Offen für alle: Wie konsumfreie Erdgeschosszonen Innenstädte erneuern
Der Strukturwandel der Innenstädte rückt den einstigen Einzelhandelssockel ins Zentrum der Stadtentwicklung. Offene, nichtkommerzielle Nutzungen werden zum Bestandteil urbaner Infrastruktur – zwischen öffentlichem Raum, sozialer Teilhabe und Resilienz.
Innenstädte stehen derzeit vor einem massiven Strukturwandel. Klassische Einkaufsstraßen und Fußgängerzonen haben an Frequenz und Attraktivität verloren, die Anforderungen an multifunktionale, sozial und kulturell reiche Stadträume, die über bisherige Konsumlogiken hinausgehen, wachsen. Laut der Publikation „Innenstädte im Umbruch“ des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), die Ergebnisse des Clusters „Innenstädte“ des Forschungsprogramms „Experimenteller Wohnungs- und Städtebau“ bündelt, verliert die City ihre bisherige Funktion als „Einzelhandelsmaschine“ und muss neu gedacht werden. Entscheidend ist dabei der öffentliche Raum und besonders auch die erweiterte Erdgeschosszone, die die Schnittstelle von Gebäude und Stadtraum herstellt. Hier entscheidet sich, ob eine Innenstadt als sozialer, urbaner, demokratischer Raum funktioniert.
Vom Verkaufsraum zur urbanen Infrastruktur
Der cima-Monitor „Deutschlandstudie Innenstadt“ konstatiert eine klare Verschiebung: Frequenz entsteht nicht mehr allein durch Handel, sondern auch durch Aufenthalt, Kultur, Bildung und soziale Infrastruktur. Zwar stellt der Einzelhandel weiterhin oft den Erstbesuchsanlass dar, jedoch betonen Akteur:innen aus Stadtmarketing und Verbänden, dass ein strategisches Gesamtkonzept nötig ist, das Handel, Gastronomie und Erlebnisangebote miteinander verzahnt und zugleich das Stadtbild sowie die Aufenthaltsqualität stärkt. Die imakomm-Studie „Auf den Weg zu multifunktionalen Innenstädten und Zentren“ spricht sogar von einer Abkehr vom Verkaufsparadigma. Der Handel hat seine Leitfunktion eingebüßt. Für Betreiber, Inhaber, Kommunen und auch Planende bedeutet dies einen Perspektivwechsel: Das Erdgeschoss von Immobilien im Stadtzentrum kann nicht länger nur reiner Einzelhandelssockel bleiben, sondern muss sich zu einer relevanten Schicht für das urbane Leben der Stadtgesellschaft weiterentwickeln – und zwar unabhängig von der Kaufkraft.
Porosität als neue Entwurfshaltung
Im Zuge dieser Transformation gewinnt der Begriff der Porosität an Bedeutung. Er beschreibt die räumliche Durchlässigkeit und Vernetzung zwischen öffentlichem Raum und Gebäude und dient dazu, starre Trennungen zwischen innen und außen sowie zwischen privater und öffentlicher Nutzung zu hinterfragen. Porosität definiert Übergangszonen, Wege- und Sichtbeziehungen und ermöglicht Aneignung, wie etwa beschrieben im Sammelband „Porous City. From Metaphor to Urban Agenda“. Auf Gebäudeebene zeigt sie sich dort, wo Erdgeschosse transparent, flexibel und gut mit dem öffentlichen Raum verzahnt sind. So entstehen lebendige Straßenräume, die nicht nur vorgegebene Nutzungen ermöglichen, sondern auch Unbestimmtheit zulassen.
Das im Rahmen des Innovationsprogramms Zukunft Bau geförderte Zukunft-Bau-Forschungsprojekt „Stadtunterbau – Urban Base“ der Leibniz Universität Hannover definiert die unteren Geschosse als eigene Stadtschicht. Dieser „Stadtunterbau“ ist nicht nur Sockel, sondern bietet Raum zur urbaner Nutzungsmischung, der flexibel und gemeinwohlorientiert bespielt werden kann. Zur Street-Level-Aktivierung sind die horizontale und vertikale Nutzungsmischung, offene Räume statt geschlossener „Konsumhüllen“ und die Anpassungsfähigkeit über Zeit und Nutzungskontexte hinweg relevant.
Eine nachhaltige vertikale Mischnutzung stellt sich kaum von selbst ein, zu unsicher ist die Belegung der Erdgeschosse angesichts der Krise des Einzelhandels, zu stark sind die Vorbehalte und Hemmnisse seitens der Wohnungswirtschaft und dementsprechend groß ist der Bedarf an geeigneten Steuerungsinstrumenten für die Entwicklung und Organisationsstrukturen des Betriebs.
Stadtunterbau – Urban Base, Teil B: Fallstudien
Neue Typologien des offenen Erdgeschosses
Aus Forschung und Praxis lassen sich unterschiedliche Typen offener Erdgeschosse ableiten, die je nach Lage und städtebaulichem Kontext (Innenstadt, Stadtteil- bis Quartierszentren) sowie Finanzierungs- und Betreiberkonzepten ausgeprägt sind. Das kuratierte Erdgeschoss kombiniert kleinteiliges Gewerbe mit kulturellen, nachbarschaftlichen und sozialen Nutzungen. Es wird häufig programmatisch gesteuert und öffentlich gefördert. Das genossenschaftliche Erdgeschoss ist Teil gemeinschaftlich organisierter Quartiere und bietet Räume für Begegnung, Werkstätten oder lokale Versorgung, getragen durch solidarische Ökonomien. Daneben etabliert sich das hybride Erdgeschoss mit flexibel nutzbaren Flächen für Veranstaltungen, Bildung, Co-Working oder Workshops. Als eigener Typus tritt zudem das öffentliche Erdgeschoss in Erscheinung, etwa als Stadtlabor, Ausstellungs- oder Wissensraum in zentraler Lage, der Beteiligung und Austausch ermöglicht. Alle Typen ermöglichen Aufenthaltsqualität ohne Konsumzwang und tragen damit zur Belebung der Innenstädte bei.
Die Bandbreite der Möglichkeiten des Placemakings zeigt das internationale Wissens- und Praxisnetzwerk The City at Eye Level, initiiert von STIPO – Team for Urban Development mit Partnern aus Stadtplanung, Architektur, Forschung und Kommunen. Das Projekt wurde in den 2010er-Jahren in den Niederlanden initiiert und befasst sich, mittlerweile unter Mitwirkung vieler internationaler Akteur:innen, mit der Qualität des Stadtraums auf Fußgängerebene. Ausgangspunkt war die systematische Auswertung internationaler Praxisbeispiele, die zeigen, dass Nutzungen, Transparenz und Zugänglichkeit der Sockelzone von Gebäuden maßgeblich beeinflussen, wie Straßenräume wahrgenommen und genutzt werden. Die Plattform stellt das Wissen zur Aktivierung von Erdgeschosszonen in Form von Fallstudien, Publikationen, Werkzeugen und Trainingsformaten bereit.
Konsequenzen für Planung und Entwurf
In der Praxis zeigt sich, dass zur Realisierung offener Erdgeschosse Fragen der Programmierung, Governance, Betreiberstrukturen und geeigneter räumlicher Typologien bereits in frühen Projektphasen – idealerweise in der Leistungsphase 0 – mitgedacht werden müssen. Nur so entstehen Nutzungen, die über längere Zeiträume hinweg tragfähig bleiben. Da sich gemeinwohlorientierte Angebote häufig nicht alleine finanzieren, eröffnen kommerziell genutzte Obergeschosse Spielräume, um im Erdgeschoss offene und niedrigschwellige Nutzungen zu ermöglichen. Eine wichtige Rolle kommt robusten und reversiblen Raumstrukturen zu. Großzügige Raumhöhen, klare Stützenraster, offen geführte Installationen und flexible Zugänge reduzieren den baulichen Anpassungsaufwand bei Funktionsänderungen. Die sensible Gestaltung der Übergänge von Gebäude und Stadtraum ist von besonderer Bedeutung: Vorzonen, Arkaden, Sitzstufen oder transparente Fassaden tragen dazu bei, die Erdgeschosse als öffentlich wirksame Räume erlebbar zu machen und Zugangshürden abzubauen. Ergänzend dazu prägt die Innenarchitektur durch Materialität, Akustik, Möblierung und Lichtführung, wie die Räume empfunden werden, ob Aneignung gelingt und unterschiedliche Nutzungsformate nebeneinander bestehen können.
Urbane Resilienz durch Dritte Orte
Welche Rolle diese niedrigschwelligen Dritte Orte für die Zukunftsfähigkeit von Innenstädten spielen, zeigt ein abschließender Blick auf zwei weitere aktuelle Forschungsstränge. Die BBSR-Publikation „Urbane Resilienz in der Praxis“ macht anhand von Modellprojekten deutlich, dass Resilienz nicht allein als bauliche Robustheit zu verstehen ist, sondern als Zusammenspiel von räumlicher Offenheit, sozialer Infrastruktur und neuen Organisationsformen. Orte der Begegnung übernehmen eine zentrale Funktion: Sie wirken als soziale Pufferzonen, in denen Stadtgesellschaft sichtbar wird und Austausch stattfindet. An diese Perspektive knüpft das laufende Forschungsprojekt „Dritte Orte als ‚Inkubatoren‘ für das Gemeinwesen“ des Deutschen Instituts für Urbanistik an. Es untersucht, wie Orte der Begegnung und der Teilhabe in Städten geschaffen werden können. Vor dem Hintergrund des „Kaufhaussterbens“ rückt die Frage nach tragfähigen Nachnutzungskonzepten für leer stehende Einzelhandelsimmobilien in den Fokus. Zugänglichkeit und Programmierung sind dabei ebenso wichtig wie Finanzierungs- und Betreibermodelle. Flexible Grundrisse, eine robuste Ausstattung und die klare Öffnung zum öffentlichen Raum werden als Voraussetzungen für eine langfristige und vielfältige Nutzung gesehen.
Dritte Orte sind mehr als eine Beigabe. Als nichtkommerziell geprägte soziale Infrastruktur können sie Innenstädte stabilisieren, neue Gründe für Aufenthalt erzeugen und jene Alltagsöffentlichkeit herstellen, die nach dem Rückgang des Einzelhandelssockels vielerorts fehlen. Das offene Erdgeschoss trägt dazu bei, Gebäude und urbane Räume mit einer neuen Bedeutung zu versehen.