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Zwischen Historie und Hightech

In Reutlingen haben Wulf Architekten ein historisches Fachwerkensemble um einen Neubau ergänzt, der den Charakter des Bestands aufgreift und in eine neue Architektur übersetzt. Zudem dient er als Ausstellungsraum, der über die Geschichte des Orts informiert.

Alexander Russ
18.05.2026 12min
Der Neubau ergänzt die zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen der Nachbarschaft und stützt sie gleichzeitig ab. © Brigida González

Wie lässt sich gebaute Geschichte in die Gegenwart übertragen? Mit dem Stadthistorischen Museum in Reutlingen zeigen Wulf Architekten aus Stuttgart einen interessanten Ansatz auf, der zwischen Ortsbezug und radikaler Neuinterpretation oszilliert. Der Bau sitzt auf dem noch erhaltenen Keller des 1972 abgebrochenen historischen Steinernen Hauses in der Oberamteistraße.  

Daran grenzen mehrere Häuserzeilen an, die ebenfalls bis ins 12. und 13. Jahrhundert zurückreichen. Sie zählen nicht nur zum ältesten Baubestand der Stadt, sondern auch zu den ältesten zusammenhängenden Fachwerkhäuserzeilen Süddeutschlands. Ihre denkmalgerechte Sanierung bis 2029 ist mit einem Neubau verknüpft, der das nicht mehr vorhandene Steinerne Haus als Eckgebäude wiederauferstehen lassen soll. Er fungiert als Schutzbau für den Keller und stützt das noch erhaltene historische Ensemble.

Neben seiner statischen Funktion wird der Neubau als Veranstaltungs- und Begegnungsort für Konzerte, Lesungen und Ausstellungen genutzt. Hinzu kommt ein Museumsforum, in dem die Geschichte der Nachbargebäude erzählt wird. Auch die historischen Häuserzeilen dienen als Ausstellungsort, an dem man die über 700 Jahre alte Stadt-, Kultur- und Baugeschichte des Orts besichtigen kann. Gleichzeitig sind sie selbst ein Exponat, um die Stadthistorie konkret zu erleben.  

Der Neubau von Wulf Architekten, der Ende 2025 fertiggestellt wurde, greift einerseits Charakter und Fügung des Orts auf. Er transformiert ihn aber auch in etwas Neues, indem er als eine Art gläsernes Fachwerkhaus an der Ecke der engen Gasse platziert wurde. Das Projekt weist eine wohltuende Irritation aus historischer Referenz und Hightech auf, die sich als konstruktives Konzept durch das Gebäude zieht. 

Das Projekt greift den Charakter des Bestands in seiner Kubatur auf und transformiert ihn konstruktiv in etwas Neues. © Brigida González
Das Projekt greift den Charakter des Bestands in seiner Kubatur auf und transformiert ihn konstruktiv in etwas Neues. © Brigida González

Gläserne Ziegel statt historischer Fassade 

Der Entwurf geht auf einen Wettbewerb zurück, der bereits 2017 entschieden wurde. Ein konkretes Raumprogramm war nicht vorgegeben. Stattdessen sollte der Neubau der Frage nachgehen, wie sich die Erinnerung an einen Ort architektonisch ausdrücken lässt.  

Darauf liefert er eine reizvolle Antwort in Form einer Fassade aus gläsernen Biberschwanzziegeln. Sie legt sich über eine Holzkonstruktion, die sich an der Kubatur des Vorgängerbaus orientiert. Dazu sitzt sie auf einem trapezartigen Grundriss von etwa 13 mal 13 m und dockt auf dem offen gelassenen Kellergewölbe des Steinernen Hauses an.  

Die transluzente Fassade, hinter der sich die Holzkonstruktion nur erahnen lässt, erzeugt eine geheimnisvolle Aura im engen Altstadtgeflecht. Die enigmatische Wirkung wird durch fehlende Fassadenöffnungen zusätzlich gesteigert. Hinzu kommt der nicht vorhandene Eingang, denn das neue Haus wird über die Bestandsbauten erschlossen.  

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Die Struktur legt sich über den Bestandskeller des Steinernen Hauses, das 1972 abgerissen wurde. © Brigida González
Die neue Hülle besteht aus über 28.000 speziell beschichteten Glasguss-Biberschwanzziegeln. © Brigida González
Das komplexe Raumfachwerk aus Schwarzwälder Weißtanne weist über 200 verschiedene Knoten auf. © Brigida González

Parametrisches Fachwerk aus Weißtanne 

Im Inneren bietet der Bau eine beeindruckende Raumwirkung, denn er lässt sich beim Betreten vom Keller bis zum Giebel in seiner Gänze erleben. Die Höhe beträgt 20,50 m, wobei die gläsernen Ziegel einerseits zum luftigen Charakter des Hauses beitragen und ihm andererseits einen skulpturalen Charakter verleihen. Lediglich eine Freitreppe mit Sitzstufen, die in den Keller führt, eine schräg verlaufende Treppe zu zwei eingezogenen Galerien und der Aufzugskern für die barrierefreie Erschließung unterbrechen das Raumvolumen.  

Zur skulpturalen Wirkung trägt auch die Holzkonstruktion bei, die als modernes Fachwerk ausgebildet ist. Ihre komplexe Struktur wurde parametrisch entwickelt, wie Tobias Wulf von Wulf Architekten erklärt: „Für die mehrfach gekrümmten Dachflächen haben wir zusammen mit dem Stuttgarter Ingenieurbüro str.ucture ein Raumfachwerk aus Schwarzwälder Weißtanne entwickelt, das über 200 verschiedene Knoten aufweist. Es bildet Dreiecke aus, die effizient die Zug- und Druckkräfte aufnehmen können.“  

Gleichzeitig liegt der Konstruktion laut Wulf ein Nachhaltigkeitsgedanke zugrunde: „Wir haben das Ganze nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip geplant. Deshalb wird die Konstruktion durch Schraubverbindungen zusammengehalten, die wieder lösbar sind.“  

Lageplan © wulf architekten
Axonometrie © wulf architekten
Grundriss EG © wulf architekten
Schnitt © wulf architekten

Hülle ohne Dämmung, Klima ohne Technik

Trotz der komplexen digitalen Planung des Gebäudes ist die Hülle bauphysikalisch recht einfach gehalten, denn sie kommt ohne thermische Dämmung und Klimatisierung aus. Die natürliche Belüftung und Entrauchung erfolgt ausschließlich über die offenen Fugen der gesamten Gebäudehülle.  

Im Winter soll sie solare Wärmegewinne erzielen, während die Fugen im Sommer eine Überhitzung verhindern. Die Verkleidung besteht aus über 28.000 speziell beschichteten Glasguss-Biberschwanzziegeln, die als Kronendeckung verlegt wurden. Sie liegen auf einer dreischichtigen, graduell abnehmenden Unterkonstruktion, die auf dem Primärtragwerk verschraubt wurde.  

Die Ziegel sind einzeln austauschbar und durch Abstandshalter aus Eichenholz gesichert. Ein Splitterschutzlack auf ihrer Innenseite soll verhindern, dass bei Glasbruch Teile herunterfallen.

Im Untergeschoss wurde ein neuer Lehmboden im Rahmen eines partizipativen Workshops eingebracht. © Brigida González

Stampflehm als partizipatives Bauelement

Im Keller sorgt ein Stampflehmboden für zusätzliche Haptik. Er wurde im Rahmen eines partizipativen Workshops entwickelt und unter Mithilfe von Studierenden der Hochschule für Technik Stuttgart als Teil der denkmalgerechten Sanierung eingebracht. Dabei soll er auch ein angenehmes Raumklima erzeugen, indem er Gerüche bindet, Feuchtigkeit aufnimmt und sie zeitverzögert wieder abgibt.  

Zusammen mit dem Bestand, der neuen Holzkonstruktion und den Glasziegeln der umschließenden Hülle bildet er ein Architekturamalgam, das die Erinnerung an den Ort auf spektakuläre Weise wachruft und in die Zukunft überträgt.

Museum Historische Oberamteistraße 1. Bauabschnitt, Neubau

Ort: Reutlingen 
Bauherr: Stadt Reutlingen 
ARGE Oberamteistraße: wulf architekten, Stuttgart 
ingenieurbüro grau. Wurst.Wisotzki.GbR, Bietigheim-Bissingen 
Architektur: wulf architekten gmbh, Stuttgart 
Landschaftsarchitektur: Bäuerle Landschaftsarchitekten, Stuttgart  
Tragwerksplanung: str.ucture GmbH, Stuttgart 
Projektsteuerung: Hitzler Ingenieure, Stuttgart 
HLS-Planung: Ingenieurbüro für Versorgungstechnik Klaus Wienand, Reutlingen 
ELT-Planung: Köhler GmbH, Leonberg 
Aufzugsplanung: PlanR, Ditzingen 
Brandschutz: Brandschutz Consulting, München 
Bauphysik: Kurz und Fischer, Winnenden 
Museumsgestaltung: Demirag Architekten, Stuttgart 
Wettbewerb: 12/2017, 1. Preis 
Fertigstellung: 12/2025 
BGF: 338 qm   

Fördermittel durch Bundesprogramm „Nationale Projekte des Städtebaus“

Alexander Russ

Freier Journalist München

Alexander Russ ist freier Journalist und lebt in München. Er hat in verschiedenen Architekturbüros gearbeitet und war Redakteur bei Baumeister und Topos. Neben Architekturkritiken schreibt er unter anderem über Stadtplanung, Landschaftsarchitektur und Mobilitätsthemen.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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