Baukultur im Ingenieurbau: Die Oderbrücke bei Küstrin
Die Oder bei Küstrin fungiert sowohl als Grenzfluss als auch als Verkehrsraum. Seit Jahrzehnten quert hier eine Eisenbahnverbindung die Landschaft zwischen Deutschland und Polen. Der Ersatzneubau der Oderbrücke setzt nicht auf Symbolik, sondern auf konstruktive Klarheit.
Die Eisenbahnbrücke aus den 1920er-Jahren war technisch überholt und beschränkte den Betrieb auf der Ostbahn. Zugleich liegt die Brücke in einer sensiblen Flusslandschaft. Der Neubau war somit weniger eine gestalterische Setzung als eine präzise infrastrukturelle Antwort auf Ort und Aufgabe. Dem ging ein zweistufiger Realisierungswettbewerb voraus, der von der Deutschen Bahn in Abstimmung mit der polnischen Staatsbahn PKP ausgelobt wurde. Ziel war ein leistungsfähiges Grenzbauwerk im Zuge des Ausbaus der Ostbahn. Den Wettbewerb gewannen Schüßler-Plan und Knight Architects mit einem Entwurf, der die Brücke als zusammenhängende konstruktive Figur konzipiert. Auf dieser Grundlage wurde das Projekt ab 2016 weiterentwickelt. Nachdem entschieden wurde, eine technische Alternativlösung mit Zuggliedern aus Carbon zu realisieren, übernahm schlaich bergermann partner (sbp) ab 2020 die Tragwerksplanung und konstruktive Durcharbeitung für den Überbau.
Der Neubau umfasst eine Gesamtlänge von 266 m. Kernstück ist eine 130 m lange, zweigleisige Netzwerkbogenbrücke über den Grenzfluss, die durch Vorlandbrücken ergänzt wird. Der Entwurf bündelt Tragwirkung und Gestaltung in einem dominanten Element, anstatt den Brückenzug aus additiven Einzelteilen zu entwickeln. Der Bogen ist somit kein formales Zeichen, sondern das Herzstück des Tragwerks. Seine Geometrie folgt der statischen Logik, während sich die Gestaltung aus der Konstruktion ergibt.
Carbon als Schlüsseltechnologie
Die entscheidende konstruktive Neuerung liegt im Tragwerk. Erstmals bei einer Eisenbahnbrücke kommen Carbonhänger als maßgebliche Tragelemente zum Einsatz. An die Stelle klassischer Stahlflachhänger treten vorgespannte Carbon-Zugelemente mit deutlich geringerem Querschnitt. Diese Materialentscheidung wirkt sich unmittelbar auf das gesamte Bauwerk aus. So konnte das Eigengewicht des Überbaus gegenüber einer konventionellen Ausführung um rund ein Viertel reduziert werden. Die hohe Ermüdungsfestigkeit und Korrosionsbeständigkeit der Carbonhänger erhöhen die Dauerhaftigkeit des Tragwerks und senken den Wartungsaufwand über den gesamten Lebenszyklus hinweg. Zudem prägen die schlanken Hänger das Erscheinungsbild der Brücke und verleihen dem Netzwerkbogen seine ungewöhnliche Transparenz. Carbon wurde dabei nicht der Innovation wegen eingesetzt, sondern als konstruktive Lösung für klar benannte Anforderungen. Der Einsatz dieses Hochleistungswerkstoffs erforderte eine umfassende Prüfung und erfolgte im Rahmen einer Zustimmung im Einzelfall. Vorausgegangen waren Materialversuche, Gutachten und ein eng begleiteter Genehmigungsprozess. Der Neubau der Oderbrücke stellt somit kein Experiment dar, sondern einen kontrollierten Schritt vom forschungsnahen Testfeld in den regulären Eisenbahnbrückenbau.
Auch der Bauablauf folgte dieser Vorgehensweise. So wurde der Überbau mit einer speziellen Verschubtechnik montiert, um Eingriffe in den sensiblen Auenraum möglichst gering zu halten. Bauzeit, Materialeinsatz und Baustellenlogistik wurden frühzeitig aufeinander abgestimmt, um Belastungen für Landschaft und Gewässer zu minimieren.
Die Auszeichnung der Eisenbahnüberführung über die Oder bei Küstrin mit dem Brandenburgischen Baukulturpreis 2025 würdigt vor diesem Hintergrund nicht nur Innovationen, sondern auch das Zusammenspiel von Entwurf, Konstruktion und Umsetzung. Erstmals seit Jahren ging der Hauptpreis wieder an ein Ingenieurbauwerk. Die Jury würdigte ausdrücklich, dass hier „gestalterische Präzision und technische Innovation gemeinsam wirken“ und Baukultur dort sichtbar werde, „wo Funktion, Konstruktion und Gestaltung zu einer überzeugenden Einheit finden“. Die Brücke ist somit mehr als nur ein Grenzübergang. Sie ist ein Beispiel dafür, wie sich Hochleistungsinfrastruktur, Materialeffizienz und gestalterischer Anspruch zu einem überzeugenden Ganzen fügen können.
Der Brandenburgische Baukulturpreis wird von der Brandenburgischen Architektenkammer und der Brandenburgischen Ingenieurkammer mit Unterstützung des Ministeriums für Infrastruktur und Landesplanung vergeben. 2025 wurde er zum neunten Mal ausgelobt, es wurden insgesamt 74 Projekte eingereicht.