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CRAZY in Leipzig: Wie aus einem Typenbau ein identitätsstiftendes Quartiershaus wird

Jugendtreffs gehören selten zu den Bauaufgaben, die große Aufmerksamkeit erregen. Dabei sind sie oft zentrale Orte des Alltags, insbesondere in Stadtteilen, deren öffentliche Infrastruktur sich über Jahrzehnte kaum weiterentwickelt hat.

Bettina Sigmund
01.09.2026 4min
Alt-Text: Detailansicht der farbenfrohen Wellblechfassade des Neubaus. Die Streifen sind lila, gelb und blau. Oben ist der Schriftzug "CRAZY" in großen, unregelmäßigen, lilafarbenen Buchstaben angebracht. Darunter befindet sich ein Fenster. Ein grüner, runder Lautsprecher ist links an der gelben Wand befestigt.
Jugendtreff CRAZY in Leipzig.
© Sebastian Schels

Das CRAZY im Leipziger Stadtteil Paunsdorf zeigt, welches Potenzial in diesen vermeintlich unscheinbaren Gebäuden steckt. Aus einem standardisierten WBS-70-Typenbau aus DDR-Zeiten ist ein offener Jugend- und Freizeittreff entstanden, dessen Herkunft sichtbar ist und produktiv weiterentwickelt wurde.

Es wäre leicht gewesen, den Plattenbau vollständig hinter einer neuen Architektursprache verschwinden zu lassen. KO/OK Architektur entschieden sich jedoch für den gegenteiligen Weg. Die bestehende Tragstruktur bleibt ablesbar und das charakteristische VT-Faltendach der zentralen Halle prägt weiterhin den Innenraum, wodurch die konstruktive Logik des Gebäudes nachvollziehbar wird.  

Dass das Gebäude heute völlig anders wahrgenommen wird, liegt vor allem an seiner neuen Hülle. Profilierte Faserzementplatten verleihen dem ehemals nüchternen Zweckbau neue Tiefe und Plastizität. Je nach Sonnenstand verändert sich das Fassadenbild, während die Farbgestaltung dem Ort eine neue Präsenz im Quartier verleiht. „In sanften Verläufen treffen Lila, Gelb, Orange und Blau aufeinander, ein Spiel von Struktur und Farbe, das gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen des Freizeittreffs entwickelt wurde“, beschreiben die Architekt:innen ihr Gestaltungskonzept.  

 Eine Weitwinkelaufnahme eines modernen, flachen Gebäudes, das hinter einer hohen Wiese mit einem Feldweg steht. Das Gebäude hat eine farbenfrohe Fassade mit horizontalen Streifen in Lila, Gelb und Blau. Links davon steht ein älteres, mehrstöckiges Betongebäude. Bäume und ein klarer Himmel bilden den Hintergrund.
Die Herkunft des Gebäudes bleibt sichtbar.
© Sebastian Schels

Flexible Nutzung statt starrer Grundriss

Im Inneren bleibt eine große Halle das räumliche Zentrum, das jedoch nicht eindeutig programmiert wird. Mobile Einbauten verwandeln den Raum je nach Bedarf in einen Veranstaltungsort, eine Werkstatt, eine Bibliothek oder einen Treffpunkt. Das offene Raumkonzept schafft keine festen Nutzungen, sondern ermöglicht Veränderung. Gerade diese Offenheit dürfte dazu beitragen, dass das Gebäude auch in Zukunft auf neue Anforderungen reagieren kann. 

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 Nahaufnahme der Fassade eines Betongebäudes des "Stadt Leipzig Jugendamt OFT 'Crazy'". Ein großes blaues Schild oben zeigt den Namen und die Adresse. Darunter befindet sich ein Fenster mit Jalousien und Zetteln. Der Sockel ist bunt mit Graffiti bemalt, darunter der Schriftzug "TO REALIZE YOUR DREAMS", ein Tierkopf und Strichmännchen. Ein Metallzaun ist rechts zu sehen.
Nutzer:innen wurden aktiv in den Entwurfsprozess eingebunden. Dadurch entstehen Identifikation und Gemeinschaft, und das Haus wird zu einem Ort, der vom Stadtteil selbst mitgestaltet ist.
© KO/OK Architektur BDA
Detailansicht der farbenfrohen Wellblechfassade des Neubaus. Die Streifen sind lila, gelb und blau. Oben ist der Schriftzug "CRAZY" in großen, unregelmäßigen, lilafarbenen Buchstaben angebracht. Darunter befindet sich ein Fenster. Ein grüner, runder Lautsprecher ist links an der gelben Wand befestigt.
Sanfte Verläufe aus Lila, Gelb, Orange und Blau unterstreichen den Eindruck von Bewegung und Leichtigkeit. Dieses Spiel aus Struktur und Farbe entstand gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen des Freizeittreffs.
© Sebastian Schels
Eine Nahaufnahme, die die Struktur und den Farbverlauf der Wellblechfassade zeigt. Die horizontalen Wellen verlaufen von einem kräftigen Lila unten über verschiedene Gelbtöne bis zu einem warmen Orange oben. Die Bleche sind mit sichtbaren Schrauben befestigt.
Der Bestandsbau folgt der klaren, rationalen Logik des WBS 70 und bleibt massiv und ablesbar. Eine neue Hülle aus wellenförmigen Faserzementplatten umgibt den Block.
© Sebastian Schels

Bestandserhalt als konstruktives Prinzip

Konstruktiv setzen die Sanierungsmaßnahmen konsequent auf den Erhalt der vorhandenen Bausubstanz. So wurden die Tragstruktur des WBS-70-Baus und das prägende VT-Faltendach weitergenutzt, während die Gebäudehülle und technische Ausstattung grundlegend erneuert wurden. Eine vorgehängte, hinterlüftete Fassade aus profilierten Faserzementplatten verleiht dem Gebäude eine plastische Wirkung und lässt die Gebäudehülle je nach Lichteinfall unterschiedlich erscheinen. Zugleich sorgen die energetische Sanierung, Maßnahmen zur Barrierefreiheit sowie die brandschutztechnische Ertüchtigung dafür, dass der Jugendtreff auch langfristig allen Anforderungen gerecht wird. „Der Umbau übersetzt die Sprache des funktionalen Bestands in die heutige Nutzung: Harte Linien treffen auf weiche Formen, Rationalität auf Kreativität“, so KO/OK Architektur.  

Ein großer Freizeitraum mit hellem Holzparkettboden. Die Rückwand ist mit vertikalen Holzlatten verkleidet. Im Hintergrund steht ein grauer Tresen auf Rollen, auf dem leere Becher stehen. Links ist eine Dartscheibe und ein Lautsprecher an der Wand befestigt. Rechts im Vordergrund steht eine weiße Trennwand mit einem großen lila Kreis. An der Decke sind silberne Lüftungsrohre und Strahler sichtbar.
Je nach Bedarf werden mobile Einbauten zu einem Veranstaltungsort, einer Werkstatt, einer Bibliothek oder einem Treffpunkt.
© Sebastian Schels
Ein heller, moderner Flur im Innenraum. Der Boden ist in einem kräftigen Lilaton gehalten, die Wände sind weiß mit einem lila Sockel. Mehrere Türen, darunter eine mit Glasausschnitt am Ende des Flurs, sind ebenfalls lila. Eine runde Deckenleuchte erhellt den Gang.
Die ausgewählten Farben ziehen sich durch das gesamte Gebäude.
© Sebastian Schels
Eine Nahaufnahme im Sportraum. Links steht ein offener Metallschrank, in dem zwei schwarze Boxsäcke, Springseile und anderes Sportequipment lagern. Rechts davon hängt ein weiterer schwarzer Boxsack an einer Wandhalterung über dem lila Wandsockel.
Die ausgewählten Farben ziehen sich durch das gesamte Gebäude.
© Sebastian Schels

Artenschutz wird zur Planungsaufgabe 

Bemerkenswert ist zudem der Umgang mit den ökologischen Rahmenbedingungen. Während der Sanierung musste ein von Fledermäusen genutztes Technikgeschoss aufgegeben werden. Anstatt die Tiere umzusiedeln, integrierten die Planenden dauerhaft neue Quartiere in die Dachkonstruktion. Eine durchgehende Einflugöffnung entlang der Dachkante ermöglicht den Tieren den Zugang. Unterschiedliche Oberflächen, Spalten und gedämmte Bereiche schaffen verschiedene Mikrohabitate für Sommer- und Winterquartiere. Ein begleitendes Monitoring dokumentiert die Nutzung und macht den Artenschutz zu einem integralen Bestandteil des Projekts.  

Typenbauten als unterschätzte Ressource

Das CRAZY steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit den zahlreichen Typenbauten der Nachkriegszeit. Lange galten sie als Problemfälle oder Abrisskandidaten. Heute wird jedoch immer deutlicher, dass sie über erhebliche räumliche und konstruktive Ressourcen verfügen.  

So wird aus einem funktionalen Zweckbau ein Ort, der zeigt, wie Architektur mit vergleichsweise einfachen Mitteln soziale Identität stiften kann. Das CRAZY ist somit zugleich ein überzeugendes Plädoyer für den intelligenten Umgang mit dem Bestand. 

Projektdaten

Sanierung eines Jugend- und Freizeittreffs

Ort: Leipzig-Paunsdorf
Bauherr: Stadt Leipzig
Architektur: KO/OK Architektur BDA
Fertigstellung: 2025

 Weitere Informationen zum Projekt: ko-ok.cc/crazy
 


Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026. 

Bettina Sigmund

Spezialistin für Architekturkommunikation München

Sie ist Inhaberin von „aboutarchitecture“ und Partnerin der „ARGE Kommunikation“. Ihre Tätigkeit umfasst Redaktion, PR und strategische Beratung für alle Akteure der Baubranche.

Person mit lockigem Haar hält ein großes Blatt mit technischen Zeichnungen oder Plänen vor sich.
Mann in blauem Hemd hält zwei Papprollen und steht in einem Büro mit Computer und Kleidung im Hintergrund.
Person mit weißem Schutzhelm und orangefarbener Warnweste hält ein Tablet in einer Baustellenumgebung mit Gerüst im Hintergrund.

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