Vom Getreidesilo zum Hotel
In Bremen hat das Wiener Büro Delugan Meissl Associates ein ehemaliges Industriesilo revitalisiert und dabei konsequent auf den Bestand gesetzt.
Neben tief gründenden Baustellen ragen große Zylinder an der Kaimauer der Weser in die Höhe. In den massiven, gewölbten Beton sind horizontale Öffnungen gefräst. Oberhalb der runden Siloröhren leuchtet der markante Schriftzug in knalligem Rot in den Stadtraum: Kelloggs. Wo einst 5.000 t Weizen, Mais und Hafer lagerten, übernachten heute Gäste aus aller Welt. Die Revitalisierung des ehemaligen Getreidesilos zeigt, wie man kreislaufwirtschaftliche Prinzipien auf komplexe Industriestrukturen anwenden kann. Nicht umsonst erhielten Delugan Meissl Associates (DMAA) dafür den Sonderpreis des Deutsches Städtebaupreises 2025.
Vom Industriebau zum Hotelprojekt
Bevor die Entscheidung für ein Hotel fiel, standen alternative Nutzungskonzepte zur Diskussion – darunter eine Kletterhalle, ein Tiefseetauchbecken oder eine Ausbildungsanlage für Offshore-Mitarbeiter. Die Idee, das Silo in ein Hotel umzuwandeln, entstand bei einem abendlichen Brainstorming. Die runde Zimmerstruktur ist ungewöhnlich für ein Hotel, machte die Aufgabe für DMAA jedoch besonders reizvoll. Sie entschieden, die Geschichte des Ortes zu bewahren und den industriellen Charakter des Silos zu erhalten.
Bautechnik und Umsetzung
DMAA zogen 14 Geschossdecken in das 40 m hohe Gebäude ein. Die Arbeiten an den Zwischendecken mussten aufgrund der baulichen Gegebenheiten manuell ausgeführt werden, was einen erheblichen Zeit- und Personalaufwand erforderte. Auch die Betonschneidearbeiten stellten die Ausführenden vor besondere Herausforderungen. Sie frästen die acht Betonröhren im Inneren auf, um Zugänge zu den 117 kreis- und halbkreisrunden Zimmern zu schaffen. Um den Blick auf die Bremer Innenstadt und die Weser freizugeben, schnitten DMAA horizontale Öffnungen in die 16 cm dicken Betonringe. 3.500 cbm Beton wurden in Schubkarren abtransportiert. Die Spuren dieser aufwendigen Eingriffe sind noch heute in den Hotelzimmern ablesbar. In der Lobby sind die einstigen Trichterauslässe noch sichtbar – ein bewusstes Zitat der industriellen Vergangenheit.
Eine Eislaufbahn auf dem Eisspeicher
Die kreislaufwirtschaftliche Haltung beschränkt sich nicht nur auf das Gebäude. Das Energiekonzept für das neue Stadtentwicklungsviertel der Überseeinsel mit dem Kellog-Pier als zentralem Quartier setzt auf die Weser als zentrale Energiequelle. Ein Nahwärme- und Nahkältenetz, gespeist durch eine Flusswasser-Wärmepumpe, versorgt die gesamte Insel. Rund 70 % der Heizenergie werden dabei über einen Wärmeübertrager direkt aus dem Fluss gewonnen. Eine Wärmepumpe sowie Strom aus Wind- und Solarenergie ergänzen die Versorgung für Heizung und Kühlung. Ein Eisspeicher übernimmt in den Wintermonaten die Kühlung der Freiflächen im Norden des Hotels und ermöglicht den Betrieb einer Eislaufbahn.
Erweiterungsbauten und Quartiersentwicklung
Ergänzend errichteten DMAA auf dem Gelände des Kellogg-Pier einen Neubau auf dem Reislager mit Gastronomie, Büros sowie einer Brauerei mit eigenem Hopfenanbau in der benachbarten Gemüsewerft. Auch das sogenannte Vitaminlager, ein Anbau des Silos, haben DMAA revitalisiert. Auf fünf Etagen beherbergt es heute Büros, Konferenzräume sowie ein Restaurant mit Café, das Hotelgästen offensteht.
Das Kellogg-Areal ist eingebettet in ein größeres Stadtentwicklungsprojekt: die Überseestadt, die nur wenige Kilometer von der Bremer Innenstadt entfernt das ehemalige Hafenareal neu belebt. Die Denkmalstadt GmbH betreut die 41 ha große Fläche der Überseeinsel und entwickelt sie zu einem gemischt genutzten Quartier. Neben dem Kellogg-Pier wird konsequent mit dem Bestand gearbeitet: Das ehemalige Verwaltungsgebäude von Kellogg’s wurde zur Schule umgewandelt, ein altes Industriegebäude dient 150 Kunstschaffenden als Atelier- und Werkstattfläche. Eine ehemalige Werfthalle wird zum Klima-Campus umgebaut, die Flakes-Fabrik sowie das einstige Maschinen- und Kesselhaus zu Büroflächen und Wohnräumen.
Ein Modell für die Zukunft
Das Bremer Kellogg-Silo zeigt exemplarisch, was kreislaufwirtschaftliches Denken im Städtebau leisten kann: Aus industriellem Erbe wird lebendige Gegenwart – und ein Bauwerk, das nicht für die Ewigkeit gedacht war, gewinnt eine neue, zukunftsfähige Identität.
DAB Redaktion
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