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Perspektivwechsel: Neue Räume für offenes Lernen

Was passiert, wenn sich Schule vom klassischen Klassenzimmer löst? Neue Lernräume schaffen Freiheiten – und suchen zugleich die Balance zwischen Selbstständigkeit und Orientierung.

Hella Schindel
26.10.2026 4min
Heller, offener Bibliotheks- und Aufenthaltsbereich mit orangefarbenen Regalen, Computern, Sitzsäcken und niedrigen Bücherregalen. Schülerinnen und Schüler lernen, lesen oder sitzen im Gespräch; rechts öffnet sich der Raum zu einer Terrasse.
Schulcampus Neustift im Stubaital, Österreich, fasch&fuchs.architekt:innen: Bildungslandschaft als zentrales Element.
© Hertha Hurnaus

Getrieben vom allgegenwärtigen Platzmangel in den Schulhäusern klopfen Lehrpersonen ihre Arbeitsumgebung schon seit einer Weile auf Räume ab, die sich umnutzen lassen. Oftmals bilden diese ungesehenen Reserven eine gleichwertige Ergänzung zum konventionellen Unterrichtszimmer. Da gibt es Flure, Treppenhäuser und Außenräume, die sich die Schülerschaft als Lernorte aneignet.

Inzwischen folgt die Gestaltung des pädagogischen Auftrags den freieren Vorstellungen von dem, was ein architektonischer Rahmen sein könnte. Es geht nicht mehr nur darum, wie sich ein Konzept im Schulhaus entfalten kann, sondern auch um eine Architektur, die innovative Bildungsmethoden vorantreibt. Vergleichbar mit den Erkenntnissen aus der Arbeitswelt, bauen auch die aktuellen pädagogischen Leitlinien auf eine größere Vielfalt an Lehr- und Lernumgebungen, um den unterschiedlich gelagerten Menschen die jeweils optimalen Voraussetzungen für produktives Arbeiten und Wohlbefinden bieten zu können. Eine architektonische Antwort auf die neue Form des Lehrens und Lernens bieten „Open-Learning-Cluster“.

Zentraler Blick durch eine Schulbibliothek mit Bücherregalen aus hellem Holz und Sitznischen. Eine lange Sitzbank steht im Mittelgang; dahinter führen Treppen zu weiteren Ebenen.
Dybkær-Schule in Gødvad, Dänemark, Sweco Group: zentrales Atrium als Teil der Lernumgebung
© Sweco Group

Zwischen Freiheit und Orientierung

Entgegen der früheren Ordnung, bei der die Klassenzimmer an dunklen Fluren aufgereiht waren, die Jahrgänge von unten nach oben aufsteigend die Etagen füllten und Chemie und Physik in Pavillons unterrichtet wurde, scharen sich altersübergreifend genutzte und nach Aktivitäten gestaltete Bereiche um ein zentrales Forum. Die Cluster gliedern sich in Gruppen- und Rückzugsräume. Die Schülerschaft und die Lehrpersonen suchen sich selbst den Platz und die Lernpartnerschaften, die ihnen für die aktuelle Aufgabe am besten erscheinen. Damit dies nicht zu einer Überforderung ausartet, gilt es, ein sorgfältig abgestecktes Feld zwischen Sicherheit und Freiheit anzubieten, in dem sich die Individuen verankern können.  

Auch die Aufgabe der Lehrenden hat sich gewandelt und sich auf die Anleitung und das Feedback zur Form des Lernens verlagert. Die eigentliche Wissenserschließung geschieht vermehrt eigenverantwortlich und im Netz.

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Lern- und Bibliotheksbereich unter Oberlichtern: Schülerinnen und Schüler arbeiten an Tischen, nutzen Computer und lesen gemeinsam an einem Regal. Durch die Fenster sind Berge zu sehen.
Schulcampus Neustift im Stubaital, Österreich, fasch&fuchs.architekt:innen: Bildungslandschaft als zentrales Element.
© Hertha Hurnaus

Lernen mit allen Sinnen

Als Ausgleich zur digitalisierten Welt wächst die Relevanz sinnlicher Erfahrungen. In erster Linie sind das die Gespräche mit Mitschüler:innen und Pädagog:innen. In diesem Licht gewinnen Blickbeziehungen zu Lehrpersonen, die sich an einem zentralen Ort zwischen den Clustern aufhalten, an Bedeutung. Werkstätten und Projekträume im Innen- und Außenraum eignen sich, um haptische Wahrnehmungen zu üben und zu schärfen. Der berühmte 45-Minuten-Rhythmus verliert an Bedeutung, da die Lernperioden abwechslungsreicher und lebensnäher sind. Auch die räumlich und zeitlich individuellen Pausenphasen bedürfen eines Umfelds, das das Wohlbefinden stärkt. Durch diese Durchmischung der Tätigkeitsfelder werden Stoßzeiten und Übernutzungen vermieden, was einem geringeren Flächenverbrauch zugute kommt.  

Axonometrische Illustration einer Werkhalle mit verschiedenen Lern- und Arbeitsbereichen, darunter Lager, Robotik/Informatik, Mechanik, Recherche, Präsentation, Montage sowie Textil- und Keramikwerkstatt. Zahlreiche Personen arbeiten, lernen und tauschen sich in den offenen Zonen aus.
Baupiloten: Die Werkhalle als neue Typologie im Schulbau, Typologische Raumentwicklung
© Baupiloten BDA

Die Beschaffenheit der Architektur, die Ablesbarkeit von Kräfteverhältnissen, die Vielfalt der Perspektiven und der Wechsel der Durchblicke sowie das Zeigen der gewählten Materialien unterstützt die Entwicklung sinnlicher Wahrnehmung, das Erkennen der eigenen Vorlieben. 

Blick über mehrere Ebenen eines lichtdurchfluteten Schulatriums mit Oberlichtern, Treppen und Netzgeländern. Kinder gehen durch die Bibliotheksbereiche; durch die Fenster ist eine grüne Landschaft sichtbar.
Schulcampus Neustift im Stubaital, Österreich, fasch&fuchs.architekt:innen: Bildungslandschaft als zentrales Element.
© Hertha Hurnaus

Einfach bauen, flexibel bleiben

Was sich kostspielig anhört, kann durchaus mit Reduktion und Vereinfachung gelingen. Das Zusammenspiel von offenen baulichen Strukturen, in denen sich multifunktionale, teils selbst gebaute Möbel bewegen lassen, entsprechen dem Wunsch nach flexiblen Lernumgebungen – und zwar anpassbar auch an zukünftige Szenarien, von denen wir heute noch keine Vorstellung haben können.  

Die mit der horizontalen und vertikalen Offenheit verbundenen Herausforderungen beim Bauen sind akustischer und brandschutztechnischer Natur. Besondere Aufmerksamkeit verlangt die Planung einer klaren Orientierungsmöglichkeit und Erschließung für Menschen mit besonderen Fähigkeiten, um deren Inklusion noch immer gerungen wird.  

Grün verkleidetes Schulgebäude mit außenliegender Treppe und galerieartigen Gängen hinter Metallnetzen. Kinder sitzen und unterhalten sich auf dem oberen Gang; links rahmen Bäume und ein bewölkter Himmel die Szene.
Jenaplanschule in Weimar, gernot schulz: architektur: Balkone als pädagogischer Außenraum
© Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Foto Thomas Müller

Frisch in Betrieb und bereits mit diversen Preisen bedacht ist das Gebäudeensemble der staatlichen Gemeinschaftsschule Jenaplanschule Weimar. Schon der Planungsprozess lag in der Hand dreier Architekturbüros, deren Aufgabenbereiche von der Machbarkeitsstudie bis zur Ausführung ineinandergriffen und sowohl die Expertise der Schülerschaft als auch die der Verwaltungsebene integrierte. 

Die architektonische Einfachheit – drei dreigeschossige Kuben in Stahlbetonskelettbauweise – lässt dieses Projekt vorbildlich erscheinen. Die Verlagerung der inneren Erschließung an die Außenseiten befreit die verbindenden Bereiche von Brandschutzauflagen, sodass sie möblierbar sind. Die umfangende Membran aus Balkons, Treppenläufen und Laubengängen sorgt für eine Verschattung der Innenräume, sodass auf Klimatechnik verzichtet werden kann. Blickachsen zwischen den Häusern, von Balkon zu Balkon und über die Etagen hinweg, sind als Einladung zur Kommunikation und Bewegung zu verstehen. Ein sattgrüner Anstrich eint die Häuser und entlastet die Innenräume von der sonst ebenso allgegenwärtigen wie überflüssigen Buntheit in Schulbauten.  

Die gesamte Innenarchitektur ist von erkennbar natürlichen Materialien geprägt. In ruhiger und heller Atmosphäre scheinen sie förmlich darauf zu warten, mit Leben erfüllt zu werden.  

Heller Lernraum mit Holzeinbauten und offenen Regalen. Kinder sitzen an Tischen und malen, lesen oder arbeiten gemeinsam.
Jenaplanschule in Weimar, gernot schulz: architektur: Innenausbau eines Lernlofts
© Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Foto Thomas Müller
Offener Schul- und Aufenthaltsraum mit Holzeinbauten, Tischen und Sitzsäcken. Kinder lesen und unterhalten sich in kleinen Gruppen.
Jenaplanschule in Weimar, gernot schulz: architektur: Innenausbau eines Lernlofts
© Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft, Foto Thomas Müller

Weitere Informationen

Was zeichnet leistungsfähige Schulbauten heute aus? Die vierte, überarbeitete Auflage der „Leitlinien für leistungsfähige Schulbauten in Deutschland“ gibt Empfehlungen zur räumlichen Organisation von Schulen sowie zur Gestaltung erfolgreicher Planungsverfahren und Bauprozesse. Sie formuliert Qualitätsstandards und grundlegende Prinzipien für den Umbau, die Erweiterung und den Neubau von Schulgebäuden, die ein zeitgemäßes Lernen und Arbeiten unterstützen.

Herausgeber:

Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft
Bund Deutscher Architekten BDA
Verband Bildung und Erziehung (VBE)

Schulbau Open Source

Mit der Plattform „Schulbau Open Source” stellt die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft das Planungs- und Prozesswissen aus fünf Pilotprojekten frei zur Verfügung. Detaillierte Pläne, Projektdokumentationen, Kostenangaben und übertragbare Lösungen bieten Architekturschaffenden, Kommunen und Schulen eine Wissensgrundlage für einen zukunftsfähigen Schulbau. Das erste Pilotprojekt, die Jenaplanschule in Weimar, wurde 2025 fertiggestellt.

www.schulbauopensource.de 

Hella Schindel

Freie Journalistin

Hella Schindel ist Innenarchitektin und Diplom-Designerin mit Sitz in Bern und Berlin. Sie schreibt als freie Fachjournalistin für verschiedene Magazine.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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