Eine andere Praxis des Planens
Wenn über Planungskultur gesprochen wird, geht es häufig um Instrumente: Verfahren, Formate, Beteiligungsstufen. Seltener wird darüber gesprochen, wie Entscheidungen zustande kommen – und welche Rolle die Verwaltung dabei einnimmt. Als Stadtbaurätin verantwortet Frauke Burgdorff Stadtentwicklung, Stadtplanung und Städtebau in Aachen. Nicht ein einzelnes Leitprojekt ist prägend, sondern ein konsequent auf Klarheit und Verbindlichkeit ausgerichtetes Vorgehen. Dieses etabliert neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Verwaltung, Politik, Fachdisziplinen und Stadtgesellschaft.
DAB: Wenn Sie über Planung sprechen, geht es Ihnen weniger um Verfahren als um Weichenstellungen. An welcher Stelle im Prozess fallen diese Entscheidungen?
Frauke Burgdorff: Am Anfang jedes Projektes steht weiterhin eine gründliche Phase Null. Und diese Phase Null legt ganz wesentliche Dinge fest. Man braucht in dieser Phase viel mehr Fachkompetenz, als ich ursprünglich vermutet habe. Eine Phase Null ist eben keine reine Bedarfsabfrage – also nicht: Was wünschen sich die Leute? Sondern das Ergebnis einer Phase Null ist: Was ist machbar? Welche Prioritäten setzen wir? Welche Wirkung erwarten wir von diesem Projekt, von diesem Gebäude? Das hat ganz viel mit Wirkungsmanagement zu tun.
Also eher Wirkung als Vollständigkeit?
Genau. Wir neigen dazu, Projekte mit allen Ansprüchen dieser Welt zu überfrachten. Ein Ort kann vieles sein, aber nicht alles gleichzeitig. Man kann sagen: In der Prio eins ist das ein Verkehrsplatz, in der Prio zwei ein Repräsentationsplatz. Aber man muss Prioritäten setzen, weil sonst alles gleich wichtig wird und am Ende nichts mehr entscheidbar ist. Auch Beteiligungsergebnisse müssen professionell geordnet und am Ende politisch priorisiert werden. Sonst stehen widersprüchliche Erwartungen nebeneinander, die sich später nicht mehr zusammenbringen lassen. Um das zu verhindern, braucht es einen Moment der Festlegung – einen Design Freeze. Nicht für immer, aber für diesen Zeitpunkt. Ohne solche Momente wird Planung nicht arbeitsfähig.
Design Freeze ist ja ein Wort, das viele abschreckt.
Ja, aber das gehört dazu. Planung braucht einen Punkt, an dem aus Offenheit Verbindlichkeit wird. Prozesse lassen sich nicht endlos fortschreiben. Ohne eine klare Festlegung kann man nicht weiterarbeiten. Fachkompetenz und Haltung lassen sich nicht durch Beteiligung ersetzen. Bleibt dieser Schritt aus, entsteht Enttäuschung – auf allen Seiten.
Heißt das auch, dass man Nein sagen muss?
Unbedingt. Das Neinsagen gehört zur Beteiligung dazu. Nicht das politische Nein, sondern das fachliche Nein. Früh sagen, was nicht geht – rechtlich, technisch, räumlich. Wenn Bürgerinnen mehr Bäume wollen, dann muss man auch sagen: Die Straße ist voller Leitungen, wir kriegen zwei oder drei neue Bäume hin, mehr nicht. Und dann muss man fragen: „Was steckt eigentlich hinter eurem Wunsch nach Bäumen?“ Kühlung, Aufenthalt, Klima? Der Wunsch ist nicht der Baum.
Also eher übersetzen statt abbilden?
Genau. Diese Übersetzung ist eine professionelle Aufgabe. Nicht Bürgerinnen entwerfen Räume. Dafür gibt es Fachleute. Ich habe das im Schulbau sehr früh gelernt: Wir haben den Lehrern verboten, Räume zu benennen. Sie sollten nicht sagen: „Ich will ein Fotolabor“, sondern: „Ich will Fotoabzüge machen.“ Nicht: „Matheraum“, sondern: „Ich will Mathematik unterrichten.“ Raum entsteht aus Tätigkeit. Diese Ansprüche an Raum zu modellieren, gehört dann in professionelle Hände. Dafür sind wir da.
Das verändert auch die Sprache in Beteiligungsprozessen, oder?
Absolut. Unsere Sprache ist für viele Beteiligungsprozesse unerträglich. Zu viel Fachsprache, zu viele Substantive – und damit verlieren viele den Zugang zu dem, worum es eigentlich geht. Die eigentliche Tätigkeit verschwindet. Die Frage „Was willst du dort tun?“ öffnet viel mehr als jede Methodik. Sie gibt Menschen die Möglichkeit, ihre eigenen Vorstellungen einzubringen – wenn man ihnen Zeit lässt, anzukommen. Die wichtigste Methode ist: sich hinsetzen und zuhören. Keine Kärtchen, keine Methodenabfolge.
Und wann endet dieses Zuhören?
Es gibt einen Übergabepunkt: einen Moment, in dem der Blick der Nutzenden in professionelle Planung übergeht. Ab da übernehmen Architektinnen und Planer Verantwortung. Gestalterische Stärke entsteht aus Entschlossenheit. Ein Raum braucht eine Idee. Und wenn Menschen ihn später anders nutzen – wunderbar! Das macht ihn nicht kaputt.
Sie haben dafür eine kurze Formel gefunden.
Ja. Lange zuhören, schnell entscheiden. Oder ruhig und demütig zuhören und stark entscheiden. Beides ohne das andere funktioniert nicht.
Und was verändert diese Haltung im weiteren Prozess?
Diese Haltung verändert den Umgang mit Entscheidungen grundlegend. Positionen werden klar benannt und konsequent gehalten. Dadurch entsteht Klarheit. Investoren akzeptieren diese Setzungen nicht, weil sie ihnen entgegenkommen, sondern weil sie merken: Diese Spielregeln gelten. Wenn ich einer festgelegten Linie folge, geht es weiter. Projekte kommen dort voran, wo ein gemeinsamer entwickelter Rahmen akzeptiert wird. Gestaltungsbeiräte können und sollten bei dieser Entwicklung eingebunden werden. Denn sie bündeln viele der Fragestellungen, die es zu klären gilt – für Politik, Verwaltung und Investierende.
DAB Redaktion
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