Perspektivwechsel: Neue Räume für offenes Lernen
Was passiert, wenn sich Schule vom klassischen Klassenzimmer löst? Neue Lernräume schaffen Freiheiten – und suchen zugleich die Balance zwischen Selbstständigkeit und Orientierung.
Getrieben vom allgegenwärtigen Platzmangel in den Schulhäusern klopfen Lehrpersonen ihre Arbeitsumgebung schon seit einer Weile auf Räume ab, die sich umnutzen lassen. Oftmals bilden diese ungesehenen Reserven eine gleichwertige Ergänzung zum konventionellen Unterrichtszimmer. Da gibt es Flure, Treppenhäuser und Außenräume, die sich die Schülerschaft als Lernorte aneignet.
Inzwischen folgt die Gestaltung des pädagogischen Auftrags den freieren Vorstellungen von dem, was ein architektonischer Rahmen sein könnte. Es geht nicht mehr nur darum, wie sich ein Konzept im Schulhaus entfalten kann, sondern auch um eine Architektur, die innovative Bildungsmethoden vorantreibt. Vergleichbar mit den Erkenntnissen aus der Arbeitswelt, bauen auch die aktuellen pädagogischen Leitlinien auf eine größere Vielfalt an Lehr- und Lernumgebungen, um den unterschiedlich gelagerten Menschen die jeweils optimalen Voraussetzungen für produktives Arbeiten und Wohlbefinden bieten zu können. Eine architektonische Antwort auf die neue Form des Lehrens und Lernens bieten „Open-Learning-Cluster“.
Zwischen Freiheit und Orientierung
Entgegen der früheren Ordnung, bei der die Klassenzimmer an dunklen Fluren aufgereiht waren, die Jahrgänge von unten nach oben aufsteigend die Etagen füllten und Chemie und Physik in Pavillons unterrichtet wurde, scharen sich altersübergreifend genutzte und nach Aktivitäten gestaltete Bereiche um ein zentrales Forum. Die Cluster gliedern sich in Gruppen- und Rückzugsräume. Die Schülerschaft und die Lehrpersonen suchen sich selbst den Platz und die Lernpartnerschaften, die ihnen für die aktuelle Aufgabe am besten erscheinen. Damit dies nicht zu einer Überforderung ausartet, gilt es, ein sorgfältig abgestecktes Feld zwischen Sicherheit und Freiheit anzubieten, in dem sich die Individuen verankern können.
Auch die Aufgabe der Lehrenden hat sich gewandelt und sich auf die Anleitung und das Feedback zur Form des Lernens verlagert. Die eigentliche Wissenserschließung geschieht vermehrt eigenverantwortlich und im Netz.
Lernen mit allen Sinnen
Als Ausgleich zur digitalisierten Welt wächst die Relevanz sinnlicher Erfahrungen. In erster Linie sind das die Gespräche mit Mitschüler:innen und Pädagog:innen. In diesem Licht gewinnen Blickbeziehungen zu Lehrpersonen, die sich an einem zentralen Ort zwischen den Clustern aufhalten, an Bedeutung. Werkstätten und Projekträume im Innen- und Außenraum eignen sich, um haptische Wahrnehmungen zu üben und zu schärfen. Der berühmte 45-Minuten-Rhythmus verliert an Bedeutung, da die Lernperioden abwechslungsreicher und lebensnäher sind. Auch die räumlich und zeitlich individuellen Pausenphasen bedürfen eines Umfelds, das das Wohlbefinden stärkt. Durch diese Durchmischung der Tätigkeitsfelder werden Stoßzeiten und Übernutzungen vermieden, was einem geringeren Flächenverbrauch zugute kommt.
Die Beschaffenheit der Architektur, die Ablesbarkeit von Kräfteverhältnissen, die Vielfalt der Perspektiven und der Wechsel der Durchblicke sowie das Zeigen der gewählten Materialien unterstützt die Entwicklung sinnlicher Wahrnehmung, das Erkennen der eigenen Vorlieben.
Einfach bauen, flexibel bleiben
Was sich kostspielig anhört, kann durchaus mit Reduktion und Vereinfachung gelingen. Das Zusammenspiel von offenen baulichen Strukturen, in denen sich multifunktionale, teils selbst gebaute Möbel bewegen lassen, entsprechen dem Wunsch nach flexiblen Lernumgebungen – und zwar anpassbar auch an zukünftige Szenarien, von denen wir heute noch keine Vorstellung haben können.
Die mit der horizontalen und vertikalen Offenheit verbundenen Herausforderungen beim Bauen sind akustischer und brandschutztechnischer Natur. Besondere Aufmerksamkeit verlangt die Planung einer klaren Orientierungsmöglichkeit und Erschließung für Menschen mit besonderen Fähigkeiten, um deren Inklusion noch immer gerungen wird.
Frisch in Betrieb und bereits mit diversen Preisen bedacht ist das Gebäudeensemble der staatlichen Gemeinschaftsschule Jenaplanschule Weimar. Schon der Planungsprozess lag in der Hand dreier Architekturbüros, deren Aufgabenbereiche von der Machbarkeitsstudie bis zur Ausführung ineinandergriffen und sowohl die Expertise der Schülerschaft als auch die der Verwaltungsebene integrierte.
Die architektonische Einfachheit – drei dreigeschossige Kuben in Stahlbetonskelettbauweise – lässt dieses Projekt vorbildlich erscheinen. Die Verlagerung der inneren Erschließung an die Außenseiten befreit die verbindenden Bereiche von Brandschutzauflagen, sodass sie möblierbar sind. Die umfangende Membran aus Balkons, Treppenläufen und Laubengängen sorgt für eine Verschattung der Innenräume, sodass auf Klimatechnik verzichtet werden kann. Blickachsen zwischen den Häusern, von Balkon zu Balkon und über die Etagen hinweg, sind als Einladung zur Kommunikation und Bewegung zu verstehen. Ein sattgrüner Anstrich eint die Häuser und entlastet die Innenräume von der sonst ebenso allgegenwärtigen wie überflüssigen Buntheit in Schulbauten.
Die gesamte Innenarchitektur ist von erkennbar natürlichen Materialien geprägt. In ruhiger und heller Atmosphäre scheinen sie förmlich darauf zu warten, mit Leben erfüllt zu werden.
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Was zeichnet leistungsfähige Schulbauten heute aus? Die vierte, überarbeitete Auflage der „Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten in Deutschland“ gibt Empfehlungen zur räumlichen Organisation von Schulen sowie zur Gestaltung erfolgreicher Planungsverfahren und Bauprozesse. Sie formuliert Qualitätsstandards und grundlegende Prinzipien für den Umbau, die Erweiterung und den Neubau von Schulgebäuden, die ein zeitgemäßes Lernen und Arbeiten unterstützen.
Herausgeber:
Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft
Bund Deutscher Architekten BDA
Verband Bildung und Erziehung (VBE)
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