Life-Balance at work
Die „Hoffnungshäuser“ des Stuttgarter Büros AndOffice sind bereits Ikonen seriellen, nachhaltigen Holzbaus. Ein Besuch bei Überzeugten.
Hafer-, Soja- oder Kuhmilch? Alles da. Die Kaffeemaschine glänzt in einer Nische. Die Fenster des länglichen Seitentrakts gehen zum Hof. Der meterlange Holztisch lädt zu kommunikativen Zwischenstopps im Tageslauf ein. Das Team von „AndOffice“ sitzt im Großraumbüro etwas erhöht auf Arbeitsinseln. Die ehemalige Lagerfläche wurde komplett entkernt und durch wenige, auf den Bestand abgestimmte Zimmermannseinbauten neu organisiert. Alle Möbeleinbauten sind in gemaserter Seekiefer gehalten, die Trennwände mit Holzleistenschalung aus Weißtanne belegt, die Sideboards aus Birke Multiplex. Holzdämmplatten ummanteln den ehemaligen Treppenkern in Zwitterfunktion Schallschutz und Pinnwand. Rohe Holzbalken zonieren den Raum des früheren Materiallagers und verleihen ihm eine Pop-up-Anmutung des Unperfekten.
50 „Hoffnungshäuser“
realisierte AndOffice nach dem Konzept des seriellen Baukastens als geförderter Wohnungsbau in Holzbauweise (GKL 3 + 4).
Thorsten Blatter nennt sein Büro eine „gebaute Visitenkarte unserer Philosophie und Arbeitsweise“. Wer „AndOffice“ im Netz sucht, erhält „Architecture Interior Lifestyle“ angezeigt. Die Buzzwords irritieren. Holzbau war und ist der USP des Büros. „Wir hatten aufgrund unserer beruflichen Herkunft eine gute Expertise im Innen“, sagt Blatter. Partner Heiner Probst kam von „Retail Architecture Liganova“. Im Team arbeiten einige Innenarchitekt:innen. Man spüre in Gebäuden, wenn zwei Fachdisziplinen planten, sagt Blatter. Etwa wenn Schulträger „das Innen“ mit Material von Rahmenvertragsfirmen fülle. Projekte „bis zum Ende durchziehen“, sei deshalb Teil der Büro-DNA.
Es fehlt der politische Zug.
Thorsten Blatter
Architekt und Partner AndOfficeEinen Namen weit über Baden-Württemberg hinaus machte sich „AndOffice“ durch seine seriellen „Hoffnungshäuser“. Würde es sich um Bücher und nicht um Gebäude handeln, würde man von Bestsellern sprechen. Das Büro entwickelte die Häuser als integratives Wohnkonzept für geflüchtete und einheimische Menschen in Zusammenarbeit mit der Hoffnungsträger-Stiftung des Pharma-Erben Tobias Merckle. Dessen Maßgabe war: schnell, flexibel, kalkulierbares niedriges Kostenniveau und städtebaulich gut integrierbar. 50 dieser „in sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltiger System- und Holzbauweise“ erstellten Bauten stehen bereits. Thorsten Blatter spricht vom „Holzbaukasten mit hohem Vorfertigungsgrad“. Obwohl nie identisch, eint die Hoffnungshäuser mit ihren geschwungenen Balkonen ihr hoher Wiedererkennungswert. Seit 2018 sammelt das Büro für diese „ikonische Aussage“ Auszeichnungen ein, zuletzt in Konstanz am Bodensee. Der Spatenstich in Ulm liegt wenige Wochen zurück. Sich auf dem Erfolg mit den Hoffnungshäusern ausruhen, sei keine Option, beteuert Blatter. „Wir kommen nicht weiter, wenn wir nur den Status quo absichern.“
Holzbau, abgerundet
Ihn und seine Kollegen treiben die Möglichkeiten des seriellen Holzbaus an, das schnelle Realisieren und kostengünstige Bauen, alles nachhaltig, kreislauffähig. „Ich möchte einen sinnvollen Beitrag leisten mit gesellschaftlicher Relevanz leisten“, benennt Blatter seine Motivation. Die „Hoffnungshäuser“ waren Türöffner für weitere serielle Projekte: Für ein Projekt in Ulm entwickelte das Büro den seriellen „Baustein Laubengang“ als bespielbaren, gemeinschaftstauglichen Balkonersatz. Insbesondere Mehrgeschossbauten mit kleinen Wohneinheiten ließen sich so ideal erschließen. In Mannheim entstanden dreigeschossige Häuser für Geflüchtete in nur 13 Monaten von der Beauftragung bis zur Fertigstellung. Hier entwickelte AndOffice vorgefertigte Wandteile und testete einen Fußbodenaufbau ohne Fließestrich, vollkommen demontier- und wiederverwendbar. Ein neuer Typ Blockrandbebauung befindet sich in Entwicklung. Das gab es bislang nicht. Die Kommunen waren häufig mit Vorbehalten ihrer Bürger konfrontiert, die Hoffnungshäuser seien für den Zweck einer Flüchtlingsunterkunft „zu gut“. Das nahm das Büro zum Anlass, serielle Mehrgeschosshäuser mit „reduzierter Ästhetik“ zu entwickeln. Die Handschrift ist unverkennbar: schlichter Holzbau ja, aber markant mit abgerundeten Ecken, mal mit taubenblauer, mal mit lindgrün pigmentierter Vergrauungslasur.
24 %
Re-Use-Materialien kamen bei der seriellen Naturkita zum Einsatz. 53-57 % Zirkularität, 68 % Holzanteil, 212 kg Deponiematerial.
„Wir loten die Grenzen aus“, sagt Blatter, um sogleich zu relativieren: „So einfach ist es aber nicht.“ Zwar habe – ganz im Sinne der Büro-Philosophie – der ökologische Aspekt des Bauens in den letzten zehn Jahren zugenommen. Doch dann sei die Regulatorik und die Komplexität übertrieben in die Höhe geschraubt worden. Effizienzhaus 55, Effizienzhaus 40, Effizienzhaus 40 plus, QNG-Zertifizierung. „Bei sinnvollen Rahmenbedingungen ist der energetische Anspruch allein für eine Nachhaltigkeitsbetrachtung nicht so entscheidend“, ist Blatter überzeugt. Und BIM ermögliche es beileibe noch nicht, auf Knopfdruck alle Nachhaltigkeitsthemen abzurufen. „Es fehlt der politische Zug.“
Die Serie zu bauen sei „nicht per se schneller und günstiger“, sagt der Architekt. Die Liste der Unebenheiten in Planungsprozessen ist lang: Mal ist der gemeinschaftliche Bereich nicht förderfähig im Rahmen des geförderten Wohnungsbaus, mal spielen die Banken nicht mit, mal fehlen Standards und jenseits der Landesgrenzen gelten wieder andere Kriterien. Alles sei mit Planungsaufwand verbunden, der von irgendjemand bezahlt werden müsse. Blatter und seine Partner bereiten zu jedem Objekt alle Daten auf, erstellen digitale Zwillinge sowie Synopsen der Landesbauordnungen und entwickelten eine eigene Kostendatenbank. Alles invests in future.
Spannende Arbeitswelten
Nachhaltiges Bauen sei nicht rückholbar, ist Thorsten Blatter überzeugt, auch wenn die Zeichen gerade etwas auf Gegenkurs stünden. Beste Bestätigung: Das Büro plant aktuell einen „Green Pavillon“ – selbstverständlich nachhaltig in allen Belangen – für die Outletcity Metzingen, das Konsumsymbol schlechthin. Das junge Team ist hochmotiviert, fast alle kommen heute von der Hochschule mit viel Wissen und Ideen zum Bestandsumbau. Die 24 kompakten Arbeitsplätze, je 1,5 m Tischbreite, haben keine fixe Zuordnung. Die Architektenkammer zeichnete den Creative Space von „AndOffice Blatter Ertel Probst“ 2024 aus als „Paradebeispiel, wie mit geringstem Aufwand eine schlecht gestaltete anonyme Gewerbeeinheit in eine spannende Arbeitswelt umgeformt werden kann“. Besonders beeindruckte die Jury die „ehrliche, rohe und gleichzeitig warme Ästhetik“. Im kleinen Nebenraum sitzt man vor einer Holzverkleidung mit Designlochung, die ein Klappbett versteckt – für alle Fälle. Auf dem Screen Bilder von Bürofesten und Netzwerkveranstaltungen: Life-Balance at work.
AndOffice
Das Studio
AndOffice
Das Studio
2009 gründet Thorsten Blatter das Büro AndOffice im Stuttgarter Westen. 2010 kam Michael Ertel als Partner hinzu, 2014 Heiner Probst. Damals waren sie zu acht. 2024 erfolgte die Ausgründung der GmbH „AndSustain“, um den gestalterischen Anspruch der ökologischen Nachhaltigkeit sichtbar zu machen, aber auch um als Projektentwickler nachhaltige Planungsprozesse zu steigern „von der Idee über die Planung bis zur Fertigstellung und Zertifizierung“. Zu den drei Partnern kamen drei Assoziierte. Das Team besteht heute aus 28 Architekt:innen und Innenarchitekt:innen – viele darunter, die schon als Werkstudierende die „DNA“ des Büros verinnerlichten.
Thorsten Blatter ist Partner bei AndOffice und BDA-Mitglied. Bis 2004 studierte er Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart. Erfahrung bei J.Mayer H in Berlin, 2009 Bürogründung in Stuttgart. Seit 2010 Dozent für „Wohnen und Entwerfen“ an der Uni Stuttgart.
Dieser Artikel erschien in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q1/2026 für Baden-Württemberg.
Gabriele Renz
Architektenkammer Baden-WürttembergDas könnte Sie auch interessieren
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