Ausgezeichnete Architektur – Gedanken zur Verantwortung von Awards
Preise sind ebenso wie Wettbewerbe aus der Architektur nicht wegzudenken. Was aber, wenn um sie gestritten wird? Karin Hartmann denkt darüber nach, was wir aus den letzten Debatten um Architekturauszeichnungen lernen können.
Architekturpreise beantworten immer wieder die Frage „Was ist Architektur?“. Sie spiegeln das soziale und gesellschaftliche Wertesystem auf baulicher Ebene, zeigen Trends und Innovationen auf und sind Marker für die Fortschreibung von Architektur- und Baugeschichte. Preise geben die Gelegenheit, auch Projekte auszuzeichnen, die nicht gebaut werden, aber visionären Charakter haben. Nach innen signalisieren sie in die Branche hinein, wohin Architektur sich konzeptuell zum Zeitpunkt der Prämierung bewegt – oder bewegen soll.
Architektur, ob privat oder öffentlich, ist räumlich ausgehandelte Demokratie.
Karin Hartmann
Awards geben Orientierung und begleiten Entwicklung
Der Pritzker Prize oder der Aga Khan Award, der europäische Mies van der Rohe Award der EU, der DAM Preis oder Studierendenpreise: Die ausgezeichneten Arbeiten werden öffentlich besprochen, verglichen und diskutiert. Studierende dienen sie als Orientierung. Ihre Details werden veröffentlicht und ihre Konzepte adaptiert. Den prämierten Urheberinnen und Urhebern verhelfen Auszeichnungen zu Veröffentlichungen und längerfristig zu Professur und Wikipedia-Eintrag.
Inhaltlich haben Preise noch eine weitere Funktion: Sie bestimmen, welche Bauten das Feld Architektur besonders prägen und bereichern. Sie markieren, welche Lösungen mit einem nicht explizit definierten, unscharf umrissenen Architekturkanon, der sich immer noch wesentlich an der klassischen Moderne orientiert, übereinstimmen, ihn weiterentwickeln oder gar selbst das Potenzial mitbringen, Teil dieses Kanons zu werden.
Auszeichnungen hegen wie Leitplanken ein, was im Feld bleibt. Den Kanon perpetuieren sie und kommunizieren als Teil der Architekturvermittlung nach außen, was fachlich als Architektur oder Baukultur gilt. Sichtbar wird das Ringen darüber, was Architektur ist, war oder zukünftig sein soll, besonders dort, wo die fachlichen Meinungen auseinanderlaufen.
Gut sichtbar wurde dies anlässlich der Debatte um die mit dem DAM Preis 2025 ausgezeichneten Bauten, ausgelöst durch die emotionale Kritik von Matthias Alexander in der FAZ. Er bedauerte fehlende Schönheit und Eleganz der preiswürdigen Arbeiten, sprach der Jury ihre Kompetenz ab und schlug sogar vor, Laien in die Jury aufzunehmen.
Publikumspreis für Architektur
Dieser Ruf nach Laien ist unter Architekt:innen ungewöhnlich. Noch in den Grundsätzen und Richtlinien für Wettbewerbe, den GRW 1995, wurde die Jury in Fach- und Sachpreisrichter getrennt. Können Laien Architektur genauso einschätzen wie Architekt:innen? Eher nicht. So wie andere freie Berufe ihren Stolz und ihr Selbstverständnis haben und etwa Ärzte Dr. Google verfluchen, so hadern Architekt:innen mit dem „Geschmack“ von Laien. Ein Publikumspreis für Architektur würde diese Lücke voraussichtlich offenbaren und wäre ein interessantes Indiz dafür, wie Nutzende sich Architektur vorstellen – um die Lücke zwischen Fach- und öffentlicher Meinung zu schließen. Im benannten FAZ-Artikel hingegen vermisste Alexander „klassische“ Kriterien, ohne zu benennen, was damit genau gemeint ist.
Auszeichnungen zeigen, was Architektur aus fachlicher Sicht ist. Dahinter liegen generationenweise erlerntes Wissen, Formensprache und formalästhetisches Selbstverständnis, das sich bis in den Habitus manifestiert. Hier mögen unter anderem die Gründe dafür liegen, dass sich „Trends“ wie die Bauwende nur langsam durchsetzen. Denn wie kann eine Bauwende aussehen, wenn der Kanon vorsieht, aus Beton zu bauen?
$ 1 Mio.
Preisgeld steht alle drei Jahre für den Aga Khan Award for Architecture zur Verfügung.
An anderer Stelle der Debatte um Architekturauszeichnungen wurde die Trennung von Laiensicht und Jury zum bequemen Credo. Der Pritzker-Preis konnte fürs Erste rehabilitiert werden, da man den Einfluss der Jury von der des umstrittenen, aber fachlich nicht eingebundenen Vertreters der auslobenden Stiftung, Thomas Pritzker, trennte.
Die häufigste Kritik, die sich anlässlich der Empörung an seiner Personalie entzündete, war jedoch nicht inhaltlich oder persönlich, sondern adressierte systemische Punkte, die am Preis schon über Jahre kritisiert wurden: Ein elitäres Framing des Pritzker-Preises inklusive hochrangig besetzter Ceremony, das sinnbildlich für ein abgehobenes Architekturverständnis steht. Die Betonung der Einzel-Autorenschaft durch die Auszeichnung des Lebenswerks, in der das Team nicht vorkommt. Kritisiert wurden ebenso immer wieder die lange Reihe von männlichen Preisträgern, die maßgeblich dazu beiträgt, dass bis heute die Namensgeber der Architekturpreise kaum weiblichen Pendants haben.
Wann kommen sie endlich, der Dorte-Mandrup-Award, die Sibyl-Moholy-Nagy-Medaille für die beste Architekturkritik und die Eva-Kail-Plakette für die faire Stadtplanung – nicht als Auszeichnungen für Architektinnen, sondern für alle? Wann wird eine paritätische Jury-Besetzung endlich selbstverständlich? Einige der genannten Kritikpunkte, sind einfach umsetzbar.
Der Pritzker-Preis hat eine Frauenquote von
10,9 %
Seit der ersten Verleihung im Jahr 1979 wurden 55 Personen und Teams mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, darunter sechs Frauen: Zaha Hadid (2004), Kazuyo Sejima (SANAA, 2010), Carme Pigem Barceló (RCR Arquitectes, 2017), Yvonne Farrell / Shelley McNamara (Grafton Architects, 2020) und Anne Lacaton (Lacaton & Vassal, 2021).
Über
400
Nominierungen gab es 2025 beim Mies van der Rohe Award der EU. Der renommierte europäische Architekturpreis ermittelt die Projekte nicht über ein Einreichungsverfahren, sondern über Nominierungen aus 42 nationalen Architektenkammern und 95 unabhängigen Experten.
Verantwortung und Ästhetik
Schaut man sich die wachsende Komplexität einer Architekturpraxis aufbauend auf der generalistischen Ausbildung an, liegt schon die Frage auf der Hand, ob neue inhaltliche Anforderungen und systemische Kritikpunkte nicht in laufende Settings integriert werden können. Ressourcenschonend und zirkulär, demokratisch und partizipativ und zugleich ästhetisch und schön bauen. Warum ist es so schwierig, Kriterien zu addieren und das Procedere anzupassen? Vom Entweder-oder zu einem Sowohl-als-auch könnte auch bedeuten, die Verantwortung der Planenden mehr in den Fokus stellen. Und warum nicht anstelle eines Rankings das Feld auszeichnen? Gleichwertige Preise mit gleichen Preisgeldern bilden neben der Vielfalt möglicher Lösungen die Vielfalt der beurteilenden Jury ab – sie dürfen unterschiedlich sein, ohne Superlative.
Zur Verleihung des Studienpreises Konrad Wachsmann 2025 formulierte die Jury aus Ayşin İpekçi, Matthias Hoffmann und der Autorin einen kurzen Text zur Adressierung der Studierenden: „Konzeptuelle Qualität und Bildkraft, aber auch soziale Nachhaltigkeit, architektonische Konsistenz und ein zukunftsfähiger Umgang mit Ressourcen. […] Und wie werden diese scheinbar gegenläufigen Kriterien zu einem gegebenen (städtebaulichen) Kontext zusammengeführt? […] Uns haben Arbeiten interessiert, in denen Architektur als Sprache entschieden und fokussiert bis an die Grenze ihrer Wirksamkeit ausgereizt wurde. […] Architektur, ob privat oder öffentlich, ist räumlich ausgehandelte Demokratie.“
Die derzeitigen Debatten um Architekturauszeichnungen zeigen unabhängig von Wirkungskreis und Reichweite, dass strukturelle und inhaltliche Anpassungen notwendig sind, um Preise als wirksames und begleitendes Tool zur Produktion von Architektur zu erhalten. Alle daran Beteiligten haben die Möglichkeit, diese Schritte positiv und konstruktiv zu gestalten.
Zuletzt erschienen im Magazin des Deutschen Architekt:innenblatts, Ausgabe Q2/2026
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