Weiterbauen als Kirchen-Botschaft
Das IBA’27-Projekt Evangelisches Gemeindehaus Stuttgart-Feuerbach zeigt, wie klimagerecht und kreislauffähig Bauen im Bestand geht – Pilotprojekt mit BSSR-Förderung.
Wie kann „Kirche“ heute aussehen? Die Evangelische Kirchengemeinde Feuerbach gibt eine mutige Antwort. Wo heute ein kompaktes Erweiterungsgebäude aus den 1970er-Jahren mit einem zusätzlichen Anbau das Gemeindezentrum bilden, entwickelt sie zusammen mit der Internationalen Bauausstellung StadtRegion Stuttgart 2027 (IBA’27) einen identitätsstiftenden Ort. Kirchengemeinde und IBA’27 setzen konsequent auf Weiterbauen statt Abriss. Das 1971 errichtete Gebäude bleibt die bauliche und energetische Grundlage der Transformation. Im zweiphasigen Einladungswettbewerb überzeugte der Siegerentwurf der Arge Joos Keller + Curious About, Stuttgart/Karlsruhe mit Von K Landschaftsarchitektur, Ostfildern. Er stellt die historische, denkmalgeschützte St.-Mauritius-Kirche durch den Rückbau des Zwischengebäudes frei und schreibt den bestehenden Bau unter Verwendung natürlicher Materialien wie Lehm vielschichtig fort. Eine Holzskelettkonstruktion mit Glaselementen umhüllt die entkernte und behutsam ergänzte Betonstruktur wie eine transparente, zweite Haut und formt zusammen mit dem Bestand vielfältige Begegnungsräume. Bauteile und Materialien aus rückgebauten Bereichen kommen erneut zum Einsatz. Die Technik bleibt bewusst reduziert. Eine klare Low-Tech-Strategie setzt auf einfache, robuste und wartungsarme Lösungen.
Das Gemeindehaus Feuerbach zeigt auf, wie der Bestand zur aktiven Ressource wird.
Grazyna Adamczyk-Arns
Für ein Projekt dieser Größenordnung außergewöhnlich war der Beteiligungsprozess. Der IBA’27-Projektleitung wurde schnell gewahr, dass es sich bei der Kirchengemeinde um eine interessierte, engagierte Auftraggeberin handelt. 60 Gemeindemitglieder verpflichteten sich zur Teilnahme an dem Prozess. Jede Einreichung bekam eine Patin oder einen Paten, welche(r) die Konzepte vorstellten. Aus zehn Büros in Phase 1 kamen fünf in die zweite Runde. Vier Büros reichten schließlich ein. Dass die Gemeindemitglieder am Ende für den Entwurf der Arge mit dem selbstbewussten Baukörper votierten, der die bestehende Hülle nicht antastet und in dem alten Ortskern Spannung erzeugt, überraschte das IBA’27-Projektteam. „Wir hatten eine deutlich konventionellere Auswahl erwartet“, erzählt Adamczyk-Arns. Die Beteiligung habe sich mehrfach gelohnt: „Alle stehen hinter dem Entwurfskonzept.“ Und: das in das Förderprogramm „Innovationen im Gebäudebereich“ aufgenommen wurde. „Das IBA-Projekt rückt ins Zentrum der aktuellen Debatte um klimagerechtes Weiterbauen im Bestand“, so Projektleiterin Grazyna Adamczyk-Arns. Es zeige, wie der Bestand zur aktiven Ressource werde. Die Aufnahme als Pilotprojekt würdigt Mut, Haltung und Umsetzungskraft der Kirchengemeinde und stärkt das Weiterbauen im Bestand als zentrale Aufgabe der Bauwende.
Verbunden mit der Förderung durch das Programm des BBSR ist die wissenschaftliche Begleitung durch die TU Braunschweig unter Leitung von Prof. Elisabeth Endres, eine der Verantwortlichen für den deutschen Biennale-Beitrag 2025 in Venedig. Sie soll „die Begabung des Bestandes prüfen“, so Projektleiterin Adamczyk-Arns. Untersucht wird, wie sich Konstruktion und Technik sinnvoll vereinfachen lassen. Auch werden unterschiedliche Planungs- und Ausführungsvarianten vergleichend bewertet und die Übertragbarkeit auf andere Bauaufgaben geprüft und aufbereitet. „Damit schlägt das Gemeindehaus eine Brücke zwischen Forschung und gebauter Praxis“, so Adamczyk-Arns. „So entstehen Impulse für das Weiterbauen im Bestand über das Projekt hinaus.“
Erweiterung des Evangelischen Gemeindehauses
Erweiterung des Evangelischen Gemeindehauses
Ort: Stuttgart-Feuerbach
Bauherrschaft: Evangelische Kirchengemeinde Feuerbach
Architektur: Arge Joos Keller + Curious About, Stuttgart/Karlsruhe
Landschaftsarchitektur: Von K Landschaftsarchitektur, Ostfildern
Projektstart: 2024
Größe: ca. 750 qm
Baubeginn: 2026
Weitere Informationen zum Projekt gibt es auf der IBA’27-Website.
Förderprogramm BSSR
Förderprogramm BSSR
Mitte 2024 startete das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Auftrag des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen das Förderprogramm „Pilotprojekte – Innovationen im Gebäudebereich“ mit einem Fördervolumen von 50,6 Millionen Euro. Die Umsetzung durch das BSSR geschieht in Zusammenarbeit mit der Bundesstiftung Bauakademie. Das Programm fokussiert auf bauliche, technische, soziale und organisatorische Ansätze zur Dekarbonisierung sowie zur Reduzierung des Ressourcen- und Flächenverbrauchs mit dem Ziel, Impulse für die Baupraxis zu setzen.
Gabriele Renz
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