Wandel als Chance?
Baukrise, KI, wachsende Verantwortung – und doch wächst der Spielraum: Fünf Strategien zeigen, wie Planende heute handlungsfähig bleiben können.
Seine Zeit als Direktor des Architekturmuseums der Technischen Universität München beendete Winfried Nerdinger im Jahr 2012 auf ungewöhnliche Weise. Die letzte große Ausstellung galt weder einem Bauwerk noch einer Architekturikone. Sie galt einer Profession. In „Der Architekt – Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes“ erzählte Nerdinger die Geschichte der Architekt:innen, aber auch der Stadtplanung und Landschaftsarchitektur, nicht als geradlinige Entwicklung, sondern als eine Abfolge immer neuer Selbstbeschreibungen. Mal erscheint „der Architekt“ als universeller Baumeister nach dem Vorbild des Daidalos, mal als Künstler, mal als Ingenieur, Organisator oder gesellschaftlicher Gestalter. Jede Epoche entwirft ihr eigenes Bild der Profession, das von ihren technischen Möglichkeiten, politischen Ideen und gesellschaftlichen Erwartungen geprägt ist. Gerade deshalb, so eine der Erkenntnisse des Buches, besitzen Berufsdefinitionen nie unbegrenzte Gültigkeit. Sie altern mit den Problemen, auf die sie einst eine Antwort waren.
Auch die Spannungen, die den Beruf bis heute begleiten, sind keineswegs neu. Schon die Rezensionen zur Ausstellung spielten mit Gegensätzen wie „gottähnlicher Schöpfer oder unbezahlter Dienstleistungsknecht“, „Gott oder armer Teufel“. Dazwischen liegt bis heute das Selbstverständnis des Berufs, der einerseits mit hohen gesellschaftlichen Erwartungen aufgeladen wird, dessen tatsächlicher Handlungsspielraum andererseits aber oft erstaunlich begrenzt ist.
Jede Generation fand ihre Antwort
Es wäre einfach, daraus eine Geschichte von damals und heute zu machen. Oder: Früher schien die Welt überschaubarer und die Herausforderungen wirken heute größer denn je. Doch dieser Ansatz greift zu kurz. Ein Blick in die Geschichte zeigt ein wiederkehrendes Muster. Jede Generation musste auf veränderte Rahmenbedingungen reagieren und fand ihre eigenen Antworten. Nach dem Ersten Weltkrieg prägten Wohnungsnot, Massenarbeitslosigkeit und ruinöser Wettbewerb die Debatten. Bereits damals warnten Fachzeitschriften vor einer „Überfüllung des Berufsstandes“. Die Nachkriegsgeneration ringt mit Materialknappheit, Standardisierung und dem Spannungsfeld zwischen Wiederaufbau und gestalterischem Anspruch. In den 1970er-Jahren erschütterten die Ölkrise, die Rezession und das Ende des Baubooms das Selbstverständnis einer ganzen Generation. Später veränderten computergestütztes Entwerfen, Globalisierung, Finanzkrisen und neue Marktstrukturen die Praxis erneut.
Die Jahre von 2012 bis 2026 sind in der mehr als 5.000-jährigen Geschichte des Berufs kaum mehr als ein Wimpernschlag. Und doch liest sich das Schlusskapitel in Nerdingers Buch heute wie ein Blick in eine andere Gegenwart. Nicht, weil die Antworten von damals falsch geworden wären. Sondern weil sich die Fragen verändert haben, die wir heute an die Profession richten.
Situation und Konstellation
Obwohl die Fakten auf dem Tisch liegen, fühlt sich die aktuelle Gegenwart dennoch anders an. Lange war dies eher ein Gefühl als eine klare Beobachtung. In Gesprächen mit Absolvent:innen, jungen Büros, erfahrenen Planer:innen, Hochschulen und Kammern tauchten jedoch immer wieder ähnliche Irritationen auf. Nicht als gemeinsame Diagnose und schon gar nicht als einheitliches Zukunftsbild. Eher als leises Hintergrundrauschen. Es ist, als würden an vielen Stellen gleichzeitig Fragen aufbrechen, die lange beantwortet schienen. Worin liegt heute die gesellschaftliche Rolle der Profession? Welche Kompetenzen sind ihr eigentlich eigen? Wo endet ihre Verantwortung – und wo beginnt sie erst?
Eine mögliche Erklärung bietet der Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch „Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums“. Ihn interessiert weniger, welche Krisen unsere Zeit prägen, sondern vielmehr, wie sich die Bedingungen des Handelns verändern. Demnach tragen Menschen Verantwortung für immer komplexere Zusammenhänge und erleben zugleich, dass sie deren Bedingungen immer weniger selbst bestimmen können. Rosa unterscheidet dabei zwischen Handeln und Vollziehen. Handeln bedeutet, Situationen mit Erfahrung, Urteilskraft und Augenmaß zu beurteilen und mitzugestalten. Vollziehen bedeutet dagegen, Regeln, Verfahren oder algorithmischen Entscheidungen zu folgen, deren Logik andernorts entsteht. Nicht, weil Menschen weniger kompetent wären, sondern weil der Raum für eigenes Abwägen und Entscheiden immer kleiner wird. Aus Handelnden werden Schritt für Schritt Vollziehende.
Überträgt man diesen Gedanken auf die planenden Berufe, ergibt sich ein interessanter Perspektivwechsel. Vielleicht ist nicht die Zahl der Aufgaben das Problem. Sondern die Frage, wie viel Raum unter den heutigen Bedingungen noch bleibt, um professionell zu handeln. Die gesellschaftlichen Erwartungen an Planung wachsen stetig. Sie soll bezahlbaren Wohnraum schaffen, Ressourcen schonen, den Bestand weiterdenken, Klimafolgen begegnen, Beteiligung organisieren und lebenswerte Städte gestalten. Gleichzeitig verändern Baukrise, wirtschaftlicher Druck, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, regulatorische Anforderungen, politische Rahmenbedingungen sowie die kontinuierliche Weiterentwicklung der berufsständischen Selbstverwaltung die Bedingungen, unter denen diese Erwartungen erfüllt werden können. Hinzu kommen Übergänge innerhalb der Profession selbst. Die Übergänge zwischen Studium und Berufspraxis, zwischen formaler Qualifikation und der Erfahrung, die erst im Berufsalltag entsteht, sowie zwischen professionellem Anspruch und den wirtschaftlichen Voraussetzungen architektonischer Arbeit müssen immer wieder neu überbrückt werden.
Die Herausforderung liegt dabei weniger in jeder einzelnen Entwicklung als in ihrem Zusammenspiel. Die Verantwortung wächst, während die Handlungsspielräume häufig enger werden. Entscheidungen verlagern sich in Gesetze, Normen, Vergabeverfahren, digitale Prozesse oder wirtschaftliche Zwänge. Die Profession soll immer mehr leisten, erlebt aber zugleich, dass zentrale Voraussetzungen ihres Handelns außerhalb ihres unmittelbaren Einflusses liegen. Wie können sich Planerinnen und Planer also neue Handlungsspielräume schaffen und wieder Handelnde werden?
Nostalgie ist keine Strategie
Auf dem Weltwirtschaftsforum 2026 kommentierte der kanadische Premierminister Mark Carney den tiefgreifenden Umbruch der Weltordnung mit den Worten: „Nostalgia is not a strategy.“ Damit war mehr als eine außenpolitische Mahnung gemeint. Wer in einer veränderten Welt handlungsfähig bleiben will, kann sich nicht darauf verlassen, dass die Antworten der Vergangenheit auch die Antworten der Gegenwart sind.
Doch wie sehen diese neuen Antworten konkret aus? Welche Strategien entwickeln Planende aus den Bereichen Architektur, Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Innenarchitektur bereits heute, um unter veränderten Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben?
Um dieser Frage nachzugehen, wurden Gespräche mit Vertreter:innen unterschiedlicher Generationen und Berufsfelder geführt: aus dem Findungsprozess, aus freien Büros, aus der Kammerarbeit, aus Verwaltung, Hochschule und Berufspolitik. Die Gespräche sind weder repräsentativ, noch beanspruchen sie, ein vollständiges Bild der Profession zu zeichnen. Sie eröffnen vielmehr einen Einblick in unterschiedliche Erfahrungen, Herangehensweisen und Wege. Trotz aller Unterschiede lassen sich darin wiederkehrende Muster erkennen. Diese Muster verstehen sich nicht als Rezept oder Zukunftsprogramm, sondern als Verdichtung der Gedanken und Erfahrungen aus den Gesprächen. Dabei treten fünf Handlungsspielräume besonders hervor.
Die fünf Handlungsspielräume
1. Karrieren wachsen aus kleinen Aufgaben
1. Karrieren wachsen aus kleinen Aufgaben
Der eigene Handlungsspielraum entwickelt sich in vielen Gesprächen Schritt für Schritt. Mehrere Gesprächspartner beschreiben ihren Berufsweg als eine Folge kleinerer Projekte, unerwarteter Gelegenheiten und Aufgaben, die zunächst gar nicht im Mittelpunkt standen. Sie beginnen beispielsweise mit Umbauten oder kleineren Bauaufgaben, bauen sich daraus Referenzen auf und erschließen sich nach und nach neue Tätigkeitsfelder. Andere initiieren eigene Projekte oder werden selbst Bauherr. Dabei erweitert sich auch das Verständnis dafür, was architektonisches Arbeiten umfasst. Entwerfen bleibt ein Kern der Profession, hinzu kommen Tätigkeiten, die Projekte vorbereiten, begleiten oder überhaupt erst ermöglichen. Genannt werden unter anderem Lehre, Beratung, Projektsteuerung, Architekturvermittlung oder unternehmerische Aufgaben. Mehrere Gesprächspartner verbinden diese unterschiedlichen Rollen miteinander und beschreiben diese Vielfalt als selbstverständlichen Teil ihres Berufswegs.
Immer wieder wird auch die Bedeutung von Sichtbarkeit angesprochen. Diese entsteht nicht nur durch realisierte Projekte, sondern auch durch Vorträge, Ausstellungen, Lehrtätigkeiten, Netzwerke oder die Beteiligung an fachlichen Debatten. Dabei geht es weniger um Selbstvermarktung als darum, als mögliche Partnerin oder möglicher Partner sichtbar zu werden.
2. Qualität entsteht im Zusammenspiel
2. Qualität entsteht im Zusammenspiel
Die Zusammenarbeit zieht sich wie ein roter Faden durch die Gespräche. Genannt werden Kooperationen mit Fachplanern, Handwerkern, Wissenschaftlern, Verwaltungsmitarbeitern oder Bauherren ebenso wie Netzwerke zwischen Büros oder der Austausch in Verbänden, Hochschulen und Fachgremien. Hintergrund ist häufig die Erfahrung, dass Planungsaufgaben komplexer geworden sind und unterschiedliche Kompetenzen zusammengeführt werden müssen.
Mehrere Gesprächspartner betonen, dass es bei Zusammenarbeit nicht um die eigene Haltung oder Handschrift geht. Vielmehr geht es darum, unterschiedliche Perspektiven früh zusammenzubringen und Wissen zu teilen. Qualität entsteht dort, wo Erfahrungen, Fachwissen und unterschiedliche Blickwinkel aufeinandertreffen.
Dabei bleibt die Zusammenarbeit nicht auf einzelne Projekte beschränkt. Viele pflegen langfristige Netzwerke, entwickeln Kooperationen über das eigene Büro hinaus oder organisieren ihre Arbeit gemeinschaftlich. In einigen Büros reicht dies bis zu geteilten Verantwortlichkeiten, gemeinsamen Entscheidungsstrukturen oder neuen Organisationsformen. Andere betonen vor allem den regelmäßigen Austausch mit Kolleginnen und Kollegen oder den Blick über die eigene Disziplin hinaus.
3. Gestaltung beginnt vor dem Entwurf
3. Gestaltung beginnt vor dem Entwurf
Die eigentliche Gestaltung wird mehrfach früher verortet als im Entwurf. Sie beginnt dort, wo Aufgaben formuliert, Verfahren vorbereitet oder Entscheidungen getroffen werden. Dadurch erscheinen Verwaltung, Bauherrschaft, Projektentwicklung oder Hochschule als selbstverständliche Teile der Profession. Genannt werden Verwaltung, öffentliche Bauherrschaft, Projektentwicklung, Hochschulen und Forschung. In den Gesprächen erscheinen sie nicht als Alternative zum Planungsbüro, sondern als weitere Tätigkeitsfelder der Profession. Wer auf der Bauherrenseite arbeitet, begleitet Projekte von Beginn an. In der Verwaltung dreht sich alles um Verfahren, Vergaben und städtebauliche Entwicklungen. Lehre und Forschung werden als Orte beschrieben, an denen neue Fragestellungen, Methoden und Haltungen entstehen.
Mehrere Gesprächspartner verbinden im Laufe ihres Berufswegs unterschiedliche Rollen oder wechseln bewusst zwischen ihnen. Dabei werden Büro und Professur, Planung und Verwaltung oder Praxis und Forschung nicht als Gegensätze beschrieben. Vielmehr erweitert der Wechsel zwischen den verschiedenen Perspektiven das Verständnis für Prozesse, Interessen und Entscheidungswege.
4. Wirtschaftliche Stabilität schafft gestalterischen Freiraum
4. Wirtschaftliche Stabilität schafft gestalterischen Freiraum
Auch die wirtschaftliche Seite des Berufs spielt eine tragende Rolle. Dabei wird sie jedoch selten als Gegensatz zur Architektur beschrieben. Es geht vielmehr um die Frage, wie sich ein Büro so entwickeln lässt, dass es auch langfristig handlungsfähig bleibt. Die Wege dorthin sind unterschiedlich. Genannt werden eine ausgewogene Mischung verschiedener Projekte, schrittweises Wachstum, zusätzliche Tätigkeitsfelder oder langfristige Netzwerke. Mehrere Gesprächspartner berichten, dass sie wirtschaftlich tragfähige Projekte bewusst mit anspruchsvolleren oder experimentelleren Aufgaben verbinden. Andere beschreiben den Aufbau eigener Geschäftsmodelle oder zusätzlicher Standbeine.
Dabei erscheint das Unternehmertum als selbstverständlicher Teil des Berufs. Honorare kalkulieren, Risiken einschätzen, Investitionen tätigen, Mitarbeitende führen oder Kooperationen aufbauen gehören für viele ebenso zum Alltag wie das Entwerfen. Mehrfach wird angemerkt, dass diese Kompetenzen im Studium kaum vermittelt werden, im Berufsleben aber kontinuierlich erlernt werden müssen.
Auffällig ist, dass wirtschaftliche Stabilität in den Gesprächen selten Selbstzweck ist. Sie schafft Freiräume für langfristige Entscheidungen, gestalterische Qualität und Projekte, die sich nicht allein nach kurzfristigen wirtschaftlichen Kriterien beurteilen lassen.
5. Der Beruf entsteht in der Praxis
5. Der Beruf entsteht in der Praxis
Geradlinige Berufswege sind in den Gesprächen eher die Ausnahme. Viele Gesprächspartner verbinden Büro, Lehre, Verwaltung, Forschung oder Unternehmertum miteinander oder wechseln im Laufe ihres Berufslebens bewusst zwischen diesen Rollen. Dabei prägen Erfahrungen aus einem Tätigkeitsfeld häufig die Arbeit im nächsten. Ebenso häufig kommt zur Sprache, dass viele Fähigkeiten erst im Berufsalltag entstehen. Die Kommunikation mit der Bauherrschaft und der Verwaltung, die Personalführung, wirtschaftliche Entscheidungen oder der Umgang mit neuen Technologien werden nicht als Inhalte des Studiums beschrieben, sondern als Erfahrungen, die sich mit der Praxis entwickeln.
Auch technische Veränderungen werden eher als selbstverständlich eingeordnet. Vom Zeichentisch über CAD und BIM bis hin zur künstlichen Intelligenz hat sich der Beruf immer wieder verändert. Für viele Gesprächspartner gehören neue Werkzeuge zur Entwicklung des Berufs und nicht zu einem grundsätzlichen Bruch.
Mehrfach wird außerdem empfohlen, den eigenen Blick immer wieder zu erweitern – durch andere Aufgaben, Disziplinen oder Perspektiven. Nicht jede Station muss dauerhaft sein. Sie erweitert jedoch das Verständnis für Zusammenhänge und eröffnet neue Möglichkeiten für die weitere berufliche Entwicklung.
In der Balance
Der Drahtseilakt endet nicht mit dem ersten sicheren Schritt. Er besteht darin, das Gleichgewicht immer wieder neu zu finden. Vielleicht beschreibt genau das auch die Geschichte der planenden Berufe. Es geht nicht um ein festes Berufsbild, sondern um die Fähigkeit, auf neue gesellschaftliche Anforderungen zu reagieren, ohne den eigenen Kern aus den Augen zu verlieren. Hartmut Rosa nennt diesen Gedanken „dynamische Stabilität“: Stabilität entsteht nicht durch Stillstand, sondern durch fortwährende Anpassung. Die Gespräche stimmen dabei vorsichtig optimistisch. Nicht, weil sie Gewissheiten vermitteln, sondern weil sie zeigen, wie viele Planerinnen und Planer bereits heute neue Wege erproben, Verantwortung übernehmen und Handlungsspielräume verschieben. Vielleicht ist genau das die eigentliche Konstante der Profession.
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