Die nächste Generation mit am Tisch
Mit einer Juniormitgliedschaft und Beteiligungsformaten bindet die Bayerische Architektenkammer junge Planer:innen in die berufspolitische Selbstverwaltung ein.
Die meisten angehenden Planer:innen denken beim Berufsstart an vieles, aber nicht an die Kammer, geschweige denn an Kammerpolitik. Wer sich für seinen Berufsstand engagiert und in ein Amt wählen lässt, hat zumeist ein breites Netzwerk, Erfahrung mit der Branche und einen Überblick über ihre Probleme. Die wenigsten bringen all das direkt aus den Hochschulen mit. Hinzu kommt, dass viele, wenn sie „Architektenkammer“ hören, eher an eine Behörde denken als an konkrete Unterstützung im Berufsalltag.
In Bayern wurde dieses Problem früh erkannt. In der vergangenen Wahlperiode von Juli 2021 bis Juli 2026 hat die Bayerische Architektenkammer eine ambitionierte Nachwuchsförderung intensiviert, die nun durch lebendigen Dialog und Mitwirkung Früchte trägt.
„Mir war wichtig, auf keinen Fall bürokratisch und steif zu wirken, das schreckt Absolvent:innen ab“, sagt Annette Brunner, die bislang Vorstandskoordinatorin der Strategiegruppe Nachwuchsarbeit war. Zwar habe die Kammer auch früher schon direkt an den Hochschulen über ihre Arbeit informiert, doch viele Absolvent:innen seien nach dem Studienabschluss zunächst verloren gegangen. Erst Jahre später entstanden mit der Eintragung in die Architektenliste wieder Berührungspunkte mit der Kammer.Deshalb sei ein Hauptziel der Nachwuchsarbeit gewesen, den Übergang zwischen Studium und Beruf enger zu begleiten und junge Kolleg:innen früh an die Berufspolitik heranzuführen. „Wir haben hier eine Lücke geschlossen“, konstatiert Brunner.
Wir wollen, dass unsere Perspektiven nicht nur gehört werden, sondern auch in Entscheidungen miteinbezogen werden.
Zora Schüss
Startklar und der Draht zur Hochschule
Die Kammer hat ihre Informationsveranstaltungen an Hochschulen überarbeitet und setzt stärker auf Dialogformate. Statt Frontalvortrag stehen Fragen der Studierenden und konkrete Einblicke in den Berufsalltag im Mittelpunkt. Die Integration der Juniormitglieder in den Kammerkosmos gelingt zusätzlich über Formate wie den Begrüßungsabend oder eine „Ansprechbar“ bei Kammerveranstaltungen. Die Nachwuchsangebote wurden in den vergangenen Jahren gezielt weiterentwickelt – etwa der Infotag „Startklar!“, der heute verstärkt auf Vernetzung und Beratung setzt.
Den größten Entwicklungsschritt der vergangenen Jahre stellt die Einführung der Juniormitgliedschaft dar. Sie wurde nach einer entsprechenden Änderung des Bayerischen Baukammerngesetzes zum Jahresbeginn 2024 möglich. Absolvent:innen aller vier Fachrichtungen können sich seither bereits vor der Eintragung in die Architektenliste in das Verzeichnis der Juniormitglieder aufnehmen lassen und zahlreiche Leistungen nutzen – von vergünstigten Fortbildungsangeboten über Beratungsleistungen und die Pflichtmitgliedschaft im Versorgungswerk bis zur Mitarbeit in Gremien und Strategiegruppen.
Den letzten Aspekt hebt Brunner besonders hervor: „Mir war ein Mitspracherecht wichtig, nicht nur das Agieren der Juniormitglieder in der eigenen Gruppe, sondern der Austausch mit allen Mitgliedern.“ Tatsächlich wurden Juniormitglieder früh in die Kammerstrukturen eingebunden, auch in der Strategiegruppe Nachwuchs arbeitete ein Juniormitglied mit.
„Junge Perspektiven“ formieren sich
Das beste Beispiel für den Erfolg der Nachwuchsformate der Bayerischen Architektenkammer sind die jüngsten Wahlen zur Vertreterversammlung und zum Vorstand, bei der erstmals eine Liste junger Vollmitglieder antrat. Einige Mitglieder dieser Liste, die sich später den Namen „Junge Perspektiven“ geben sollten, nutzten den Begrüßungsabend nach der Vertreterversammlung im November 2025, um sich über Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements in der Bayerischen Architektenkammer zu informieren. Vizepräsident Franz Damm stand Rede und Antwort, erläuterte, wie Vertreterversammlung, Vorstand, Ausschüsse und Arbeitsgruppen operieren, und verwies auf die bevorstehenden Kammerwahlen. Hier könne man mit einer eigenen Liste antreten.
Die „Jungen Perspektiven“ haben daraufhin ein Programm erarbeitet, alle für die Kammerwahlen nötigen Formalitäten erfüllt und gewannen auf Anhieb sieben Sitze in der Vertreterversammlung sowie einen Sitz im Kammervorstand. Bei den Gremienwahlen wurden dann zwei Mitglieder dieser Liste in die Ausschüsse für Berufsordnung und Berufsbild sowie für Finanzen und Fürsorge gewählt.
Wir haben eine Lücke geschlossen.
Annette Brunner
Die ersten gewählten Stimmen des Nachwuchses
In der gerade beginnenden Wahlperiode wirken aber auch Juniormitglieder in den Kammergremien mit. Für die rund 542 jungen Planer:innen gab es eine eigene Wahl: Zora Schües, Laura Tamandl, Anna Zobel und Antonia Rieß wurden als beratende Juniormitglieder in die Vertreterversammlung gewählt. Zusätzlich wird Antonia Rieß als beratendes Juniormitglied im Kammervorstand wirken. Der neuen Generation in der Vertreterversammlung ist bewusst, dass sie ohne Vorbild agiert: „Es gibt noch keinen Maßstab, wir sind die Ersten, die dieses Amt ausführen“, sagt Laura Tamandl.
Die vier bringen eine breite Palette an Themen mit: von Fragen der Altersvorsorge über Beratungsangebote zu Arbeitsbedingungen und den ersten Arbeitsverträgen bis hin zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dahinter stehen verschiedene Motivationen der Gewählten: Anna Zobel möchte politische Prozesse kennenlernen und Verantwortung übernehmen. Laura Tamandl setzt sich für die stärkere Sichtbarkeit aller vier Fachrichtungen ein. Für Zora Schües war insbesondere die Repräsentanz junger Frauen wichtig. Antonia Rieß betont, dass Entscheidungen der Kammer alle Generationen beträfen und deshalb auch junge Stimmen einbezogen werden müssten.
Dementsprechend formulieren die vier Juniormitglieder einen Anspruch, der über symbolische Beteiligung hinausgeht: „Wir wollen, dass unsere Perspektiven nicht nur gehört werden, sondern auch in Entscheidungen miteinbezogen werden“, sagt Schües. Über die Gremienarbeit hinaus wollen die vier den Kontakt zu Studierenden und jungen Berufstätigen weiter ausbauen. Dazu zählen eine engere Zusammenarbeit mit den Hochschulen ebenso wie neue Informationsangebote. Ein Beispiel dafür ist der Kammerguide, der die Strukturen und Aufgaben der Länderarchitektenkammern verständlicher vermitteln und Zugänge zum Engagement aufzeigen soll.Von dessen Wichtigkeit ist Laura Tamandl überzeugt: „Berufspolitisches Engagement bietet die Chance, die Rahmenbedingungen des eigenen Berufs mitzugestalten, Verantwortung zu übernehmen und ein wertvolles Netzwerk aufzubauen. Leute kennenlernen und sich auszutauschen ist in unserer Branche das A und O.“
Die Themenpalette der „Jungen Perspektiven“, die von Lavinia Wagner im Vorstand vertreten werden, gehen in eine ähnliche Richtung. Wir dürfen also gespannt sein, wie sich das neue Engagement des Nachwuchses, für das in der vergangenen Wahlperiode das Fundament gebaut wurde, künftig in der Kammer und in der Berufspolitik niederschlagen wird.
Weitere Informationen zum Infotag Startklar!
Weitere Informationen zum Infotag Startklar!
Der Infotag „Startklar!“ richtet sich an Studierende, Absolvent:innen, Juniormitglieder und junge Kammermitglieder. Die Veranstaltung findet zweimal jährlich im Wechsel in München und Nürnberg statt. Das vor mehr als 20 Jahren etablierte Format wurde in den vergangenen Jahren weiterentwickelt: Heute sind Juniormitglieder integriert, ebenso das Beratungsangebot der Mentor:innen. Ein Schwerpunkt liegt auf Vernetzung und Austausch.
Weitere Informationen gibt es auf der Website der Bayerischen Architektenkammer.
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026 für Bayern.
Jakob Irler
Team Kommunikation Bayerische Architektenkammer DAB Redaktion BayernDas könnte Sie auch interessieren
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