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Vom Getreidesilo zum Hotel

In Bremen hat das Wiener Büro Delugan Meissl Associates ein ehemaliges Industriesilo revitalisiert und dabei konsequent auf den Bestand gesetzt.

DAB Redaktion
26.02.2026 6min
Weiterbauen Hochhaus Bestand Bremen
Außenansicht des ehemaligen Kellogg’s-Getreidesilos an einem Fluss mit Schiffen
Industriekultur im Wandel © Piet Niemann

Neben tief gründenden Baustellen ragen große Zylinder an der Kaimauer der Weser in die Höhe. In den massiven, gewölbten Beton sind horizontale Öffnungen gefräst. Oberhalb der runden Siloröhren leuchtet der markante Schriftzug in knalligem Rot in den Stadtraum: Kelloggs. Wo einst 5.000 t Weizen, Mais und Hafer lagerten, übernachten heute Gäste aus aller Welt. Die Revitalisierung des ehemaligen Getreidesilos zeigt, wie man kreislaufwirtschaftliche Prinzipien auf komplexe Industriestrukturen anwenden kann. Nicht umsonst erhielten Delugan Meissl Associates (DMAA) dafür den Sonderpreis des Deutsches Städtebaupreises 2025. 

Vom Industriebau zum Hotelprojekt 

Bevor die Entscheidung für ein Hotel fiel, standen alternative Nutzungskonzepte zur Diskussion – darunter eine Kletterhalle, ein Tiefseetauchbecken oder eine Ausbildungsanlage für Offshore-Mitarbeiter. Die Idee, das Silo in ein Hotel umzuwandeln, entstand bei einem abendlichen Brainstorming. Die runde Zimmerstruktur ist ungewöhnlich für ein Hotel, machte die Aufgabe für DMAA jedoch besonders reizvoll. Sie entschieden, die Geschichte des Ortes zu bewahren und den industriellen Charakter des Silos zu erhalten. 

Grundriss Erdgeschoss © DMAA
Grundriss Regelgeschoss © DMAA
Grundriss Dachgeschoss © DMAA
Schnitt Ost-West © DMAA
Schnitt Nord-Süd © DMAA

Bautechnik und Umsetzung 

DMAA zogen 14 Geschossdecken in das 40 m hohe Gebäude ein. Die Arbeiten an den Zwischendecken mussten aufgrund der baulichen Gegebenheiten manuell ausgeführt werden, was einen erheblichen Zeit- und Personalaufwand erforderte. Auch die Betonschneidearbeiten stellten die Ausführenden vor besondere Herausforderungen. Sie frästen die acht Betonröhren im Inneren auf, um Zugänge zu den 117 kreis- und halbkreisrunden Zimmern zu schaffen. Um den Blick auf die Bremer Innenstadt und die Weser freizugeben, schnitten DMAA horizontale Öffnungen in die 16 cm dicken Betonringe. 3.500 cbm Beton wurden in Schubkarren abtransportiert. Die Spuren dieser aufwendigen Eingriffe sind noch heute in den Hotelzimmern ablesbar. In der Lobby sind die einstigen Trichterauslässe noch sichtbar – ein bewusstes Zitat der industriellen Vergangenheit.

Abriss des früheren Reislagers. Im Hintergrund steht das ehemalige Silo. © Andreas Müller Fotografie
Abbrucharbeiten auf dem Gelände des Kellogg-Pier. © Andreas Müller Fotografie
Das an das Silo angrenzende Vitaminlager wurde auch komplett revitalisiert. © Andreas Müller Fotografie
Neue Öffnungen werden im Silo geschaffen. © Andreas Müller Fotografie
Dunkler Flur mit Holzdielen und einem Lichtschacht am Ende des Raums
Blick in den Flur zu den Hotelzimmern. © Andreas Müller Fotografie
Blick in ein Hotelzimmer, Rohbau. © Andreas Müller Fotografie
Mock-up der neuen Fensterelemente für das Silo. © Andreas Müller Fotografie
Die Trichterauslässe blieben im Erdgeschoss. © Andreas Müller Fotografie
Heute sind die Trichterauslässe in das Design des Foyers mit integriert. © Piet Niemann
Vorher: Sanierung des Dachgeschosses. © Andreas Müller Fotografie
Nachher: Im Dachgeschoss bietet nun ein Restaurant mit Bar einen Ausblick zur Bremer Innenstadt. © Piet Niemann

Eine Eislaufbahn auf dem Eisspeicher 

Die kreislaufwirtschaftliche Haltung beschränkt sich nicht nur auf das Gebäude. Das Energiekonzept für das neue Stadtentwicklungsviertel der Überseeinsel mit dem Kellog-Pier als zentralem Quartier setzt auf die Weser als zentrale Energiequelle. Ein Nahwärme- und Nahkältenetz, gespeist durch eine Flusswasser-Wärmepumpe, versorgt die gesamte Insel. Rund 70 % der Heizenergie werden dabei über einen Wärmeübertrager direkt aus dem Fluss gewonnen. Eine Wärmepumpe sowie Strom aus Wind- und Solarenergie ergänzen die Versorgung für Heizung und Kühlung. Ein Eisspeicher übernimmt in den Wintermonaten die Kühlung der Freiflächen im Norden des Hotels und ermöglicht den Betrieb einer Eislaufbahn. 

Erweiterungsbauten und Quartiersentwicklung 

Ergänzend errichteten DMAA auf dem Gelände des Kellogg-Pier einen Neubau auf dem Reislager mit Gastronomie, Büros sowie einer Brauerei mit eigenem Hopfenanbau in der benachbarten Gemüsewerft. Auch das sogenannte Vitaminlager, ein Anbau des Silos, haben DMAA revitalisiert. Auf fünf Etagen beherbergt es heute Büros, Konferenzräume sowie ein Restaurant mit Café, das Hotelgästen offensteht. 
Das Kellogg-Areal ist eingebettet in ein größeres Stadtentwicklungsprojekt: die Überseestadt, die nur wenige Kilometer von der Bremer Innenstadt entfernt das ehemalige Hafenareal neu belebt. Die Denkmalstadt GmbH betreut die 41 ha große Fläche der Überseeinsel und entwickelt sie zu einem gemischt genutzten Quartier. Neben dem Kellogg-Pier wird konsequent mit dem Bestand gearbeitet: Das ehemalige Verwaltungsgebäude von Kellogg’s wurde zur Schule umgewandelt, ein altes Industriegebäude dient 150 Kunstschaffenden als Atelier- und Werkstattfläche. Eine ehemalige Werfthalle wird zum Klima-Campus umgebaut, die Flakes-Fabrik sowie das einstige Maschinen- und Kesselhaus zu Büroflächen und Wohnräumen. 

Modelansicht der Innenstadt aus Bremen mit einer Überseeinsel in der Mitte. Weiße Häuser und Grünfläche auf der Überseeinsel
Westlich der Innenstadt entsteht mit der Überseeinsel ein neues Quartier in Bremen. © DMAA
Drei Türme an einem Fluss. Die Gebäude spiegeln sich im Wasser und der Himmel ist rosa und orange
Nach über 50 Jahren stellte Kellogg’s 2018 die Produktion ein. © Piet Niemann
Innenansicht eines Hotelzimmers mit einem Bett und einem Schreibtisch auf der Rückseite des Bettes
Blick in ein Hotelzimmer. Die Fräsarbeiten in die 16 cm dicken Betonröhren wurden sichtbar gelassen. © Piet Niemann
Die Rundung ist das entwurfsprägende Element bei diesem Projekt. © Piet Niemann

Ein Modell für die Zukunft 

Das Bremer Kellogg-Silo zeigt exemplarisch, was kreislaufwirtschaftliches Denken im Städtebau leisten kann: Aus industriellem Erbe wird lebendige Gegenwart – und ein Bauwerk, das nicht für die Ewigkeit gedacht war, gewinnt eine neue, zukunftsfähige Identität.

Revitalisierung eines ehemaligen Getreidesilos in ein Hotel

Ort: Überseeinsel, Bremen 

Bauherr: denkmalstadt GmbH (bis 2025 Überseeinsel GmbH) 

Architektur: Delugan Meissl Associated Architects, Wien 

Lichtplanung: Die Lichtplaner, Limburg-Staffel 

Tragwerksplanung: Wittler Ingenieure, Bremen 

Fertigstellung: 2024 

Baubeginn: 2020

Planungsbeginn: 2018
 

Weitere Informationen zum Projekt gibt es bei DMAA.

DAB Redaktion

Berlin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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