Ein Haus für Kinder und Bücher
Ein Interview mit Christoph Sattler zum Haus des am 16. März 2026 verstorbenen Sozialphilosophen Jürgen Habermas.
„Die Arbeit an der Philosophie ist – wie vielfach die Arbeit in der Architektur – eigentlich mehr die Arbeit an Einem selbst. An der eignen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht. (Und was man von ihnen verlangt.)“
Gemäß Ludwig Wittgenstein, der diesen Satz 1931 notiert, sind Architektur und Philosophie weit enger verwandt, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Wiewohl in unterschiedlichen Medien, so teilen sie doch die Aufgabe, ein Weltverhältnis zu formulieren. Beide formulieren Feststellungen über und Stellungnahmen zur Welt. Von daher ist es immer interessant, wenn Architektur und Philosophie aufeinandertreffen. Das war bei Ludwig Wittgenstein so, und das ist bei Jürgen Habermas so.
Die Architekten Hilmer & Sattler haben sein Wohnhaus in Starnberg geplant. Der Architekt und Philosoph Martin Düchs hat mit Christoph Sattler über die Entstehung der Villa, die Zusammenarbeit mit Habermas und über die Architekturmoderne gesprochen.
Martin Düchs: Herr Sattler, Sie haben 1971 den Auftrag bekommen, für Jürgen Habermas und seine Frau Ute das Familienwohnhaus in Starnberg zu bauen – wie ist es dazu gekommen?
Christoph Sattler: Zum Auftrag ist es gekommen, weil Habermas Peter M. Bode, den damaligen Kritiker in der Süddeutschen Zeitung, gebeten hat, ihm drei Münchner Architekten zu nennen. Das waren Hans Peter Buddeberg, Uwe Kiessler und wir drei, also Heinz Hilmer, Katharina Sattler und ich.
Wie ging es weiter?
Ja, wir haben uns einfach in Starnberg im Kaffeehaus getroffen und dann fanden die uns wohl irgendwie so nett und haben die anderen gar nicht mehr interviewt, sondern uns gleich den Auftrag gegeben. Wir waren damals angestellte Architekten bei der Neuen Heimat Bayern, hatten aber gerade den Wettbewerb zur Sanierung der Altstadt von Karlsruhe gewonnen. Dadurch waren wir plötzlich vielversprechend, obwohl wir selbstständig noch nichts gebaut hatten.
Trotzdem eigentlich doch erstaunlich, dass Sie den Auftrag einfach so bekamen.
Stimmt, aber es musste auch sehr schnell gehen. Habermas wollte möglichst bald nach Starnberg ziehen, weil er zusammen mit Carl Friedrich von Weizsäcker Co-Direktor des im Aufbau befindlichen Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt geworden war.
Das Haus für Jürgen Habermas und seine Familie ist also Ihr erstes realisiertes Gebäude?
Genau, es ist das erste Haus.
Wie hat sich die Zusammenarbeit nach dem ersten Kaffee entwickelt?
Das ging eigentlich sehr gut. Der Dialog ist ja sein Thema und genau das spielte dann eine wichtige Rolle. Es gab im Grunde drei Vorgaben: das steile nach Norden abfallende Grundstück mit dem Waldteil hintendrin, dann die drei Kinder und unendlich viele Bücher. Sie hatten keine genauen architektonischen Vorstellungen.
Spielte die Idee der Moderne und vielleicht auch die der architektonischen Moderne als unvollendetes Projekt schon eine Rolle?
Nein, das kam in seinem Denken erst ein bisschen später, aber wir sprachen viel über die Villa, die Ludwig Wittgenstein für seine Schwester in Wien gebaut hatte, und über den Raumplan von Adolf Loos, also die Idee, unterschiedlich hohe Räume auf verschiedenen Ebenen in einer Enfilade zu verbinden.
Zumindest Wittgenstein ist ja durchaus speziell. War Habermas ein Kenner der Architekturmoderne?
Nein, das kann man nicht sagen. Sie hatten nur eine recht vage Vorstellung von der architektonischen Moderne. Es gab zwar Möbel von Knoll, aber eigentlich war er kein visuell orientierter Mensch, sondern sehr auf den Kopf und seine ganzen Bücher fixiert. Diese vielen Bücher waren eigentlich der Ausgangspunkt für unseren Entwurf, dass nämlich diese 20 Meter lange Ostwand eine Bücherwand sein sollte, an der sich die Abfolge der Räume aufbaut, in denen sich das Leben der ganzen Familie abspielt.
Ist das Ehepaar Habermas Ihren Ideen gleich gefolgt oder gab es schwierige Diskussionen?
Die Grundideen haben sie gleich richtig gefunden. Also die Bücherwand als Rückgrat und die höhengestaffelte Abfolge der Räume, dem Gelände nach unten folgend. Natürlich gab es Kleinigkeiten: Wir wollten zum Beispiel Parkett, aber Ute Habermas bestand auf Teppich. Aber sie haben dann im Laufe der Jahre nichts Wesentliches geändert, auch nicht, als er nach dem Ende des Instituts in Starnberg 1981 wieder nach Frankfurt zu seiner Professur gependelt ist.
Das ist doch eine wunderbare Bestätigung: Habermas war offensichtlich mit dem Haus für seine Kinder und seine Bücher glücklich. Und welche Rolle spielt das Haus in Ihrem eigenen Œuvre?
In unserem Œuvre ist es paradoxerweise fast das historistischste Haus, weil es sich doch noch sehr an der weißen Moderne orientiert.
Da kommen wir zu einem interessanten Punkt: Habermas hält knapp zehn Jahre nach dem Bezug des Hauses 1980 in Frankfurt den Vortrag über die Moderne als „unvollendetes Projekt“ und 1981 dann die Rede „Moderne und postmoderne Architektur“ zur Eröffnung der Ausstellung „Die andere Tradition“. In beiden Reden kritisiert er auch die postmoderne Architektur. Sie sei – wie andere Strömungen – ein rückwärtsgewandter Konservativismus, der dem Projekt der Moderne zuwiderlaufe und falsch sei. In Ihrem eigenen Œuvre gibt es aber schon direkt nach dem Haus für Habermas die Öffnung in Richtung Postmoderne. Hat Habermas das irgendwie kommentiert?
Das ist richtig, wir haben uns abgewendet von den Prinzipien der CIAM und der Charta von Athen und so weiter. Stattdessen wollten wir uns an einer anderen Art der Moderne orientieren, einer Tradition, die die Vergangenheit anders reflektiert und aufgreift. Eher in Richtung Otto Wagner, Adolf Loos oder Jože Plečnik. Habermas hat das nicht gut gefunden, nach dem Motto: „Ihr habt euch eigenartig verändert.“
Seine Äußerungen zur Postmoderne klingen in seinen Reden ja tatsächlich relativ aggressiv.
Er hat uns kritisiert, aber immer freundschaftlich, und wir haben bis zum Schluss auch oft über Architektur geredet, zum Beispiel über das Stadtschloss in Berlin. Das fand er schon sehr eigenartig und in seiner Kritik konnte er aggressiv klingen, aber das war eher sein glasklarer Denk- und Argumentationsstil. Und das Haus, das wir ihm gebaut haben, empfand er als noch ganz im Sinne der Moderne, als Weiterführung des Projektes der Moderne.
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