„Auch unsere Region braucht bezahlbares Wohnen“
Wie ein mehrstufiges Wettbewerbsverfahren Hochschule, Kommunen, Regionalplanung, Architektenkammer, die LGE Mecklenburg-Vorpommern und und die Öffentlichkeit zusammenbringt
Herr Prof. Hackel, bezahlbares Wohnen wird inzwischen auch in kleineren Städten und Gemeinden immer mehr zum Thema. Was beobachten Sie derzeit in den ländlichen Regionen in Mecklenburg-Vorpommern und ganz konkret in der Region Westmecklenburg?
Marcus Hackel: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum ist eines der besonders drängenden gesellschaftlichen Probleme in Deutschland. Die im Forschungsprojekt exemplarisch untersuchten Grundzentren in Westmecklenburg liegen in Pendeldistanz zu Ballungszentren, verfügen über eigene starke Gewerbestandorte oder sind touristisch erschlossen. Diese Faktoren führen zu einem steigenden Druck auf den lokalen Wohnungsmarkt und zu einem knappen Angebot an bezahlbarem Wohnraum. Das Forschungsprojekt dient der Erarbeitung von Grundlagen für bezahlbares Wohnen in der Region Westmecklenburg. Hinter der Projektidee steht, dass bezahlbarer Wohnraum sowohl für den gesellschaftlichen Zusammenhalt als auch für eine stabile Wirtschaft und eine nachhaltige zukunftsorientierte Siedlungsstruktur entscheidend ist.
Aus welchem Anlass heraus wurde die Idee für das mehrstufige Wettbewerbsverfahren geboren?
Es ging um die Lösung komplexer Probleme. Für die Forschungsarbeit zum „Bezahlbaren Wohnen“ hat sich ein experimenteller Ansatz mit der systematischen Manipulation von Szenarien oder Systemeigenschaften als passend herausgestellt. Im gewählten experimentellen Ansatz hat das Forschungsprojekt in Studierenden-Wettbewerben drei verschiedene Szenarien mit den Standorten Dassow, Boizenburg und Rehna untersucht. Außerdem wurde noch der Standort Klütz aus Perspektive praktizierender Architekturbüros in einem Gutachterverfahren bearbeitet. Die Untersuchungsszenarien an den vier Standorten waren durch unterschiedliche räumliche Situationen geprägt, mit unterschiedlichem Kontext, Zielstellungen, rechtlichen Rahmenbedingungen und Stakeholdern.
Das Projekt „Bezahlbares Wohnen für unsere Region“ verbindet drei studentische Ideenwettbewerbe mit einem Gutachterverfahren regionaler Architekturbüros. Welches Konzept steckt hinter diesem besonderen Wettbewerbsformat?
An dem Wettbewerbsverfahren haben 99 Studierende aus 11 Ländern sowie fünf Architekturbüros aus der Region teilgenommen. Dies ermöglichte uns, viele Lösungswege und Ergebnisse auszuwerten, die zudem mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, Wahrnehmungs- und Ausbildungskulturen entstanden. Die Studierenden wurden von vier unterschiedlichen Lehrenden betreut, die verschiedene akademische Schwerpunkte vertreten wie Ökonomie, Ökologie und Gebäudetypologien.
Zudem wurden die Aufgaben in drei verschiedenen Maßstabsebenen bearbeitet: Städtebau, Architektur und Konstruktion sowie Detail.
Vor der eigentlichen Bearbeitung und auch entwurfsbegleitend fanden Zieldiskussionen zu folgenden Themen statt: Baukosten, Flächeneffizienz, Suffizienz, ökologische Nachhaltigkeit, ökonomische Nachhaltigkeit, gesellschaftliche Nachhaltigkeit, Baukultur, Bodenpolitik, Bauorganisation und Digitalisierung von Prozessen.
Die Idee hinter diesem besonderen Wettbewerbsformat mit drei studentischen Ideenwettbewerben und einem Gutachterverfahren regionaler Architekturbüros ist es, aufzuzeigen, dass es keine einfachen Standardlösungen geben kann. Dazu sind die Rahmenbedingungen zum Beispiel städtebaulich, architektonisch, sozial oder rechtlich zu unterschiedlich. Zudem haben die Teilnehmer:innen in den Entwurfsbeiträgen viele unterschiedliche Strategien gezeigt, die auch kontrovers und interessiert konstruktiv in der Öffentlichkeit diskutiert wurden.
Hinter der Projektidee steht: Bezahlbarer Wohnraum ist entscheidend für gesellschaftlichen Zusammenhalt, wirtschaftliche Stabilität und eine nachhaltige, zukunftsorientierte Siedlungsstruktur.
Marcus Hackel
Das Projekt bringt Hochschule, Kommunen, Regionalplanung, Architektenkammer und LGE Mecklenburg-Vorpommern zusammen. Was kann eine solche Kooperation leisten, was einzelne Akteure allein kaum erreichen würden?
Schon die Zieldefinitionen und auch die Definition von „Bezahlbarem Wohnen“ sind umstritten. Soll sich auf die Erstellungs-, Lebenszyklus- oder sogar sonstige von der Gesellschaft zu tragende Kosten fokussiert werden? Müssen nicht auch Zeitperspektiven sowie „Qualität“ berücksichtigt werden? Wie ist „Qualität“ definiert: als kulturell, ökologisch und/oder sozial nachhaltig? Wer sind die Stakeholder und was sind ihre Wertesysteme, Bedürfnisse, Interessen und ihr Einfluss? Hochschule, Kommunen, Regionalplanung, Architektenkammer und LGE Mecklenburg-Vorpommern betrachten und bearbeiten das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven mit unterschiedlichen Schwerpunkten und bringen ihre Expertise ein. Nur so war es möglich, Lösungsansätze für dieses komplexe Thema zu entwickeln.
Welche Unterstützung braucht es, um solch ein komplexes Wettbewerbsverfahren umzusetzen?
Es benötigt natürlich Ressourcen wie Geld, Personal und Zeit – aber auch Begeisterungsfähigkeit und Idealismus.
Download der Resultate
Download der Resultate
Die Forschungsergebnisse sind auf der Homepage des Regionalen Planungsverbandes Westmecklenburg veröffentlicht.
Architekturwettbewerbe sind ein wichtiges Planungsinstrument – sie zeigen verschiedene Lösungen und laden zur Diskussion über Baukultur ein. Welche Rolle spielte der öffentliche Diskurs in Ihrem Projekt?
Die Zieldefinitionen in der Öffentlichkeit sind kontrovers, verschiedene Akteure haben verschiedene Zielsetzungen, unterschiedliche Marktmacht und unterschiedlichen politischen Einfluss. Sie bilden mitunter wechselnde Allianzen. Viele Einflusselemente sind durch eine hohe Anzahl von Verknüpfungen miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Dies führt zur Intransparenz von Entwicklungen.
Der öffentliche Diskurs dagegen macht Problemstellungen, Zielkonflikte und Vor- und Nachteile unterschiedlicher Lösungsansätze transparent. Er hat das Potenzial, Akzeptanz und im Idealfall auch Begeisterung für weitergehende partizipatorische Prozesse zu schaffen.
Kommunen für einen Wettbewerb zu gewinnen, ist mit Vorbehalten und Aufklärung verbunden. Welche Erkenntnisse konnten Bürgermeister und kommunale Vertreter in Dassow, Boizenburg und Rehna aus Ihrer Sicht gewinnen?
Wir haben in diesem Projekt durchgehend sehr gute Erfahrungen mit den Kommunen gesammelt. Die Zusammenarbeit war von Anfang an sehr konstruktiv und auf menschlicher Ebene ein Gewinn. Bürgermeister:innen und kommunale Vertreter:innen haben uns hervorragend unterstützt. Die Einbindung der Öffentlichkeit in diesen Prozess war erfolgreich, auch wenn einige Ergebnisse kontrovers diskutiert wurden. Dies ist aus unserer Sicht ein Zeichen von Interesse und Engagement und für die weiteren Entwicklungen förderlich. In dem Projekt wurden für und mit den Kommunen Ideen entwickelt, die mögliche Lösungsansätze für die Schaffung von bezahlbarem Wohnraum bieten. Sie zeigen aber auch die Vielfalt möglicher Lösungswege.
Die Idee dieses Wettbewerbsformats mit drei studentischen Ideenwettbewerben und einem Gutachterverfahren regionaler Büros zeigt: Es gibt keine einfachen Standardlösungen.
Marcus Hackel
Die Ergebnisse wurden in Publikationen zusammengeführt und sollen auch anderen Kommunen als Orientierung dienen. Welche Impulse können daraus für weitere Wohnprojekte entstehen?
Die ersten drei Publikationen zu den studentischen Wettbewerben und die Publikation zum Gutachterverfahren haben die jeweiligen standortbezogenen Konzepte dokumentiert und ausgewertet. In der vierten und abschließenden Publikation zum Forschungsprojekt haben wir den Einfluss von Trends auf das bezahlbare Wohnen untersucht sowie Typologien unter den Lösungsansätzen ausgewertet. Dies betraf sowohl städtebaulich- räumliche Erschließungstypologien als auch Nutzungstypologien. Damit wurden Erkenntnisse über den lokalen Kontext hinaus auch für andere Kommunen dokumentiert und zugänglich gemacht.
Wenn Sie Ihre persönliche Perspektive auf das Projekt richten: Was hat Sie an den Entwürfen der Studierenden am meisten beeindruckt?
Wie so oft hat mich die Vielfalt der Entwürfe, das Kreativ-Innovative begeistert. Die Ideen der Beteiligten haben in weiten Teilen nicht nur gute aktuelle Lösungen gefunden. Die Bandbreite ging von vertrauter Architektursprache und zeitgemäßen Wohnkonzepten bis zu „Out of the Box“ völlig Unerwartetem. Viele Projekte haben sich auch mit den Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte auseinandergesetzt, also mit zukünftigen Anforderungen und der Nachhaltigkeit für die nächsten Generationen.
Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern
DAB Redaktion Mecklenburg-VorpommernDas könnte Sie auch interessieren
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