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Parkhaus mit Zukunft

In Wendlingen am Neckar haben Herrmann+Bosch Architekten ein Parkhaus aus Holz geplant, das sortenrein trenn- und rückbaubar ist. Außerdem kann der Bau in ein Büro- oder Wohngebäude verwandelt werden.

Alexander Russ
22.12.2025 4min
Infrastruktur Nachhaltigkeit Holzbau Bundesweit
Tagesansicht eines runden Holzparkhauses mit offener Holzfassade, zentralem Treppenhaus und Zufahrt im Erdgeschoss, umgeben von Grünflächen.
Die ovale Form und die skulpturalen Betontreppenhäuser verleihen dem Parkhaus ein prägnantes Erscheinungsbild. © IBA’27 / Achim Birnbaum

Parkhäuser werden meist aus Beton und Stahl gefertigt, weshalb man sie nicht gerade mit nachhaltigem Bauen in Verbindung bringt. Dass es auch anders geht, zeigt ein Projekt in Wendlingen am Neckar, das im Rahmen der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) umgesetzt wurde. In der nahe Stuttgart gelegenen Kleinstadt haben Herrmann+Bosch Architekten ein Parkhaus geplant, das fast vollständig aus Holz besteht. Zudem ist der 2024 fertiggestellte Bau sortenrein trenn- und rückbaubar. Sogar eine mögliche Umnutzung in Wohn- oder Arbeitsräume sahen die Architektinnen und Architekten vor.

Nächtliche Außenansicht eines runden Holzparkhauses mit offener Fassadenstruktur, sichtbaren Holzstützen, beleuchteten Parkebenen und Treppenhaus.
Durch die offene Bauweise auf drei Seiten lässt sich die Tragwerksstruktur aus Brettsperrholz und Brettschichtholz nachts gut ablesen. © IBA’27 / Achim Birnbaum

Das Parkhaus liegt am Wendlinger Bahnhof. Es grenzt an das Werksgelände der ehemaligen Weberei Heinrich Otto & Söhne an, wo zukünftig ein durchmischtes Stadtquartier entstehen soll. Der Bau hat eine Höhe von etwa 19 Metern. Er bietet auf 10.880 qm Bruttogrundfläche Platz für 349 Pkws, die sich auf fünf Ebenen verteilen. Hinzu kommen circa 200 Fahrradstellplätze, eine Fahrradservicestation sowie Ladestationen für Elektroautos und E-Bikes. Auch eine Park+Ride-Funktion wird angeboten. Aufgrund von Grundstückszuschnitt und Flächeneffizienz entwarfen die Architekten eine ovale Form, die dem Parkhaus ein prägnantes Erscheinungsbild verleiht. Dadurch konnte man tote Winkel vermeiden und die Anzahl der Stellplätze maximieren. 

Für die Konstruktion wurde größtenteils Brettsperrholz und Brettschichtholz verwendet. Nur die Rampen und die beiden offenen Treppenhäuser sind aufgrund der Statik und des Brandschutzes aus Beton gefertigt. Letztere sind jeweils auf der Längsseite an der Fassade angeordnet und verstärken den skulpturalen Gesamteindruck der Konstruktion. Ein Teil der Fassade besteht aus transluzentem Profilglas, das den Schallschutz zum neuen Stadtquartier gewährleisten soll. Der Rest ist offen gehalten. Dort befinden sich sowohl die Einfahrt als auch die Zugänge zum Treppenhaus und zu den Fahrradstellplätzen. Betontreppenhaus und Holzkonstruktion sind hier von außen ablesbar. Hinzu kommt ein filigranes Metallnetz, das sich über alle Geschosse der Fassade legt. Es dient als Absturzsicherung und als Rankhilfe für Kletterpflanzen. 

Innenansicht eines Holzparkhauses mit sichtbarer Holzbalkendecke, Fahrradabstellanlagen und einer Person in Bewegung im Vordergrund.
Der Bau beinhaltet auch andere Funktionen wie Fahrradstellplätze oder Ladestationen für Elektroautos und E-Bikes. © IBA’27 / Achim Birnbaum
Rundes Parkhaus aus Holz mit offener Fassadenstruktur und transluzenter Hülle, umgeben von Grünfläche.
Ein Teil der Fassade besteht aus transluzentem Profilglas als Schallschutz zu einem angrenzenden Stadtquartier. © IBA’27 / Achim Birnbaum
Innenansicht eines Holzparkhauses, sichtbare Holzdecken und -stützen, offene Ebenen mit Fahrbahnmarkierungen.
Die prägnanten Brettschichtholzträger sind aufgrund der ovalen Gebäudeform sternförmig angeordnet und bis zu 16 Meter lang. © IBA’27 / Achim Birnbaum

Visualisierung einer Umnutzung: Heller Innenraum mit Holzstruktur, Arbeits- und Besprechungssituation, Blick in begrünten Innenhof.
Die Raumhöhe von 3,40 Metern zwischen den Trägern soll eine spätere Umnutzung in Wohn- und Arbeitsräume ermöglichen. © Herrmann+Bosch Architekten

Aufgrund der ovalen Gebäudeform ergab sich eine sternförmige Anordnung der bis zu 16 Meter langen Brettschichtholzträger. Deshalb sind die Stellplätze stützenfrei, was eine flexible Einteilung und spätere Änderung ermöglicht. Die beiden Treppenhäuser und das Rampensystem wurden als Erstes  a errichtet. Für die anschließende Montage des Tragwerks aus regionalem Holz lieferte man die Holzbauelemente vorgefertigt zur Baustelle und verband sie mithilfe einfacher Stecksysteme. Um die vorgesehene Kreislauffähigkeit umzusetzen, verzichteten Herrmann+Bosch Architekten auf Verbundmaterialien, was eine sortenreine Trennung der Materialien ermöglicht. So ist etwa der obere Belag aus Gussasphalt über eine Trennlage von der Holzdecke getrennt. Zudem gewährleisten die gesteckten oder geschraubten Verbindungen der Holzkonstruktion einen zerstörungsfreien Rückbau. Dabei weist die Struktur eine lichte Geschosshöhe von 2,35 Metern statt der üblichen 2,10 Meter auf. Zwischen den Trägern beträgt die Höhe 3,40 Meter. So lässt sich das Parkhaus zukünftig in ein Wohn- oder Bürogebäude umwan adeln. Dazu wird die zentrale Rampenanlage aus Stahlbetonfertigteilen von oben stockwerkweise ausgebaut. Gleichzeitig entsteht ein Innenhof, der den Bau zusätzlich mit Tageslicht versorgt.

Nachhaltig ist auch das klimatische Konzept: Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach sorgt für erneuerbaren Strom, der den Bedarf von Aufzug, Beleuchtung und E-Ladestationen deckt. Durch die offene Bauweise auf drei Seiten ist eine natürliche Belüftung des Parkhauses möglich. Hinzu kommen eine Dach- und Fassadenbegrünung, die im Zusammenspiel mit Versickerungsmulden, Zisternen, Baumrigolen und unversiegelten Flächen einen besseren Überflutungsschutz bietet. Zudem soll sie die Biodiversität erhöhen und das Mikroklima positiv beeinflussen. Das Parkhaus Wendlingen am Neckar zeigt damit, wie auch mit scheinbar ungeeigneten Typologien zukunftstauglich geplant werden kann.

© privat

Alexander Russ

Freier Journalist München

Alexander Russ ist freier Journalist und lebt in München. Er hat in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und war Redakteur bei Baumeister und Topos. Neben Architekturkritiken schreibt er unter anderem über Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Mobilitätsthemen.