CRAZY in Leipzig: Wie aus einem Typenbau ein identitätsstiftendes Quartiershaus wird
Jugendtreffs gehören selten zu den Bauaufgaben, die große Aufmerksamkeit erregen. Dabei sind sie oft zentrale Orte des Alltags, insbesondere in Stadtteilen, deren öffentliche Infrastruktur sich über Jahrzehnte kaum weiterentwickelt hat.
Das CRAZY im Leipziger Stadtteil Paunsdorf zeigt, welches Potenzial in diesen vermeintlich unscheinbaren Gebäuden steckt. Aus einem standardisierten WBS-70-Typenbau aus DDR-Zeiten ist ein offener Jugend- und Freizeittreff entstanden, dessen Herkunft sichtbar ist und produktiv weiterentwickelt wurde.
Es wäre leicht gewesen, den Plattenbau vollständig hinter einer neuen Architektursprache verschwinden zu lassen. KO/OK Architektur entschieden sich jedoch für den gegenteiligen Weg. Die bestehende Tragstruktur bleibt ablesbar und das charakteristische VT-Faltendach der zentralen Halle prägt weiterhin den Innenraum, wodurch die konstruktive Logik des Gebäudes nachvollziehbar wird.
Dass das Gebäude heute völlig anders wahrgenommen wird, liegt vor allem an seiner neuen Hülle. Profilierte Faserzementplatten verleihen dem ehemals nüchternen Zweckbau neue Tiefe und Plastizität. Je nach Sonnenstand verändert sich das Fassadenbild, während die Farbgestaltung dem Ort eine neue Präsenz im Quartier verleiht. „In sanften Verläufen treffen Lila, Gelb, Orange und Blau aufeinander, ein Spiel von Struktur und Farbe, das gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen des Freizeittreffs entwickelt wurde“, beschreiben die Architekt:innen ihr Gestaltungskonzept.
Flexible Nutzung statt starrer Grundriss
Im Inneren bleibt eine große Halle das räumliche Zentrum, das jedoch nicht eindeutig programmiert wird. Mobile Einbauten verwandeln den Raum je nach Bedarf in einen Veranstaltungsort, eine Werkstatt, eine Bibliothek oder einen Treffpunkt. Das offene Raumkonzept schafft keine festen Nutzungen, sondern ermöglicht Veränderung. Gerade diese Offenheit dürfte dazu beitragen, dass das Gebäude auch in Zukunft auf neue Anforderungen reagieren kann.
Bestandserhalt als konstruktives Prinzip
Konstruktiv setzen die Sanierungsmaßnahmen konsequent auf den Erhalt der vorhandenen Bausubstanz. So wurden die Tragstruktur des WBS-70-Baus und das prägende VT-Faltendach weitergenutzt, während die Gebäudehülle und technische Ausstattung grundlegend erneuert wurden. Eine vorgehängte, hinterlüftete Fassade aus profilierten Faserzementplatten verleiht dem Gebäude eine plastische Wirkung und lässt die Gebäudehülle je nach Lichteinfall unterschiedlich erscheinen. Zugleich sorgen die energetische Sanierung, Maßnahmen zur Barrierefreiheit sowie die brandschutztechnische Ertüchtigung dafür, dass der Jugendtreff auch langfristig allen Anforderungen gerecht wird. „Der Umbau übersetzt die Sprache des funktionalen Bestands in die heutige Nutzung: Harte Linien treffen auf weiche Formen, Rationalität auf Kreativität“, so KO/OK Architektur.
Artenschutz wird zur Planungsaufgabe
Bemerkenswert ist zudem der Umgang mit den ökologischen Rahmenbedingungen. Während der Sanierung musste ein von Fledermäusen genutztes Technikgeschoss aufgegeben werden. Anstatt die Tiere umzusiedeln, integrierten die Planenden dauerhaft neue Quartiere in die Dachkonstruktion. Eine durchgehende Einflugöffnung entlang der Dachkante ermöglicht den Tieren den Zugang. Unterschiedliche Oberflächen, Spalten und gedämmte Bereiche schaffen verschiedene Mikrohabitate für Sommer- und Winterquartiere. Ein begleitendes Monitoring dokumentiert die Nutzung und macht den Artenschutz zu einem integralen Bestandteil des Projekts.
Typenbauten als unterschätzte Ressource
Das CRAZY steht exemplarisch für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit den zahlreichen Typenbauten der Nachkriegszeit. Lange galten sie als Problemfälle oder Abrisskandidaten. Heute wird jedoch immer deutlicher, dass sie über erhebliche räumliche und konstruktive Ressourcen verfügen.
So wird aus einem funktionalen Zweckbau ein Ort, der zeigt, wie Architektur mit vergleichsweise einfachen Mitteln soziale Identität stiften kann. Das CRAZY ist somit zugleich ein überzeugendes Plädoyer für den intelligenten Umgang mit dem Bestand.
Projektdaten
Sanierung eines Jugend- und Freizeittreffs
Projektdaten
Sanierung eines Jugend- und Freizeittreffs
Ort: Leipzig-Paunsdorf
Bauherr: Stadt Leipzig
Architektur: KO/OK Architektur BDA
Fertigstellung: 2025
Weitere Informationen zum Projekt: ko-ok.cc/crazy
Zuerst erschienen in der Printversion des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q3/2026.
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