Olympiabewerbung Berlin: Sanierung statt Neubau
Berlin will bei seiner Olympiabewerbung mit Nachhaltigkeit und überregionaler Zusammenarbeit punkten. 97 % der benötigten Sportstätten sind bereits vorhanden, und ein Teil der Wettkämpfe soll in den Nachbarländern Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern stattfinden.
Es sind spektakuläre Bilder, die die Planerinnen und Planer der Berliner Olympiabewerbung entworfen haben. Eine Rampe soll von der Straße des 17. Juni bis auf die Höhe des Brandenburger Tors führen, und auf dem Tempelhofer Feld, also dem Gelände des geschlossenen Flughafens Tempelhof, ist eine goldfarbene Pyramide vorgesehen.
Doch abgesehen von solchen Highlights setzt das Berliner Konzept auf Bodenständigkeit und Nachhaltigkeit. „97 % aller Wettkämpfe werden in bestehenden Sportstätten stattfinden“, stellt Berlins Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) in Aussicht. Für Kaweh Niroomand, den Olympiabeauftragten des Landes Berlin, ist das Konzept für die Olympischen und Paralympischen Spiele deshalb „kein Blick in eine ferne Zukunft, sondern eine realistische und tragfähige Vision, die auf den vorhandenen Stärken der Stadt aufbaut“.
Keine spektakulären Neubauten
Konkret sollen beispielsweise die Leichtathletikwettbewerbe im für die Olympischen Spiele 1936 errichteten Olympiastadion stattfinden. Tennis soll auf der vorhandenen Anlage des Tennisvereins Rot-Weiß gespielt werden, und für die Handball-Finalrunde ist die Uber Arena, eine Mehrzweckhalle am Ostbahnhof, vorgesehen. Aufsehenerregende Neubauten sind hingegen nicht geplant.
Eingebunden sind dafür Veranstaltungsorte außerhalb der Hauptstadt. Nicht ohne Grund haben die Verantwortlichen ihr Konzept „Berlin+“ getauft – die Zusammenarbeit mit den benachbarten Bundesländern soll deutlich machen, dass es sich bei der Bewerbung nicht um ein reines Berliner Projekt handelt. Für die Kanuwettbewerbe ist deshalb der Beetzsee in Brandenburg an der Havel vorgesehen, die Golfspielerinnen und -spieler werden sich in Bad Saarow messen, und die Segelwettbewerbe sollen in Rostock-Warnemünde stattfinden. Weitere Wettkämpfe sollen in Leipzig ausgetragen werden.
Investitionsbudget von 1,6 Milliarden Euro
Obwohl ein Großteil der Sportstätten bereits vorhanden ist, beziffert das „Finanzielle Rahmenkonzept“ der Berliner Senatsverwaltung für Inneres und Sport die von der öffentlichen Hand zu tragenden Bau- und Infrastrukturkosten auf rund 1,6 Milliarden Euro. 227 Millionen Euro davon entfallen auf Erweiterungs-, Umbau- und Modernisierungsmaßnahmen von Wettkampfstätten. So sollen beispielsweise die Schwimm- und Sprunghalle im Europasportpark, die Max-Schmeling-Halle und das Velodrom einer „grundlegenden Modernisierung und Attraktivierung“ unterzogen werden, wie es in diesem Papier heißt.
Diese drei Anlagen verdienen besondere Beachtung, weil sie in den 1990er-Jahren im Hinblick auf die (gescheiterte) Bewerbung Berlins um die Olympischen Sommerspiele 2000 errichtet wurden. Insbesondere das Velodrom und die Schwimm- und Sprunghalle an der Landsberger Allee, die vom französischen Architekten Dominique Perrault entworfen wurden, gelten als bedeutende Bauwerke der Nachwendezeit. Allerdings werden sie im Jahr 2044 fast ein halbes Jahrhundert alt sein, was den erheblichen Sanierungsbedarf erklärt.
Olympisches Dorf am Stadteingang West
Die für die Stadtentwicklung vielleicht bedeutendste Maßnahme ist das Olympische Dorf, das zwischen den S-Bahnhöfen Westkreuz und Grunewald geplant ist. Die Kosten dafür sind im Investitionsbudget nicht enthalten. Das liegt daran, dass das Olympische Dorf als Teil des neuen Stadtquartiers „Stadteingang West“ konzipiert ist und nach den Spielen dem regulären Wohnungsmarkt zugeführt werden soll. Der „Stadteingang West“ ist eines von 24 neuen Stadtquartieren und soll auch dann realisiert werden, wenn die Hauptstadt den Zuschlag für die Olympischen Spiele nicht erhalten sollte. „Daher“, heißt es im „Finanziellen Rahmenkonzept“, „fallen in diesem Bereich keine gesonderten Investitionskosten an.“
Allerdings ist die Realisierung des „Stadteingangs West“ mit Fragezeichen versehen. Zwar hat der Berliner Senat im April dieses Jahres den Rahmenplan für dieses neue Stadtquartier beschlossen, das 2.400 Wohnungen sowie Gewerbeflächen und Einrichtungen der sozialen Infrastruktur umfassen soll. Die Umsetzung ist jedoch kompliziert, da sie eng mit der sehr aufwendigen Neugestaltung des Autobahndreiecks Funkturm verbunden ist. Weil noch kein Termin für den Baubeginn dieses Verkehrsprojekts bekannt ist, gilt eine Fertigstellung des Olympischen Dorfes bis 2036 als unwahrscheinlich.
Ehrgeizig sind auch die Vorhaben im Bereich der Verkehrsinfrastruktur, für die das Finanzkonzept 445 Millionen Euro vorsieht. Eingesetzt werden sollen diese Mittel unter anderem für die Erweiterung von Rad- und Fußwegen sowie für die Automatisierung des öffentlichen Personennahverkehrs. So soll die U-Bahnlinie 2, die die Innenstadt mit dem Olympiastadion verbindet, mit einem Zugsicherungssystem ausgestattet werden, das einen teilautomatisierten Betrieb erlaubt. Außerdem wollen die Verantwortlichen bis zu den Olympischen Spielen autonome Linienbusse auf die Straße bringen.
Politischer Widerstand gegen die Bewerbung
Ob das alles Realität wird, ist offen. Denn am 20. September dieses Jahres findet die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus statt – sechs Tage bevor der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) entscheidet, welche deutsche Bewerbung er ins Rennen schickt. Nach den bisherigen Umfragen ist es wahrscheinlich, dass im neuen Senat mindestens eine Partei (Bündnis 90/Die Grünen und/oder Die Linke) vertreten sein wird, die Olympische Spiele in Berlin kategorisch ablehnt. Außerdem läuft eine Unterschriftensammlung für ein Volksbegehren gegen die Bewerbung.
Der DOSB wird sich also nicht sicher sein können, ob die Berliner Bevölkerung hinter der Bewerbung steht. Gut möglich ist deshalb, dass sich die Hoffnung des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner (CDU) nicht erfüllen wird. „Olympische und Paralympische Spiele“, sagte Wegner nach dem Senatsbeschluss zur Bewerbung, „können ein Motor sein für Investitionen, für Zusammenhalt und für internationale Strahlkraft.“
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