IPA versus Wettbewerbe: Welche Verfahren braucht unsere Baukultur?
Statt Gegensätze zu betonen, lohnt der Blick auf das, was beide Verfahren für die Baukultur leisten
Wenn über Integrierte Projektabwicklung (IPA) oder Wettbewerbe gesprochen wird, entsteht schnell der Eindruck zweier gegensätzlicher Welten. Tatsächlich sind beide Verfahren von ähnlichen Veränderungen betroffen: steigende Anforderungen, knappe Ressourcen, überlastete Verwaltungen, ein Generationenwechsel im Berufsstand. Es hilft wenig, sie gegeneinander auszuspielen. Wichtiger ist, wie sie so weiterentwickelt werden können, dass sie tragfähige fachliche und wirtschaftliche Entscheidungen ermöglichen.
IPA wird oft als Modell beschrieben, das „alles anders“ macht. Zentral ist dabei die frühe Zusammenarbeit: Planende, Auftraggebende und Ausführende treffen Entscheidungen gemeinsam. Die Vergütung orientiert sich am tatsächlichen Aufwand. Dieses Prinzip unterscheidet sich deutlich von vielen klassischen Werkverträgen. Wer heute ein kleines oder mittelgroßes Büro führt, kennt die Realität langer Laufzeiten, hoher Abstimmungsbedarfe und wiederholter Terminverschiebungen – oft unvorhersehbar und ohne angemessene Abbildung des Mehraufwands. Vor diesem Hintergrund bietet IPA für viele Büros ein Maß an wirtschaftlicher Verlässlichkeit, das in anderen Verfahren fehlt.
43
IPA-Projekte*, davon:
5 abgeschlossen
29 laufend
9 in Vorbereitung
(Stand 2018–2025)
*Quelle: IPA-Report 2025, Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Institut für Technologie und Management im Baubetrieb, verfügbar unter lean-ipd.de
Wenn Qualität verhandelbar wird
Auch inhaltlich eröffnet die frühe gemeinsame Arbeit Chancen. Fragen des kreislaufgerechten Bauens, Materialstrategien, Kostenabschätzungen oder spätere Abläufe lassen sich gemeinsam und frühzeitig diskutieren. Der Anspruch einer integralen Planung, der im Berufsstand seit Jahren formuliert wird, findet hier eine strukturelle Entsprechung – auch wenn sich zeigen muss, wie tragfähig sie im konkreten Projekt ist.
Gleichzeitig zeigt sich eine Schwachstelle des Verfahrens: Entscheidungen werden häufig moderiert, und es ist nicht selbstverständlich, dass baukulturelle und gestalterische Argumente dabei fachlich eingeordnet und ausreichend gewichtet werden. Baukultur hat im frühen Entwurfsprozess üblicherweise eine übergeordnete Rolle. Ob sie diese Rolle auch im IPA-Verfahren einnehmen kann, ist offen – insbesondere dann, wenn Architektur nur eine Stimme unter mehreren ist.
Ein weiterer Aspekt betrifft die Zusammensetzung der Teams: IPA wird häufig als Verfahren für große Bürostrukturen wahrgenommen, obwohl die tatsächlichen Arbeitsteams häufig überschaubar sind. Auch kleinere und junge Büros könnten hier mitwirken, wenn die Zugangsvoraussetzungen entsprechend formuliert wären. Ein entscheidender Faktor ist weniger die Leistungsfähigkeit kleiner Büros als die Angemessenheit der Kriterien, nach denen IPA-Teams zusammengestellt werden. Hochschulausbildung, Eintragungsvoraussetzungen und Weiterbildungen befähigen Architekturschaffende zur Ausübung des Berufs. Auf dieser Grundlage sollten Planende Marktzugang auch in IPA-Verfahren erhalten für eine innovative Planungslandschaft mit ausreichend Gründungen, die unseren planenden Mittelstand weiterhin aus sich heraus erneuern.
Was Wettbewerbe leisten
Ein ähnliches Spannungsfeld zeigt sich bei Wettbewerben: Einerseits sind sie nach wie vor ein wichtiger Motor für architektonische Qualität. Wettbewerbe schaffen Raum für Ideen, ermöglichen konzeptionelle Ansätze und machen unterschiedliche Haltungen sichtbar. Viele Büros verdanken einem Wettbewerbsgewinn ihre Entwicklung. Andererseits sinkt die Zahl der Verfahren, während die Hürden steigen. Für viele Büros sind Wettbewerbe kaum noch wirtschaftlich darstellbar. Hinzu kommt, dass lokale oder politische Erwartungen die Ausrichtung einzelner Verfahren zunehmend beeinflussen.
Damit verschiebt sich die eigentliche Frage. Es geht nicht darum, ob Wettbewerbe grundsätzlich sinnvoll sind, sondern unter welchen Bedingungen sie offen, zugänglich und wirksam bleiben. Steigende Zugangshürden in Präqualifizierungsverfahren und sinkende Verfahrenszahlen wirken sich unmittelbar auf Vielfalt und Ideenreichtum aus – gerade in einer Phase des Generationenwechsels im Berufsstand.
Vergleicht man beide Modelle, zeigen sich weniger Gegensätze als unterschiedliche Stärken. Wettbewerbe schaffen Klarheit über gestalterische Zielsetzungen. Diese Klarheit kann im IPA-Prozess stabilisierend wirken, weil sie Qualitäten definiert, die nicht bei jeder Kosten- oder Terminfrage neu verhandelt werden. Umgekehrt macht IPA sichtbar, was Wettbewerbe ausblenden: Zusammenarbeit, Entscheidungswege und geteilte Verantwortung im Prozess.
IPA-Verfahren mit vorgeschaltetem Wettbewerb könnten das Beste aus beiden Welten kombinieren: Eckpfeiler für Qualität durch Wettbewerb erzeugen und durch kooperative, interdisziplinäre Zusammenarbeit im anschließenden Verfahren erfolgreich umsetzen.
34%
Rückgang** von 2018: ca. 500 zu 2024: 328 Wettbewerbe.
Die Zahl der RPW-Verfahren ist seit 2018 im Abwärtstrend. Lagen die offenen Wettbewerbe 2018 noch bei 56, waren es 2024 nur noch 17; die städtebaulichen Wettbewerbe sind um 35 auf unter 70 gefallen.
**Quelle: competitionline Monitor spezial, 12.09.2025/ Interview zum Wettbewerbsmonitor 12.08.2025, verfügbar untercompetitionline.com
Die Rolle der Architektur
Auch die Rolle der Architektinnen und Architekten verändert sich im Vergleich der Verfahren. Dort, wo Generalübernehmermodelle dominieren, arbeiten Planende häufig in nachgeordneten Rollen. IPA kann hier eine Struktur bieten, in der die fachliche Stimme der Architektur im Verfahren präsenter bleibt – abhängig von der konkreten Ausgestaltung.
Aus dieser Perspektive erscheint es sinnvoll, IPA nicht nur zu beobachten, sondern aktiv zu begleiten. Wer sich früh in neue Verfahren einbringt, kann dazu beitragen, dass baukulturelle und fachliche Aspekte berücksichtigt werden. Dazu gehört auch die Frage, welche Rolle Moderation künftig einnimmt und ob hier neue Aufgabenfelder für Architektinnen und Architekten entstehen können.
Am Ende stellt sich unabhängig vom Verfahren dieselbe Frage: Wie sichern wir Qualität unter veränderten Bedingungen? Wettbewerbe bleiben wichtig, um Orientierung, Vielfalt und architektonische Ansprüche sichtbar zu machen. IPA kann dazu beitragen, Prozesse transparenter, kooperativer und wirtschaftlich nachvollziehbarer zu gestalten. Auch die Transformation zu einer kreislauffähigen Bauwirtschaft erscheint realistischer, wenn alle am Tisch sitzen. Entscheidend ist, die Verfahren nicht gegeneinander auszuspielen, sondern ihre jeweiligen Stärken gezielt weiterzuentwickeln und Kombinationen zu wagen.
Dieser Artikel erschien in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q1/2026.
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