Bewusstsein im Sommer, im Winter vergessen?
Landschaftsarchitektin Sonja Blaser von faktorgruen erklärt im Interview, warum Klimaanpassung noch immer als sperriger Begriff gilt und Fördermittel bei Weitem nicht ausreichen.
Gabriele Renz: Wie erleben Sie den Umgang mit dem Thema Klimaanpassung hierzulande?
Sonja Blaser: Viele Kommunen stellen gerade Klimaanpassungsmanager:innen ein, die durch das DAS-Förderprogramm finanziert werden. Doch Konzepte zu erstellen, ist das eine, in die Umsetzung zu kommen, das andere. Ich stelle in den Verwaltungen zunehmend Bewusstsein für die Dringlichkeit von Klimaanpassung fest. Da sind viel Kompetenz und Expertenwissen, und es passiert auch einiges. Nicht immer steht das Etikett Klimaanpassung drauf, aber es steckt drin, zum Beispiel Stärkung der Biodiversität, wenn es darum geht, Flächen zu extensivieren und vielschichtiger aufzubauen.
Eine Idee, warum der Eindruck entsteht, es geht nichts voran?
Viele Kommunen experimentieren bereits, zum Beispiel, welche Baumarten zum Einsatz kommen oder ob statt eines Wurzelraumes mit 12 cbm einer mit größerem Volumen gebaut wird. Das Problem ist: Klimaanpassung ist nur ein Faktor im Abwägungsprozess des Stadtbauens und -entwickelns. Und: Klimaanpassung kostet erst einmal etwas und wird sich nicht quantitativ amortisieren wie der Klimaschutz, etwa über PV-Nutzung. Da sieht man, wie die Zählernadel zurückwandert. Hinzu kommt: Das Wort Klimaanpassung ist so abstrakt und sperrig. Im Grunde geht’s da um Lebensqualität, es geht um unser gesundheitsförderndes Lebensumfeld. Unsere Kinder verbringen beispielsweise unglaublich viel Zeit in Kita und Schule. Uns muss interessieren: In welchem Umfeld tun sie das?
Gibt es denn ausreichend Förderung in dem Bereich?
Es gibt natürlich nicht genug. Ein Mehrfaches wäre real erforderlich – zumindest so, dass die Klimaanpassung zügiger vorangeht. Die Dringlichkeit ist absolut da. Es geht längst nicht mehr nur darum, etwas zu erhalten. Den Punkt haben wir bereits hinter uns. Jeder Euro, der jetzt nicht investiert wird, muss in Zukunft mehrfach ausgegeben werden.
Sie sagen, es habe sich etwas verändert. Aber wo?
Dieser Tage kamen Nachbarn an meinem Garten vorbei, die sonst nicht ihre Gefühle auf der Zunge tragen. Beide sagten, unabhängig voneinander, einen Satz: „Mir macht es gerade Angst, was wir erleben.“ Das fand ich sehr bemerkenswert. Ein solches Gespräch habe ich vor fünf Jahren, vielleicht auch vor drei Jahren noch nicht geführt. Deshalb ist das, was auf der politischen Ebene ankommt, das eine, was die Menschen empfinden, das andere. Darauf zu warten, dass die Politik etwas unternimmt, funktioniert nicht mehr.
Was funktioniert?
Uns als Planenden ist immer wichtig, auch den Dialog zur interessierten Öffentlichkeit zu gestalten: Was kannst du dazu beitragen, du in deinem unmittelbaren Wohnumfeld oder wie du lebst? Da spielt das Thema Verhalten hinein. Schottergärten begrünen, schattenspendende Bäume erhalten und pflanzen, solche vermeintlich banalen Themen. Nehmen wir den Sommer: Diese Leichtigkeit, mit der wir die Sommer erlebt haben als eine Zeit, da wir immer mit offenen Fenstern leben, ist passé.
Ist die Offenheit für Klimaanpassung grundsätzlich oder akut?
Es ist schon so: Jetzt herrscht gerade große Hitze und für das Thema ist ein Bewusstsein da. Aber manchmal ist es zum Verzweifeln, wie schnell das dann auch wieder weg ist, im November, Dezember, Januar, Februar. Wenn wir da dann über das Thema Hitzeschutz sprechen, heißt es: „Ist ja auch schön, wenn es mal wärmer ist.“
Gabriele Renz
Leitung Kommunikation/ Pressesprecherin Architektenkammer Baden-Württemberg DAB Redaktion Baden-WürttembergDas könnte Sie auch interessieren
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