Oasen in der Großstadthitze
Nürnberg richtet in vier Jahren die erste urbane Landesgartenschau Bayerns aus. Und investiert damit in eine lebenswerte, klimaresiliente Zukunft.
Das Wort Oase weckt Assoziationen. Dattelpalmen, sprudelndes Quellwasser, kühlender Schatten inmitten einer unwirtlich heißen Wüste. An Bayern, Nürnberg oder eine Landesgartenschau denkt dabei niemand. Dass das Büro SINAI Landschaftsarchitekten aus Berlin den Begriff für seine Gestaltungspläne der Gartenschau verwendet, unterstreicht den ästhetischen und atmosphärischen Anspruch des Entwurfs: fünf grüne Inseln der Zuflucht, Zuflucht vor der sommerlichen Gluthitze. Die Orte liegen mitten in Nürnberg: der Stadtgraben, die Zwingerbereiche der Stadtmauer, die Grasersgasse, der Theresienplatz und das Maxtor.
Nürnberg gehört zu den am stärksten versiegelten Städten Deutschlands. Innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern kommt es zu großflächigen Hitzeinseln. Wie in einem von der Stadt beauftragten Klimagutachten zu lesen ist, liegen bis zu sieben Grad Unterschied zwischen Stadtkern und Außenbereichen. Gleichzeitig prognostiziert die Studie zum Ende des Jahrhunderts 47 Sommertage mit über 30 Grad. Zurzeit sind es elf. Die Stadt reagiert mit einem langfristigen Freiraumkonzept. Dabei ist die Landesgartenschau das Leuchtturmprojekt.
Die Ausgabe zum 50. Jubiläum findet im Jahr 2030 statt, ist bewusst als urbane Gartenschau mitten in der Innenstadt konzipiert und wird dabei zu einem Instrument des Stadtumbaus: Es werden Straßen begrünt, Plätze entsiegelt und die Wasseraufnahme des Bodens optimiert. Die Investitionssumme beläuft sich auf 51 Millionen Euro, davon kommen rund 24 Millionen Euro aus dem städtischen Haushalt.
Bis zu
7 ºC
Temperaturunterschied liegt zwischen dem Nürnberger Stadtkern und seinen Außenbereichen.
Ein kühlender Ring um die Altstadt
Das größte Einzelprojekt ist die Umgestaltung des Stadtgrabens entlang der historischen Stadtmauer. Als Teil der Altstadt besitzt er eine außergewöhnliche räumliche und historische Qualität. Gleichzeitig liegt er 6 m unter dem Niveau der Stadt und ist damit vom Verkehrslärm abgeschirmt. Der Graben wird nun so bepflanzt und mit Wasserstellen versehen, dass er die ganze historische Innenstadt umschließt, wie ein kühlender Ring. „Das sind die größten innerstädtischen Grünanlagen Nürnbergs – und es ist überraschend, dass sie kaum genutzt werden“, sagt Dr. Sophie Holz, planende Landschaftsarchitektin von SINAI. Künftig soll der Bereich als zusammenhängender Landschaftsraum erlebbar werden, ein begehbares Ökosystem mitten in der Stadt.
Ein zentrales Entwurfselement ist dabei das Mikrorelief: Flache Mulden von 50 cm Tiefe ermöglichen die temporäre Speicherung von Regenwasser. Bei Starkregen entstehen kleine Wasserflächen, die langsam wieder versickern oder verdunsten. Dieses Prinzip erfüllt mehrere Funktionen: Es entlastet die Kanalisation, schafft neue Habitate für Insekten und Amphibien und sorgt für lokale Abkühlung.
Ergänzt wird der Graben durch die angrenzenden Zwingerbereiche. Diese erhöhten Flächen zwischen erster und zweiter Stadtmauer bieten Raum für kulturelle Nutzungen und Gemeinschaftsgärten. „Die Zwinger sollen langfristig von örtlichen Garteninitiativen und Umweltgruppen genutzt werden“, so Andreas Wissen, einer der beiden Geschäftsführer des Projektteams Landesgartenschau Nürnberg 2030. Bei der Planung wurden zahlreiche Ideen der Stadtbewohner mitberücksichtigt.
Pflanzenvielfalt stärkt Resilienz
Die Grasersgasse in Bahnhofsnähe zeigt exemplarisch, wie das Pflanzkonzept der urbanen Gartenschau im Stadtraum umgesetzt werden soll. Die heute weitgehend versiegelte Straßenstruktur wird aufgebrochen. In der Mitte entsteht eine Längsachse aus klein- bis mittelkronigen Bäumen mit einem abwechslungsreichen Unterwuchs aus Stauden, Gräsern und Sträuchern. Vorbild sind natürliche Vegetationsformen, wie sie am Waldrand vorkommen: Mehrschichtige Vegetation und unterschiedliche Blattgrößen sorgen nicht nur für Verschattung und ein kühleres Mikroklima, sie schaffen auch atmosphärische Dichte und Aufenthaltsqualität.
Die Pflanzenauswahl folgt konsequent dem Prinzip der Klimaresilienz. Im Stadtgraben kommen Stauden zum Einsatz, die sowohl längere Trockenphasen als auch zeitweilige Überflutungen in den neu angelegten Retentionsmulden vertragen. In der Grasersgasse stehen dagegen hitze- und trockenheitsverträgliche Gehölze im Vordergrund, die den extremen Bedingungen des Straßenraums standhalten. Resilienz beschränkt sich hier aber nicht nur auf Temperatur und Niederschlag. Eine vielfältige Mischung unterschiedlicher Arten schafft ein robustes Ökosystem, das auch mit Schadstoffen und Schädlingen gut zurechtkommt.
„Klima und Biodiversität, das sind Themen, die gehen Hand in Hand“, so Holz.
Zum Einsatz kommen überwiegend heimische Arten, ergänzt durch ausgewählte, nicht invasive Gehölze. Hilfreich dabei war die Beobachtung des vorhandenen Stadtgrüns: Welche Arten entwickeln sich unter den Bedingungen der Innenstadt dauerhaft gut? Die Erfahrungen flossen unmittelbar in die Planung ein.
Klimaanpassung als Gemeinschaftsaufgabe
Ein solch umfassendes Vorhaben im Stadtraum erfordert stets ein Abwägen zwischen gestalterischen Ansprüchen und funktionalen Anforderungen. Um Spielräume für Umgestaltungen zu gewinnen, müssen bestehende Verkehrsräume effizienter gestaltet werden. Am Maxtor etwa, im nördlichen Bereich des Stadtgrabens, soll der Autoverkehr künftig auf der Westseite gebündelt werden. Dadurch entsteht eine verkehrsberuhigte Zone an der gegenüberliegenden Seite, wodurch auch hier durchgängig gepflanzt werden kann.
Hinzu kommen die Rahmenbedingungen eines historischen Stadtkerns: Archäologische Funde und Denkmalschutz machen den ohnehin engen Zeitplan noch anspruchsvoller. Der Baubeginn ist für das kommende Jahr vorgesehen, die sechsmonatige Landesgartenschau wird im Frühjahr 2030 eröffnet. Wie bei vorherigen Gartenschauen wird es auch Ausstellungsflächen, einen abgegrenzten Besucherbereich und Veranstaltungsbühnen geben.
Doch eigentliche Hauptattraktion bleibt die Lage der Gartenschau mitten in der Stadt. Auch deshalb ist es den Organisator:innen wichtig, die Menschen in Nürnberg frühzeitig einzubinden. So fand bereits ein Ortstermin im Stadtgraben statt, bei dem Jugendliche ihre Ideen zu den dort vorgesehenen Sport- und Freizeitanlagen einbringen konnten. Die beiden Projekte Südstadt.Klima.Meile und die Umgestaltung des Keßlerplatzes sind bereits in der Entwurfsplanung partizipativ gestaltet. Bei Diskussionsrunden und Workshops hatten Bewohner:innen die Möglichkeit, ihre Anliegen an Ideentischen zu äußern und selbst bei ersten Entsiegelungsaktionen mitzumachen.
„Es ist uns ganz wichtig, Schwellenängste abzubauen und die Bürger mitzunehmen“, so Wissen. Während die Südstadt.Klima.Meile vom Büro bauchplan betreut wird, steht die Auswahl des Planungsbüros für die Umgestaltung des Keßlerplatzes noch aus.
Nürnberg zeigt damit, wie ein zeitlich begrenztes Großereignis genutzt werden kann, um spürbare Veränderungen im Hinblick auf Klimaresilienz und Hitzeschutz zu bewirken. Die Landesgartenschau schafft einen festen Zeitrahmen, bündelt Fördermittel und verleiht einem langfristigen Stadtumbau politische und öffentliche Aufmerksamkeit. Das könnte zum Vorbild für andere Städte und ein Modell für die Zukunft werden.
Dr. David Fuchs
Bayerische Architektenkammer DAB Redaktion BayernDas könnte Sie auch interessieren
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