Zirkulär umnutzen statt neu bauen
Drei Beispiele für innovative Umbauten in Brüssel, Paris und Kopenhagen zeigen, wie zirkuläre Strategien selbst im ziemlich großen Maßstab funktionieren.
ZIN Brüssel (1972/2025)
Zunächst war der Komplettabriss der beiden Türme des Brüsseler World Trade Centers beschlossene Sache. Es gab 2015 sogar schon einen Wettbewerb mit dieser Prämisse, bei demberühmte Büros wie OMA und UNStudio ihre Signature Buildings an deren Stelle postierten.
Doch dann merkte der Eigentümer, die belgische Immobilienfirma Befimmo, dass er komplexer vorgehen und das Quartier miteinbeziehen musste. Eine zweieinhalbjährige Zwischennutzung durch viele lokale Initiativen (unter anderem mehrere Architekturhochschulen) in einem der Türme zeigte, dass die im Rahmen des „Manhattan Plan“ entstandenen, bei der Bevölkerung wegen der vorangegangenen Flächensanierung extrem unbeliebten 28-Geschosser durchaus auch eine gemischte Nutzung vertragen. Also wurde 2017 unter Beteiligung des Brüsseler Stadtbaumeisters ein zweiter Wettbewerb ausgeschrieben, mit einem gemischten Programm aus Büros und anderen Nutzungen.
Die prämierten Büros 51N4E und l’AUC schlugen vor, die beiden Türme so weit wie möglich zu erhalten und durch ein verbindendes Volumen zu einem zu machen. Allerdings ergab eine Untersuchung des Tragwerks der Türme, dass die Skelettkonstruktion und die Geschossdecken die Lasten des dazwischengesteckten Neubaus nicht würden tragen können. Erhalten werden konnten von den Türmen deswegen nur das Fundament, die Untergeschosse und die beiden Erschließungskerne aus Beton.
Das eröffnete die Möglichkeit, anstelle der nur 3,20 m hohen Geschosse großzügige, stützenfreie Räume an die Erschließungskerne anzuhängen („fliegende Teppiche“) und in den entstehenden Zwischenzonen 100 Wohnungen und 200 Hotelzimmer zu integrieren – es waren lediglich ein zusätzlicher Aufzug und ein Treppenhaus notwendig.
Anstelle des hermetischen Einkaufszentrums im Sockel entstand ein riesiger vierstöckiger Wintergarten, der ebenso wie die Dachterrasse und ein Fitnessstudio öffentlich zugänglich ist. So vernetzt sich das Gebäude über die Nutzungen mit dem bisher monofunktionalen Noordviertel.
Beim Teilrückbau der Struktur gelang es durch Beratung von Epea, ein zirkuläres Konzept umzusetzen. So wurden etwa 89 Prozent des Betons wiederverwendet. Das Ensemble ist C2C- und BREEAM-zertifiziert.
Pong Paris (1970/2024)
Auch unweit des Eiffelturms in Paris gelang ein solcher Umbau eines Bürohauses derselben Zeit zu einer gemischt genutzten Struktur. Die spacige Kapselfassade zeugt noch heute von der Weltraumbegeisterung jener Jahre.
Im Auftrag der Immobiliengesellschaft Covéa setzten die Architekten Calq und Bond Society nach der kompletten Entkernung ein innovatives Konzept um: Während bis zur markanten »Taille« des Gebäudes, einer gläsernen Fuge im 4. Stock, Co-Working-Spaces für rund 300 Arbeitsplätze angeboten werden, zogen in den oberen acht Etagen Wohngemeinschaften ein. Dazu wurden jeweils zwei Etagen zu insgesamt acht Maisonetten zusammengefasst (zwei pro Geschoss), die jeweils über zwölf Wohnräume mit 16 bis 32 qm verfügen. Die einzelnen Räume haben teilweise kleine Küchen und Bäder, die Mitbewohnerinnen und Mitbewohner teilen sich einige Funktionen nach dem Cluster-Prinzip. Gemeinschaftlich wird die Dachterrasse im 13. OG genutzt. 30 % der Wohnräume sollen dem temporären Wohnen dienen. Öffentlich ist die Nutzung im EG und im Sockel des Gebäudes. Hier sollen ein Café sowie Räume für Hobby und Sport einziehen.
Die modular präfabrizierte Kapselfassade darüber wurde aufgearbeitet und behutsam neu hinterfüttert: Neue Verglasung und Innendämmung sind der Standardfall; nur im Bereich der Loggien an den Gebäudeecken sitzt eine komplett neue Fensterebene hinter den hier offen belassenen ovalen Öffnungen, sodass ein Austritt möglich ist, inklusive Blick auf den Eiffelturm.
Konsequent wurden Alt und Neu voneinander abgesetzt. So geben die alten Betonstützen in ihrer abgeschabten Form den Räumen einen prägenden Rhythmus. Angeblich wurden nur 13 % der Gebäudesubstanz entfernt, der Rest wiederverwertet. Größter Eingriff war das im Gebäudekern notwendige Versetzen des Treppenhauses. Da auch die Möblierung vom Architekturbüro gestaltet wurde, ergibt sich auf den knapp 8.000 qm (davon 3.500 qm Co-Living) ein stimmiges, verjüngtes Haus.
Thoravej 29 in Kopenhagen (1967/2025)
Der Architekt Søren Pihlmann hat im Kopenhagener Nordvest-Viertel einen Schlichtbau der Sechzigerjahre zu einem Kreativzentrum für lokale Initiativen umgebaut. Eigentlich hat sich das Gebäude „selbst umgebaut“, wie er sagt.
Was Pihlmann damit meint, wird gleich nach dem Eintreten plastisch deutlich: Eine superbreite Treppe stellt sich einem in den Weg. Dass es sich bei der Treppe um kein neues Bauteil handelt, sondern um die gleichsam heruntergeklappte Decke des rationellen Betonskelettbaus, wird erst bei näherem Hinsehen klar. Neue stählerne Auflager fangen die Spannbetonplatte auf.
Solche Aha-Erlebnisse wiederholen sich überall: Die Recycling-Quote beträgt sagenhafte 95 %! Am Boden erzählen zum Beispiel alte Fliesenkarrees, wo früher Nassräume waren. Auch die neuen Toiletten sind eine Collage aus Alt und Neu. Allenthalben sieht man an Wandstummeln die Spuren der Betonsäge. Entfernte Wände wurden in Fußböden integriert.
Die heruntergeklappten Treppen sind jedoch der Blickfang. Das Gebäude mit seinen zuvor niedrigen Decken bekommt dadurch deutlich mehr Luft – und Interaktionsraum. Café, Galerie, Ausstellungsfläche, darüber eine Bibliothek und eine Kantine bieten Treffpunkte.
Insgesamt wurde vieles entfernt und nur sehr wenig hinzugefügt. Das, was entfernt wurde, wie etwa die abgehängten Decken oder andere Verkleidungen, taucht gepresst und verwandelt an anderer Stelle wieder auf: als Stütze, Ständer oder Vase. Auch weitere Deckenelemente hat man zersägt und als schwere Basis für Bartresen und Tische zusammengepuzzelt, darauf Collagen aus alten Türen. Eine kreative Interpretation der Kreislaufwirtschaft, die sogleich Anerkennung fand: Auch wenn letzte Zahlen zum Energiebedarf noch nicht vorliegen, verlieh die DGNB ein goldenes Vorzertifikat für die Nachhaltigkeit und eine diamantene Einstufung für Architekturqualität des Umbaus, der übrigens ohne öffentliche Förderung auskam. Und im vorigen Jahr durfte der Architekt den dänischen Pavillon auf der Biennale in Venedig umbauen – im laufenden Betrieb.