Deutsches Architektenblatt Logodab-logo
Finden Sie genau die Themen,
die Sie interessieren

Die beliebtesten Themen:

Deutsches Architektenblatt Logodab-logo Deutsches Architektenblatt Logodab-logo-description

Weiterbauen statt Abreißen: Mehrzweckhalle Ingerkingen

Eine Halle aus den 1960ern, die zum Abriss stand – und stattdessen zum Vorbild für nachhaltiges Bauen wurde. Wie Atelier Kaiser Shen in Ingerkingen zeigt, dass Bestandserhalt mehr sein kann als ein Kompromiss.

DAB Redaktion
13.02.2026 12min
Moderne Gemeindehalle mit weißer Fassade und Holzverkleidung, davor eine Person auf einem Gehweg, umgeben von Rasen und Bäumen
Die Aufstockung und Erweiterung in leichter Holzrahmenbauweise wird mit einer hinterlüfteten Holzfassade ablesbar gemacht. Insbesondere an der West- und Nordfassade wird so die Baugeschichte der Halle erzählt. © Brigida González

Die Mehrzweckhalle in Ingerkingen wurde 1964 als Turnhalle für die benachbarte Schule errichtet und im Laufe der Jahrzehnte mehrfach umgebaut. Sie ist Teil eines kommunalen Ensembles mit Schule, Feuerwehr und Musikerheim und fungiert als zentraler Ort für Sport, Veranstaltungen und das Vereinsleben. Im Wettbewerbsverfahren ließ die Gemeinde offen, ob der Bestand erhalten oder durch einen Neubau ersetzt werden sollte. Das Atelier Kaiser Shen setzte sich mit einem Entwurf durch, der auf maximalen Bestandserhalt und Weiterbauen setzte. 

© Brigida González
© Atelier Kaiser Shen
Moderne Gemeindehalle mit weißer Fassade und Holzverkleidung, davor eine Person auf einem Gehweg, umgeben von Rasen und Bäumen
Die Aufstockung und Erweiterung in leichter Holzrahmenbauweise wird mit einer hinterlüfteten Holzfassade ablesbar gemacht. Insbesondere an der West- und Nordfassade wird so die Baugeschichte der Halle erzählt. © Brigida González

Rund 60 % der vorhandenen Bausubstanz blieben erhalten. Dazu zählen Fundamente, Bodenplatte, Decken, die massiven Wände im nördlichen Hallenteil sowie der straßenseitige Bühnenbau. Lediglich die Südfassade wurde zurückgebaut und versetzt, da die bestehende Hallenlänge zufällig den aktuellen DIN-Anforderungen an eine Einfeldhalle entsprach. Mit wenigen gezielten Eingriffen konnte so eine normgerechte Halle hergestellt werden. Der Bestandserhalt machte die Entwicklung eines spezifischen Tragwerks erforderlich. Die Erweiterung und Aufstockung wurden als leichte Holzkonstruktion ausgeführt. Einhüftige Zweigelenkrahmen aus Brettschichtholz stehen im Achsraster der bestehenden Stahlbetonstützen. Rund 60 % der Vertikal- und sämtliche Horizontallasten werden in neue Fundamente im Süden abgetragen, nur etwa 40 % der Vertikallasten verbleiben im Bestand. Auf diese Weise konnten die vorhandenen Fundamente erhalten und zugleich größere Spannweiten realisiert werden. 

© Atelier Kaiser Shen
Die große Dachauskragung vor der Südfassade erzeugt eine wettergeschützte Terrasse, die bei gutem Wetter direkt mit der Halle verbunden werden kann. © Brigida González
© Brigida González
© Atelier Kaiser Shen
© Brigida González

Städtebaulich öffnet sich die Halle mit einer neuen, nach Süden orientierten Fassade zum Vorplatz. Eine großzügige Dachauskragung schafft einen wettergeschützten Außenbereich, der für Veranstaltungen genutzt werden kann und zugleich konstruktiv zur Entlastung des Tragwerks beiträgt. Zwei gegenläufige Pultdächer prägen die Silhouette und machen den Dialog zwischen Alt und Neu ablesbar. Auch in Bezug auf Material und Konstruktion bleibt dieser Dialog sichtbar. Der massive Bestandsbau wurde gedämmt und verputzt, die neuen Bauteile in Holzrahmenbauweise mit einer hinterlüfteten, unbehandelten Holzfassade versehen. Der Versatz zwischen Bestand und Erweiterung schärft die Plastizität des Baukörpers. Im Inneren entsteht ein einheitlicher Raumeindruck, während Zeitschichten in Details – etwa im unverputzten, kalkgeschlämmten Mauerwerk oder an sichtbaren Schnittkanten – bewusst erhalten bleiben.

© Atelier Kaiser Shen
Im gesamten Gebäude prägt das Holztragwerk so den architektonischen Entwurf und erzeugt ein einzigartiges Raumgefühl. © Brigida González
© Atelier Kaiser Shen
© Brigida González

Das Energiekonzept folgt einem Lowtech-Ansatz. Die Lüftungsanlage wurde unter Berücksichtigung der natürlichen Belüftung auf ein notwendiges Minimum reduziert und größtenteils sichtbar geführt. Konstruktionen und technische Einbauten sind zugänglich und revisionierbar. Ein Großteil der eingesetzten Baustoffe ist sortenrein trennbar und für einen späteren Rückbau geeignet.  

Ein besonderes Merkmal des Projekts war die Baustelle als Gemeinschaftsprojekt. Teile der Entkernung wurden von örtlichen Vereinen ehrenamtlich übernommen. Ausgebaute Sanitärobjekte und Kücheneinrichtungen wurden weiterverkauft, frühere Holzverkleidungen an anderer Stelle wiederverwendet. So wurde Zirkularität nicht nur planerisch, sondern praktisch umgesetzt. Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis Architektur 2025 würdigt das Projekt als Beispiel für ökologisches Weiterbauen im Sinne des Gemeinwohls. 

Im Bühnenraum werden bauzeitliches Mauerwerk, Reparaturen und Ergänzungen aus Hochlochziegeln und Beton unverputzt belassen und mit einer Kalkschlämme egalisiert. © Brigida González
© Brigida González

Erweiterung und Sanierung der Mehrzweckhalle Ingerkingen

Ort:  Ingerkingen, Gemeinde Schemmerhofen (DE) 
Architektur:  Atelier Kaiser Shen 
Bauherrenschaft:  Gemeinde Schemmerhofen 
Tragwerksplanung:  str.ucture  
Realisierung: 2021–2024 

DAB Redaktion

Berlin
Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

Bauen Sie Ihre
Zukunft – jetzt
Stellen entdecken

Das könnte Sie auch interessieren

Ruhige, baumbestandene Wohnstraße mit Sitzbänken und Pflanzkästen am Straßenrand.

Berliner Mobilitätsgesetz: Verkehrswende im Stillstand?

Berlin wollte Vorreiter der Verkehrswende sein. Doch Tempo, Radwege und Bäume hinken den Zielen hinterher – warum steckt der Umbau zwischen Anspruch und Wirklichkeit fest?

22.12.2025
Mann im blauen Anzug fährt Fahrrad über die Brücke, farbiger Rauch im Hintergrund.

Wenn das Netz die Form bestimmt

Eine Fahrt über die Ann-Arbor-Brücke in Tübingen zeigt, wie Radverkehr geplant werden kann, wenn er als eigenständige Infrastruktur verstanden wird.

Projekte Bundesweit
16.01.2026
Modell einer fantasievollen Spiellandschaft mit Bänken, Bäumen und Figuren.

Schülerinnen und Schüler denken „Die Stadt von morgen“

Im Stadtentdecker-Projekt vermittelt die Architektenkammer Brandenburg in Schulen baukulturelles Wissen. Architektin Martina Nadansky berichtet über ihre Arbeit mit einer 6. Klasse in Potsdam-Babelsberg.

Baukultur Brandenburg
08.01.2026
Mann mit dunklem Hemd und beiger Hose steht vor einer Glasfront mit Blick auf Garten und Bäume.
Geschwungene Holzstruktur mit parallelen Linien, die eine organische, fließende Form bilden.
Freitreppe mit grasbedeckten Seitenflächen vor einem modernen, geschwungenen Gebäude mit weißer Fassade und dunklem Unterbau.
Blick über eine große, gepflasterte Fläche auf ein modernes Gebäude mit schrägen Stützen und Glasfassade, im Hintergrund Stadtgebäude und Bäume.

Neues Wissen,
smarte Projekte und
inspirierende Ideen

Entdecken Sie die Welt der Architektur – 
jetzt im exklusiven Newsletter!

Bitte gültige E-Mail-Adresse eingeben. Bestätigung der Datenschutzerklärung ist erforderlich.