Die Frage nach der Schönheit des Guten in der Architektur
Die Herausforderung des kreislaufbewussten Bauens: Wie verändertes Denken und unkonventionelle Materialverwendung die Architektur prägen.
Für Bauherrschaften ist das kreislaufbewusste Bauen in erster Linie beunruhigend: Bekannte Abläufe geraten in Unordnung, Kosten und Zeitpläne sind nicht mehr so einfach planbar. Zu diesen wirtschaftlichen Risiken kommt hinzu, dass das Erscheinungsbild eines Hauses, dessen Entwurf auf Fundstücken basiert oder sie einbindet, einer neuen Ästhetik folgt. Dieser zu einer Selbstverständlichkeit zu verhelfen, ist ein Kunststück, das im Windschatten des verantwortungsvollen Bauens von den Planungsteams zu bewältigen ist.
Wie die meisten Abenteuer beginnt der Einstieg in die Kreislaufwirtschaft mit einem veränderten Denken. Baustoffe und Elemente, die uns über lange Jahre vertraut sind, müssen abseits ihrer gewöhnlichen Funktion betrachtet werden. Es gilt, neben der Qualität, die bisher ihre Identität, ihre Existenzberechtigung im Kanon der Materialien ausgezeichnet hat, andere Aspekte zu entdecken, die eine unorthodoxe Weiterverwendung in verändertem Kontext plausibel machen. Erleichternd ist es dabei, den Bestand, den ein Umbauprojekt vorweist, nicht als belastenden Abfall, sondern als Geschenk und als Aufforderung zum Handeln einzuordnen. Dieser Veränderungsprozess, bei dem sich der Begriff „Gut“ nicht mehr unbedingt mit „Neu“ und noch seltener mit „Schön“verbindet, wird uns begleiten, bis die theoretische Erkenntnis sich in der Praxis manifestiert und unsere Sinne Zeit bekommen haben, sich neu zu orientieren.
Im Umgang mit der Wiederverwendung von Bauteilen treten zwei Methoden in den Vordergrund: das additive und das subtraktive Vorgehen. Entweder jagt das Planungsteam eines Projekts bestimmte Bauteile: Während ein geeignetes Konvolut gefunden, digitalisiert, angepasst, geprüft und eingelagert wird, entsteht ein Entwurf, der auf diesen Fundstücken basiert und sie ins gestalterische Zentrum rückt. Eine andere Herangehensweise ist die Erstellung oder der Rückbau einer Architektur als Gerüst, das nach und nach komplettiert wird.
Bei beiden Verfahren kommt es nicht selten vor, dass die ästhetische Erscheinung dem angestrebten baukünstlerischen Ausdruck entgegensteht. Dieser Moment kann frustrierend sein, weil Wunschvorstellungen der Planenden in ihre Grenzen verwiesen werden. Manche langjährig tätige Architekturschaffende müssen sich von einem Ideal lösen, das sie über die Jahrzehnte zu ihrem Markenzeichen entwickelt haben. Plötzlich ist eine Architektursprache gefragt, die sich über das Individuelle, jeweils neu zu Verhandelnde definiert. Es gilt, sich von Gewohnheiten und gewonnenen Maximen zu distanzieren und die baukünstlerischen Ziele nach Parametern wie verantwortungsbewusstem Materialeinsatz und einer „radikalen Genügsamkeit“ (Clara und Philippe Simay, „Wiederverwendung lehren“) auszurichten.
Der Köder, auf den die Gesellschaft zunehmend reagiert, ist die Geschichte, die hinter jedem Material und jeder Verwendung liegt. Die Vorstellung, dass ein Bauteil mit dem Ort oder mit dem ursprünglichen Haus und seinen Bewohnenden verbunden ist, weckt eine emotionale Wärme und verleiht ihm eine besondere Bedeutung. Das Gefühl der Sinnhaftigkeit wird zu einem integralen Teil des Erscheinungsbildes. Bei der Suche nach einer gestalterisch erfreulichen Lösung liegt eine neue Herausforderung darin, diese semantische Bedeutung haptisch spürbar zu machen. Sorgfältiges Anpassen, Fügen und Kombinieren der einzelnen Teile bedarf einer sinnlichen Aufmerksamkeit.
Zuletzt wurde diese materialtechnische Auseinandersetzung durch die Menge an baurechtlichen und wirtschaftlichen Fragen, die es vorrangig zu erfüllen gilt, nahezu verschüttet. Natürlich sind sicherheitsrelevante Anforderungen weiterhin nicht zu vernachlässigen. Der Umgang mit Bestand verleiht der profunden Materialkenntnis eine neue Dringlichkeit und erlaubt in diesem Zusammenhang auch, Auflagen und Anforderungen zu hinterfragen. Ein Einsatz der Bauteile in bewusst zeitgenössischen Kompositionen eröffnet ein weites Feld, das eine Gestaltungsfreiheit in die Arbeit zurückbringen kann. Bei der Beschäftigung mit wertvollen, alten Materialien ist das bereits Teil der Realität. Schwierigkeiten bereiten die massenhaft vorhandenen Kunststoffe und Materialverbünde, die aufgrund ihrer mangelnden Alterungsfähigkeit und ihrer kreislauftechnisch negativen Bilanz Ablehnung hervorrufen. Mancherorts kann der Einsatz von Trash ein Spaß sein, meistens aber möchten wir uns seiner entledigen. Hier müssen wir weiter nach Lösungen suchen. In der besten, noch naiven Zukunftsvision verlieren Baustoffe, die nicht zukunftsfähig sind, wie zum Beispiel die gewöhnlichen Gipskartonplatten, langsam an Präsenz und Bedeutung. Um dorthin zu gelangen, müsste die Preisgestaltung allerdings vollkommen neu strukturiert werden.
Es bleibt spannend zu beobachten, ob es uns gelingt, die Vorstellung von einem „schönen Gebäude“ auf die eines kreislaufwirtschaftlich klugen Gebäudes zu übertragen und den gedanklichen Ansatz in eine sinnliche Erfahrung zu überführen.