„Der Wettbewerb verliert an Boden“
Die Zahl der Planungswettbewerbe sinkt, doch die Bauaufgaben verschwinden nicht im gleichen Maß. Competitionline-Chefredakteur Nicolai Blank über Kommunen auf der Suche nach schnellen Lösungen und Planungsbüros, die sich öffentliche Aufträge mit immer mehr Konkurrenten teilen müssen.
DAB Redaktion: Aus den Architektenkammern erreichen uns sehr unterschiedliche Signale. In Bayern wird ein deutlicher Rückgang der Wettbewerbe beklagt, während Niedersachsen 2025 wieder mehr Verfahren verzeichnete – allerdings kleinere. Was zeigen Ihre Zahlen? Trügt der Eindruck, dass der Wettbewerb an Bedeutung verliert?
Nicolai Blank: Nein, das ist nicht nur ein Gefühl. Wir verzeichnen seit einigen Jahren einen deutlichen Rückgang bei den Wettbewerbszahlen und das gilt auch für den Bildungsbau. Betrachtet man den Schulbau über einen längeren Zeitraum, gibt es zwar immer wieder Ausschläge nach oben und unten, die Tendenz ist aber sinkend. Auch der Anteil der Wettbewerbe an allen Ausschreibungen im Schulbau sinkt.
Ich habe mir für unser Gespräch noch einmal die Zahlen von Januar bis Juli 2025 und 2026 angesehen. Auch da bestätigt sich der rückläufige Trend. Ähnliches sehen wir bei Kindergärten sowie im Bereich Hochschulen, Wissenschaft und Forschung.
Das heißt, es gibt nicht unbedingt weniger Bauaufgaben, sondern sie werden nur seltener über Wettbewerbe vergeben.
Genau. Im Schulbau haben wir zuletzt eine Stagnation bei den Ausschreibungen beobachtet, während die Zahl der Wettbewerbe weiter zurückgegangen ist. Bei Hochschulen, Wissenschaft und Forschung sind die Ausschreibungszahlen in den vergangenen Jahren sogar deutlich gestiegen, was sich jedoch nicht in den Wettbewerben niederschlägt. Die sind trotzdem rückläufig.
Woran liegt das?
Ich denke, es ist eine Mischung aus vielen Gründen. Die Kommunen stehen unter enormem Druck. Sie müssen sanieren oder neu bauen und gesetzliche Vorgaben, wie die Ganztagsbetreuung, erfüllen. Gleichzeitig haben sie eine dünne Personaldecke. Hinzu kommt, dass der Schulbau immer anspruchsvoller wird. Es geht nicht mehr nur um den Standort und das pädagogische Konzept, sondern auch um Nachhaltigkeit, Mehrfachnutzung, Digitalisierung und Mobilität. Kommunen versuchen beispielsweise, Freizeitangebote und schulische Nutzungen stärker miteinander zu verbinden. Die Aufgaben werden komplexer, gleichzeitig sollen sie aber möglichst schnell erledigt werden.
Und unter diesem Druck, so meine Meinung, gehen Kommunen häufig den Weg des vermeintlich geringsten Widerstands.
Und das sind dann General- oder Totalunternehmer, PPP-Modelle oder andere Vergabeverfahren?
Unter anderem. Es gibt Kommunen, die private Dienstleister beauftragen, die ihnen in relativ kurzer Zeit ein Schulgebäude oder einen Kindergarten errichten. Damit lässt sich natürlich auch viel Arbeitslast aus der eigenen Verwaltung auslagern. Es gibt aber auch den Weg über ein Verhandlungsverfahren. Wenn eine Kommune einen Wettbewerb für zu komplex oder zu aufwendig hält, kann ein guter Verfahrensbetreuer gemeinsam mit ihr ein Verhandlungsverfahren mit klar umrissenen Parametern entwickeln.
Am Ende geht es immer wieder um Komplexitätsreduktion und den enormen Druck, unter dem die Kommunen stehen. Das führt zu vermeintlich einfachen und schnellen Lösungen. Ob das langfristig der richtige Weg ist, ist eine andere Frage.
Hält sich also hartnäckig die Vorstellung, dass Wettbewerbe aufwendig und langwierig sind?
Ja. Ich beschäftige mich seit 2011 mit dem Thema. Seit Jahren wird für Baukultur, für gute Planungsprozesse und Wettbewerbe geworben. Es gibt tolle Praxisbeispiele, Materialien und Veranstaltungen der Kammern. Aber wenn ich auf die Zahlen schaue, habe ich den Eindruck, dass das nicht verfängt.
Und ich frage mich selber, warum, denn natürlich liegen die Vorteile von Wettbewerben auf der Hand. Wir müssen andererseits aber auch über den Aufwand reden, der büroseits entsteht. Mir persönlich wäre es zum Beispiel unangenehm, 20 Büros ins Rennen zu schicken, von denen am Ende nur wenige eine Vergütung in Form von Preisen und Anerkennungen erhalten. Alle anderen arbeiten umsonst. Ob öffentliche Bauherrinnen so denken, ist Spekulation. Aber die Frage nach den eingesetzten Ressourcen gehört für mich zur Debatte.
Gleichzeitig beklagen Büros genau diesen Aufwand und fordern trotzdem mehr Wettbewerbe.
Genau. Viele Büros weisen darauf hin, wie viele Ressourcen in Wettbewerben eingesetzt werden. Aber was ist die Lösung? Bislang sehe ich keine wirklich überzeugenden Konzepte. Von Wettbewerbsbetreuern höre ich häufig, dass die Verfahren einfacher, schlanker und schneller gemacht werden müssten. Gleichzeitig steigen jedoch die Anforderungen: Nachhaltigkeit, Nutzungskonzepte und viele weitere Aspekte müssen in die Auslobung hinein. Dann wird es eben doch nicht so einfach und schlank.
Parallel dazu entsteht durch den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung neuer Baubedarf. Könnte das die Zahlen wieder drehen?
Davon gehen wir aus, allerdings nur mit Blick auf die Ausschreibungen. Bei den Wettbewerbszahlen erwarten wir keine Trendwende. Viele Schulen werden nachrüsten müssen. Solche gesetzlichen Vorgaben setzen Kommunen unter Handlungsdruck. Das Problem ist: Genau dieser Druck kann dazu führen, dass Projekte nicht ganzheitlich und langfristig mit Blick auf Qualität und Baukultur geplant werden. Dann heißt es irgendwann: „Stellt mir da bitte etwas hin, damit ich meine Verpflichtung erfüllen kann.“ Wenn zusätzlich Förderfristen laufen, wächst die Angst, das nicht rechtzeitig zu schaffen – und dann wählt man ein Verfahren, das eine möglichst schnelle Erledigung verspricht.müssen. Solche gesetzlichen Vorgaben setzen Kommunen unter Handlungsdruck. Das Problem ist: Genau dieser Druck kann dazu führen, dass Projekte nicht ganzheitlich und langfristig mit Blick auf Qualität und Baukultur geplant werden. Dann heißt es irgendwann: „Stellt mir da bitte etwas hin, damit ich meine Verpflichtung erfüllen kann.” Wenn zusätzlich Förderfristen laufen, wächst die Angst, das nicht rechtzeitig zu schaffen – und dann wählt man ein Verfahren, das eine möglichst schnelle Erledigung verspricht.
Hier liefert unser Quartalsmonitor eine sehr gute Präzisierung: Im zweiten Quartal 2026 stiegen die Ausschreibungen für Sport und Freizeit um mehr als 36 % auf 341 Verfahren gegenüber dem Vorjahresquartal. Competitionline führt dies unter anderem auf das Ganztagsförderungsgesetz zurück, da an Schulstandorten zusätzliche Sport-, Mehrzweck- und Bewegungsflächen benötigt werden. Gleichzeitig brachen die Ausschreibungen für Kindergärten und Vorschulen um 44 % auf 112 Verfahren ein.
Wir sprechen also einerseits über weniger Wettbewerbe. Gleichzeitig verschärft sich aber auch der Konkurrenzdruck auf die Büros.
Ja. Private Auftraggeber sind wegen der konjunkturellen Lage zurückhaltend, Projekte werden eingestellt oder pausiert. Büros, die vorher mehrheitlich für private Auftraggeber tätig waren – in Süddeutschland sind das zum Beispiel viele Büros, die von der Autoindustrie abhängig sind –, schauen sich nach anderen Auftraggebern um und drängen stärker in den Bereich der öffentlichen Ausschreibungen. Die öffentlichen Auftraggeber waren bislang der Stabilitätsanker.
Der Kuchen bleibt im Prinzip gleich, aber die Esser werden mehr. Vor zwei, drei oder vier Jahren hatten wir noch Situationen, in denen öffentliche Bauherren nach Bietern suchen mussten, da sie zu wenige Bewerbungen erhalten hatten. Inzwischen ist es das Gegenteil: Die Zahl der Bewerbungen steigt.
Was raten Sie den Büros?
Sie müssen sich gezielter bewerben. Nach unserer Wahrnehmung fließt sehr viel Energie in Verfahren, die gar nicht ideal zum eigenen Profil und zu den eigenen Referenzen passen. Der Marktdruck ist inzwischen so groß, dass Büros ihre Ressourcen auf die Verfahren konzentrieren sollten, bei denen sie wirklich eine Chance haben. 80 % oder weniger der Eignungskriterien zu erfüllen, rechtfertigt den Aufwand einer Bewerbung nicht mehr.
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Weniger Aufwand, aber nicht weniger Qualität: Was die geplante EU-Vergabereform für Planungswettbewerbe bedeutet und welche Regeln die Bundesarchitektenkammer fordert, lesen Sie auf bak.de.
DAB Redaktion
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