„Architektur ist eine Innovationsdisziplin“
Der Architekt und Betriebswirt Christos Chantzaras über Unternehmensgeist, Innovationsprozesse und die Qualitäten von Architektinnen und Architekten als Entrepreneure
Viele Absolventinnen und Absolventen arbeiten heute nicht mehr im klassischen Architekturbüro. Für den Hochschullehrer Christos Chantzaras ist das kein Problem – im Gegenteil. Der Professor für Entrepreneurship im Bauwesen an der Frankfurt University of Applied Sciences untersucht neue Wege abseits des geschlossenen Ausbildungsmodells. Als Beleg dafür, dass Architektur eine offene Innovationsdisziplin ist, holt Chantzaras, 48, ein langes Stück Skizzenpapier aus seinem Rucksack und faltet es auf dem Tischchen des Cafés auf.
Julia Graven: Was haben Sie da für ein Organigramm gezeichnet?
Christos Chantzaras: Das sind alles Unternehmen mit Gründer:innen aus der Architektur. Von Ansätzen wie BuildSystems oder IFUB, die das klassische Architekturbüro neu aufstellen, über Syte, die eine KI-Plattform entwickeln für Echtzeit-Analysen von Immobiliendaten, bis zu Gravis Robotics, das vollautomatisierte Erdaushubroboter baut.
Wollen Sie Ihren Studierenden damit sagen: Werdet bloß nicht Architektinnen oder Architekten?
Ich habe einen etwas anderen Blick auf die Architekturausbildung entwickelt – und will zeigen, dass die Ausbildung extrem wertvoll ist, um Innovationsthemen und unternehmerische Impulse voranzubringen und damit vielleicht auch in anderen Feldern als dem klassischen Architekturbüro erfolgreich zu sein.
Sie haben in Frankfurt die erste deutsche Professur für Entrepreneurship im Bauwesen. Müssen Architektinnen und Architekten denn bessere Unternehmer werden?
Ich will den Studierenden nicht erzählen, wie sie ein Architekturbüro besser aufstellen können – das kann indirekt passieren. Aber sie sollen ihre Fähigkeiten auch jenseits des Gebäudeentwurfs ernst nehmen. Mich interessiert die darunterliegende Ebene: der Umgang mit Komplexität, das Aushalten von Unsicherheit, die Resilienz und die Werkzeuge, um Lösungen zu modellieren und zu entwickeln – das sind enorme Qualitäten.
Wie sind Sie zu dieser Perspektive gekommen?
Ich selbst hatte als junger Architekt bei Gunter Henn die Chance, in einem Architekturbüro zu arbeiten, das sehr früh mit Bauherr:innen interagiert, bevor überhaupt entschieden ist, ob und was gebaut werden soll. Henn hat diese Methode des Architectural Programming in den 1980er-Jahren nach Deutschland gebracht. Dabei werden Prozesse analysiert, visualisiert und Komplexitäten von Kontext, Anforderungen und Bedarfen erfasst. Im besten Fall kann der Architekt, die Architektin die Organisation strategisch weiterentwickeln.
Heißt das auch, dass ein Unternehmen sich mit dem falschen Gebäude die Zukunft verbauen kann?
Das könnte man so sagen. Auf jeden Fall wird deutlich, wie nah Architekt:innen an strategischen Organisationsentscheidungen beteiligt sein können. Eigentlich entwerfen wir nicht Gebäude, sondern Systeme. Das kann ein Gebäude sein, aber auch eine Unternehmensorganisation, eine digitale Plattform oder ein Produkt. Diese Innovationsleistung müssen wir besser kommunizieren.
Andere Disziplinen haben sich den Begriff der „Architektur“ längst angeeignet.
Ja, und jeder versteht sofort, was gemeint ist mit IT-Architektur, Datenbankarchitektur oder Systemarchitektur. Die Metapher des Räumlichen ist sehr stark. Und ich frage mich, wie es passieren konnte, dass der Begriff so eingängig ist und wir aber gar nicht mitgedacht werden, wenn es darum geht, neue Systeme zu entwickeln.
Für viele Absolventinnen und Absolventen ist das klassische Architekturbüro aber nach wie vor der einzige Weg.
Das stimmt. Aber viele gehen auch in die Stadtplanung, zu Kommunen, Projektentwicklern, Bauträgern oder Bauunternehmen. Andere gehen zu Material- oder Bauprodukteherstellern. Einige spezialisieren sich auf Nachhaltigkeitsberatung.Das Feld ist sehr breit gefächert – ähnlich komplex wie unsere gebaute Umwelt. Darin liegt auch eine große Chance, sich stärker zu positionieren.
War das schon immer so?
Ich würde sagen, es hat zugenommen und ist sichtbarer geworden. Mit der Komplexität sind die Optionen gestiegen sind, wo sich Absolvent:innen einbringen, sich auch selbst einladen können und sollten, da ihre Fähigkeiten und verantwortungsvolle Perspektiven aus der Architektur wichtig sind.
Liegt es nicht auch an den strukturellen Problemen der Branche?
Die Architekturbranche geht nicht wertschätzend mit ihrem Talent um. Auch untereinander haben Architekt:innen oft eine eingeschränkte Sichtweise von Kollaboration und gegenseitiger Hilfe. Das macht es schwer, innovativer zu werden oder Innovationsnetzwerke aufzubauen. Gleichzeitig vertreibt dies junge Talente aus einem total spannenden Berufsfeld, weil sie unter Bedingungen arbeiten sollen, die vielleicht vor 30, 50 Jahren entstanden sind. Das verbrennt enormes Potenzial, anstatt es zu fördern, selbst wenn es sich von Gebäudentwurf und -planung entfernt.
Die Generation Z verweigert sich?
Ich glaube nicht, dass es ein Generationenthema ist. Es geht eher um ein Bewusstsein dafür, was wertgeschätzte Arbeit und ein stärkendes Umfeld bedeuten. Viele fragen sich: Ist es mir so wichtig, ist es angemessen, dass ich mich so verausgabe? Oder gehe ich in einen anderen Bereich oder eine Nische, in der ich mich besser aufgehoben und unterstützt fühle?
Das klassische Architekturbüro ist also tot?
Nein. Das Entwurfs- und Planungsbüro wird es weiterhin geben. Nach wie vor sieht ein Teil im Wettbewerb die einzige Möglichkeit, sich zu etablieren. Aber es ist nicht der einzige Weg. Kleine Büros können sich zu Inkubatoren für neue Ideen entwickeln. Dann geht es nicht nur um den von außen wahrnehmbaren Entwurf oder die Fassade, sondern stärker um die innere Struktur des Zusammenlebens, des Organisierens und die Veränderung von Unternehmen, Bildungseinrichtungen, Verwaltungen. Es geht um zirkuläres und nachhaltiges Bauen und um die Transformationen, die dadurch angestoßen werden, wie wir bauen, Bauprodukte entwickeln und fertigen oder Gebäude betreiben und nutzen. Wenn sich Büros als Transformationsagenten begreifen, bin ich mir sicher, dass es einen entsprechenden Markt gibt.
In dem auch entsprechend bezahlt wird?
Das hängt davon ab, wie man seinen Wert kommuniziert und sich nicht auf Diskussionen nach HOAI reduzieren lässt.
Von wem können Architektinnen und Architekten denn hier lernen?
Ich möchte keine Diskussion über das Wettbewerbswesen losbrechen, aber für mich ist das wieder ein Verbrennen von innovativen Potenzialen, dem wir uns wirklich entgegenstellen sollten. Bauherr:innen haben sich daran gewöhnt, Wettbewerbe auszuloben, mit denen sie günstig Innovationsleistungen erhalten. Unternehmensberatungen wie die Big Four oder auch Anwaltskanzleien würden an so einem System nicht teilnehmen oder es zumindest nicht ausschließlich bedienen.
Wenn Sie noch mal als Architekt gründen würden, wie würden Sie vorgehen?
Ich würde ein Thema entwickeln, für das ich eine Passion habe, und es bespielen, mich damit zeigen. Dann würde ich eine Struktur aufbauen, die im Netzwerk arbeitet. Kollaborativ, anschlussfähig mit unterschiedlichen Expertisen. Gleichzeitig würde ich intern eine agile und dynamische Arbeitsweise fördern und eine digitale Infrastruktur aufsetzen, die mir im Hintergrund die Arbeit erleichtert.
Und wie kommen Sie an Aufträge?
Darüber, sich ins Gespräch zu bringen, sich zu vernetzen und vor allem auch in anderen Communities präsent zu sein. Mit Kaltakquise wird das nicht möglich sein.
Die klassische Architektur-Website wird nicht das sein, was potenzielle Bauherr:innen anspricht. Ich muss auffindbar werden und mein Werteversprechen sichtbar machen. Und ich muss auch von der Expertenkommunikation weg und diejenigen mitnehmen, die nicht über ein entsprechendes Vorwissen verfügen, um meine Argumente zu erfassen.
Wie bereiten Sie Ihre Studierenden darauf vor?
Wir werden im Sommersemester, neben weiteren Formaten, in einem Seminar das Architekturbüro der Zukunft konzipieren. Die Studierenden sollen in Dreiergruppen entwickeln, was ihr Thema und ihr Wertversprechen dazu ist. Dabei geht es nicht um einen klassischen Businessplan. Eher um ein Unternehmens- oder Angebotskonzept für eine nachhaltige gebaute Umwelt. Dahinter steht die Frage: Welche Intelligenz muss in der Struktur eines Büros mitentworfen sein, damit es Wachstum und Impact nicht nur über mehr Mitarbeitende skaliert?
Dann sprechen wir nächstes Jahr noch einmal darüber?
Ich bin gespannt, was daraus wird. Das Curriculum in Frankfurt ist auf jeden Fall eine enorme Chance für die Studierenden.
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