WA6 München Freiham: Weniger ist mehr
Kostengünstiger Wohnungsbau ist möglich. Aber erst im Zusammenspiel von Bodenpolitik, Entscheidungskultur und entwerferischer Priorisierung entsteht der Spielraum hierfür
Der Wohnungsbau WA6 im Münchner Neubaugebiet Freiham entstand unter Bedingungen, die im aktuellen Marktumfeld als kaum vereinbar gelten: sehr niedrige Einstiegsmieten bei gleichzeitigem Anspruch an Wohnqualität, Nachhaltigkeit und städtebauliche Einbindung. Entscheidend war dabei weniger eine einzelne planerische Innovation als ein konsequent durchgehaltener Priorisierungsprozess – vom Boden über die Bauherrschaft bis in den Entwurf.
Städtebau, Erschließung und Freiräume
Das Projekt reagiert auf die städtebaulichen Vorgaben des Neubaugebiets Freiham, das eine kleinteilige, offene Bebauung mit differenzierten Baukörpern vorsieht. Die vier- und fünfgeschossigen Gebäude werden durch Vor- und Rücksprünge gegliedert, um lange Fluchten zu vermeiden. Ein mittig angeordnetes Torgebäude verbindet den Straßenraum mit dem hofseitigen Grünraum und schafft Durchlässigkeit im Quartier.
Alle Gebäude werden von der Straße aus erschlossen, der Innenhof bleibt frei von Verkehr und dient als gemeinschaftlicher Freiraum. Er ist an die westlich angrenzende Parkanlage angebunden und übernimmt Funktionen der Erholung, des Spiels und der Klimaanpassung. Dachbegrünungen, Retentionsflächen und einfache Freiraumstrukturen ergänzen das Konzept, ohne den baulichen Aufwand zu erhöhen.
Diese städtebauliche Setzung definiert den Rahmen, innerhalb dessen der Entwurf operiert. Dichte, Erschließung und Freiraum sind nicht nachträglich optimiert, sondern von Beginn an mitgedacht.
Raster, Modularität und Wiederholung
Zentraler entwerferischer Hebel ist ein durchgängiges Raster von 3,25 m. Es strukturiert Grundrisse, Tragwerk und Fassaden gleichermaßen und bildet die Grundlage für serielle Wohnungstypen. Küche, Bad und Loggia sind als wiederholbare Module organisiert, die sich zu unterschiedlichen Wohnungsgrößen kombinieren lassen. Diese strikte Modularität reduziert nicht nur die Planungs- und Baukosten, sondern vereinfacht auch die Abstimmung mit Fachplanungen und Ausführung. Entscheidend ist, dass die Serialität nicht zu räumlicher Monotonie führt. Flurbereiche sind bewusst so proportioniert, dass sie flexibel nutzbar bleiben – etwa als Arbeits-, Spiel- oder Rückzugsräume. Die Loggien sind als integraler Bestandteil der Wohnräume konzipiert und wirken als Raumerweiterung. Trotz enger Raster entstehen damit Grundrisse, die auf wechselnde Lebenssituationen reagieren können.
Konstruktion und Materialwahl
Das Projekt wurde als Holz-Hybrid-Bau realisiert. Während die Hülle komplett in Holz ausgeführt ist, kommen Stahlbetondecken zum Einsatz. Diese Kombination erlaubt eine wirtschaftliche Konstruktion bei gleichzeitig hohem Vorfertigungsgrad. Im Planungsprozess wurde die Statik mehrfach überprüft und optimiert, unter anderem durch Reduktion von Stahlmengen und Vereinfachung der Lastabtragung. Ziel war es, Material nur dort einzusetzen, wo es konstruktiv notwendig ist – nicht als pauschale Sicherheitsreserve. Auch bei der Haustechnik wurde bewusst reduziert. Die Gebäude erreichen den Standard eines KfW-Effizienzhauses 55, werden über Fernwärme beheizt und verfügen über ein einfaches Lüftungssystem mit Abluft und Nachströmung. Auf komplexe, wartungsintensive Technik wurde verzichtet. Effizienz wird hier nicht über maximale technische Ausstattung, sondern über Robustheit und Dauerhaftigkeit hergestellt.
Ein wesentlicher Faktor für die Realisierung lag im Prozess selbst. Die Bauherrschaft arbeitete mit kurzen Entscheidungswegen und war bereit, eigene Standards und Denkweisen zu hinterfragen. Getroffene Entscheidungen wurden im weiteren Verlauf nicht wieder geöffnet. Diese Konsequenz ermöglichte es, Vereinfachungen tatsächlich umzusetzen – etwa beim Wohnungsschlüssel, bei der Mobilitätsstrategie oder in der Baustellenlogistik. So konnte unter anderem auf kostenintensive Verbaumaßnahmen verzichtet werden. Mobilitätskonzepte wurden nicht isoliert betrachtet, sondern in Zusammenhang mit Statik und Tiefgarage optimiert. Viele dieser Entscheidungen liegen außerhalb des klassischen Entwurfs, wirken jedoch direkt auf Baukosten und räumliche Qualität ein.
DAB Redaktion
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