Chance oder Risiko für die Architektur? Wie Wandel zu Obsoleszenz führen kann
Teil 1 von 3: Die Polykrise dominiert als Thema die Diskussionen – auch in der Stadt- und Regionalplanung. Doch das alte Gewissheiten verschwinden, um Neuem Platz zu machen, ist so alt wie die Menschheit selbst. Es lohnt ein konstruktiver Blick auf Transformation, abseits des grassierenden Pessimismus.
Die einzige Konstante ist der Wandel. Was banal klingt, hat eine tiefergehende Komplexität. Denn auch wenn den meisten bewusst ist, dass sich natürliche und menschengemachte Systeme verändern, sind die Implikationen nicht immer einfach zu verstehen. Historisch betrachtet ist die Krise – also der Kulminationspunkt, ab dem eine Entwicklung negativ oder positiv wird – ein wiederkehrender Topos. Dies scheint vor allem auf die Stadt- und Raumentwicklung zuzutreffen, zeigt sich Wandel nicht besonders gut im Raum und dessen Nutzungen durch den Menschen. Eine serielle Entstehung und Manifestierung von „Neuen Normalitäten“ erscheint historisch betrachtet als Norm: Je nach Disziplin verändern sich alle paar Jahre bzw. Jahrzehnte grundlegende Prämissen.
In manchen Disziplinen wie der Soziologie, Ökonomie oder Biologie sind das weitestgehend akzeptierte Aspekte. Auch Architekt:innen, Städtebauer:innen und Planende sollten ein ganzheitliches und anwendungsorientiertes Verständnis von Wandel und dessen Auswirkungen besitzen. Dabei sind zwei Punkte besonders wichtig:
ein Bezug zu zeitlichen Abläufen, deren Dynamiken und Manifestationen in Form von (Mega-)Trends und Ereignissen sowie deren möglichen Auswirkungen auf Objekte und Menschen;
eine Interdisziplinarität, also die Integration von Perspektiven, die über das Bauliche, die Architektur, das Planende hinausgehen.
In einer dreiteiligen Artikelreihe werden diese beiden Punkte reflektiert, Methoden vorgestellt, wie man sich ihnen nähern kann, und Ansätze vorgestellt, um im Kontext Entwicklung und Planung konstruktiv mit Wandel umzugehen. Grundlage ist immer die duale Bedeutung von Raum bzw. Raumnutzung: Wissenschaftlich betrachtet ist es die Sphäre der Produktivität, also dort, wo ökologisch, ökonomisch oder gesellschaftlich etwas passiert. Und gleichzeitig ist es ein handelbares Gut.
Zum Einstieg wird das Phänomen der Obsoleszenz vorgestellt, also das Verschwinden einer Funktion, Produktivität und Integration von Objekten oder Raumnutzungen.
Megatrends und Disruptionen – große und kleine Wirkfaktoren auf Raum und dessen Nutzung
Aktuell befinden sich Städte und Regionen in einem unvergleichlichen Strukturwandel mit enormem Krisen(-Potenzial). Das lange gut laufende „Geschäftsmodell Deutschland“ funktioniert nicht mehr. Breite Teile der Wirtschaft und Gesellschaft sind von Megatrends betroffen. Dabei handelt es sich um Entwicklungen, die allumfassend, langfristig und komplex wirken, wie zum Beispiel die Digitalisierung, der Klimawandel, der demografische Wandel, die Mobilitätswende oder die Energiewende.
Insbesondere in vormals dominanten und für Deutschland wichtigen Industriezweigen wie dem Automobil- und Maschinenbau oder der Stahlindustrie ist das deutlich mess- und erkennbar. Aber auch der stationäre Einzelhandel, große Teile des Dienstleistungssektors und sogar der vermeintlich krisenresistente IT-Bereich melden deutliche Krisenmerkmale wie Umsatzrückgang, Arbeitsplatzabbau und Leerstand bei Immobilien.
Gleichzeitig zeigen disruptive Störungen und Konflikte wie die Corona-Pandemie, Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine oder Extremwetterereignisse, die durch den Klimawandel noch zunehmen werden, die Fragilität bestimmter Strukturen und Prozesse. Sie wirken wie Trigger und verändern so Raum und dessen Nutzung.
Diese sogenannten Disruptionen und die oben genannten Megatrends entfalten eine sogenannte Raumwirksamkeit, also eine (positive oder negative) Wirkung auf Raum und dessen Nutzung. Sie verändern so die drei wesentlichen Eigenschaften von Raumnutzungen:
Produktivität: Die für die Raumnutzung vorgesehene Produktion von Gütern oder Dienstleistungen. Die Identifikation und Bewertung der Produktivität folgt auf der Immobilienebene häufig einer ökonomischen Logik, zum Beispiel durch die sogenannte Ertragswertmethode. Produktivität muss jedoch ganzheitlich definiert werden, nämlich auch sozial, kulturell, ökologisch etc.
Funktion: Die ökonomische, gesellschaftliche, ökologische oder kulturelle Aufgabe einer Raumnutzung. Dazu gehört auch die ästhetische Dimension, beispielsweise durch einen bestimmten Architekturstil.
Integration: Die Einbindung der Raumnutzung in größere Systeme, beispielsweise Produktions- oder Wertschöpfungsketten, Organisationen, Ensembles oder Gefüge.
Verliert eine Raumnutzung eine oder mehrere dieser Eigenschaften, wird sie aus Sicht der Eigentümer:innen bzw. Nutzenden obsolet. Dies führt zu Leerstand und so zu Schadschöpfung, also finanziellen Kosten, Abnahme von sozialer (Re-)Produktion und gefühlten bzw. reellen Sicherheiten oder zu einer Abnahme der Immobilienwerte im Umfeld.
Aktuell macht sich die Obsoleszenz insbesondere in den auf Gewerbe ausgerichteten Innenstädten bemerkbar: durch Leerstand der Einzelhandelsflächen, die aufgrund des Onlinehandels an Bedeutung verloren haben. Insbesondere der Leerstand in den Erdgeschossbereichen hat deutschlandweit in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Aber auch Büroflächen haben ein Obsoleszenz-Risiko – durch den Ausbau der Remote-Arbeit und den Arbeitsplatzabbau.
Wie der Wandel ist die Obsoleszenz von Raumnutzungen ebenfalls etwas Wiederkehrendes. So führte der Fortschritt in der Militärtechnik im 19. Jahrhundert dazu, dass die europäischen Städte ihre Verteidigungsanlagen aufgaben und diese zu Verkehrsflächen (z. B. Dortmunder Wall, Hannoverscher Cityring oder Kölner Ring) oder Parks (z. B. Planten un Blomen in Hamburg oder Wallanlagen Bremen) umwandelten. Auch finden sich in zahlreichen vormals industriell genutzten Gebäuden heute sogenannte Fabriklofts oder Büros. Manche Branchen und Berufsfelder sind zudem komplett verschwunden: wie alles, was mit der auf Pferde ausgerichteten Mobilität zusammenhing, wo der Pkw als Disruption fungierte. Manche Ökonom:innen sprechen im Fall solcher Innovationen von einer schöpferischen oder kreativen Zerstörung: Denn auch wenn durch solche Disruptionen einiges verschwindet, schaffen sie häufig viel Neues.
Die Gewinner des Wirtschaftsnobelpreises 2025 konnten nachweisen, dass diese Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten für deutliches Wohlstandswachstum gesorgt hat. Und auch für Architekt:innen und Städteplanende kann diese Entwicklung dafür sorgen, dass neue, andere Bauwerke und Strukturen benötigt werden.
Polykrise: Die wohl größte Transformation in Deutschland seit der Wiedervereinigung
Das, was im Gegensatz zum Strukturwandel der 1970er-Jahre neu ist, ist die Vielschichtigkeit der Veränderung. In der Wissenschaft wird daher mitunter auch von einer sogenannten Polykrise gesprochen: Durch Klimawandel, Digitalisierung von Arbeit und Handel, den Abschwung in der Industrie und den demografischen Wandel sind nicht mehr einzelne Bereiche der Gesellschaft betroffen – sondern alles gleichzeitig, miteinander verbunden und zum Teil in sich gegenseitig steigernden Prozessen. Für viele ist dies der größte Einschnitt seit der Wiedervereinigung. Für den Westen Deutschlands ist es die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Der Strukturwandel im Ruhrgebiet ist bei Weitem nicht abgeschlossen. Der Versuch, die Stahlindustrie in Städten wie Duisburg zu erhalten, gegen Konkurrenz aus dem Ausland abzusichern und gleichzeitig CO2-neutral zu machen, ist eine enorme Anstrengung.
Und insbesondere in den erfolgsverwöhnten Regionen, in denen die Automobilindustrie dominiert, macht sich seit den vergangenen Jahren eine große Unsicherheit breit: Im Audi-Zentrum Ingolstadt ist die Lage laut Bayerischem Rundfunk „dramatisch“. Durch fehlende Steuereinnahmen muss die Stadt Ausgaben im hohen zweistelligen Millionenbereich einsparen. In München ist die Lage wegen der Bandbreite der Geschäftsbereiche nicht so dramatisch, BMW ist dort aber weiterhin einer der größten Gewerbesteuerzahler.
In Stuttgart mit Mercedes und Porsche und zahlreichen Zulieferbetrieben wie Bosch sollen in den kommenden Jahren Arbeitsplätze im hohen fünfstelligen Bereich abgebaut werden. Für die baden-württembergische Hauptstadt ist das ein bis dato unbekannter Vorgang. Und auch in Wolfsburg, Zentrale des größten deutschen Autobauers Volkswagen, spürt man den Strukturwandel. Bis 2030 sollen rund 30.000 Stellen abgebaut werden. Standorte wie Osnabrück oder Emden standen zwischenzeitlich sogar ganz zur Disposition (siehe Abbildung 2).
Bei allen Städten zeigt sich, wie die Abhängigkeit von einer Branche als Cluster in guten Zeiten Vorteile bringen kann. Doch wenn es – wie jetzt – zur Krise kommt, wird die homogene Ausrichtung zu dem, was in der Wirtschaftswissenschaft Klumpenrisiko genannt wird.
Dieser Beitrag ist Teil einer mehrteiligen Artikelserie zum Thema Obsoleszenz und knüpft an das Forschungsprojekt „Die obsolete Stadt“ (2020–2023) an, das unter Förderung der Robert Bosch Stiftung entstand. Im Zentrum stand die Frage, welche städtischen Räume durch Digitalisierung, Mobilitätswende und gesellschaftlichen Wandel ihre Funktion verlieren – und wie sie für eine nachhaltige Stadtentwicklung neu gedacht werden können. Ebenfalls aus dem Forschungsprojekt entstanden sind die Publikationen:
Buchtipp 1
Die obsolete Stadt
Wege in die Zirkularität Stefan Rettich / Sabine Tastel JOVIS Verlag ISBN 978-3-98612-034-4
Buchtipp 2
Rethinking Obsolete Typologies
Transformation Potentials and Scenarios Anamarija Batista und Julia Siedle Birkhäuser Verlag ISBN 9783035628050
Constantin Alexander
Politikwissenschaftler und Nachhaltigkeitsökonom
Constantin Alexander ist Politikwissenschaftler und Nachhaltigkeitsökonom. Er promovierte an der Leuphana Universität Lüneburg zu Transformation, Krise und Kreativität in Organisationen und im Raum. Als Dozent lehrt er an mehreren Hochschulen zu Nachhaltigkeit, Wirtschaft und Stadtentwicklung; als Berater begleitet er Unternehmen, Organisationen und Kultureinrichtungen bei nachhaltiger Entwicklung und Beteiligungsprozessen. http://www.calexander.de