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Perspektive Grüne Stadtmitte

Ein Besuch der Landesgartenschau Neuss 2026. Auf dem Gelände einer ehemaligen Pferderennbahn entsteht nicht nur ein neuer Bürgerpark, sondern der Auftakt für die grüne Stadtentwicklung zwischen Innenstadt und Rhein.

Frank Maier-Solgk
13.07.2026 5min
 Großflächige Kunstinstallation aus Stahlgerüst auf einer Wiese. Die Gerüstkonstruktion formt eine abstrakte Kopfsilhouette in der Seitenansicht. Im Hintergrund sind Bäume, eine weiße Lagerhalle und Hochhäuser einer Stadt zu sehen. Ein einzelner Baum wächst vor der Installation. Der Himmel ist blau mit wenigen Wolken.
„ASA NISI LAGA“ von Christian Odzuck: Großskulptur im Rheinvorland außerhalb des LAGA-Geländes. © Christof Rose

Ein grünes Herz, die neue „grüne Mitte“ von Neuss soll es werden. Die alte Römerstadt, die ursprünglich an der Mündung der Erft in den Rhein gegründet wurde, deren Entwicklung aber seit dem 16. Jahrhundert nur mehr in Sichtweite des verlagerten Stroms an einem Seitenarm verlief, sie wirbt für ihre Landesgartenschau nicht nur mit Blumenpracht, Staudenreichtum und dem Know-how des regionalen Gartenbaus, sondern auch mit einem Stück zukünftiger Stadtentwicklung.  

Gartenschau mit stadtplanerischem Auftrag

Ort der Schau ist das 18 ha große Gelände der bis 2019 genutzten Pferderennbahn, das in der Tat scharnierartig zwischen dem historischen Stadtzentrum im Westen und dem sogenannten Rheinvorland liegt, von diesem jedoch durch ein Viertel von Bürogebäuden getrennt wird. So lag die Idee nahe, das weite freie Rennbahnareal zu einem dauerhaften neuen Bürgerpark zu entwickeln, der perspektivisch in seine städtischen Umfelder ausstrahlt und damit auch das wenig einladende östliche Entree der Stadt zum Rhein aufwertet.

Dieses in die Jahre gekommene und zum Teil bereits von Leerstand geprägte Büroviertel aus den 1980er-Jahren soll entsprechend dem „Stadtentwicklungskonzept Neues Hammfeld“ zu einem gemischten Wohn- und Arbeitsquartier entwickelt werden, das mit dem angrenzenden Park damit auch näher an die Innenstadt rückt.   

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Wie ihre inzwischen 19 Vorgängerinnen – die erste Landesgartenschau (LGS) in Nordrhein-Westfalen fand 1984 in Hamm statt, die letzte 2023 in Höxter – dient auch die Landesgartenschau von Neuss als Auftakt einer grün geprägten Stadtentwicklung. Diese angesichts des Klimawandels heute immer wichtigere Funktion rechtfertigt die teilweise erheblichen Investitionen, die sich im Fall von Neuss auf immerhin 60 Millionen Euro belaufen.   

Blick über ein ruhiges Gewässer mit grünem Schilf am Ufer. Auf der gegenüberliegenden Seite sind Veranstaltungszelte, Gebäude und ein Riesenrad sichtbar. Im Hintergrund erstreckt sich die Stadtsilhouette. Der Himmel ist klar und blau. Die Wasseroberfläche spiegelt die Landschaft wider.
Vergrößerte Wasserfläche: Blick von der „Seeterrasse“ über das Gelände Richtung Innenstadt. © Frank Maier-Solgk
Ein Außenbereich mit modernem Café und historischem Gebäude. Ein weißes Backsteinhaus mit Satteldach steht neben zeitgenössischen weißen Pavillons mit Blumenmotiven. Mehrere Besucher stehen an den Ständen. Weiße Sonnenschirme und bepflanzte Beete prägen das Ambiente. Ein blauer Himmel ist sichtbar.
Ehemalige Stallungen: Verschiedene Gebäude wurden erhalten und dienen zum Teil als Gastronomie, zum Teil auch als Veranstaltungs- und Ruheorte. © Frank Maier-Solgk

Relikte der Rennbahn als Gestaltungsmotiv

Vom ehemaligen Charakter einer Rennbahnanlage sind im Stadtpark noch einige Spuren erhalten geblieben. Da ist vor allem die Sandbahn, die das Gelände kreisförmig einschließt und die sich nun zu einem ökologisch wertvollen Trockenbiotop entwickeln wird. Da ist zum anderen die große Haupttribüne am Eingang West, die zum Teil Gastronomie aufnimmt. Und da ist das am östlichen Rand gelegene Ensemble der ehemaligen Stallgebäude, die renoviert wurden und während der LGS als Veranstaltungs- und Begegnungsort mit gastronomischen Angeboten dienen.  

Zudem wurden zahlreiche Sport- und Spielflächen angelegt. Ein bereits vorhandener kleiner künstlicher See im Zentrum wurde erweitert und mit einer Terrassenanlage versehen. Große artenreiche Wiesenflächen begegnen den Besuchern.  

Neu gepflanzt wurden rund 10.000 qm Strauchflächen und 2.200 neue Bäume, sowohl an den Rändern als auch verstreut innerhalb des Geländes in Form separater Haine. Die Auswahl der Bäume orientiert sich, so Projektleiter Jonathan Sironi vom verantwortlichen Büro Franz Reschke Landschaftsarchitektur (Berlin), an der Historie des Gebiets als früherem Überschwemmungsgebiet der Rheinaue: überwiegend Gehölze der Hartholzaue wie Eichen, Ulmen, Eschen, Traubenkirschen, Wildbirnen, Weiden und Pappeln.

 Ein modernes, einstöckiges weißes Gebäude mit großer schwarzer Überdachung aus Stahlträgern. Davor befindet sich eine grüne Wiese mit jungen, teilweise vertrockneten Bäumen. Ein asphaltierter Gehweg führt zum Gebäude. Grüne Sträucher und Hochspannungsleitungen sind im Hintergrund sichtbar.
Eingangs- und Ankerbauwerk: Das ehemalige Tribünengebäude der Rennbahn beherbergt am Westeingang aus Richtung Innenstadt den Empfang mit Kasse sowie Veranstaltungsräumlichkeiten. © Frank Maier-Solgk

Kunst am Bau der Landschaft 

Im östlichen Bereich des Areals präsentieren sich verschiedene Zier- und Nutzgärten. Die drei Kunstwerke, die über Wettbewerbe eigens für die LAGA Neuss kreiert wurden, laden immer wieder zum Verweilen und zur Reflexion ein. Etwa die Installation „Wir treffen uns im Wind“ von Hayato Mizutani (München): Die Gartenskulptur besitzt eine nach oben hin offene, kreisrunde, pavillonartige Struktur mit einem Durchmesser von 15 m. Umgeben von Wildhecken und Gartenkabinetten bewegen sich transluzente, hellblaue Stoffbahnen im Wind. Entstanden ist ein einerseits geschützter, jedoch auch offener Raum, der den Blick in die Landschaft ermöglicht und als Treffpunkt Menschen zusammenbringt. 

 Eine Gruppe von etwa 15 Personen sitzt und steht auf einer grünen Wiese. Sie sind in einem Kreis angeordnet auf weißen Stühlen und verschiedenfarbigen Jacken. Im Hintergrund ist ein großes weißes Zelt mit Metallgestell gespannt. Der Himmel ist bewölkt. Die Szenerie deutet auf eine informelle Versammlung oder Veranstaltung hin.
Installation „Wir treffen uns im Wind“ von Hayato Mizutani: Ort der Kontemplation und der Kommunikation. @ Christof Rose

Hoher Zuspruch, offene Fragen zum Klima

Während des Präsentationszeitraums vom 16. April bis zum 11. Oktober 2026 lockt zudem ein umfangreiches Programm, das auf drei Bühnen an verschiedenen Orten des Geländes fast täglich Veranstaltungen unterschiedlichster Couleur vorsieht. All das verspricht hohen Zuspruch, der sich bisher offenbar auch bestätigt – bis zum 21. Juni kamen bereits rund 210.000 Besucher. Allerdings könnte sich der heiße Sommer negativ auf die weitere Besucherentwicklung auswirken, empfindet man doch auf dem offenen Gelände in diesen heißen Junitagen – wie oft bei neu angelegten Parks – das Fehlen älteren Baumbestands und Schatten spendender baulicher Elemente denn doch als schmerzlich. Man darf in diesem Zusammenhang daran erinnern, dass der Altersdurchschnitt von Besucherinnen und Besuchern von Gartenschauen nahe bei 60 Jahren liegt.

Rheinvorland als städtebauliches Fernziel

Bestandteil der LAGA Neuss ist außerhalb des eintrittspflichtigen Hauptgeländes auch ein neuer Weg, der die geplante Stadtentwicklung zumindest in der räumlichen Zuordnung näher bringt. Dieser Weg führt vom Landesgartenschaugelände nach Osten, schlängelt sich durch das dortige Büroviertel „Hammfeld“ und erreicht schließlich das an den Rhein grenzende Gelände, das bereits vor 25 Jahren für die „Euroga 2002 plus“ als Gartenschaugelände diente. Hier überrascht eine eigens für die Dauer der Schau aufgestellte Großskulptur des Düsseldorfer Künstlers Christian Odzuck: Es ist eine 30 Meter hohe, auf Anfrage auch begehbare Gerüstkonstruktion, die an mehreren Stellen bepflanzt wurde und an die berühmten hängenden Gärten der Semiramis erinnern soll. Die Arbeit „ASA NISI LAGA“ hätte mehr Aufmerksamkeit verdient, fungiert sie doch nicht nur als eine weithin sichtbare Landmarke, sondern deutet mit der Kombination von industriellen Bauelementen und Natur auch symbolhaft die Entwicklung der Industriestadt Neuss zu einer grünen Stadt am Rhein an.

Weitere Informationen

Landesgartenschau Neuss, noch bis zum 11.10.2026. Info: 

www.laga-neuss.de

Frank Maier-Solgk

Düsseldorf / München

Frank Maier-Solgk ist von der Gartenkunst auf die Architektur gekommen. Er hat Kunstgeschichte, Literaturwissenschaften und Philosophie in München und Heidelberg studiert und mit einer Arbeit über den Österreicher Robert Musil promoviert. Nach Tätigkeiten als Berater von Institutionen und Unternehmen im kulturellen Bereich schreibt er seit vielen Jahren für überregionale Tageszeitungen sowie für Kunst- und – natürlich und hauptsächlich für Architekturmagazine.

Für das DAB schreibt Frank Maier-Solgk sowohl überregional als auch für den NRW-Teil. Das Spektrum seiner Themen reicht von Städtebau über Landschaftsarchitektur bis zum zirkulären Bauen. Er hat ferner Lehraufträge über journalistisches Arbeiten in Berlin und Düsseldorf wahrgenommen.

Eigentlich hat sich Frank Maier-Solgks Interesse für Architektur aus einer Leidenschaft für die europäische Gartenkunst entwickelt. Mehrere Bücher zum Beispiel über englische Landschaftsgärten in Deutschland, Renaissancegärten in Italien und französische Gärten in und um Paris sind dazu erschienen. Seine jüngste Publikation behandelt Skulpturengärten und Kunst in grünen Umfeldern („Green Fields“). Er lebt und arbeitet in Düsseldorf sowie gelegentlich in München.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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