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„Die KI ermächtigt den Amateur, als Autor zu agieren“

Künstliche Intelligenz verändert die Architekturpraxis schneller, als sich ihre Rolle beschreiben lässt. Ein Gespräch mit Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit von Graft über neue Werkzeuge, alte Fragen und darüber, wer künftig entwirft.

DAB Redaktion
21.04.2026 8min
KI Baukultur Bundesweit
Holzgebäude mit aufwändigen, geschnitzten Balkonen und Veranden, das markant über einem steinernen Felsvorsprung vorkragt und von schrägen Holzstützen abgestützt wird; rechteckige Erkerfenster und filigrane Brüstungsornamente prägen die traditionelle Holzfassade, darüber klarer blauer Himmel.
Traditionelle Architektur in Tiflis (Georgien) © GRAFT Gesellschaft von Architekten mbH

Der Bauherr sitzt im Meeting, fotografiert eine Fassade, lädt das Bild in eine KI und lässt Varianten generieren. Wenige Minuten später liegt ein Vorschlag auf dem Tisch, über den sich sprechen lässt. Noch ist das nicht die Regel. Aber es ist eine Situation, die sich zunehmend leicht herstellen lässt. Und sie stellt eine einfache Frage neu: Wer entwirft hier eigentlich? Dass viele an einem Entwurf beteiligt sind, ist nichts Neues. Bauherren, Behörden, Fachplanende – sie alle bringen ihre Interessen ein, oft gleichzeitig. Neu ist die Geschwindigkeit.

Für GRAFT ist diese Entwicklung Teil einer längeren technologischen Linie. Das Büro hat sich früh mit digitalen Werkzeugen beschäftigt, zu einer Zeit, als deren Einsatz in der Architektur noch alles andere als selbstverständlich war. „Wir haben ja das Büro in Los Angeles gegründet und das hatte damit zu tun, dass damals die Software dort entwickelt wurde“, sagt Thomas Willemeit. Gemeint ist das Umfeld um Frank O. Gehry, bei dem Programme wie CATIA, die ursprünglich aus dem Flugzeugbau stammen, erstmals für architektonische Anwendungen angepasst wurden. 

Der Umgang mit diesen Werkzeugen war entsprechend unsicher. „Da wurde mit Bleistift gezeichnet und dann wurde der Computer benutzt, um irgendwelche Bleistift-Skizzen nachzuahmen“, erinnert sich Lars Krückeberg. Die Technologie war vorhanden, aber ihre Rolle im Entwurfsprozess noch unklar. 

Rückblickend wirkt diese Phase wie ein Vorläufer der aktuellen Entwicklung. „So ähnlich verhält es sich jetzt mit den neuen KI-Werkzeugen: Nach den anfänglichen naiven Experimenten und der Begeisterung für parametrische Formfindungsexzesse folgen erst im zweiten Schritt Debatten über Qualität, Intention und Bewertbarkeit.“

Strategie des Ausprobierens 

Eine klare Strategie im Umgang mit den neuen Werkzeugen lässt sich daraus nur begrenzt ableiten. Die Entwicklung ist zu dynamisch, die Halbwertszeit vieler Anwendungen zu kurz. „Man muss mit allem gleichzeitig anfangen, weil es sich jetzt gerade entwickelt“, sagt Willemeit. In der Praxis bedeutet das, kontinuierlich zu testen. 

Im Büro kursieren Listen mit Anwendungen, die ausprobiert werden – von Visualisierungstools über Planungssoftware bis hin zu experimentellen Set-ups. Vieles davon ist nach kurzer Zeit wieder verschwunden. „80 % davon haben wir schon wieder abgeschafft“, sagt Wolfram Putz – mit Blick auf die Vielzahl an Anwendungen, die das Büro 2025 parallel getestet hat. 

Wie schnell sich Entwicklungen überholen, zeigt auch ein eigenes Projekt: 2024 hat GRAFT eine eigene KI entwickelt. Ein Tool, das interne Prozesse unterstützen und perspektivisch auch vermarktet werden sollte. Heute, ein gutes Jahr später, ist es bereits technisch überholt. Entscheidend ist nicht das einzelne Werkzeug, sondern die Frage, was sich damit tatsächlich anfangen lässt: Was funktioniert verlässlich, was passt in bestehende Abläufe – und was spart am Ende wirklich Zeit?

Dreiteilige Bildtafel: links ein hochformatiges Schwarzweißfoto einer hölzernen Veranda mit filigraner, geschnitzter Brüstungs‑ und Bogenornamentik und kahlen Baumästen im Vordergrund; in der Mitte ein Schwarzweiß‑Detailfoto einer verzierten Holz‑Balkonfassade mit Säulen, Rundbögen und ornamental gefüllten Feldern; rechts eine vertikale Staffel mit sechs schwarz‑weißen Ornamentfeldern (Pattern Study) mit verschiedenen geometrischen und floralen Bordürenmustern. Unten rechts kleines Logo „GRAFT“.
Projekt Sakanela Urban Development in Tiflis (Georgien): Entwicklung eines Fassadenkonzepts auf Basis traditioneller Häuser. Analyse der Muster/Ornamentik der traditionellen Fassadenelemente. © GRAFT Gesellschaft von Architekten mbH
Grafische Tafel mit drei Bildspalten: links vertikale Folge stilisierter Ornamentmuster in Grau mit pinken Linien überlagert (Entwurfsmotive), in der Mitte eine Collage aus Foto‑Feldern mit vielfältigen Fassadenmustern (Inspirationen), rechts eine fotorealistische Fassadenstudie eines Gebäudes mit welligen Balkonvorbauten und fein gegliederten Holz‑ oder Betonrahmen; unten rechts kleines Logo „GRAFT“.
Projekt Sakanela Urban Development in Tiflis (Georgien): Entwicklung eines Fassadenkonzepts auf Basis traditioneller Häuser. Weiterentwicklung der Muster über die KI-Modelle zu einer Studie der Fassadenanmutung. © GRAFT Gesellschaft von Architekten mbH
Visualisierung eines städtischen Vorplatzes: im Vordergrund breite, gestufte Sitzbänke aus Sichtbeton und Pflanzflächen, im Zentrum kleine Bäume und Blumenbeete, auf denen Menschen sitzen und verweilen. Rechts führen Treppen zu einer Glasfassade mit Eingangszone, links erhebt sich ein gegliedertes, mehrgeschossiges Gebäude mit welligen Fensterbändern und Balkonen. Warme Materialität und ein offener Durchweg verbinden die Fassaden zu einem urbanen Aufenthaltsraum.
Projekt Sakanela Urban Development in Tiflis (Georgien): Visualisierung des Fassadenkonzepts © GRAFT Gesellschaft von Architekten mbH

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KI jenseits der Bildgenese 

In der öffentlichen Wahrnehmung wird KI in der Architektur bislang vor allem mit Visualisierungen verbunden. „KI nur zur Bildgenese und zur Variantenbildung zu benutzen ist nur banale Oberfläche“, sagt Willemeit. Entscheidend ist vielmehr, wie sich komplexe Anforderungen verarbeiten lassen. Architektur entsteht nicht aus einem einzelnen Entwurfsgedanken, sondern aus der Überlagerung verschiedener Bedingungen: funktionale Anforderungen, technische Parameter, rechtliche Vorgaben, wirtschaftliche Zwänge. 

Die KI kann dabei einen weit höheren Grad an Komplexität und Masse von Inputmaterial verarbeiten als die menschliche Autorenschaft allein. In Zukunft könnten so ganze Entwürfe auf Knopfdruck an neue Standorte mit völlig anderen Bedingungen angepasst werden. 

Wie sich die Technologie in diesem Zusammenhang einsetzen lässt, zeigt ein Projekt in Tiflis. Ein Teil der Entwurfsarbeit war die Analyse historischer Fassaden – ihre Proportionen, Ornamente und räumlichen Strukturen. Dieses Material wurde in einen iterativen Prozess überführt, in dem KI-Modelle, Entwurf und technische Anforderungen miteinander verschränkt wurden. 

Die Fassaden wurden nicht nur formal weiterentwickelt, sondern schrittweise mit anderen Parametern abgeglichen: Sonneneintrag, Verschattung, Privatsphäre, konstruktive Umsetzbarkeit. Ziel war nicht die Reproduktion historischer Formen, sondern deren Übersetzung unter heutigen Bedingungen. „Kann man eine zeitgenössische Fassade herstellen, die einen starken Bezug zur DNA dieser Historie hat“, beschreibt Willemeit die Ausgangsfrage. 

Dass es dabei nicht nur um Gestaltung geht, zeigt ein anderes Projekt: die Charité in Berlin. GRAFT arbeitet dort seit mehr als zehn Jahren an Fragen der Wahrnehmung im medizinischen Raum. Ausgangspunkt war eine Intensivstation, bei der Lichtverhältnisse, Akustik, Materialität und Privatsphäre gezielt verändert wurden. Die Wirkung wird seitdem wissenschaftlich untersucht. Auf dieser Grundlage entsteht nun ein weiteres Forschungsvorhaben, das sich stärker auf digitale und KI-gestützte Diagnoseprozesse bezieht. Dabei geht es unter anderem um den Vergleich medizinischer Bilddaten und um neue Formen der Zusammenarbeit, bei denen Diagnosen nicht mehr nur vor Ort, sondern über vernetzte Systeme entstehen. 

Für die Architektur stellt sich damit eine andere Frage: Welche Räume braucht es, wenn diese Prozesse nicht mehr an einen Ort gebunden sind, sondern verteilt stattfinden? Die KI kann dabei helfen, diese unterschiedlichen Anforderungen sichtbar zu machen, Varianten durchzuspielen und Zusammenhänge schneller zu erfassen. Sie schafft damit eine neue Grundlage für den Entwurfsprozess. Die Entscheidung, wie diese Faktoren gewichtet werden, lässt sich jedoch nicht mit der KI abbilden. „Diese ganzen Bedingungen, die dazu beitragen, dass am Ende ein konkreter Städtebau, eine Architekturfigur oder eine heilende Raumatmosphäre entsteht, die werden im Kopf von Menschen verdichtet.“

Fünf Männer stehen nebeneinander vor einer Baustelle und schauen in die Kamera; sie tragen überwiegend helle Hemden oder ein dunkles Freizeithemd, einige haben Bart oder Brille. Im Hintergrund Baustengerüst, Baumaterialien und eine moderne Glasfassade, sonniger Tag.
Die Partner von GRAFT im Überblick (v. l. n. r.): Thomas Willemeit, Lars Krückeberg, Sven Fuchs, Wolfram Putz, Georg Schmidthals © Christian Thomas, Berlin

Die Rolle der Architekturschaffenden 

Architektur ist das Ergebnis von Aushandlungen. Dabei werden unterschiedliche Interessen gewichtet und schließlich in eine gebaute Form übersetzt. Die Frage ist, ob und in welchem Umfang sich dieser Prozess verändern lässt. Das heißt im Hinblick auf die KI: „Ist die Verhandlung der Priorisierung der Parameter auch an eine KI übertragbar?“ Parallel dazu verschiebt sich die Rolle der Beteiligten. Die Werkzeuge sind zugänglicher geworden und die Einstiegshürden sind gesunken. 

„Die KI ermächtigt den Amateur, als Autor zu agieren“, sagt Putz. Bauherren und Projektentwickelnde können damit leicht eigene Vorschläge generieren und unmittelbar zur Diskussion stellen. Das verändert die Kommunikation im Entwurfsprozess. Varianten entstehen schneller, Entscheidungen werden früher vorbereitet. Auch die wirtschaftlichen Effekte sind absehbar. „Dieses Ausprobieren amortisiert sich ja sofort“, sagt Putz. Und: „Kleine Büros können sich jetzt verhalten wie große.“ Leistungsfähige Werkzeuge sind nicht mehr an große Strukturen oder spezialisierte Teams gebunden, sondern breiter verfügbar. 

Das verändert nicht nur die Hierarchien innerhalb der Branche, sondern auch die Arbeitsteilung. Auch Aufgaben, die bisher spezialisierten Fachplanenden vorbehalten waren, lassen sich zunehmend in den Entwurfsprozess integrieren. „Wir haben zum ersten Mal einen Python-Code für Rhino mit der KI geschrieben – und plötzlich kann unser Rhino 8 akustische Simulation“, sagt Putz. 

Daraus entsteht eine neue Gleichzeitigkeit im Entwurf. Aspekte, die bislang nacheinander bearbeitet wurden, lassen sich parallel entwickeln und im Entwurf selbst gegeneinander abwägen. Gleichzeitig ermöglicht die KI über Vibe Coding die Verbindung von bislang getrennten Tools sowie Software- und Datenumgebungen. 

Was sie nicht ersetzt, ist die Entscheidungsfindung selbst. Eine Antwort darauf gibt es bislang nicht. Es ist aber jetzt schon klar, dass die Veränderungen schnell und weitreichend sein werden. Innerhalb der digitalen Entwicklung der letzten Jahrzehnte ist die KI ein Quantensprung. Und wie bei jedem dieser Schritte stellt sich für alle Beteiligten die Frage neu, wie man sich darin positioniert. „Architekten werden hier ihre nicht austauschbare Einzigartigkeit als Autoren neu erfinden müssen. Zwischen regelbasiertem Schutz durch Governance und dem wettbewerbsfähigen Steigern des eigenen Talents wird sich ein Weg finden müssen.“

DAB Redaktion

Berlin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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