände und Infrastruktur von Beginn an mitzudenken. Hannover formulierte diesen Anspruch offensiv und muss sich bis heute daran messen lassen.

Wer gegenwärtig über die Expo Plaza geht, bewegt sich durch einen Ort, der sich einfachen Zuschreibungen entzieht. Hier hat sich zwischen Hochschulcampus, Gewerbestandort, Veranstaltungsfläche und Erinnerungsraum eine vielschichtige Stadtlandschaft entwickelt, die sich im Laufe der Jahre immer wieder neuen Anforderungen angepasst hat.
 

Ein Bauwerk verdeutlicht diese Entwicklung sehr eindrücklich: der holländische Pavillon. Der Entwurf von MVRDV galt im Jahr 2000 als Ikone einer vertikal geschichteten Landschaft und wurde international als wegweisender Beitrag zum ökologischen Bauen rezipiert. Nach dem Ende der Weltausstellung folgte jedoch eine jahrelange Phase des Leerstands. Zahlreiche Versuche, dem Gebäude neues Leben zu geben, blieben erfolglos. Das Projekt „Expo Pavilion 2.0“ wird das Gebäude nun zu einem Arbeits- und Begegnungsort weiterentwickeln, ergänzt durch Neubauten mit studentischem Wohnraum. 2022 begann die Vermarktung der Mikroapartments, drei Jahre später zogen die ersten Bewohnerinnen und Bewohner ein – mehrheitlich Studierende der nahe gelegenen Hochschule Hannover. Eben diese Hochschule hat den ehemaligen Expo-Standort früh in ihren Campus integriert. Bereits im Herbst 2001 nahm das Kurt-Schwitters-Forum dort seinen Betrieb auf. Seit 2011 nutzt die Hochschule außerdem den früheren Bertelsmann-Pavillon „Planet M“, heute Planet MID, als Sitz von Präsidium, Verwaltung und weiteren Einrichtungen. Aus einem temporären Unternehmenspavillon wurde dauerhafte Bildungsinfrastruktur.

Die Expo 2000

Der Pavillon des Gastgeberlandes Deutschland während der Bauphase. © ZB / picture-alliance

Im Jahr 2000 fand auf 160 ha in Hannover die erste offizielle Weltausstellung auf deutschem Boden statt. 155 Staaten und 27 internationale Organisationen waren beteiligt, rund 18 Millionen Menschen besuchten das Gelände – eine Zahl, die damals hinter den Erwartungen zurückblieb und der Expo lange den Ruf eines wirtschaftlichen Misserfolgs einbrachte. Das Bureau International des Expositions verlangte von den Gastgebern, die spätere Nutzung von Gelände und Infrastruktur von Beginn an mitzudenken – ein Anspruch, an dem sich Hannover bis heute 

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Der Christus-Pavillon der Expo 2000 an seinem neuen Standort in Volkenroda. © Historiker1607 / Creative Commons

An diesem Hochschulstandort entwickelte sich zugleich ein kulturelles Nachleben der Expo. Seit 2008 fand hier im zweijährigen Rhythmus das LUMIX Festival für jungen Bildjournalismus statt, veranstaltet von der Hochschule Hannover gemeinsam mit FREELENS und jeweils mit rund 40.000 Besuchenden. Mit dem Rückzug des Hauptsponsors Panasonic wurde das Festival zunächst ausgesetzt. Dennoch bleibt seine Geschichte bemerkenswert.

Auch andere Pavillons haben ihren Platz im Stadtgefüge gefunden. Der belgische Pavillon lebt als Peppermint Pavillon mit Musikstudios, Veranstaltungsflächen und Produktionsräumen weiter. Der ehemalige französische Pavillon dient seit Jahren als BMW-Standort am Expo Park.

Der dänische Pavillon nahm eine besondere Entwicklung. Das Architektur- und TGA-Planungsbüro Carsten Grobe Passivhaus sanierte den Gebäudekomplex und führte ihn primärenergetisch zum Plusenergiestandard. Heute beherbergt das Ensemble sowohl das Planungsbüro als auch eine Eventlocation. Ein hoch energieeffizientes Gebäude, dessen verbleibender Energiebedarf durch erneuerbare Energien gedeckt wird. Hier wurde ein Expo-Bau nicht lediglich erhalten, sondern technisch auf ein zeitgemäßes Niveau weiterentwickelt.

Außergewöhnlich ist auch die Weiterverwendung des „Expowals“, des früheren „Pavillons der Hoffnung“. Zur Expo 2000 von CVJM, World Vision Deutschland und der Deutschen Evangelischen Allianz errichtet, wurde er damals zum offiziellen Wahrzeichen der Weltausstellung gewählt. Heute dient er als Veranstaltungsort und als Raum für Gottesdienste – das Geheimrezept? Ebenso weitergenutzt wird der Christus-Pavillon, eine Gemeinschaftsbeauftragung der evangelischen und katholischen Kirche, wenn auch nicht an gleicher Stelle. Der vom Büro Gerkan, Marg und Partner entworfene Sakralbau wurde nach der Expo fast vollständig und in gleicher Weise im Kloster Volkenroda in Thüringen wiederaufgebaut und übernimmt dort die Rolle des nicht mehr erhaltenen Längsschiffs der historischen Klosterkirche.

Nicht jeder Pavillon der Expo 2000 fand eine tragfähige, langfristige Zukunft, so diente der deutsche Pavillon nach 2015 zeitweise als Flüchtlingsunterkunft. Langjährige Überlegungen für eine kulturelle Nachnutzung sind bis heute nicht realisiert worden. Während der Corona-Pandemie entstand in Halle 25 auf dem Messegelände ein Impfzentrum, 2022 wurde Halle 27 als Behelfsunterkunft für Geflüchtete aus der Ukraine eingerichtet. Großartig, solche Möglichkeiten zu haben, dauerhafte Lösungen sind es aber nicht.
 

Fiel 2016 einem Großbrand zum Opfer: der spanische Pavillon. © Axel Hindemith / Creative Commons

Zum Bild gehören allerdings auch die Verluste. Der spanische Pavillon fiel 2016 einem Großbrand zum Opfer. Der litauische Pavillon wurde nach Jahren des Leerstands ebenfalls von Bränden beschädigt, schließlich 2024 vollständig abgerissen. Viele weitere Pavillons wurden abgerissen, abgebaut oder rangen jahrelang um eine Weiternutzung, nicht immer mit versöhnlichem Ende.

Blick in die Geschichte: Im Zuge der Expo 2000 entstand ein Quartier nach „ökologischen Standards der Stadt Hannover“. © Bärbel Miemietz / Creative Commons

Am nachhaltigsten wirkte die Weltausstellung am Kronsberg. Der nahe dem Expo-Gelände neu entstandene Stadtteil der Landeshauptstadt gilt bis heute als Modellprojekt für ökologisches Bauen und Wohnen im Sinne der Agenda 21. Bis zur Expo entstanden hier unter großer internationaler Beobachtung knapp 3.000 Wohnungen nach hohen ökologischen Standards. Es entstand ein lebendiges Wohnquartier und nicht – wie bei so vielen Großveranstaltungen – ein isoliertes Ausstellungsgelände. Mit dem „Kronsberg-Standard“ wurde für Neubauten ein maximaler Heizenergiebedarf von 55 kWh pro qm und Jahr festgelegt, der in Deutschland über ein Jahrzehnt als anerkannter Maßstab für Niedrigenergiegebäude galt. 

Die „ökologischen Standards der Stadt Hannover“ definierten darüber hinaus integrierte Konzepte für Regenwassermanagement, Bodenschutz oder auch Abfallwirtschaft. Sie setzten nicht nur weltweit neue Maßstäbe für die energetischen Standards und deren Qualitätssicherung in der Umsetzung, sondern machten auch weit über die Expo-Zeit hinaus Vorgaben für das ressourcensparende Bauen und die Verwendung von Baumaterialien. Parallel dazu entstand im Vorfeld der Expo das Klimaschutzprogramm KLEX, 2001 folgte die Gründung der Klimaschutzagentur Region Hannover.

Was ist der Kronsberg-Standard?

Im Zuge der Expo 2000 entstanden am Kronsberg in Hannover rund 3.000 Wohnungen nach hohen ökologischen Standards. Für die Neubauten galt eine strenge energetische Vorgabe: maximal 55 kWh Heizenergiebedarf pro qm und Jahr – ein für die Jahrtausendwende ungewöhnlich niedriger Wert, deutlich unter dem, was die damalige Wärmeschutzverordnung verlangte. Über ein Jahrzehnt lang galt der Kronsberg-Standard bundesweit als anerkannter Maßstab für Niedrigenergiegebäude, bevor sich Begriffe wie KfW-Effizienzhaus oder Passivhaus im heutigen Sinne durchsetzten.

Ergänzt wurde er durch die „ökologischen Standards der Stadt Hannover“, die zusätzlich Regenwassermanagement, Bodenschutz und Abfallwirtschaft integrierten.

Damals offiziell zum Wahrzeichen der Expo gewählt und langfristig genutzt: Im Expowal finden jetzt Gottesdienste statt. © Geisler-Fotopress / picture-alliance

Doch nicht nur Wohngebäude hinterlassen ihre bleibenden Spuren. Durch die Maßstäbe, die an die Expo 2000 gestellt wurden, wurde die Infrastruktur, besonders der ÖPNV, massiv ausgebaut. Ausbau und Vorrangschaltung der Stadtbahnen und Busse, Sanierung des Hauptbahnhofs, 24 km neue Eisenbahnstrecke im Umland von Hannover, neue Autobahnen – die Liste der Maßnahmen ist lang. Der öffentliche Nahverkehr in Hannover zählt bundesweit seitdem zu den besten Infrastrukturnetzen deutscher Großstädte.

Was für ein Bild liefert Hannover nun für die Debatten rund um Olympische Spiele, Fußball-Weltmeisterschaften oder künftige Events ähnlicher Dimensionen? Ein differenziertes. Einige Pavillons verfielen über Jahre, andere Gebäude gingen verloren oder teilten ein ähnliches Schicksal, manche Flächen fanden erst mit erheblicher Verzögerung eine neue Bestimmung. Dennoch genießt die Expo 2000 auch über ein Vierteljahrhundert später eine bemerkenswerte, aber nicht verwunderliche positive Präsenz in der öffentlichen Wahrnehmung. Im Jubiläumsjahr 2025 rückten Führungen, Ausstellungen und mehrere geöffnete Pavillons unter dem Motto „#Expo2000Revisited“ das Gelände erneut in den Fokus. Wer über die Zukunft großer Veranstaltungen nachdenkt, findet in Hannover kein perfektes Beispiel, aber einen realistischen und – verglichen mit vielen vergangenen internationalen Groß-Events – erfolgreichen Übergang ins Heute.

FAQ: Weitere Expo-Pavillons im Überblick

Sind alle Pavillons erhalten?

Der litauische Pavillon der Expo 2000. © Axel Hindemith / Crea-tive Commons CC BY-SA 3.0

Nein. Mehrere Pavillons wurden abgerissen oder durch Brände zerstört: So fiel der spanische Pavillon 2016 einem Großbrand zum Opfer, der litauische Pavillon wurde nach Brandschäden 2024 abgerissen.
 

Bei welchen Pavillons wurde das Material andernorts wiederverwendet?

Der Schweizer Pavillon wurde zu einem Ausstellungsgebäude an CERN. © Henry Mühlpfordt / Creative Commons

Der Schweizer „Klangkörper"“von Peter Zumthor war von vornhe-rein als temporäre Holzkonstruktion konzipiert: Rund 60 % des Holzes wurden verkauft und bei Banteln verbaut, der Rest kam bei der Expo.02 in der Schweiz zum Einsatz. Die Steine des jor-danischen Pavillons wurden für einen Gastronomiebetrieb auf dem Klagesmarkt in Hannover verwendet, der inzwischen aller-dings selbst wieder abgerissen ist.

Wurden Pavillons auch im Ganzen transloziert?

Der Abbau des Christus-Pavillons für den Transport nach Volken-roda. © ZB / picture-alliance

Ja, einige wurden komplett an einen neuen Standort versetzt. Der mexikanische Pavillon wurde nach Braunschweig transloziert und dient dort der Hochschule für Bildende Künste als Bibliothek. Auch der Christus-Pavillon wurde im Ganzen ins Kloster Volken-roda (Thüringen, bei Mühlhausen) versetzt und wird dort als Längsschiff der Klosterkirche genutzt.

Nils Marius Kirschstein

Referent Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Architektenkammer Niedersachsen DAB Redaktion Niedersachsen
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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