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Zirkulär umnutzen statt neu bauen

Drei Beispiele für innovative Umbauten in Brüssel, Paris und Kopenhagen zeigen, wie zirkuläre Strategien selbst im ziemlich großen Maßstab funktionieren.

Christoph Gunßer
12.02.2026 7min
Zirkuläres Bauen Ressourcen und Recycling Bestand Bundesweit
Helles offenes Treppenhaus mit dunklem Geländer; Innenansicht eines mehrstöckigen Raumes; im Erdgeschoss befinden sich große Pflanzen
ZIN Brüssel © Maxime Delvaux

ZIN Brüssel (1972/2025) 

Zunächst war der Komplettabriss der beiden Türme des Brüsseler World Trade Centers beschlossene Sache. Es gab 2015 sogar schon einen Wettbewerb mit dieser Prämisse, bei demberühmte Büros wie OMA und UNStudio ihre Signature Buildings an deren Stelle postierten. 

Doch dann merkte der Eigentümer, die belgische Immobilienfirma Befimmo, dass er komplexer vorgehen und das Quartier miteinbeziehen musste. Eine zweieinhalbjährige Zwischennutzung durch viele lokale Initiativen (unter anderem mehrere Architekturhochschulen) in einem der Türme zeigte, dass die im Rahmen des „Manhattan Plan“ entstandenen, bei der Bevölkerung wegen der vorangegangenen Flächensanierung extrem unbeliebten 28-Geschosser durchaus auch eine gemischte Nutzung vertragen. Also wurde 2017 unter Beteiligung des Brüsseler Stadtbaumeisters ein zweiter Wettbewerb ausgeschrieben, mit einem gemischten Programm aus Büros und anderen Nutzungen. 

Die prämierten Büros 51N4E und l’AUC schlugen vor, die beiden Türme so weit wie möglich zu erhalten und durch ein verbindendes Volumen zu einem zu machen. Allerdings ergab eine Untersuchung des Tragwerks der Türme, dass die Skelettkonstruktion und die Geschossdecken die Lasten des dazwischengesteckten Neubaus nicht würden tragen können. Erhalten werden konnten von den Türmen deswegen nur das Fundament, die Untergeschosse und die beiden Erschließungskerne aus Beton. 

Das eröffnete die Möglichkeit, anstelle der nur 3,20 m hohen Geschosse großzügige, stützenfreie Räume an die Erschließungskerne anzuhängen („fliegende Teppiche“) und in den entstehenden Zwischenzonen 100 Wohnungen und 200 Hotelzimmer zu integrieren – es waren lediglich ein zusätzlicher Aufzug und ein Treppenhaus notwendig. 

Anstelle des hermetischen Einkaufszentrums im Sockel entstand ein riesiger vierstöckiger Wintergarten, der ebenso wie die Dachterrasse und ein Fitnessstudio öffentlich zugänglich ist. So vernetzt sich das Gebäude über die Nutzungen mit dem bisher monofunktionalen Noordviertel. 

Beim Teilrückbau der Struktur gelang es durch Beratung von Epea, ein zirkuläres Konzept umzusetzen. So wurden etwa 89 Prozent des Betons wiederverwendet. Das Ensemble ist C2C- und BREEAM-zertifiziert. 

Ein Grünstreifen mit einer Baumreihe, dahinter ein modernes Hochhaus mit Glasfassade
ZIN Brüssel © Maxime Delvaux
Helles Treppenhaus mit hellgrauen Steinstufen und hellgrünem Geländer.
ZIN Brüssel © Maxime Delvaux
Mehrstöckiges Treppenhaus mit hellem Innenraum und braunem Geländer. Im unteren Bereich befinden sich Sitzgelegenheiten umgeben von Pflanzen. Im mittleren Bereich befinden sich drei Personen und dahinter offene Türen und Glasfronten.
ZIN Brüssel © Maxime Delvaux
Hoher heller Raum mit großen Pflanzen und verschiedenen Sitzmöglichkeiten. Auf einer Bank sitzen zwei Personen. Im Hintergrund befindet sich eine große Fensterfront.
ZIN Brüssel © Maxime Delvaux
Innenansicht eines hellen Raumes mit großen Pflanzen, Schreibtischen und Stühlen.
ZIN Brüssel © Maxime Delvaux
Drei architektonische Zeichnungen von der Entwicklung eines Gebäudekomplexes des Jahres 1972, 2020 und 2023.
ZIN Brüssel © Maxime Delvaux

Innenraum mit einem Holztisch und einem schwarzem Stuhl vor einer weißen Wand; eine orangene pilzförmige Tischlampe steht auf dem Tisch
Pong Paris © 11h45

Pong Paris (1970/2024) 

Auch unweit des Eiffelturms in Paris gelang ein solcher Umbau eines Bürohauses derselben Zeit zu einer gemischt genutzten Struktur. Die spacige Kapselfassade zeugt noch heute von der Weltraumbegeisterung jener Jahre. 

Im Auftrag der Immobiliengesellschaft Covéa setzten die Architekten Calq und Bond Society nach der kompletten Entkernung ein innovatives Konzept um: Während bis zur markanten »Taille« des Gebäudes, einer gläsernen Fuge im 4. Stock, Co-Working-Spaces für rund 300 Arbeitsplätze angeboten werden, zogen in den oberen acht Etagen Wohngemeinschaften ein. Dazu wurden jeweils zwei Etagen zu insgesamt acht Maisonetten zusammengefasst (zwei pro Geschoss), die jeweils über zwölf Wohnräume mit 16 bis 32 qm verfügen. Die einzelnen Räume haben teilweise kleine Küchen und Bäder, die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner teilen sich einige Funktionen nach dem Cluster-Prinzip. Gemeinschaftlich wird die Dachterrasse im 13. OG genutzt. 30 % der Wohnräume sollen dem temporären Wohnen dienen. Öffentlich ist die Nutzung im EG und im Sockel des Gebäudes. Hier sollen ein Café sowie Räume für Hobby und Sport einziehen. 

Die modular präfabrizierte Kapselfassade darüber wurde aufgearbeitet und behutsam neu hinterfüttert: Neue Verglasung und Innendämmung sind der Standardfall; nur im Bereich der Loggien an den Gebäudeecken sitzt eine komplett neue Fensterebene hinter den hier offen belassenen ovalen Öffnungen, sodass ein Austritt möglich ist, inklusive Blick auf den Eiffelturm. 

Konsequent wurden Alt und Neu voneinander abgesetzt. So geben die alten Betonstützen in ihrer abgeschabten Form den Räumen einen prägenden Rhythmus. Angeblich wurden nur 13 % der Gebäudesubstanz entfernt, der Rest wiederverwertet. Größter Eingriff war das im Gebäudekern notwendige Versetzen des Treppenhauses. Da auch die Möblierung vom Architekturbüro gestaltet wurde, ergibt sich auf den knapp 8.000 qm (davon 3.500 qm Co-Living) ein stimmiges, verjüngtes Haus. 

Thoravej 29 in Kopenhagen (1967/2025) 

Der Architekt Søren Pihlmann hat im Kopenhagener Nordvest-Viertel einen Schlichtbau der Sechzigerjahre zu einem Kreativzentrum für lokale Initiativen umgebaut. Eigentlich hat sich das Gebäude „selbst umgebaut“, wie er sagt. 

Was Pihlmann damit meint, wird gleich nach dem Eintreten plastisch deutlich: Eine superbreite Treppe stellt sich einem in den Weg. Dass es sich bei der Treppe um kein neues Bauteil handelt, sondern um die gleichsam heruntergeklappte Decke des rationellen Betonskelettbaus, wird erst bei näherem Hinsehen klar. Neue stählerne Auflager fangen die Spannbetonplatte auf.  

Solche Aha-Erlebnisse wiederholen sich überall: Die Recycling-Quote beträgt sagenhafte 95 %! Am Boden erzählen zum Beispiel alte Fliesenkarrees, wo früher Nassräume waren. Auch die neuen Toiletten sind eine Collage aus Alt und Neu. Allenthalben sieht man an Wandstummeln die Spuren der Betonsäge. Entfernte Wände wurden in Fußböden integriert. 

Die heruntergeklappten Treppen sind jedoch der Blickfang. Das Gebäude mit seinen zuvor niedrigen Decken bekommt dadurch deutlich mehr Luft – und Interaktionsraum. Café, Galerie, Ausstellungsfläche, darüber eine Bibliothek und eine Kantine bieten Treffpunkte. 

Insgesamt wurde vieles entfernt und nur sehr wenig hinzugefügt. Das, was entfernt wurde, wie etwa die abgehängten Decken oder andere Verkleidungen, taucht gepresst und verwandelt an anderer Stelle wieder auf: als Stütze, Ständer oder Vase. Auch weitere Deckenelemente hat man zersägt und als schwere Basis für Bartresen und Tische zusammengepuzzelt, darauf Collagen aus alten Türen. Eine kreative Interpretation der Kreislaufwirtschaft, die sogleich Anerkennung fand: Auch wenn letzte Zahlen zum Energiebedarf noch nicht vorliegen, verlieh die DGNB ein goldenes Vorzertifikat für die Nachhaltigkeit und eine diamantene Einstufung für Architekturqualität des Umbaus, der übrigens ohne öffentliche Förderung auskam. Und im vorigen Jahr durfte der Architekt den dänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig umbauen – im laufenden Betrieb. 

Mehrstöckiges steiniges Treppenhaus mit hellem Innenraum und weißen Geländer.
Thoravej 29 in Kopenhagen © hampus berndtson
Heller mehrstöckiger Innenraum mit Tribüne auf der linken Seite und einer Fensterfront auf der rechten Seite.
Thoravej 29 in Kopenhagen © hampus berndtson
Große Tischtafel mit schwarzen Stühlen vor einem beigen Vorhang.
Thoravej 29 in Kopenhagen © hampus berndtson
Detailaufnahme einer Etage mit massiven Pfeilern und Deckenbalken sowie einem hellen Gittergeländer.
Thoravej 29 in Kopenhagen © hampus berndtson
Außenansicht eines Gebäudes mit gelblicher Fassade. Im Erdgeschoss befinden sich große Fensterfronten; im Obergeschoss befinden sich gleichmäßige Fensterreihen
Thoravej 29 in Kopenhagen © hampus berndtson
Mehrstöckiger Innenraum eines Rohbaus mit Treppen und weißen Gittergeländer.
Thoravej 29 in Kopenhagen © hampus berndtson

© privat

Christoph Gunßer

Freier Fachautor

Christoph Gunßer ist für das DAB vor allem in Süddeutschland unterwegs. Nach Architekturstudien in Hannover, Stuttgart und den USA wurde er erst Redakteur, dann freier Fachautor, der einige Bücher zu wegweisenden Wohnbauten publiziert hat.

Mit Basis in Hohenlohe, wo er für seine Familie ein altes Hospital ausgebaut hat, berichtet er heute vor allem aus dem Süden und der Mitte Deutschlands für das DAB und andere, darunter die Bundesstiftung Baukultur und die KfW. Auch Kritiken und Essays zum Architekturgeschehen schreibt er gern. Am liebsten klappert er aber zu Fuß oder mit dem Fahrrad neue Projekte in Stadt und Land ab.