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Nachfolge bei wulf architekten: Kein Bruch, sondern Weiterentwicklung

Der Architekt Tobias Wulf gründete sein Büro im Jahr 1987. Seit 2025 ist sein Sohn Gabriel neben drei weiteren Partnern geschäftsführender Gesellschafter. Dazwischen liegen fast 40 Jahre, drei Standorte und 150 Mitarbeiter. Über Nachfolge reden die beiden allerdings nicht, denn das Büro war nie als etwas gedacht, das man übergibt. Sondern als etwas, das sich von innen heraus weiterentwickelt.

DAB Redaktion
28.05.2026 15min
Geschäftsleitung Wulf Architekten: v.l.n.r. Gabriel Wulf, Tobias Wulf, Steffen Vogt, Ingmar Menzer und Jan-Michael Kallfaß © Klaus Mellenthin

Wie das konkret aussieht, zeigt die Geschichte des Büros. Es wurde 1987 mit einem gewonnenen Wettbewerb gegründet und wird heute von Tobias Wulf gemeinsam mit Jan-Michael Kallfaß, Ingmar Menzer, Steffen Vogt und Gabriel Wulf geleitet. Alle vier sind langjährige Mitarbeiter, die in die Partnerschaft aufgestiegen sind, so wie zuvor Kai Bierich und Alexander Vohl, die das Büro von 1996 bis 2018 mitprägten. 

Im selben Jahr eröffnete das Büro einen Standort in Berlin, ausgelöst durch einen weiteren Wettbewerbserfolg. Ein Jahr später, 2019, folgte Basel – wiederum durch einen Wettbewerbserfolg, diesmal unter Mitwirkung von Gabriel Wulf, dem Sohn des Gründers. Er war nach Stationen an der ETH Zürich, bei Herzog & de Meuron und an der Architectural Association (AA) in London nach Stuttgart zurückgekehrt. Was auf den ersten Blick wie eine klassische Familiennachfolge aussieht, ist bei näherer Betrachtung etwas anderes: ein Büro, das sich wiederholt von innen heraus erneuert hat, ohne dabei die Kontinuität zu unterbrechen.  

Wulf Architekten realisiert große öffentliche Bauten – Schulen, Kulturbauten, Sportzentren, Forschungsgebäude – mit einem dezidiert konzeptuellen, nicht kommerziellen Anspruch. Die Frage der Nachfolge stellt sich hier nicht als Übergabe, sondern als Grundsatzfrage: Was soll weiterbestehen, wenn sich alles verändert? Zehn Maximen, die das Büro zuletzt in seiner zweiten Werkmonografie formuliert hat, versuchen genau das festzuhalten – als internes Orientierungsinstrument. Konzept vor Form. Struktur als Denkweise. Flexibilität ohne Charakterlosigkeit. Typus als Ziel.

Dahinter steht eine strukturalistische Architekturauffassung, die sich im weiteren Sinn auch auf Aldo van Eyck und Herman Hertzberger beruft. Nicht das Gebäude als Objekt steht im Vordergrund, sondern der Raum dazwischen. Der Raum, den sich der Mensch zu eigen machen möchte.  

Wie sich das über Generationen weitergeben lässt – und ob das überhaupt der richtige Begriff dafür ist – darüber sprach die DAB Redaktion mit Tobias Wulf und Gabriel Wulf.

Tobias Wulf © Klaus Mellenthin
Gabriel Wulf © Klaus Mellenthin

DAB: Tobias Wulf, was hat Sie 1987 angetrieben? 

Tobias Wulf: Es war vor allem Ungeduld. Ich hatte bereits in renommierten Büros gearbeitet, aber irgendwann war der Punkt gekommen, an dem ich nicht länger warten wollte. Als ich 1987 den ersten Wettbewerb gewann, habe ich die Gelegenheit genutzt. Dass der erste Auftraggeber über mein persönliches Netzwerk zu mir fand, hat geholfen. So ging es los. Damals war das noch möglich: als Einzelkämpfer einen offenen Wettbewerb zu gewinnen und daraus ein Büro aufzubauen.   

Was hat 1996 den Ausschlag gegeben, erstmals Partner aufzunehmen? 

Tobias Wulf: Die Lehre kam dazu: 1991 übernahm ich eine Professur für Baukonstruktion und Entwerfen an der Hochschule für Technik und Gestaltung in Stuttgart, die ich bis 2022 innehatte. Damit war klar, dass ich Verantwortung im Büro abgeben musste. Kai Bierich und Alexander Vohl, beide langjährige Mitarbeiter, wurden 1996 Partner. Bis dahin hatte sich das Büro als junges Büro etabliert, wurde zu immer bedeutenderen Wettbewerben eingeladen und die großen Projekte kamen – bis hin zur Messe Stuttgart, die bis heute zu unseren allergrößten Projekten zählt. Bierich und Vohl haben diese Phase wesentlich mitgeprägt und sind bis 2018 geblieben. Das ist eine lange Zeit, in der das Büro noch einmal ganz anders gewachsen ist. 

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Gabriel Wulf, war es für Sie von Anfang an klar, dass Sie Architekt werden wollen? 

Gabriel Wulf: Es wurde mir in die Wiege gelegt. Ich habe als Kind mit dem Styrocutter im Büro gearbeitet, mit dem Buch „S, M, L, XL“ Burgen gebaut, weil neue Architekturbücher ins Haus kamen, und am Wochenende haben wir Baustellen besichtigt. Die Architektur wurde mir also früh mitgegeben. Studiert habe ich allerdings nie in Deutschland: Nach dem Zivildienst und einem Vorpraktikum bei Behnisch führte mich der Weg direkt ins Ausland – erst nach Zürich, dann nach Basel zu Herzog & de Meuron und schließlich nach London. Erst 2017 kam ich wieder nach Stuttgart zurück. 

Die ETH und die Architectural Association (AA) sind ziemlich verschiedene Schulen. 

Gabriel Wulf: An der ETH lernt man, wie man Architektur macht – in London dann, warum. Irgendwann fehlte mir jedoch das Gebäude selbst, denn die AA kreist um vieles, was außerhalb der Architektur liegt. Das ist hochinteressant, trieb mich aber irgendwann zurück zur gebauten Aufgabe. Den Ausschlag gab ein offener Wettbewerb für das Gefängnis im Kanton St. Gallen. Ich fand es faszinierend, welche Leistung Architektur in diesem Kontext erbringen muss. So bin ich in die Praxis hineingewachsen. Ein Plan war das nie. 

Und wie war der Einstieg ins Büro des Vaters? 

Gabriel Wulf: Als Kind hatte ich einmal gesagt, dass ich nach Zürich gehen, Architektur studieren und das Büro übernehmen will. Das hatte ich zwischenzeitlich allerdings vergessen. Irgendwann hat mich mein Vater daran erinnert. Zurück nach Stuttgart und direkt ins Büro – das war eigentlich nicht mein Plan. Es hat sich ergeben. Die Ungeduld, die meinen Vater damals angetrieben hat, kenne ich auch. 

Tobias Wulf: Und dann kamen seine ersten Wettbewerbserfolge. Nachdem wir 2018 das Berliner Büro eröffnet hatten, ergab sich ein Jahr später durch ein zweites großes Projekt die Schweiz. 

Gabriel Wulf: Der Anruf für den Wettbewerbsgewinn kam kurz vor Weihnachten. Ende Februar waren wir bereits nach Basel umgezogen. Für mich war das immer so: Die Chance ergibt sich – ergreifen, durchziehen.

Neubau Campus Bern der Berner Fachhochschule (BFH), Wettbewerb in Kooperation mit Studiopez 2019, 1. Preis, Fertigstellung voraussichtlich 2028 © wulf architekten

Mit 150 Leuten kann man nicht alles dem Zufall überlassen. Wie habt ihr die Aufgaben aufgeteilt?

Gabriel Wulf: Die Managementbereiche – Human Resources, Finanzen und IT – haben wir unter den Partnern aufgeteilt. Aber das Kerngeschäft, die Architektur selbst, bleibt gemeinschaftlich. Mein Vater ist voll in die Wettbewerbe involviert, und wir besetzen jedes Team bewusst wechselnd – das soll keine Fachposition werden. Wir sind schließlich alle Architekten.

Tobias Wulf: In allen drei Büros gibt es nur einen Großraum, in dem alle zusammensitzen. Es gibt keine Einzelbüros. Es gibt zwar verschiedene Hierarchiestufen, aber diese separieren sich nicht – jedes Projekt ist im Kern ein Team. Das Wettbewerbsteam besteht aus zehn bis zwölf jungen, internationalen Architektinnen und Architekten, wobei mindestens acht Nationen vertreten sind. Viele von ihnen haben als Praktikanten begonnen und sind bis zur leitenden Architektin aufgestiegen. Das bringt Kontinuität und enormen Input zugleich. Zusätzlich führen wir Montagsgespräche, in denen die Partner die laufenden Projekte bis ins Detail unter die Lupe nehmen. Bei Projekten, die acht oder zehn Jahre dauern, ist es wichtig, sich die Kreativität zu erhalten. Das ist auch eine Frage der Motivation: Wenn die Mitarbeitenden merken, dass da etwas dran ist, macht auch die Detailarbeit Spaß.

Gabriel Wulf: Uns geht es nicht um Wiedererkennbarkeit im Sinne eines Stils. Wir sprechen eine gemeinsame architektonische Sprache, auch wenn wir sie auf unterschiedliche Weise sprechen, mit unterschiedlichen Zugängen und manchmal auch mit unterschiedlichen „Stiften“, wenn man so will. 

Monografie Struktur und Typus, Birkhäuser 2026 © Birkhäuser

Wie kommunizieren Sie das? Fallen die Entscheidungen von oben nach unten oder ist das ein iterativer Prozess?

Tobias Wulf: Das meiste entsteht, wenn wir gemeinsam besprechen. Wenn außerhalb der Arbeitszeiten etwas aufkommt, wird es sofort in eine Skizze übersetzt und weitergegeben – und dann durchaus auch diskutiert. Andere Meinungen kommen dabei herein. Das Wettbewerbsteam nimmt diese sehr gut auf und macht sie sich zu eigen. Ich habe auch den Vorteil, dass ich täglich mit den anderen drei Partnern zusammenarbeite. Wenn mich etwas beschäftigt, frage ich natürlich auch sie. Manchmal kommt der entscheidende Impuls von jemandem, der nicht so tief im Thema steckt.

Gabriel Wulf: Ich lebe in Basel und bin zwei Tage pro Woche in Stuttgart. Diese Distanz ist hilfreich, denn wir beide können nicht loslassen, wenn uns etwas beschäftigt. Rund um die Uhr zusammen wäre wohl zu viel, für uns und für alle anderen. 

Ist das auch der Grund für Ihre zehn Maximen, damit alle dieselbe Richtung kennen?

Tobias Wulf: Im Jahr 2014 haben wir die erste Werkmonografie veröffentlicht und angefangen, genauer über unsere Arbeit und unsere Ziele nachzudenken. Daraus entstand der Wunsch nach Leitplanken. Das war bei uns besonders wichtig, weil die Tendenz besteht, in alle Richtungen gleichzeitig zu arbeiten. Das wollte ich vermeiden. Einige dieser Maximen haben andere Büros vielleicht auch. Einige sind für ein Büro unserer Größe jedoch ungewöhnlich, zum Beispiel, dass wir nicht kommerziell arbeiten. Es geht uns nicht darum, mit Projekten den Gewinn zu maximieren. Die Maximen wirken auch wie ein Korrektiv: Im kreativen Prozess, gerade bei Wettbewerben, kann man leicht auf Abwege geraten. Dann holen sie einen wieder zurück.

Gabriel Wulf: Für mich war das auch ein Moment des Abgleichs, um zu sehen, ob wir eigentlich dasselbe meinen. Denn wir gehen Architektur aus so verschiedenen Richtungen an: manchmal aus dem Bauch, manchmal aus dem Kopf, aus der Theorie. Mein Vater übernimmt eher den intuitiven Part, ich bin rationaler. Die Maximen sind der Ort, an dem wir uns treffen. Und wenn man im Prozess nicht weiterkommt, helfen sie bei der Frage: Warum hängen wir hier fest? Mir persönlich hilft es, die Texte zu schreiben, denn dabei merkt man, ob das Konzept noch stimmt oder nicht.  

Tobias Wulf: Ein Beispiel ist die Struktur. Wir beginnen nicht mit einer fertigen Vorstellung davon, wie etwas aussehen soll. Zunächst versuchen wir, die Aufgabe gedanklich zu durchdringen. Das hat dann noch gar nichts mit Architektur zu tun. Dann bildet sich ein Gedankengerüst, eine Struktur, und so kommt man allmählich zu einer baulichen Antwort. Die Form ist das Ergebnis, nicht der Ausgangspunkt.

Gabriel Wulf: Wir haben das einmal in einem gemeinsamen Vortrag auf den Begriff gebracht: „non-architectural problems“. Jede Aufgabe hat ein Problem, das eigentlich kein architektonisches ist, sondern beispielsweise ein baurechtliches, ein soziales oder ein topografisches. Wenn man dieses Problem aufgreift und in ein architektonisches Thema überführt, in eine Typologie transformiert, ist man plötzlich wieder im Kerngeschäft: Struktur, Typologie, Grundriss. Als wir diese These auf ältere, fertige Projekte angewendet haben – bis zurück zur Messe Stuttgart –, haben wir gemerkt, dass wir das eigentlich schon immer so gemacht haben, bewusst oder unbewusst. Die Maximen machen das sichtbar. Wir suchen nicht nach einer Form, sondern nach einer Herangehensweise. 

Gemeinschaftsschule Jungfernheide in Berlin, Wettbewerb 2026, 1. Preis. © wulf architekten
Gemeinschaftsschule Jungfernheide in Berlin, Wettbewerb 2026, 1. Preis. © wulf architekten

Diese Herangehensweise setzt allerdings voraus, dass man überhaupt an die richtigen Aufgaben herankommt. Wie hat sich das verändert?

Tobias Wulf: Die Anforderungen an Wettbewerber sind heute so, dass junge Büros allein kaum noch eine Chance haben. Früher konnte man als Einzelkämpfer weit kommen, doch das ist meiner Überzeugung nach heute nicht mehr möglich. Man muss Kooperationen suchen, auch unter Architekturbüros. Wir haben gerade einen Wettbewerb gemeinsam mit Franz & Sue und CF Møller durchgeführt – und gewonnen. Jetzt realisieren wir das Projekt gemeinsam. Das bringt noch einmal ganz neuen Input. Für den einen Aspekt sucht man sich den einen Partner, für den anderen den anderen, sodass man am Ende über alle nötigen Kompetenzen verfügt.

Wenn wir uns im Jahr 2036 wieder unterhalten, was wird sich dann geändert haben?

Tobias Wulf: Ich bin dann hoffentlich immer noch dabei, aber mit etwas mehr Freiheit. Es ist ein schleichender Prozess. In zehn Jahren werden auch die anderen drei Partner anfangen, über die Zeit danach nachzudenken. Ich könnte mir vorstellen, die Verantwortung für das Büro auf noch mehr Schultern zu verteilen. Diese Ära, in der ein Name für alles steht, war bei uns nie das Modell.

Generationenwechsel – ist das das richtige Wort?

Gabriel Wulf: Nein, denn Generationenwechsel impliziert: Das eine war, dann kommt das andere. Aber so funktioniert das hier nicht. In zehn Jahren sind vielleicht vier Altersgenerationen auf Partnerebene vertreten. Dann ist es kein Wechsel mehr, sondern eine Weiterentwicklung. Die 40-jährige Bürogeschichte darf man nicht unterschätzen. Das hat bei Bauherren und in Netzwerken einen Wert. Man sieht jetzt schon, wie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Verantwortung übernehmen, die man langfristig dabeihaben will. Es geht nicht darum, wer oben steht und wer zeichnet. Es geht darum, gemeinsam etwas aufzubauen.

Tobias Wulf: Wir sind kein Familienunternehmen. Wir heißen zwar Wulf und es gibt Wulfs, die hier maßgeblich mitmachen. Aber die anderen sind genauso wichtig. 

Über die Monografie

Das Buch „Struktur und Typus“ ist die neue Werkmonografie des Büros wulf architekten mit Sitz in Stuttgart, Berlin und Basel. Es dokumentiert 17 Projekte aus den Jahren 2014 bis 2026, darunter Bildungseinrichtungen und Museen, und diskutiert im Dialog mit Hubertus Adam aktuelle Baukultur, das Bauen im Bestand und die Verbindung von Struktur und Raum.  

Struktur und Typus
Birkhäuser Verlag,  
Veröffentlichung Dezember 2025,  
ISBN 978-3-0356-2912-5 

DAB Redaktion

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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