Zwischen Historie und Hightech
In Reutlingen haben Wulf Architekten ein historisches Fachwerkensemble um einen Neubau ergänzt, der den Charakter des Bestands aufgreift und in eine neue Architektur übersetzt. Zudem dient er als Ausstellungsraum, der über die Geschichte des Orts informiert.
Wie lässt sich gebaute Geschichte in die Gegenwart übertragen? Mit dem Stadthistorischen Museum in Reutlingen zeigen Wulf Architekten aus Stuttgart einen interessanten Ansatz auf, der zwischen Ortsbezug und radikaler Neuinterpretation oszilliert. Der Bau sitzt auf dem noch erhaltenen Keller des 1972 abgebrochenen historischen Steinernen Hauses in der Oberamteistraße.
Daran grenzen mehrere Häuserzeilen an, die ebenfalls bis ins 12. und 13. Jahrhundert zurückreichen. Sie zählen nicht nur zum ältesten Baubestand der Stadt, sondern auch zu den ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen Süddeutschlands. Ihre denkmalgerechte Sanierung bis 2029 ist mit einem Neubau verknüpft, der das nicht mehr vorhandene Steinerne Haus als Eckgebäude wiederauferstehen lassen soll. Er fungiert als Schutzbau für den Keller und stützt das noch erhaltene historische Ensemble.
Neben seiner statischen Funktion wird der Neubau als Veranstaltungs- und Begegnungsort für Konzerte, Lesungen und Ausstellungen genutzt. Hinzu kommt ein Museumsforum, in dem die Geschichte der Nachbargebäude erzählt wird. Auch die historischen Häuserzeilen dienen als Ausstellungsort, an dem man die über 700 Jahre alte Stadt-, Kultur- und Baugeschichte des Orts besichtigen kann. Gleichzeitig sind sie selbst ein Exponat, um die Stadthistorie konkret zu erleben.
Der Neubau von Wulf Architekten, der Ende 2025 fertiggestellt wurde, greift einerseits Charakter und Fügung des Orts auf. Er transformiert ihn aber auch in etwas Neues, indem er als eine Art gläsernes Fachwerkhaus an der Ecke der engen Gasse platziert wurde. Das Projekt weist eine wohltuende Irritation aus historischer Referenz und Hightech auf, die sich als konstruktives Konzept durch das Gebäude zieht.
Gläserne Ziegel statt historischer Fassade
Der Entwurf geht auf einen Wettbewerb zurück, der bereits 2017 entschieden wurde. Ein konkretes Raumprogramm war nicht vorgegeben. Stattdessen sollte der Neubau der Frage nachgehen, wie sich die Erinnerung an einen Ort architektonisch ausdrücken lässt.
Darauf liefert er eine reizvolle Antwort in Form einer Fassade aus gläsernen Biberschwanzziegeln. Sie legt sich über eine Holzkonstruktion, die sich an der Kubatur des Vorgängerbaus orientiert. Dazu sitzt sie auf einem trapezartigen Grundriss von etwa 13 mal 13 m und dockt auf dem offen gelassenen Kellergewölbe des Steinernen Hauses an.
Die transluzente Fassade, hinter der sich die Holzkonstruktion nur erahnen lässt, erzeugt eine geheimnisvolle Aura im engen Altstadtgeflecht. Die enigmatische Wirkung wird durch fehlende Fassadenöffnungen zusätzlich gesteigert. Hinzu kommt der nicht vorhandene Eingang, denn das neue Haus wird über die Bestandsbauten erschlossen.
Parametrisches Fachwerk aus Weißtanne
Im Inneren bietet der Bau eine beeindruckende Raumwirkung, denn er lässt sich beim Betreten vom Keller bis zum Giebel in seiner Gänze erleben. Die Höhe beträgt 20,50 m, wobei die gläsernen Ziegel einerseits zum luftigen Charakter des Hauses beitragen und ihm andererseits einen skulpturalen Charakter verleihen. Lediglich eine Freitreppe mit Sitzstufen, die in den Keller führt, eine schräg verlaufende Treppe zu zwei eingezogenen Galerien und der Aufzugskern für die barrierefreie Erschließung unterbrechen das Raumvolumen.
Zur skulpturalen Wirkung trägt auch die Holzkonstruktion bei, die als modernes Fachwerk ausgebildet ist. Ihre komplexe Struktur wurde parametrisch entwickelt, wie Tobias Wulf von Wulf Architekten erklärt: „Für die mehrfach gekrümmten Dachflächen haben wir zusammen mit dem Stuttgarter Ingenieurbüro str.ucture ein Raumfachwerk aus Schwarzwälder Weißtanne entwickelt, das über 200 verschiedene Knoten aufweist. Es bildet Dreiecke aus, die effizient die Zug- und Druckkräfte aufnehmen können.“
Gleichzeitig liegt der Konstruktion laut Wulf ein Nachhaltigkeitsgedanke zugrunde: „Wir haben das Ganze nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip geplant. Deshalb wird die Konstruktion durch Schraubverbindungen zusammengehalten, die wieder lösbar sind.“
Hülle ohne Dämmung, Klima ohne Technik
Trotz der komplexen digitalen Planung des Gebäudes ist die Hülle bauphysikalisch recht einfach gehalten, denn sie kommt ohne thermische Dämmung und Klimatisierung aus. Die natürliche Belüftung und Entrauchung erfolgt ausschließlich über die offenen Fugen der gesamten Gebäudehülle.
Im Winter soll sie solare Wärmegewinne erzielen, während die Fugen im Sommer eine Überhitzung verhindern. Die Verkleidung besteht aus über 28.000 speziell beschichteten Glasguss-Biberschwanzziegeln, die als Kronendeckung verlegt wurden. Sie liegen auf einer dreischichtigen, graduell abnehmenden Unterkonstruktion, die auf dem Primärtragwerk verschraubt wurde.
Die Ziegel sind einzeln austauschbar und durch Abstandshalter aus Eichenholz gesichert. Ein Splitterschutzlack auf ihrer Innenseite soll verhindern, dass bei Glasbruch Teile herunterfallen.
Stampflehm als partizipatives Bauelement
Im Keller sorgt ein Stampflehmboden für zusätzliche Haptik. Er wurde im Rahmen eines partizipativen Workshops entwickelt und unter Mithilfe von Studierenden der Hochschule für Technik Stuttgart als Teil der denkmalgerechten Sanierung eingebracht. Dabei soll er auch ein angenehmes Raumklima erzeugen, indem er Gerüche bindet, Feuchtigkeit aufnimmt und sie zeitverzögert wieder abgibt.
Zusammen mit dem Bestand, der neuen Holzkonstruktion und den Glasziegeln der umschließenden Hülle bildet er ein Architekturamalgam, das die Erinnerung an den Ort auf spektakuläre Weise wachruft und in die Zukunft überträgt.
Museum Historische Oberamteistraße 1. Bauabschnitt, Neubau
Museum Historische Oberamteistraße 1. Bauabschnitt, Neubau
Ort: Reutlingen
Bauherr: Stadt Reutlingen
ARGE Oberamteistraße: wulf architekten, Stuttgart
ingenieurbüro grau. Wurst.Wisotzki.GbR, Bietigheim-Bissingen
Architektur: wulf architekten gmbh, Stuttgart
Landschaftsarchitektur: Bäuerle Landschaftsarchitekten, Stuttgart
Tragwerksplanung: str.ucture GmbH, Stuttgart
Projektsteuerung: Hitzler Ingenieure, Stuttgart
HLS-Planung: Ingenieurbüro für Versorgungstechnik Klaus Wienand, Reutlingen
ELT-Planung: Köhler GmbH, Leonberg
Aufzugsplanung: PlanR, Ditzingen
Brandschutz: Brandschutz Consulting, München
Bauphysik: Kurz und Fischer, Winnenden
Museumsgestaltung: Demirag Architekten, Stuttgart
Wettbewerb: 12/2017, 1. Preis
Fertigstellung: 12/2025
BGF: 338 qm
Fördermittel durch Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“
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