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Der Zahn der Zeit hatte am früheren Wohnhaus der Familie Liebling einige Spuren hinterlassen, ...

[ Interview ]

Endlich wieder weiß

In der Weißen Stadt von Tel Aviv fördert das Bundesbauministerium den Aufbau eines Kompetenzzentrums für Architektur und Denkmalschutz. Im Interview mit Amber Sayah berichtet Staatssekretär Marco Wanderwitz über unterschiedliche Kulturen und Arbeitsweisen aber auch über gemeinsame Ziele

Mit dem Bauhaus-Jubiläum 2019 rückt auch die Weiße Stadt in Tel Aviv verstärkt in den Fokus internationaler Beachtung. Entstanden in den 1930er und -40er Jahren, als nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten der Exodus der Juden aus Deutschland und Europa die Bevölkerungszahl im damaligen Palästina wachsen ließ, gehört sie mit 4.000 Gebäuden im Bauhausstil und im Stil der internationalen Architekturmoderne zum Weltkulturerbe der UNESCO. Dennoch sind viele der denkmalgeschützten Gebäude heute stark renovierungsbedürftig. Der Zahn der Zeit und das feuchte, salzhaltige Klima ebenso wie der hohe Wohnraumbedarf haben den Häusern zugesetzt.

Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat (BMI) fördert den Aufbau eines Kompetenzzentrums für Architektur und Denkmalschutz im ehemaligen Wohnhaus der Kaufmannsfamilie Liebling, dem heutigen Max-Liebling-Haus, bis 2025 mit mehr als 3 Millionen Euro. Am 19. September soll das White City Center eröffnet werden.

 

Herr Wanderwitz, warum unterstützt Deutschland im Kontext des Bauhaus-Jubiläums die Sanierung des Max-Liebling-Hauses in Tel Aviv und seine Umwandlung zum White City Center?

Es geht um unsere gemeinsame historische und baukulturelle Vergangenheit, die sich auch in der Weißen Stadt Tel Aviv manifestiert. Die Weiße Stadt hat eine herausragende architekturgeschichtliche Bedeutung, sie wurde in den 1930er Jahren von aus Deutschland und Europa vertriebenen Architekten errichtet, einige davon haben am Bauhaus studiert. Das Projekt soll dazu beitragen, einen angemessenen Umgang für diesen einzigartigen Bestand zu finden. 2.000 der 4.000 Gebäude stehen unter besonderem Denkmalschutz, eines davon ist das Max-Liebling Haus in der Idelson Street 29, das die Stadt Tel Aviv dem Projekt zur Verfügung gestellt hat. Wenn eines der Denkmäler saniert und ertüchtigt wird, dann bleiben 1999 übrig. Das wissen wir. Und dennoch: Diese „Perle“, 1936 von dem Architekten Dov Karmi geplant, stellt einen „Leuchtturm“ dar. Und zudem ist sicher, dass das zukünftige „Liebling Haus / White City Center“ auch zur Vertiefung der deutsch-israelischen Freundschaft beiträgt. Die wurde 2015 schon mit dem im Auftrag des Bundesbauministeriums durchgeführten Ressortforschungsprojekt „Weiße Stadt Tel Aviv“ vertieft.

Wie lässt sich das Engagement ihres Ministeriums in Tel Aviv konkret beschreiben?

Die Zusammenarbeit hat Höhen und natürlich auch Tiefen. Deutsche Mentalität trifft auf israelisch-mediterran angehauchten „Freestyle“, das ist für beide Seiten nicht immer einfach, aber alle schätzen und achten sich gegenseitig, empfinden dieses bilaterale Projekt zwischen der Bundesregierung und der Stadt Tel Aviv als extrem bereichernd, sinnstiftend, lehrreich, weil immer wieder über den jeweiligen kulturellen Tellerrand hinaus geblickt wird. Wir leben und wir lieben den „mishmash“ (Gemengelage), und alle Projektbeteiligte (BMI, Stadt Tel Aviv, Tel Aviv-Jaffa-Stiftung) arbeiten vertrauensvoll miteinander. Der Input unseres hochkarätig besetzten israelisch-deutschen Fachbeirates und des Kuratoriums wird geschätzt. Kurzum: Es ist schon viel erreicht, es soll aber noch mehr Bautechnik- und Wissenstransfer in partnerschaftlichem Dialog erzielt werden, schon jetzt während der Sanierung und auch später im Betrieb. Das Max-Liebling Haus gleicht derzeit mehr einer Bauhütte als einer Baustelle und ist von Beginn an „open for renovation“, d.h. immer wieder finden auf der „offenen Baustelle“ Workshops und Führungen statt.

Warum wurde gerade dieses Objekt für die Einrichtung als White City Centre ausgewählt? Weiß man etwas über die Geschichte des Hauses, seinen Architekten und seine Bauherren?

Ja, zum Glück ist ganz viel über die Geschichte des Hauses, seiner Bewohner, seines Architekten Dov Karmi und der Bauherrenfamilie Max und Tony Liebling bekannt und öffentlich zugänglich. Dov Karmi zählt zu den Gründungsvätern der modernen israelischen Architektur. Geboren 1905 im russischen Kaiserreich im Gebiet der heutigen Ukraine, emigrierte er 1921 mit seiner Familie in das britische Mandatsgebiet Palästina. Studiert hatte er in Jerusalem zunächst Malerei und in Gent später Architektur, wo Henry van de Velde damals lehrte. In Tel Aviv rief er später mit Kollegen die Vereinigung „The Circle“ ins Leben, die sich für einen Neubeginn des Bauens in Israel im Sinne der Moderne einsetzte. Der Kaufmann Max Liebling stammte aus Galizien und war 1925 zusammen mit seiner Frau Tony aus der Schweiz nach Palästina ausgewandert, wo er die Firma Max Liebling Ltd. gründete. Ihr Haus in der Idelson Street ließen sie 1936 von Dov Karmi erbauen. Die Lieblings haben testamentarisch bestimmt, dass das Haus nach ihrem Tod und nachdem die letzten Mieter es verlassen haben würden, in das Eigentum der Stadt Tel Aviv übergeht und für wohltätige Zwecke genutzt wird. Entweder als Waisenhaus, als Altenheim, als Zufluchtsort für bedürftige Studenten oder als Museum (mehr Informationen der Getty Foundation zum Haus hier).

Bei den Voruntersuchungen zur Sanierung hat sich herausgestellt, dass viele Baumaterialien aus Deutschland stammen. So wurden im Max-Liebling-Haus Kacheln von Villeroy und Boch gefunden. Wie ist das zu erklären?

Durch das Transferabkommen, das sogenannte Ha’avara-Abkommen zwischen der Jewish Agency, der Zionistischen Vereinigung für Deutschland und dem Reichsministerium für Wirtschaft, das am 25. August 1933 unterzeichnet wurde und bis 1939 in Kraft blieb. Dabei handelte es sich um die Umwandlung jüdischen Vermögens für den Import deutscher Waren nach Palästina, u.a. um Finanzflucht aus Nazideutschland zu verhindern. Zu den Waren gehörten auch Baumaterialien, die in den 1930er Jahren in der gesamten Weißen Stadt in den Gebäuden des „Internationalen Stils“ verwendet wurden.

Ich freue mich sehr, dass im Eröffnungsjahr des „Liebling-Hauses“ als White City Center eine Ausstellung über das Ha’avara-Abkommen gleichzeitig in Tel Aviv und in der Bauhaus-Schule in Dessau gezeigt werden kann. Dazu sollen Baumaterialien aus der Weißen Stadt wieder nach Deutschland transferiert werden, was als ein besonderer Ausdruck der bilateralen Bestrebungen gewertet werden kann.

Wem obliegt die architektonische Planung und Leitung der Sanierungsarbeiten?

Für die Sanierungsplanung und-leitung wurde das Büro von Ada Karmi-Melamede beauftragt. Sie ist die Tochter des Architekten Dov Karmi, der das Liebling-Haus 1936 für die Kaufmannfamilie Liebling geplant hat. Ada und ihr Bruder Ram Karmi sind beruflich in die Fußstapfen ihres Vaters getreten und weit über Israel hinaus renommiert.

Wer trägt die Instandsetzung des Max-Liebling-Hauses auf israelischer Seite?

Die investiven Sanierungsarbeiten werden alleine von der Stadt Tel Aviv bezahlt. Die deutsche Seite steuert Input durch bilaterale Workshops bei, wie z.B. in der Vergangenheit durch Projekte mit Tischlern der Berliner zukunftsgeraeusche GbR und der Handwerkskammer Berlin und wie derzeit die Fassadensanierung des Liebling-Hauses, co-finanziert durch die großzügige Förderung der Sto-Stiftung Am Ende eines jeden Prozesses steht eine Dokumentation, ein Handbuch, das die einzelnen Sanierungsschritte so erklärt, dass die einzelnen Arbeitsschritte auch an weiteren Häusern der Weißen Stadt ausgeführt werden können.

Stimmen Sie in Ihren Zielsetzungen mit Ihren Partnern in Tel Aviv immer überein? Unter denkmalgerechter Sanierung versteht man in Israel vermutlich nicht unbedingt das gleiche wie in Deutschland.

Denkmalschutz ist ein Prozess. Er fängt klein an und wird nicht über Nacht erwachsen. In Deutschland gibt es eine lange, über 100-jährige Historie zum Denkmalschutz, in Israel ist der Umgang mit der noch jungen Vergangenheit ihrer schützenswerten Bausubstanz etwas ganz Neues und findet noch nicht flächendeckend statt. Aufgrund des derzeit explosionsartig verlaufenden Wachstums von Tel Aviv und dem damit zusammenhängenden Druck auf dem Immobilienmarkt, haben die Verantwortlichen in Tel Aviv einen eher lebenspraktischen Zugang zu dem Thema entwickelt. So erlauben sie in begrenztem Umfang Aufstockungen/Erweiterungen  auf Gebäuden, die ansonsten nach den Denkmalschutzauflagen saniert werden müssen. Angesichts des knappen Wohnraums in Tel Aviv, ist dieser Ansatz nachvollziehbar, er entspricht aber nicht dem in Deutschland gelebten Denkmalschutzgedanken, einer möglichst originalgetreuen Rekonstruktion.

Gibt es einen Konsens auf beiden Seiten über die künftige Nutzung des Hauses?

Ja, es gibt einen Konsens. Die Bundesregierung strebt zuallererst ein Denkmalschutz- und Architekturzentrum an, das Sorge für die Geschichte und den Erhalt der Weißen Stadt trägt. Eine „Erklärstation“, die durch Ausstellungsfläche und Forschungslabor den Bewohnern den Zugang zum deutsch-israelischen Know-How erleichtern soll und einen Begegnungspunkt für Nachbarn, der aber auch den Austausch zwischen (vor allem jungen) Menschen beider Nationen ermöglichen und erleichtern soll – und das alles auf nicht viel mehr als 300 m². Der Konsens muss aber immer wieder neu definiert und austariert werden. Dafür ist unsere Gremienarbeit sehr wichtig. Wertvoller Input kommt vom jeweils paritätisch besetzten Fachbeirat und Kuratorium. In beiden Gremien sind Denkmalschützer, Architekten, Künstler, Professoren und Bauhausspezialisten vertreten, die allesamt wichtige Impulsgeber sind.

Der Bund wird bei diesem Projekt von zahlreichen Kooperationspartnern aus der privaten Wirtschaft unterstützt, die sich sowohl finanziell als auch mit ihrer Expertise daran beteiligen. So ermöglicht die Sto-Stiftung, dass 22 Lehrlinge und Gesellen aus Deutschland – junge Stuckateure und Maler – im Team mit israelischen Handwerkern und Architekturstudenten die professionelle Sanierung des Gebäudes durchführen. Was ist die Idee dahinter?

Ganz klar: Austausch, Begegnung, „good-vibrations“, Kennenlernen, Wissenstransfer. In Israel gibt es keine fundierte Handwerkerausbildung, das deutsche duale System ist begehrt hier. Deutsche Expertise steht hoch im Kurs, im Hebräischen sind Worte wie „Spachtel“, „Kratzputz“ und „Waschputz“ fest verankert. Durch solche Förderungen, für die wir ausgesprochen dankbar sind, entwickelt sich Völkerverständigung durch gemeinsames Tun auf der Baustelle. Am Ende auch diesen Projektes zwischen uns und der Sto-Stiftung werden zahlreiche neue Freundschaften entstanden sein. Unterstützt werden die deutschen Handwerker beim Fassaden-Projekt von israelischen Teilnehmern der Antiquity Authority und von Architekturstudenten der Bezalel Academy in Jerusalem. Da lernen sich im Zeitraum März bis Mai 2019 zusammen 44 junge Menschen kennen, arbeiten im Schweiße ihres Angesichts zusammen, leisten ganz automatisch einen Beitrag zur Völkerverständigung – das ist genau das, was zählt.

Es gibt Welterbe-Kritiker, die der Meinung sind, dass Tel Aviv sich die Erhaltung der Weißen Stadt nicht leisten kann, weil der Wohnraumbedarf viel zu hoch ist, was auch die Immobilienpreise in die Höhe treibt. Darum sind sie dafür, das historische Zentrum von Tel Aviv abzureißen und durch Hochhäuser zu ersetzen. Was halten Sie von dieser Gegnerschaft?

Rein gar nichts. Wir in Deutschland haben unsere liebe Mühe und Not, die Bausünden der 1970er Jahre aufzuräumen, Stichwort autogerechte Stadt, und hier finden wir ein Juwel vor, das es mehr als wert ist, saniert, restauriert und in seiner Einzigartigkeit erhalten zu werden – das sollte mit möglichst behutsamen Eingriffen erfolgen. Als demgegenüber abschreckendes Beispiel kann der gerade an den Rändern der Stadt entstehende Hochhausgürtel gelten, dies sollte das gemeinsame Bemühen aber nicht bremsen.

Am 19. September wird das Liebling-Haus/White City Center eingeweiht. Gibt es über diesen Termin hinaus Perspektiven für eine weitere deutsch-israelische Zusammenarbeit, um das architektonische Erbe der „Weißen Stadt“ auf Dauer zu erhalten? Ist an eine Fortsetzung des deutsch-israelischen Jugendaustauschs gedacht?

Auf jeden Fall. Auch in Zukunft sollen durch das Projekt bilaterale deutsch-israelische Kooperationen etabliert werden. Ich kann mir gut vorstellen, dass dann auch weiterhin Handwerker- oder Studentenaustauschprojekte initiiert werden, vorausgesetzt Förderer dafür sind vorhanden. Die Fortsetzung des deutsch-israelischen Jugendaustauschs wird auf jeden Fall angestrebt. Ich bin sicher, dass das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, die Stadt Tel Aviv und die Geschäftsstelle  „Weiße Stadt“ beim Amt für Bundesbau in Mainz mit Hochdruck daran arbeiten werden, dass es auch in Zukunft gemeinsame Bauhütten gibt.

Das Gespräch führte Amber Sayah. Sie ist ehemalige Redakteurin der Stuttgarter Zeitung und jetzt freie Journalistin