Stadtbäume im Artenwandel
Bäume wirken in der Stadt als natürliche Klimaanlagen. Doch Hitze und Trockenstress belasten sie. Ersetzen Planende einheimische Arten künftig durch „mediterrane Einwanderer“?
Bäume filtern Feinstaub aus der Luft, speichern CO₂, geben Sauerstoff ab und sind Lebensraum für Tausende von Organismen. Vor allem aber gelten sie als Trumpfkarte im Kampf gegen urbane Überhitzung. „Für die Kühlung von Innenstädten ist nichts so effektiv wie ein großer Baum“, sagt Landschaftsarchitekt Jonas Reif. Der Professor für Pflanzenverwendung und Vegetationskonzepte an der FH Erfurt erklärt warum: Bäume verdunsten Wasser über ihre Blätter und werfen Schatten. Beides senkt die Umgebungstemperatur. Der ehemalige Städtetag-Hauptgeschäftsführer Helmut Dedy nennt Bäume „grüne Superhelden“. Doch auch die können schwächeln. An urbanen Standorten in Deutschland wachsen etwa 35 verschiedene einheimische Baumarten. Nach Schätzung von Forstwissenschaftler Somidh Saha leiden fast alle unter Klimastress. Saha leitet am Karlsruher Institut für Technologie KIT das „Urboretum“. Die Innovationsgruppe untersucht die klimaresiliente Gestaltung städtischer Wälder. Allein in den Hitzesommern 2019 und 2020 nahmen demnach über die Hälfte der Stadtbäume Schaden. Bis zu einem Drittel der Jungbäume vertrocknete.
Stadtbäume kämpfen mit widrigen Umständen
Steigende Temperaturen und längere Hitzeperioden führen nicht nur zu trockenen Böden, auch wärmeliebende Schädlinge profitieren vom Klimawandel. Einheimische Arten vermehren sich schneller, eingewanderte Arten konnten sich in Deutschland etablieren, Dazu gehören zum Beispiel der Asiatische Laubholzbockkäfer oder die Kastanienminiermotte. Die Folge: Viele Stadtbäume sind durch Klimawandel und Schädlingsbefall inzwischen so geschwächt, dass sie schon Mitte August ihre Blätter abwerfen. Das entstehende Defizit an Fotosynthese führt zu ihrem schleichenden „Verhungern“. Verlieren sie ihre Standfestigkeit, müssen sie aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Dabei ringen Stadtbäume sowieso schon mit unwirtlichen Standortbedingungen. Sie stehen exponiert oder eingezwängt zwischen Häusern und Autos. Die Böden sind oft stark verdichtet und die Pflanzgruben zu klein. Bäume können sich dann nur unzureichend mit Nährstoffen und Wasser versorgen. Rohre, Schächte, Tiefgaragen, Gebäudefundamente und der Unterbau von Gehwegen und Straßen engen ihre Wurzeln ein. Autoabgase, Streusalz und Hundeexkremente vergiften sie.
Hinzu kommt, dass die meisten Stadtbäume in Deutschland in den 1960er- und 1970er-Jahren gepflanzt wurden. Dabei handelt es sich meist um Ahorn und Linde, die im urbanen Umfeld 60 bis 80 Jahre alt werden. Sie scheiden jetzt gleichzeitig aus.
Die Städte reagieren: Berlin pflanzt jedes Jahr rund 1.200 neue Stadtbäume, Düsseldorf setzt mit 1.500 noch einen drauf. In Hamburg kamen 2024 ganze 1.850 Bäume hinzu. In München waren es gar 3.100 Neupflanzungen auf öffentlichen Flächen. Doch das genügt nicht. In kaum einer deutschen Kommune werden genug Bäume nachgepflanzt, um wenigstens den Bestand zu halten. Laut dem Hitze-Check 2026 der Deutschen Umwelthilfe verschwanden im Zeitraum zwischen 2018 und 2025 mehr als 900.000 Bäume aus deutschen Städten.
Können Klimabäume die Bilanz verbessern?
Bäume entwickeln Anpassungsstrategien, um mit ungewöhnlichen Wetterlagen umzugehen. Bei extremer Trockenheit schließen sie die Spaltöffnungen auf der Unterseite ihrer Blätter, um weniger zu transpirieren. Andere Arten greifen zu einem Trick: Die Silberlinde etwa dreht die dunkelgrüne Blattoberseite im Kronenbereich nach unten und richtet die silberne, stärker reflektierende Unterseite zur Sonne hin. Doch mit voranschreitender Verschiebung mediterraner Klimabedingungen Richtung Norden geraten einheimische Baumarten trotzdem zunehmend in Bedrängnis. „Stadtbäume leiden unter enormem Hitzestress“, bestätigt Stadtklimatologe Sascha Henninger, Professor an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität (RPTU) in Kaiserslautern. „Am Tag brennt die Sonne von oben und nachts strahlen Hauswände und die versiegelte Umgebung die tagsüber gespeicherte Wärme ab. Die Bäume trocknen aus.“
Schwierig wird es Forstwissenschaftler Saha zufolge angesichts des Klimawandels etwa für Fichte, Esche, Hainbuche, Spitzahorn oder Winterlinde. Zunehmend rücken deshalb Baumarten in den Fokus, die mit höheren Temperaturen und weniger Wasser besser klarkommen als einheimische Arten. Allerdings müssen diese Klimabäume auch Frost im Winter verkraften. Im langfristig angelegten Versuchsprojekt Stadtgrün 2021 zum Beispiel suchen Forschende nach alternativen Stadtbaumarten für die Zukunft. Das Projekt steht unter der Leitung der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau. Fachleute pflanzten in drei Städten mit unterschiedlichen klimatischen Bedingungen 30 nicht einheimische Baumarten. Die Auswahl umfasst unter anderem den Zürgelbaum aus Südeuropa, die nordamerikanische Zelkove, den asiatischen Ginkgobaum oder auch den japanischen Dreizahnahorn. In den Extremsommern 2018, 2019 und 2020 konnten die Test-Arten beweisen, wie gut sie sich als Klimabäume eignen. Bewährt haben sich Französischer Ahorn, Silberlinde, Hopfenbuche, Breitblättrige Mehlbeere und Wollapfel.
Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass die Wahl der Baumart sorgfältig auf die jeweiligen Standortbedingungen abgestimmt werden muss. Die Expertinnen und Experten empfehlen verschiedene Arten zu mischen, um das Risiko von Ausfällen der gesamten Pflanzung zu verringern. Um das Sortiment zu erweitern, eignen sich jedoch nur bestimmte Arten: solche, die sich in den Baumschulen mit den üblichen Kulturverfahren in angemessener Zeit zu Hochstämmen ziehen lassen.
Biodiversitäts-Defizit trotz hoher Baumvielfalt?
Zwar trotzen viele der gängigen Klimabäume, zum Beispiel aus der GALK-Straßenbaumliste, Hitze und Trockenheit. Oft bieten sie aber kaum Nahrung oder Lebensraum für einheimische Insekten. Fehlen die Insekten, haben auch Vögel ein Nahrungsproblem. Das schwächt Ökosysteme im städtischen Raum. Die Autorinnen und Autoren einer kürzlich erschienenen Studie aus dem Umfeld der Hochschule Geisenheim und der Universität Bayreuth plädieren deshalb für den gezielten Einsatz einheimischer Baumarten. „Verwenden Planende nicht-heimische Baumarten, sollten sie bevorzugt Arten aus benachbarten Naturräumen wählen“, empfehlen sie.
Die forstwirtschaftliche Strategie des gezielten Anpflanzens von Baumarten in Regionen, in denen sie bisher nicht heimisch waren, nennt sich „unterstützte Migration“. Für Deutschland sind Einwanderer aus mediterranen Trockenwäldern und Steppengebieten gut geeignet. Der Hintergrund: Tiere, etwa Gottesanbeterin, Holzbiene und diverse Zikaden, können ihr Verbreitungsareal schneller nach Norden verlagern als ihre angestammten Futterpflanzen. In diesem Zusammenhang kann eine vom Menschen unterstützte Einwanderungshilfe dazu beitragen, faunistische Biodiversität nördlich der Alpen zu erhöhen.
Eine geeignete Pflanzstrategie könnte gemäß Landschaftsarchitekt Reif folgendermaßen aussehen: Die Verwendung bisher bewährter einheimischer Arten beschränkt sich in Zukunft auf urbane Standorte mit sicherer Wasserversorgung, die sie in ihrer Anpassungsfähigkeit nicht überfordern. An schwierigen Standorten sollte die Auswahl dagegen einzig von der Eignung einer Art abhängen, mit den Bedingungen zurechtzukommen.
Pionierbäume für schnellen Schatten in Innenstädten
Dicht bebaute und versiegelte Innenstädte benötigen angesichts der zunehmenden Hitzewellen in möglichst kurzer Zeit mehr Schatten. Doch es dauert, bis Baumkronen groß genug sind, um merklich Schatten zu spenden. „Von Bäumen, die wir jetzt pflanzen, haben erst unsere Kinder etwas“, verdeutlicht Stadtklimatologe Henninger. „Wenn die Bäume bis dahin überlebt haben.“
Eine Lösung könnten schnellwüchsige, aber auch schnell alternde Pionierbäume sein, die nach 20 bis 30 Jahren konsequent durch neue Bäume ersetzt werden. Damit wird der mit dem Alter steigende Pflegeaufwand umgangen.
„Bislang dominiert die Denkweise, dass man Bäume dauerhaft pflanzt“, sagt Landschaftsarchitekt Reif. Urbane Baumstandorte werden kostenintensiv vorbereitet. Pflanzgruben sollen oft sogar größer sein als die zwölf Kubikmeter, die in der relevanten Richtlinie als Mindestvolumen genannt sind. Es entstehen Konflikte mit Medien wie Kabeln für Strom, Telefon und Internet, die im urbanen Untergrund häufig verlaufen. „Das führt dazu, dass Planende potenzielle Pflanzstandorte letztlich wieder verwerfen.“
Werden dagegen genügsame, widerstandsfähige Pionierbäume wie Silberbirke, Japanischer Schnurbaum oder Gleditschie als Bestandteil gemischter Pflanzkonzepte eingesetzt, können sie in den ersten Jahrzehnten wichtige ökologische Funktionen übernehmen. Sie verbessern den Boden und schaffen ein günstigeres Mikroklima, während langlebige Klimabaumarten heranwachsen. Dadurch entstehen stabilere urbane Baumbestände, die besser auf Hitze, Trockenheit und Extremwetterereignisse reagieren können.
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