Den Terror der Aufmerksamkeit vermeiden
Architektur als Spiel mit Neugierden: Alexander Gutzmer denkt darüber nach, wie Architektinnen und Architekten die Dualität aus langfristiger Relevanz und kurzfristigem PR-Effekt überwinden
Das Grauen der Kommunikation ragt wie ein Stumpf aus dem Boden am Rand der Hamburger HafenCity. Der Elbtower gilt derzeit vielen als ultimatives Zeichen des Scheiterns, Symbol allzu hochfliegender immobilienspekulativer Träume. Er gilt auch als Warnung vor den Tücken der Ökonomie der Aufmerksamkeit: eine urbane Vision, die zum Fanal gescheiterter Lautsprecher-Logik wurde.
Das Problem: „Das Netz“ vergisst nicht. Die gelackten Visionen kursieren mit der Pleite von Investor Signa weiter, nun aber als Karikatur ihrer selbst. Der unfertige Baukörper wurde zum Stachel im Imagefleisch – für den bankrotten Investor natürlich, für den das aber eines der kleineren Probleme sein dürfte, jedoch auch für die Stadt Hamburg und für David Chipperfield. Die Logik der Aufmerksamkeit ist gnadenlos.
Sichtbarkeit als Imperativ, Relevanz als Verliererin
Architektur ist, auch jenseits spektakulärer Pannenshows wie der am Hamburger Elbufer, ein PR-strategisch schwieriges Terrain. Im urbanen Raum bewegt sie sich stets zwischen Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit. Gebäude strukturieren Alltag, oft ohne ihn zu überlagern. Urbanität entsteht durch Wiederholung, Nutzung, soziale Praxis. Sie ist das Gegenteil des „Events“. Die Logik der Aufmerksamkeitsökonomie widerspricht dieser komplexen Realität. Sichtbarkeit wird in ihr zum Imperativ, sofortige mediale Präsenz zur Voraussetzung von Relevanz. Soziale Medien verschärfen diese Asymmetrie. Sie privilegieren das Bild gegenüber dem Prozess.
Es war und ist vielleicht ein Fehler, dass gerade große Architekturbüros mit eigener Social-Media-Abteilung so bereitwillig auf diesen Zug aufgesprungen sind und das Netz, jenen nimmersatten Bilderfresser, Tag für Tag füttern. Aber auch Projekt- und Quartiersentwickler verfallen heute schnell der Logik des smooth geteilten Hochglanz-Bildes. Quartiere, Infrastrukturen oder Transformationsprojekte liefern schon in frühen Phasen hohe mediale Resonanz – über Visualisierungen, Ankündigungen, verführerisch simple Markennarrative. Ob sie funktionieren, ob sie soziale Mischung, Resilienz, urbane Dichte erzeugen, zeigt sich jedoch erst später. Die Aufmerksamkeitsökonomie kennt diese Zeitdimension nicht. Ihre permanente Gegenwart konstituiert eine Art Terror der Aufmerksamkeit.
Zwischen Aufmerksamkeit und Ablenkung: der dritte Modus
Hier gewinnt ein medienwissenschaftliches Modell an Relevanz, das sich gerade anschickt, die Ökonomie der Aufmerksamkeit abzulösen. Die Sozialwissenschaftler Enrico Campo und Yves Citton schlagen ein Dreieck von „Attention“, „Distraction“ und „Curiosity“ vor. Sie sagen: Zwischen Aufmerksamkeit und Ablenkung existiert ein dritter Modus: Neugier. Genau dieser ist für Stadt und Architektur zentral.
Neugier ist ein urbaner Zustand, der Zeitlichkeit mitdenkt. Sie entsteht im Wiedersehen, im Umweg, im langsamen Erschließen von Räumen. Für die Architektur bedeutet das: Relevanz muss nicht sofort erklärt oder abgeschlossen sein. Sie kann wachsen, sich verschieben, überraschen. Ein Stadtraum, der neugierig macht, bleibt offen für Aneignung und Veränderung.
Überträgt man diese Logik auf den Elbtower, ließe sich das Projekt narrativ neu rahmen. Nicht als ewig verlorenes Zukunftsversprechen, sondern als offener Ort, dessen Bedeutung noch verhandelbar ist. Dazu passt, dass es nun doch irgendwie weiterzugehen scheint. Der Immobilieninvestor Dieter Becken scheint Stumpf und Struktur übernehmen zu wollen.
Neugier kultivieren
Dies verändert, auch im Sinne von Campo und Citton, das Narrativ. Der unfertige Zwischenzustand wäre nun nicht mehr nur Makel, sondern zugleich Teil einer wirklichkeitsnäheren urbanen Erzählung: ein sichtbarer Moment der Unterbrechung, der zeigt, dass Stadtentwicklung nicht linear verläuft. Für eine Hafenstadt wie Hamburg, deren Identität von Wandel, Provisorien und infrastrukturellen Übergängen geprägt ist, wäre das vielleicht sogar kein Bruch, sondern eine konsequente und vor allem: realistische Fortschreibung eines schwierigen Projektes.
Es gibt Büros, die ein solches Verständnisprozess- und widerspruchsgetriebener Architektur leben und auch kommunizieren. Lacaton & Vassal etwa haben inzwischen eine Wahrnehmung ihrer selbst geschaffen, nach dem ihre Projekte ihre Relevanz nicht im spektakulären Bild, sondern im Gebrauch entfalten. Man ist, im Sinne von Campo und Citton, neugierig, in welcher Stadt sie künftig welche Akzente setzen wollen – und wie sie mit sperrigen Bestandsbauten umgehen. Auch David Chipperfield selbst ist es gelungen, eine Lesart seiner (realisierten) Bauten zu etablieren, in der diese nicht so sehr ikonisch wirken, sondern das Langfristige an Architektur betonen, gerade auch im Umgang mit geschichtsträchtigen Orten.
Vom Schaufenster zum Begleitmedium
Für Architektinnen und Architekten insgesamt heißt das: Anstatt permanent um punktuelle Aufmerksamkeit zu konkurrieren und das hysterische Social-Media-Game einfach mitzuspielen, könnte es sinnvoller sein, Neugier zu kultivieren: durch Ideen zum Umbau komplizierter Bestandsbauten, durch das Offenlegen interner Prozesse, durch die Bereitschaft, Unfertigkeit auszuhalten, aber auch den Mut, sich an aktuellen, auch politischen Debatten zu beteiligen. Die sozialen Medien wären dann nicht mehr Schaufenster fertiger Lösungen, sondern Begleitmedien urbaner, sozialer und unternehmerischer Transformation.
Quelle
Quelle
Enrico Campo, Yves Citton (Hrsg.): The Politics of Curiosity: Alternatives to the Attention Economy. Taylor & Francis, 2024
Zuletzt erschienen im Magazin des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026
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