Spuren, die man spüren soll: Die Sanierung des Olympia-Skistadions von 1936
Die 90 Jahre alte Sportstätte in Garmisch-Partenkirchen wurde von Sunder-Plassmann Architekten Stadtplaner BDA saniert. Daraus kann man etwas über den Umgang mit NS-Veranstaltungsbauten lernen.
Um die sechs Millionen Menschen schauen an jedem Neujahrstag im Deutschen Fernsehen gespannt auf die große Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen. Auch vor Ort richten 25.000 Zuschauer:innen den Blick nach oben. Die Tribünen, auf denen diese Fans stehen, rücken eher an den Rand der Aufmerksamkeit. Das Stadion steht im Schatten der Schanze. Dabei ist das Skistadion Garmisch-Partenkirchen ein Gebäude, mit dem sich die Auseinandersetzung lohnt: 1936 für die Olympischen Winterspiele errichtet, wurde es für die Olympiade 1940 zu einem monumentalen Hufeisen ausgebaut. Das Stattfinden dieser Spiele verhinderten die Nationalsozialisten allerdings durch den Weltkrieg selbst.
Danach überdeckten mehr als sieben Jahrzehnte Nachkriegsnutzung die Erinnerung an den propagandistischen Zweck des Gebäudes, gingen aber auch an der Bausubstanz nicht spurlos vorüber. Eine grundlegende Sanierung setzten nun Sunder-Plassmann Architekten Stadtplaner BDA um. Drei Bauabschnitte umfassten die Instandsetzung der Tribünen, die Schaffung von Räumlichkeiten für ein Museum zur Geschichte des Stadions sowie die Ertüchtigung der Erdunterbauten. Im Gespräch mit Büroinhaber Benedikt Sunder-Plassmann wird schnell deutlich, dass es hier neben der bautechnischen Dimension auch um eine grundsätzliche Frage geht, die weit über Garmisch-Partenkirchen hinaus diskutiert wird: Wie geht man verantwortungsvoll mit der Veranstaltungsarchitektur des Nationalsozialismus um?
Das Gebäude steht ja deshalb unter Denkmalschutz, um einer späteren Generation vorzuführen, was für ein schreckliches politisches System dahinterstand.
Benedikt Sunder-Plassmann
Ein Dach, das Tribüne ist
Das Skistadion wird nur wenige Tage im Jahr in voller Kapazität bespielt. „Das große Ziel dieser Sanierung war, dass man es auch fürs Tagesgeschäft benutzen können soll“, sagt Sunder-Plassmann. Heute trainieren dort Spitzensportler des Olympiastützpunkts, gleichzeitig ist das Stadion ein Touristenmagnet.
Konstruktiv lag die größte Herausforderung in der Tribünenanlage, die gleichzeitig das Dach der darunter befindlichen Räumlichkeiten bildet. „Wenn man so will, ist es eigentlich ein schräges Flachdach. Es war baulich nicht leicht, das zu lösen“, erklärt Sunder-Plassmann. Nach fast 80 Jahren waren die Bitumenabdichtungen undicht, schadstoffbelastet und am Ende ihrer Lebensdauer. Mit einer Aufdachdämmung aus Formglas und neu gegossenen, kreissegmentförmigen Betonfertigteilen wurde die historische Gestalt wiederhergestellt.
Kompliziert wurde das Vorhaben durch eine fehlende Planungsgrundlage: Es existierte kein verformungsgerechtes, dreidimensionales Aufmaß des Bestands. Stattdessen erstellten die Architekt:innen ein digitales 3D-Modell, um die Bauteile präzise in das Hufeisen einpassen zu können. Dazu kamen zeitgemäße Anforderungen an Sportstätten: Absturzgeländer mit normierten Anpralllasten, Brandschutzabschnitte über mehrere Ebenen, Entflüchtungskonzepte für bis zu 25.000 Personen: „Es ist geometrisch ein komplexes Bauvorhaben“, betont Sunder-Plassmann, „auch wegen der Rundung.“
Rückbau der Nachkriegsverniedlichung
Allerdings war die Sanierung keine reine Konservierung. In den Jahrzehnten nach dem Krieg hatte man das Stadion im alpenländischen Heimatstil überformt: Lüftlmalerei, Kassettentüren mit braun gestrichenen Holzmaserierungen, nachträglich eingebaute Stuckgesimse. „Das haben wir für das Skistadion als nicht richtig empfunden und haben diese Dinge auch bewusst rückgebaut“, sagt der Architekt. Er sieht im nostalgischen Stil eine Verniedlichungsstrategie, die den unangenehmen Charakter des Ursprungsbaus überdecken sollte.
Für Sunder-Plassmann gehört die Bewertung der verschiedenen Bauphasen zum Kern des Bauens im Bestand: Welche Zeitschichten sind bau- und kulturgeschichtlich erhaltenswert? Und welche Elemente verdienen keine gestalterische Vertiefung? „Wir versuchen immer, bei diesen Entscheidungen nicht modisch zu werden. Ob uns das gelungen ist, kann die nächste Generation entscheiden“, meint er.
Spuren nicht verwischen
Nicht zur Debatte stand dagegen, die Stilelemente des Nationalsozialismus zu verändern. „Das Gebäude steht ja deshalb unter Denkmalschutz, um einer späteren Generation vorzuführen, was für ein schreckliches politisches System dahinterstand“, sagt der Architekt. „Man soll das auch an den großen Dimensionen spüren, die den menschlichen Maßstab völlig außer Acht gelassen haben.“ Dementsprechend dürfe man Spuren aus der NS-Zeit nicht verwischen, sondern müsse sie erhalten und auch reparieren.
Eine kontrastierende Neuarchitektur als Zeichen gegen den NS-Stil lehnt Sunder-Plassmann ab. Er glaubt, dass solche Ansätze den Blick auf diese Zeit verstellen und eine Erlebbarkeit erschweren.
„Bildlich ganz stark mit den KZ verbunden“
Besonders eindringlich wird die Haltung des Architekten an einem kleinen, aber symbolisch aufgeladenen Detail: den Umkleiden und Duschen im Untergeschoss des Tribünenrings. „Das beschäftigt mich bis heute. Es gibt dort Duschtechnik, Fliesen und Duschköpfe von 1936“, sagt Sunder-Plassmann. „Und die ähneln in ihrer Ästhetik den Duschen in den Gaskammern der Konzentrationslager. Das ist für mich ein sehr schwieriges Thema, weil sie bildlich ganz stark mit den KZ verbunden sind.“
Sunder-Plassmann setzte sich beim Umbau für den Erhalt dieser Duschen ein. Er setzt darauf, dass durch das Wiedererkennen der Bezug zu den Abgründen der NS-Herrschaft sichtbar wird: „Mir war wichtig, diese Doppeldeutigkeit erlebbar zu machen.“
6 Mio.
Menschen schauen jedes Jahr an Neujahr im Fernsehen zu – und richten den Blick auf das Geschehen auf der Schanze, nicht auf die Geschichte der Tribünen.
„Loslassen und Neues zulassen“
Dementsprechend sollen die Räume mit den historischen Duschen Teil des Museums werden, das den propagandistischen Missbrauch der Spiele von 1936 durch das NS-Regime und die Sportgeschichte von Garmisch-Partenkirchen dokumentiert. Eröffnet ist es bislang nicht. Unterschiedliche Vorstellungen zum Ausstellungskonzept sowie zwei Bürgermeister:innenwechsel führten zu Verzögerungen. Auch an Sunder-Plassmann wurden bei der Planung Vorstellungen und Wünsche von vielen Seiten herangetragen. „Das Gebäude ist stark mit den Familiengeschichten verschiedener Garmisch-Partenkirchener Bürger verbunden. Es ging also oft auch um Loslassen und darum, Neues zuzulassen.“ Wie für die Architektur des Gebäudes selbst gelte dies auch für die historische Aufarbeitung: „Wenn Zeitgeschichte von außen durch ein Museum interpretiert wird, entsteht eine andere Erzählung als die von den Großeltern überlieferte Familiengeschichte.“
Die Duschen ähneln in ihrer Ästhetik den Duschen in den Gaskammern der Konzentrationslager. Das ist für mich ein sehr schwieriges Thema, weil sie bildlich ganz stark mit den KZ verbunden sind.
Benedikt Sunder-Plassmann
Kultur an Orten der Unkultur?
Garmisch-Partenkirchen steht mit der Debatte um die (Um-)Nutzung von NS-belasteten Veranstaltungsstätten nicht allein. In Nürnberg sorgt der Bau eines Opernhauses in der unvollendeten Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände für Kontroversen. Oberbürgermeister König gab das Motto aus, „einen Ort der Unkultur mit Kultur zu besetzen.“
In Berlin setzt man sich im Zuge der Olympiabewerbung ebenfalls mit der Sportarchitektur von 1936 auseinander. Hier meldete sich auch Bundespräsident Steinmeier zu Wort. Er finde es „historisch problematisch“, wenn 2036 genau hundert Jahre nach den Propagandaspielen der Nazis wieder Spiele im Olympiastadion ausgetragen würden. Inzwischen hat er seine Haltung modifiziert und spricht sich für eine Bewerbung aus, sofern verantwortungsvoll mit dem Datum und den Orten umgegangen werde.
Sunder-Plassmann hat seine Position im Skistadion Garmisch-Partenkirchen deutlich gemacht: „Ich finde es richtig, dass diese Gebäude in ihrer Originalität lesbar bleiben. Gleichzeitig hoffe ich, dass die neue Generation es schafft, die Sportstätten auch wieder benutzen zu können. Es kann für mich nicht sein, dass man sie zum reinen Museum, zur Erinnerungsstätte reduziert.“ Nur die Nutzung würde langfristig den Erhalt der Orte garantieren: „Ein Denkmal kann ja von der Gesellschaft nur auf Dauer bewahrt werden, wenn es auch benutzt wird. Die Sportstätten können ermöglichen, dass diese Häuser konsumiert werden und dabei die geschichtliche Dimension bewusst bleibt.“
Jakob Irler
Team Kommunikation Bayerische Architektenkammer DAB Redaktion BayernDas könnte Sie auch interessieren
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